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Wolfgang Koeppen: »Tauben im Gras« (I95I) - Im Sog atemlosen Erzählens



Galoppierende Geschichte

Eine Großstadt in Deutschland, München, einige Jahre nach dem Untergang des Hitlerregimes. Noch brennen die Wunden des Mammutkrieges, von dem kein Erdteil verschont blieb, und schon flammen die Kämpfe, rüsten die Staaten wieder auf. »Krieg um Ã-l«, »Wehrbeitrag gefordert, Adenauer gegen Neutralisierung«, »Atomversuche in Neu-Mexiko, Atomfabriken im Ural« lauten die Alarmmeldungen, die der Erzähler wie Zeitungsschlagzeilen in den Romananfang hineinruft. Der Ost-West-Konflikt, der Bankert, den der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, wächst in beängstigendem Tempo heran.


      Und was dreht man in den Filmstudios? »Deutsche Superproduktio-nen« wie »Die Liebe des Erzherzogs«. Als ob die junge Demokratie nichts nötiger brauchte als den Epauletten-, Ordens- und Robenglanz der 1918 abgedankten Monarchie. Schon wird das Feld bereitet für die Hochkonjunktur der Kaiserin- und Königs-, der Sissi- und Ludwig-Filme der Nachkriegszeit. Noch mogelt man sich über das Augenöffnen für die jüngste Vergangenheit, das die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse eingeleitet haben, mit der Beschwörung einer geschönten Vergangenheit hinweg. In einem armseligen Holzverschlag steckt man den Filmschauspieler Alexander in die hoheitliche Uniform und die blankgewichsten Schaftstiefel des Erzherzogs, ins Kostüm einer illusionären, verlogenen Welt.
      Jenseits der Traumfabrik aber sieht man andere Uniformen, die der US-Army; und die von der Rassenideologie des Hitlerregimes noch Infizierten stoßen auf schwarzhäutige Soldaten. Noch spukt das Wort »Rassenschande« in ihren Gehirnen, und so trifft die ärgste Verachtung jene deutschen »Fräuleins«, die mit Schwarzen der amerikanischen Besatzungsarmee in den »Klub der Negersoldaten« gehen, sich mit Zigaretten und Schokolade beschenken und als Geliebte aushalten lassen. Es ist eine durcheinandergewirbelte, abgründig gewordene Welt der Behelfsquartiere und Randexistenzen, die Wolfgang Koeppens Roman eines einzigen Tages im Jahre 1948 beleuchtet. Aber schon hat die Währungsreform des Jahres 1947 einer neuen Klasse von ökonomisch Gewitzten eine Chance eröffnet,schon lichtet sich für sie das Chaos, schon betreten sie wieder festen Boden und gehen - wie Koeppen im Vorwort zur 2. Auflage sagt - der »Wirtschaftswundersonne« entgegen.
      Die unmittelbare Gegenwart, den Verlauf des einzigen Tages zersplittert der Erzähler, so den Zeittakt der Kurzlebigkeit von Plänen und Hoffnungen, das Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben der Menschen andeutend, in viele Facetten. Der Erzähler macht sich die Hast des Großstadtlebens und das Kurzatmige derer, die einer großen Erschöpfung entrinnen, zu eigen im Staccato des Sprechens und der Berichtweise. Die Fäden der Erzählung, oft in assoziativen Ãobergängen wiederaufgenommen, werden abrupt wieder fallen gelassen, so daß eine Spannung zwischen Abbruch und Fortgangserwartung ständig anhält. Die Signale der Großstadt leuchten nur kurz auf und werden von neuen abgelöst, so daß das Leben wie eine Kette von Blinklichtern erscheint. Mit dem ständigen Wechsel zwischen Nachrichtenmeldungen , Verzweiflungshandlungen und Vergnügungsjagden, zwischen Bar und Bräuhaus, Songversen, Jazzrhythmus und Marschtakt, zwischen Ruinendunkel und Chromglanz, Gang zur Pfandleihe und Fahrt im Straßenkreuzer, zwischen Totschlag und heimlichem Lynchbegehren, zwischen Vulgärsprache im Lokal und Rhetorik im Literaturhaus - mit dieser irrlich-ternden Flucht der Bilder und Töne knüpft Koeppen, souverän wie kein anderer Nachkriegsautor, an die Techniken von Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz« , auch an die Schnittechnik von John Dos Passos »Manhattan Transfer« an. Nur registrieren Sprache und Erzählung hier nicht das vitale Brodeln des Großstadtlebens, sondern die Zuckungen seiner Wiederaufrichtung aus der Asche des Krieges.
      Einige der Figuren ziehen deutlichere Lichtspuren als andere, gewinnen stärkere Konturen. An ihnen kristalliert sich der Konfliktstoff der Zeit in besonderer Weise. Carla, Frau eines in Rußland vermißten Soldaten und Mutter eines Sohns, hat sich von den Fata-Morgana-Bildern der Kinowelt blenden lassen; sie erwartete »den Millionärssohn im Sportwagen, den Fracktänzer der Cocktail-Bar, das technische Genie, [...] den Knockout-Sieger über die Zurückgebliebenen.« Was dieser Tochter eines Obermusikmeisters der deutschen Wehrmacht, der seine Geliebte aus dem »Protektorat Böhmen und Mähren« mit in die Heimat gebracht hat und jetzt in Cafes und Bars für schwarze GIs spielt, von ihren schönen Träumen blieb, ist die Liebe des schwarzen Sergeanten Washington Price aus Louisiana, eines Spielers der Baseball-Mannschaft der »Red Stars«. Sie istvon ihm schwanger, will aber das Kind nicht haben - es wäre in Deutschland ein »Brandmal ihrer Schande«. Aber auch in Amerika würde sie, als Frau Washingtons, zwischen die Lager geraten. Denn noch gelten in Vierteln der Weißen Verbotsschilder wie »Schwarze unerwünscht« und in Vierteln der Schwarzen die Verbotsschilder »Weiße unerwünscht«. Washington drängt sie zur Heirat und zur Legalisierung des erwarteten Kindes, und erst als der Arzt eine Abtreibung verweigert, versöhnt sich Carla mit der Vorstellung eines gemeinsamen Lebens als Besitzer von »Washington's Inn«, eines Lokals in Paris, in dem »niemand unerwünscht ist«. Wird die Ãobereinkunft Bestand und wird der neue Wunschtraum eine Chance auf Verwirklichung haben? Der Erzähler läßt die Frage offen. Er verbürgt sich nur für die Empfindungen »an diesem Abend«.
      Schriller sind die Turbulenzen, in die der farbige Soldat Odysseus Cot-ton hineinstolpert, der gerade auf dem Bahnhof angekommen ist und sich für den Gang in die Stadt den alten Gepäckträger Josef verpflichtet. In der verrufenen »Heiliggeistwirtschaft« umstrickt ihn Susanne, in deren Haut »uralte Wesen« stecken: »Kirke, die Sirenen und vielleicht Nausikaa«. Sie stiehlt ihm sein Geld aus der Tasche, er aber verdächtigt Josefund erschlägt ihn mit einem Stein. Eine wilde Meute verfolgt ihn. Er entkommt den »Häschern«, aber nicht Susanne; und bald tanzen sie eng umschlungen im Klub, bald liegen sie in der nur von Balken gestützten Kammer eines zerbombten Hauses »wie auf einem Floß, im Taumel der Vermischung«.
      Zum Strandgut der Diktatur und des Krieges gehört der deutsche Schriftsteller Philipp, den die aus Massachusetts angereisten amerikanischen Lehrerinnen ehrfürchtig »Dichter« nennen, der jedoch in die »Fußangeln Heideggers« geraten, dessen erstes Buch »im Lautsprecherbrüllen und im Waffenlärm untergegangen« und »auf der Walstatt geblieben« war. Dazu gehört auch seine Frau Emilia, die ihr Erbe aus Fabrikantenmillionen verlor und ihren Schmuck verkaufen muß, sich aber von ihrer Lebenslüge nicht trennen kann; sie macht für den Verlust ihres Vermögens jene Nazis verantwortlich, in deren Reihen ihr Vater mitmarschierte. So überläßt sie sich wie manche »Kinder der Wohlhabenden« der »recherche du temps perdu«. In anderer Weise durch das »Dritte Reich« geschädigt worden ist Henriette, die Tochter des ehemals preußisch-jüdischen Beamten in der Generaldirektion der Museen von Berlin, die ausgebürgerte Schauspielerin, die ihr amerikanischer Mann vergeblich nach München zu holen versucht. Die Exilierte haßte nicht mehr. Sie fürchtete sich nur, nach Deutschland zu fahren, und sei es nur für Tage.

     
Die Umerziehung der Deutschen und der Aufbau einer demokratischen Verwaltung sind fortgeschritten. Mit angelsächsischer Kultur und mit neuen Publikationen jeglicher Art können sich die Münchner vertraut machen in der »Amerikanischen Bibliothek«. Als einen Vermittler amerikanischer Gegenwartsliteratur hat das Amerikahaus den Schriftsteller Mr. Edwin eingeladen, »den Berühmten, den Preigekrönten«. Der Gast soll imponieren, soll über die Unsterblichkeit sprechen, »über die unvergängliche Seele des Abendlandes«. Aber ihn haben schon Zweifel an seinem Thema befallen. Die Zerstörungen des Krieges, die er auf seiner Europa-Reise in London, Frankreich und Italien sah, »furchtbare unverhüllte Wunden in den Städten«, sind ihm aufs Gemüt geschlagen. Er fühlt sich in dem schwarzen Cadillac des Konsulats, in dem man ihn von der Bahn abholt, wie in einem Sarg.
      So tritt er nervös vor sein Publikum, in dem der Besatzungsoffizier und der Bürgermeister, die Leute von Rundfunk und Film, Modeschöpfer mit ihren »Vorführpuppen«, der Priester neben dem Psychoanalytiker, Volksvertreter und Minister sitzen. Die vordere Reihe aber halten, »ihre Merkbücher in der Hand«, die Lehrerinnen aus Massachusetts besetzt. Nur die hübsche Kay hat sich sanft dem deutschen Dichter Philipp aufgedrängt und sitzt mit ihm abseits auf Klappstühlen. Der Kampf mit der Technik, den Charlie Chaplin in »Modern Times« ausficht, bleibt auch Mr. Edwin nicht erspart. Das Mikrofon versagt zunächst und nur ein Gurgeln und Raspeln dringt zum scharrenden Publikum. »Die Technik rebellierte gegen den Geist.« Auf dem Höhepunkt des Debakels reicht man dem seiner Schlaf- und Drogensucht wegen entlassenen Gewerbelehrer Schnakenbach, den man für den Haustechniker hält, das Mikrofon. Er schreit hinein: »Schlaft nicht! Wacht auf! Es ist Zeit!«
Von solcher Störung erholt sich die Veranstaltung nicht mehr. Der Applaus am Schluß ist weniger Ausdruck der Bewunderung als der Befreiung eines Publikums, das wenig verstanden hat. Unverkennbar tritt hier ein parodistischer Zug hervor. Aber es handelt sich nicht um eine jener selbstironischen und den Literaturbetrieb aufs Korn nehmenden Szenen, mit denen Schriftsteller bei Lesungen gern das Publikum erheitern. Die Satire Koeppens streift eine geschichtsphilosophische Diskussion der Nachkriegszeit, die mit der Berufung auf die Werte des Abendlandes politisch restaurative Ziele verbrämte. Andererseits zügelt Koeppens Darstellungdie Satire, würdigt er Edwin als Anhänger »einer hellenisch-christlichen Ratio, die Ãobersinnliches - in Maßen - nicht ausschloß«. Als solchen aber begreift ihn sein Publikum nicht. Insofern verbirgt sich im farcenhaften Verlauf der Vortragsveranstaltung tragikomisches Scheitern. Am Ende geht der Erzähler doch entschieden zu der Figur des konservativen angelsächsischen Schriftstellers in Distanz mit seinem Kommentar: »Gertrude Stein und Hemingway waren Edwin gleichermaßen unsympathisch.« Es sind das literarische Experiment und die moderne Lakonik, die Edwin mißfallen. Mit dem bei Gertrude Stein entlehnten Motto des Romans, »Pigeons on the grass alas«, hat Koeppen aber den Leser über seine eigene Position von vornherein nicht im Zweifel gelassen.
      Den Widerspruch zu den Erneuerungsideen Edwins enthüllen die Szenen im Münchner »Bräuhaus«, die im Bericht des Erzählers bald folgen. »Die Säle waren überfüllt. Die Volks- und Völkergemeinschaft, die viel gerühmte, die oft besungene Gemütlichkeit tobte. Aus großen Fässern strömte und schäumte das Bier.« Aber die »Stimmung war den Amerikanern nicht günstig. Man schimpfte, man raunzte; man hatte zu klagen. Bier hebt in Deutschland das nationale Bewußtsein.« »Die Oberländer-Kapelle spielte den Badenweiler Marsch, den Lieblingsmarsch des toten Führers [...] Der Saal hob sich wie eine einzige geschwellte Brust der Begeisterung von den Plätzen. Es waren nicht Nazis, die sich da erhoben, es waren Biertrinker.« Und nun gibt die allgemeine Begeisterung Entwarnung von aufgekeimten nationalen Gegensätzen. »Auch die Amerikaner wurden von der Stimmung mitgerissen ... Amerikanische Soldaten und davongekommene deutsche Soldaten umarmten sich.«
Aber der Verbrüderungstaumel schlägt um ins Gegenteil, als wenig später in der Nähe, in den Ruinen, ein ermordetes Kind gefunden worden sein soll. »Die Schreie der Sirenen drangen in den Bräuhaussaal und entzündeten die Biergeister. Die Fama, die allmächtige Unheil webende Fama erhob aufs neue ihr Haupt und kündete ihre Mär. Die Neger hatten ein neues Verbrechen begangen.« Noch einen Augenblick zögert die Menge. Dann bricht sie auf zum »Negerklub«. »Schluß mit der Niggermusik!« schreit die Volksstimme. Die Fenster des Negerklubs zerbrechen unter den Steinwürfen.
      Was sich hier zu einem kleinen Pogrom auswächst, ist das unter Alkoholwirkung hochgespülte rassische Ressentiment. Ein archaischer, von der Goebbelsschen Propaganda teuflisch geschürter Instinkt bricht sich noch einmal Bahn. Aber es folgt auch das Erschrecken. »Die Ã"lteren fühlten sichan etwas erinnert [...] an andere Scherben.« Es ist die Erinnerung an die Scherben jüdischer Geschäfte, die einen Teil der Menge zur Vernunft zurückbringt. Und ein Kordon der Polizei schirmt den Eingang zum Klub ab. Doch wieder erwachen »die Jagdinstinkte, die Verfolgungswut und die Tötungsgelüste der Meute«, als nämlich Washington mit Clara den Klub verläßt und man in ihm Odysseus, den »Taximörder«, zu erkennen meint. Nun fliegen die Steine gegen die Limousine, gegen Washington und Clara, auch gegen Carlas Sohn, als er mit dem Schrei »Mutter!« zum Wagen gelaufen kommt. »Sie trafen Amerika und Europa, sie schändeten den oft berufenen europäischen Geist«. Damit wird die Raserei der Menge zur gewaltsamen Verneinung jener »hellenisch-christlichen Ratio«, zu der sich im Amerikahaus Edwin bekannt hatte.
      Die Aufdeckung archaischer, unter der Decke der Zivilisation schlummernder menschlicher Triebkräfte korrespondiert mit den Anspielungen auf mythologische Ãoberlieferungen, zumal griechische. Mit dem Namen Odysseus assoziiert der Leser wohl nicht nur den homerischen Helden, sondern auch den »Ulysses« von James Joyce. Sicherlich hat dieser Roman von 1922 hier mit Pate gestanden . Allerdings stellt Koeppens Rückgriff auf die alten Namen nur ein lockeres Verhältnis zum Mythos her; die Analogie bleibt verhältnismäßig äußerlich. Der Gepäckträger Josef steht der Gestalt des Ã-dipus so fern, daß die Bemerkung, er sei »keine Maske des Ã-dipus für Odysseus«, keinen rechten Sinn ergibt. Für die Frau des Schauspielers Alexander reicht dem Erzähler die historische Anspielung auf Messalina, die Frau des römischen Kaisers Claudius, auf ihre Ausschweifungen und ihre Grausamkeit, nicht aus; er übertrumpft sich noch einmal, schreibt dem Bild der schlafenden mondänen Frau die Schreckgestalt der mythischen Gorgo zu. Gleich dreimal ruft der Erzähler für Susanne die Namen von Frauen aus der »Odyssee« auf: Susanne muß ihrem Odysseus folgen, weil sie »Kirke und die Sirenen und vielleicht noch Nau-sikaa« ist. Hier wirken die Analogien nicht herbeigeholt - Susanne, die Diebin und Liebhaberin, besitzt etwas von der Verschlagenheit und der Zauberkraft der Kirke, etwas von der Verführungskraft der Sirenen, aber sie gewährt ihrem Odysseus am Ende auch Gastfreundschaft wie Nausi-kaa. Nur rückt die mehrfache, fast litaneihafte Wiederkehr der Namenstrias die Beschwörung des mythologischen Hintergrunds auch in ein ironisches Licht. So erscheint überhaupt die Rückbindung des Geschehensan ein mythisches Bezugssystem als ein halb ernsthaftes, halb parodisti-sches poetisches Spiel.
»Mitternacht schlägt es vom Turm. Es endet der Tag. Ein Kalenderblatt fällt. Man schreibt ein neues Datum. Die Druckformen der Morgenblätter werden geschlossen. Was am Tag geschehen, geredet, gelogen, erschlagen und vernichtet war, lag in Blei gegossen wie ein flacher Kuchen auf den Blechen der Metteure. [...] Die Zeit hatte den Kuchen gebacken. Die Zeitungsleute hatten das Unheil umbrochen.« Die »Ratlosigkeit der Staatenlenker, die Bestürzung der Gelehrten, die Angst der Menschheit, die Glau-benslosigkeit der Theologen, die Berichte von den Taten der Verzweiflung waren vervielfältigungsbereit, sie wurden in das Bad der Druckerschwärze getaucht.« So beginnt der letzte Absatz des Romans. Wir befinden uns im Zeitalter des Journalismus, der Informationsgesellschaft. Alles Geschehen scheint sich in den Stoff der Medien zu verwandeln, in der Nachricht aufzugehen. Dann aber kündet der Ausblick auf den nächsten Tag schon wieder von der Härte der Spannungen und Konflikte. »Der Tod treibt seine Manöverspiele.« Und »niemand entflieht seiner Welt«. Da ist Zeit kostbar, »eine Spanne nur«, »eine Sekunde zum Atemholen« - »Atempause auf einem verdammten Schlachtfeld«, auf dem Deutschland an der »Nahtstelle«, an der »Bruchstelle« lebt.
      Bereits in der ersten Hälfte des Romans fallen Stichworte: »Der Strom der Geschichte floß. Zuweilen trat der Strom über die Ufer. Er überschwemmte das Land mit Geschichte.« Von diesem Strom läßt sich der Erzähler einen Tag lang mitreißen. Reißende Geschichte ist reißende Zeit; epische Gelassenheit und Beschaulichkeit läßt sie nicht zu. Die Biographien der Menschen auszubreiten, ihre Verästelungen und ihren Entwicklungsgang zu verfolgen scheint nicht möglich. Der Erzähler steht unter dem Gesetz des Hier und Jetzt. Die Hast der Abläufe erfaßt ihn selbst. Immer nur Kurzszenen eines Schauspiels der Massenschicksale von Individuen kann er beobachten. So stürzt seine Darstellung von der einen angerissenen Szene zur anderen; der fiebernde Pulsschlag der Zeit teilt sich der Sprache mit. Der Roman »Tauben im Gras« sammelt Bruchstücke des einen Tages in einer deutschen Großstadt der Nachkriegsjahre in lauter Snapshots ein. Im Objektiv der Kamera des Erzählers erscheint Geschichte als galoppierende Geschichte.
     

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Wolfgang  Koeppen:  »Tauben  Gras«  (I95I)  -  Im  Sog  atemlosen  Erzählens    





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