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Uwe Johnson: »Mutmassungen über Jakob« (I959) - Romanpoetik der Unbestimmtheit



Im Netz der Ãoberwachung

Wer Wegweiser für das Leseabenteuer in der Unübersichtlichkeit dieses Romans braucht, der lese zunächst die am Schluß angefügten »Angaben zur Geschichte Jakobs«. Sie sind ein Inhaltsabriß. Und so erinnert das Ganze an jene Text-Bild-Rätsel in Zeitungen und Magazinen, unter denen, in einer auf den Kopf gestellten Schrift, die Lösung gleich mitgeliefert wird. Die »Angaben zur Geschichte Jakobs« aber bieten zwar einen Schlüssel fürs grobe Verständnis des Geschehensverlaufs, nicht jedoch für den Erzählvorgang. Das Geschehen sollte nicht kleingeredet werden, denn es ist unlöslich verknüpft mit den Spannungen des politisch geteilten Deutschlands, mit den Bedrängnissen und Zerreißproben, in die der Ost-West-Konflikt Menschen hineinzog. Aber im Unterschied zu anderen, dem Thema nach ähnlichen Romanen wird hier nicht nur die Zeitsituation, sondern auch die Erzählweise zum Ereignis.


      Wenigstens die wichtigsten in den »Angaben« genannten Namen seien vorgestellt, damit die Figurenkonstellation Umrisse erhält. Jakob Abs ist 1945, siebzehnjährig, mit seiner Mutter aus Pommern geflohen und im Hause des Kunsttischlers Heinrich Cresspahl im mecklenburgischen Je-richow untergekommen. Zwischen ihm und der Tochter des Kunsttischlers - Cresspahl und Gesine gewinnen später weitaus konkretere Gestalt in Johnsons vierbändigem Roman »Jahrestage« - hat sich ein intensives »geschwisterliches! Verhältnis entwickelt. Gesine ist nach ihrem Studium in den Westen gegangen und Sekretärin bei der NATO geworden. Jakob hat den Eisenbahnerberuf gewählt und es inzwischen zum »Streckendispatcher«, zu einem Verantwortlichen des Rangierbetriebs in einer Stadt an der Elbe gebracht. Ein früherer Freund Gesines, der Universitätsassistent Dr. Blach, und Jakob sind von Herrn Rohlfs, einem Beamten der Staatssicherheit, ins Fadenkreuz der Ãoberwachung genommen worden.
      Schon der erste Satz kennzeichnet etwas befremdlich Ungefähres im Roman: »Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.« Eine adversative Konjunktion eröffnet den Satz. Sie stellt sich offensichtlich einer anderen Meinung, der anderen Deutung eines Vorfalls entgegen, erhebt Einspruch gegen eine zu einfache Erklärung. Aber wir erfahren nur noch, daß es am Morgen neblig war und daß eine Stunde zuvor ein Rangierer am Ablaufberg zerquetscht wurde, daß Jakob am selben Morgen mit einem Inter-zonenzug zurückgekommen ist und man offiziell von einem tragischen Unfall und von Verdiensten um den Aufbau des Sozialismus gesprochen hat.
      Diese Mitteilungen stehen wie folgenlos am Anfang, erst gegen Ende des Romans werden sie wieder aufgenommen und präzisiert. Ein Angestellter der Deutschen Reichsbahn sei bei dem Versuch, einer entgegenkommenden Lokomotive auszuweichen, von einer anderen erfaßt worden. Kein Zweifel mehr, es kann nur Jakob gewesen sein. So ist schon am Anfang, nur verhüllt, das Ende vorweggenommen, und der Roman selbst schickt sich an, das Ende wieder einzuholen, zu zeigen, wie es dazu gekommen ist. »Analytisch« pflegt man solche künstlerische Technik zu nennen.
      Aber »Analyse« bedeutet sorgfältige Rekonstruktion und Zerlegung eines Falls. Sie wird hier nicht geliefert. Gewiß, der Erzähler Johnson kann von einer geradezu umständlichen Penibilität in der Beschreibung sein, als sei er beim deskriptiven Realismus des 19. Jahrhunderts in die Schule gegangen. Ãoberall, wo es um den Eisenbahnbetrieb geht, sind die Informationen von großer Perfektheit. Der Leser hat teil an Jakobs technischem Wissen. Die Tätigkeiten des Lokomotivführers, des Rangierers und des Dispatchers oder des Sortierers auf dem Bahnpostamt, selbst des Sprechers am Bahnhofslautsprecher - sie alle werden mit der Genauigkeit registriert, mit der Fahrpläne eingehalten werden sollten. Jakob arbeitet mit an Versuchen, die Planzeit in einzelnen Verkehrssektionen zu verkürzen, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen; er hat den Ehrgeiz, zwar kein >Stachanow< der DDR zu werden, wohl aber »Schnellfahren nach Methode Kriwonow« einzuführen. Er sieht die völlige Automatisierung der Bahn voraus. Zu einem fast biedermeierlichen Genrebild gerät Johnsohns detailbesessene Beschreibung des Wohnzimmers, in das der Lokomotivführer Joche seinen Besucher Dr. Blach führt. Und Johnsons subtile Sprachkunst zeigt sich dort, wo er sein Ausdrucksvermögen durch das Plattdeutsch nuanciert und auf wunderbare Weise bereichert.
      Alles, was technisch meß- und kalkulierbar ist, alles Dinghafte und sinnlich eindeutig Wahrnehmbare findet einen Erzähler, dessen Gewissenhaftigkeit an Penetranz heranreicht, dessen Vorliebe der mathematisehen Genauigkeit gilt. Aber diese festen Standorte einer Beobachtung des Verifizierbaren, Nachprüfbaren bleiben Inseln im Erzählfluß des Romans. Wo es sich um menschliche Verhaltensweisen, die nach psychologischer Erklärung rufen, wo es sich um zwischenmenschliche Beziehungen und um gesellschaftliche Zusammenhänge handelt, herrscht das Prinzip der Undurchsichtigkeit, geschieht im Erzählvorgang nichts, den Schleier des Ungefähren zu durchdringen, Klarheit herzustellen. So stehen im Roman die Einschübe scharfer Beobachtung von Fakten und der dominierende Bereich der Mutmaßungen hart nebeneinander.
      Was ist es, was dem Leser im Ganzen des Romans die Orientierung so sehr erschwert, was den Unfalltod Jakobs selbst am Schluß noch im Halblicht des Mysteriösen beläßt? Kurz gesagt, es ist das Wörtlichnehmen der Anforderungen an eine spezifisch moderne Erzählweise. Schon bald nach dem Erscheinen der »Mutmassungen« hat der Literaturkritiker Günter Blöcker den Roman als »eine Abbreviatur aller modernen Erzählmöglichkeiten« bezeichnet, als stilistisches Experiment auf dem Feld, auf dem zuvor Romanautoren wie James Joyce, William Faulkner und Alain Robbe-Grillet sich tummelten. Der allwissende, alles überblickende Erzähler, dessen Perspektive Zusammenhang und Kontinuität der Abläufe herstellt, oder die Sicht eines Ich, das alle Geschehnisse seiner personalen Perspektive zuordnet, sind hier vergessen. Aber auch die minutiöse Wiedergabe eines Bewußtseinsstroms oder der innere Monolog setzen sich als vorherrschendes Prinzip nicht durch. Eine scheinbar beliebige Vielperspektivität zieht dem Gewißheit suchenden Leser ständig den Boden weg. Nicht was war, was ist, erfährt er, sondern was gewesen sein könnte. Keine Kronzeugen tauchen auf, sondern allenfalls Stimmen, die Vermutung gegen Vermutung stellen. Nicht immer gelingt es, mit den Stimmen auch Personen zu identifizieren. So stellt der Roman mehr Fragen, als er Antworten gibt. Oft wird - scheinbar mutwillig - eine Szene verdunkelt, verrätselt und erst viel später erhellt, so daß sich der Leser genarrt fühlen könnte. Und tatsächlich mag ein bißchen Ãoberziehungs- und Provokationslust des schriftstellerischen Anfängers in Johnsons erzählerischer Artistik stecken.
      Aber solcher Eifer darf nicht der Romankonstruktion an sich angelastet werden. Unausgesprochen sind die »Mutmassungen« auch ein Stück Selbstreflexion des Romans, eine Demonstration der Schwierigkeiten, angesichts einer bestimmten gesellschaftlichen und politischen Situation noch den Roman einer klar konturierten Person zu schreiben, die Identität der Person, ihren Festkern unter den vielen Ansichten über sie auszuma chen. Der Roman »Mutmassungen über Jakob« ist das authentischste erzählerische Zeugnis einer historischen Konstellation nach dem Zweiten Weltkrieg: der Teilung Deutschlands.
      Es gibt in dem Roman eine bleierne atmosphärische Grundstimmung: das Gefühl der ständigen unheimlichen Anwesenheit der Staatssicherheit. Rohlfs, Hauptmann und Beamter des Ãoberwachungsstaats, begleitet Jakob unter der Mimikry eines Schutzengels. Dramaturgisch gesehen ist er das höchst zeitgemäße Werkzeug der Intrige. Denn Rohlfs »oberserviert« nicht nur, er knüpft auch die Fäden geheimdienstlicher Offensivaktionen. Er ist es, wie sich herausstellt, der die »Republikflucht« der Mutter Jakobs veranlaßt hat: sie soll Ge-sine für die sowjetische Spionageabwehr gewinnen. Er ist es, der das Netz um den regimekritischen Universitätsassistenten Dr. Blach - auch um dessen Chef und Lehrer, einen aus dem Westen zurückgekehrten Emigranten - zusammenzieht. Er geleitet Gesine, die heimlich und ohne Paß die DDR besucht, an die Grenze zurück; er schickt Jakob zu Gesine, und er trifft sich mit Gesine nach Jakobs tödlichem Unfall noch einmal. Rohlfs verfügt über alle technischen Mittel der Ãoberwachung, er scheint überall dabei zu sein, als Ohr, als Auge und als mitmischende Hand des Geheimdienstes. Er wirkt wie ein Ableger des »Großen Bruders« aus George Orwells Anti-oder Schreckensutopie »1984«, der alles sieht und alles hört - als die Inkarnation des allgegenwärtigen Staates. Nur agiert hier der »Große Bruder« aus der Tarnung heraus.
      Blaß schimmert durch die Erzählkonstruktion die Form des Kriminalromans durch. Aber was durch den Verzicht auf Eindeutigkeit von Mitteilungen entsteht, ist - anders als bei der Detektivgeschichte und dem Kriminalroman - keine Spannung um ihrer selbst willen. Das Verfahren, dem Leser Informationen vorzuenthalten, ergibt sich aus der Wirklichkeit selbst, aus der Mehrbödigkeit der politischen Verhältnisse, in denen sich hier das Geschehen vollzieht. Das wird noch einmal ausdrücklich ins Bewußtsein des Lesers gerufen, als sich die Aktivitäten Rohlfs verstärken und zuspitzen. Ausgerechnet in dieser Zeit verbreiten sich die Nachrichten über den ungarischen Aufstand , die heimlichen Zündstoff auch in die DDR tragen. Selbst der doktrintreue Rohlfs fühlt sich für einen Augenblick verunsichert. Aber just in dem Moment, da dem Westen durch den Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn und die blutige Niederschlagung des Volksaufstandes politisch-moralische Vorteile in den Schoß fielen, wurde in der westlichen und der »dritten« Welt die Suezkrise inszeniert: nachdem Ã"gypten im Juli die Suezgesellschaft verstaatlicht und bald auch die amerikanisch-englisch-französischen Proteste zurückgewiesen hatte, griffen Frankreich und Großbritannien Ende Oktober militärisch ein, mit dem Bombardement der Kanalzone und der Landung von Truppen bei Port Said; zugleich löste Israel den zweiten israelisch-arabischen Krieg aus. Aber nicht mit einem Patt endete diese Krisenepisode im Kalten Krieg, sondern im Grunde mit einer machtpolitischen Beschämung der westlichen Länder. Mußten die britisch-französischen Truppen, auf Druck der Sowjetunion, der USA und der Vereinten Nationen, im November/Dezember wieder abziehen, festigte die sowjetische Armee in Ungarn das Regime Kädär, das sich bis 1968 zu halten vermochte. Jedenfalls ging der Westen aus den Krisen am Ende des Jahres 1956 mit einem Gesichtsverlust hervor, mit dem der Vorsprung im Kampf der Ideen und Ideologien für eine Zeitlang verlorenging.
      Ebendiese Konstellation, daß sich immerhin beide Lager des Kalten Krieges ins Zwielicht setzen, bringt exemplarisch die Schwierigkeit, sich in einer alternativen Situation eindeutig für eine der Möglichkeiten zu entscheiden, zum Vorschein. Im Roman schlägt sich diese Schwierigkeit in einer Entschiedenheitsscheu der beiden Figuren Jakob und Gesine nieder. Johnsons erstes Romanmanuskript »Ingrid Babenerde. Reifeprüfung 1953«, konnte in der DDR nicht gedruckt werden , sein zweites, eben »Mutmassungen über Jakob«, erschien im Westen, im Suhrkamp Verlag. Und im Erscheinungsjahr 1959 übersiedelte Johnson nach Westberlin. Bei diesem Autor hätte eine künstlerische Absage an die DDR erwartet werden können. Aber die »Mutmassungen« sind kein Roman eines Renegaten. Johnson hat sich nicht als Flüchtling verstanden, hat seine Ãobersiedlung nach Westberlin einen Umzug genannt. Er wollte, bei aller Kritik an der DDR, offenbar nicht mit fliegenden Fahnen zu den Bewunderern des Wirtschaftswunderlandes wechseln. Er bezog seinen Beobachterposten als Schriftsteller auf der politischen Insel, der westlichen Enklave, aber mit kritischem Blick auf beide Lager.
      Eine derartige Zwischenlage findet im Roman ihren Abdruck in dem Unterwegssein der beiden >geschwisterlichen< Hauptfiguren. Sie wird weniger offenkundig bei dem Beamten der Reichsbahn. Jakob ist stark geprägt von der Sozialisation in der DDR. Wie sehr der Leser auch immer auf Mutmaßungen angewiesen ist, unzweifelhaft bleibt, daß der Gedanke an wirklichen Widerstand gegen das SED-Regime Jakob fernliegt. So ganz ist die offizielle Formel von Verdiensten beim Aufbau des Sozialismus nicht bloße Phrase. Der Sohn aus einfacher Familie gliedert sich in das Kollektiv ein, indem er an der Verbesserung des Eisenbahnbetriebs mitarbeitet. Als während des Aufstands in Ungarn russische Truppen verlegt werden und ein Dispatcher der Nordstrecke mit vorgeschobenen Gründen die Weiterfahrt des Transports zugunsten der Vorfahrt von Zivilzügen verzögert, meldet sich Jakobs Korrektheitsbedürfnis. Zu Zeichen seiner inneren Distanzierung vom Herrschaftssystem werden seine ungebrochene Zuneigung zum »Republikflüchtling« Gesine und seine Freundschaft mit dem Dissidenten Dr. Blach. Und als er dann, im geheimen Auftrag Rohlfs, den Interzonenzug bestiegen hat, blickt er mit Neid auf den Fahrkomfort der Deutschen Bundesbahn. Aber sobald er westlichen Boden betritt, kommen wieder die indoktrinierten Vorbehalte gegen die »täuschenden Annehmlichkeiten« des Kapitalismus zum Vorschein. Als man ihn in einem Lokal für einen Flüchtling hält und »ein Bier für den Bruder aus dem Osten« bestellen will, lehnt er ab; als man ihn dann einen hergeschickten Kommunisten schilt, rastet er geradezu aus. Aber was ist in den Minuten in ihm vorgegangen, da er zum letztenmal über die Gleise ging? War nicht doch eine kleine Unachtsamkeit auf dem Routinegang Anzeichen vielleicht einer Verwirrtheit von Eindrücken im Westen, vielleicht eines Ekels vor der weiteren Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit oder vielleicht Ausdruck einer ganz neuen Gleichgültigkeit gegen seinen Beruf und seinen Staat? Mutmaßungen!
Dürfte man den Roman als einen Kriminal- oder gar Agentenroman lesen, so wäre Gesine die zwielichtigste Figur. Sie ist aus der DDR geflohen, arbeitet in einer NATO-Dienststelle und konspiriert nun mit einem Hauptmann der DDR-Staatssicherheit. Also eine Agentin oder Doppelagentin? Was wären dann ihre Motive? Das Agentenschema versagt, schon ihrer menschlichen Bindungen und ihrer individuellen Selbständigkeit wegen. Ihre Heimat ist das mecklenburgische Jerichow, nicht die DDR. Aber ihre Pflichten im Büro der NATO hindern sie nicht, wütend auf die Nachrichten von der Intervention der Briten und Franzosen in der Suezkanalzone zu reagieren. Sie bewahrt sich ihre Freiheit des politischen Denkens und macht sich die Losungen weder des Ostens noch des Westens innerlich zu eigen. Ins Zwielicht bringt erst die Konfrontationspolitik beider Seiten sie.
      Freilich, auch hier ist der Leser letztlich auf Mutmaßungen angewiesen. Im Schlußabschnitt des Romans hört Rohlfs im Autoradio, kurz bevor er Dr. Blach verhaftet, eine Nachrichtensendung »Sprechen Sie deutsch«, mit einem Amerikaner als Schüler und Gesine als Lehrerin. Zu einem Treffen mit Rohlfs in einem »nicht zu teuren« Lokal kommt sie etwas zu spät. Dies ist der letzte Satz des Romans: »Und sie sah nicht aus wie eine, die geweint hat; das wollen wir doch mal sagen.« So sehen wir am Ende eine Gesine, wie sie uns in der Romanchronik »Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl« als Bankangestellte und Ãobersetzerin in New York wiederbegegnen wird, beglückt über die Vorgänge des »Prager Frühlings« im Jahr 1968, von denen sie sich einen »menschlichen Sozialismus« erhofft: eine Frau, die sich die Eigenständigkeit des politischen Denkens erhält und doch, mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag, vor erneuter Enttäuschung nicht bewahrt bleibt.
      Ãober den Geschehnissen des Romans von 1959, die sich im Dickicht der widernatürlichen Situation eines geteilten Landes verlieren, in einem unübersichtlichen Gewirr von verbliebenen Bindungen und verordneter Feindseligkeit, von kriegsähnlicher Wühlarbeit der konkurrierenden Systeme, über alledem kann leicht übersehen werden, daß sich in »Mutmassungen über Jakob« auch ein Liebesroman versteckt, ein Roman der starken, aber verhalten geäußerten, nur manchmal sich offenbarenden Gefühle. Heiter bekennt Gesine Jakobs Freund Dr. Blach, der selbst auf Erwiderung seiner Liebe hofft, beim gemeinsamen Besuch im Hause Cresspahl: »Jonas, ich will dir was sagen. Es ist meine Seele, die liebet Jakob.« Was die Liebesbeziehung Jakobs und Gesines so unverwechselbar macht und ihr einen Anflug von Melancholie und Resignation beigibt, ist das selbstauferlegte Tabu. Obwohl keinerlei Blutsverwandtschaft besteht, hat Gesine Frau Abs als Vertreterin ihrer frühverstorbenen Mutter und Jakob als ihren Bruder angenommen. Solche Art von Geschwisterlichkeit zwingt zu keiner Enthaltsamkeit von der Geschlechterliebe. Aber Gesine und Jakob erlegen sie sich auf. So sind manche Szenen zwischen beiden von einem Mollton durchzogen. Liebe weicht in die Erinnerung aus, als sich beide nachts zu Fuß Jerichow nähern. Gesine in ihrem inneren Monolog: »Wir hatten in der Halle vor der Gutsschmiede angehalten. [...] Er sah zu, wie ich mir das triefende Tuch aus den Haaren zog und in den Ring schlang, an dem wir die Pferde anbanden, als er mich mitgenommen hatte zum Beschlagen, und es war nicht das blosse Weisstdunoch du bist von dem einen Fuß auf den anderen getreten, als wir dem Fuchs den Huf zurechtgeschnitten haben, du dachtest es tut ihm weh, es war Jakob, der übriggeblieben war für mich. Der mich angehalten hatte am Arm, da war alles wirklich.« Es ist die Erinnerung, die ihre Liebe beglaubigt: »Ihre Augen waren offen. »Wo bist du gewesen« fragte sie. So hatten sie sich früher nach ihren Gedanken gefragt. »Meine Liebe« sagte Jakob: »auf den Rehbergen, Drachen steigen lassen, und du warst auch mit*. Es war die Wahrheit, und nun erinnerten ihre offenen Augen in dem undeutlichen Licht ihn an das Drachensteigen auf den Rehbergen.« Es sind die letzten Inseln des Poetischen in diesem Roman vom zerrissenen Land, auf die sich die verschwiegene Liebe von Ge-sine und Jakob rettet.
      Im Titel »Mutmassungen über Jakob« ist das Thema der eingeschränkten Beschreibbarkeit der Person und ihrer Situation schlagkräftig angezeigt. In anderer Weise wiederholt es sich im folgenden Roman »Das dritte Buch über Achim« . Der Versuch, die Biographie eines Sportleridols der DDR objektiv zu ermitteln, scheitert, versandet im Angebot von Möglichkeiten der Darstellung. Wieder traditionelleren Erzählweisen wendet sich Johnson im Roman »Zwei Ansichten« zu, in dem als historische Folie immer der Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 mitzudenken ist. Die Liebesgeschichte einer Ostberlinerin und eines Westdeutschen wird, im Rückgriff auf eine verhältnismäßig linear-chronologische Darstellungstechnik, zum überwiegenden Teil von einem epischen Berichterstatter erzählt. Die Spannweite von Möglichkeiten schrumpft auf zwei »Ansichten« zusammen, auf die unterschiedliche Perspektive beider Seiten des geteilten Deutschlands.
      Zur epischen Breite neigt, ja der Saga, dem Epos nähert sich Johnsons letztes, großes Romanwerk »Jahrestage«. Die Aufzeichnungen Gesine Cresspahls zwischen August 1967 und August 1968 fügen sich, durch das Gegeneinander und Ineinander der Berichte über die Gegenwart und der Rückblenden, in drei Abschnitte der deutschen Geschichte , zu eindringlichen Lebensgeschichten und einem monumentalen historischen Mosaik. Chronistensorgfalt und erzählerische Gelassenheit haben epische Größe. Aber ferngerückt sind das Mißtrauen gegen die ihrer selbst sichere Wahrnehmung, eine Vielperspekti-vität als Antwort auf die Undurchdringlichkeit menschlicher Psyche und gesellschaftlicher Pressionen, kurz: nie mehr wiedergewonnen hat Johnson die hinreißende experimentelle Frische des Versuchs, Wirklichkeitsbild und moderne Romanform miteinander in Einklang zu bringen.

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