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Thomas Bernhard: »Amras« (I964) - Verstörungs-Prosa



Der Mensch nur Bruchstück

Starke Energien verdankt die Literatur, zumal in den Perioden des Sturm und Drang, des Expressionismus und der Achtundsechziger-Generation, dem Aufruhr gegen die Diktate der Väterwelt, wobei die Welt der Großväter wie selbstverständlich mitgemeint ist. Schillers Trauerspiel »Die Räuber«, Walter Hasenclevers Drama »Der Sohn« und Bernward Ves-pers Romanfragment »Die Reise« markieren Stationen dieser Literaturgeschichte der Empörung. Vor solchem Hintergrund erscheint der besessene Verächter des Ãoberlieferten und Etablierten, Thomas Bernhard, die große Ausnahme zu sein. Kein Aufbegehren gegen den Erzieher meldet sich im heranwachsenden Ankläger. Aufgelöst wird dieser Widerspruch durch die Gestalt des Erziehers selbst. Da sich Thomas' unehelicher Vater schon vor der Niederkunft der Mutter davongemacht hatte, läßt die Mutter das Kind für die Schuld des Vaters, die Flucht, büßen, mit Zurückweisung und Prügelstrafen. Der Junge sucht Wärme und Anleitung nach der Heirat der Mutter und dem Umzug ins bayrische Obertraunstein nicht zu Hause, auch nicht beim Stiefvater, sondern beim Großvater mütterlicherseits, der in der Nähe wohnt.

      Johannes Freumbichler ist zeitlebens ein Friedloser geblieben, das Gegenbild eines angepaßten Bürgers; er sieht sich als das Opfer der Verhältnisse. Zum geistlichen Beruf gedrängt, flieht er aus dem Priesterseminar in die Schweiz. Im jungen Bernhard entzünden seine Reden gegen das »stumpfsinnige Szepter« des Katholizismus, gegen die »Niederungen des Kleinbürgertums« und gegen die Schule als »Mörderin des Kindes« von vornherein Haßgefühle. Dem Großvater sind, wie Bernhard im autobiographischen Band »Das Kind« berichtet, die Anarchisten »das Salz der Erde«.
      Freumbichler ist Schriftsteller, aber zeitlebens ein völlig erfolgloser. Und dieser in seinem Wahlberuf Scheiternde wird für den jungen Bernhard zur absoluten Autorität. Den »Weisen auf dem Ettendorfer Berg« nennt ihn der zurückblickende Enkel, nachdem er als inzwischen berühmter Schriftsteller und Provokateur die Familienbilanz ausgeglichen hat. Der »Weise auf dem Ettendorfer Berg« ist für Bernhard etwas wie Nietzsches vom Gebirge herabsteigender Zarathustra geworden, der mit seiner Kritik die Kirche und den Staat, die Wissenschaft und die Dichtung, ja die Menschheit abstraft. Wie selten bei einem Schriftsteller lassen Thomas Bernhard zwei Grunderfahrungen der Kindheit, der Liebesmangel und die Erziehung zur Verachtung der Institutionen und ihrer Repräsentanten, zeitlebens nicht los; sie haben sich tief ins Bewußtsein eingegraben.
      Eine dritte, die unmittelbare Todesnähe streifende Grunderfahrung der Jugend kommt hinzu. Schon der Schüler, der in der »Schande« des Bettnässers lebt und von den Mitschülern verspottet wird, hat, bevor man ihn für Monate in ein »Heim für schwer erziehbare Kinder« abschiebt, einen Selbstmordversuch unternommen. Der autobiographische Band »Der Atem. Eine Entscheidung« berichtet über eine fast übersinnliche Beziehung zwischen dem Großvater und dem Enkel. Beide erkranken zur selben Zeit und treffen sich wieder in der Klinik. Während der Großvater stirbt, erlebt Bernhard den schweren Rückfall einer nassen Rippenfellentzündung, die ihn schon einmal an den Rand des Todes gebracht hat. Mit dem Verlust der entscheidenden Bezugsperson ist seine »erste Existenz« abgeschlossen. Noch lange Zeit wird er in einer Lungenheilstätte und einem Erholungsheim festgehalten, ehe dem Zerstörungsprozeß in seiner Lunge vorläufig Einhalt geboten ist. Seiner Lungen- und Herzkrankheit wird er, achtundfünfzigjährig, im Jahr 1989 erliegen.
      Der Schritt von der Biographie zur dichterischen Fiktion führt über viele Vermittlungs- und Verwandlungsstufen. Aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Kindheit und Jugend läßt sich die ungeheure Intensität der erzählerischen Vergegenwärtigung menschlicher Grenzsituationen, Krankheitszustände und Zornausbrüche nicht erklären. Mit einer Extremsituation setzt »Amras«, der Erzählprosa-Band von 1964, ein. Die Eltern des Ich-Erzählers haben, nach dem totalen geschäftlichen Zusammenbruch, Selbstmord begangen; die beiden Söhne, die sich ebenfalls an den gemeinsamen Beschluß aller Familienmitglieder hielten, waren noch lebendig, als sie entdeckt wurden, und sind gerettet worden. Ihrem Onkel verdanken sie ein Zweifaches: nicht, wie es die Tiroler Gesundheitsvorschrift will, in eine Irrenanstalt eingewiesen zu werden und außerdem vor der Neugier und der Entrüstung der Innsbrucker Mitbürger geschützt zu sein. Sie bewohnen nun allein einen Turm im Vorort Amras. Die fatale Situation wird verschärft durch die dem Bruder Walter von der Mutter vererbte Krankheit, eine in Tirol bekannte Art der Epilepsie; erste Anfälle treten gleich nach der Ankunft im Turm auf. Mehrfach begleitet der Erzähler seinen Bruder bei seinen Besuchen des »in ganz Tirol berühmten und berüchtigten« Innsbrucker Epileptikerarztes. Immer wieder sind in den Erzählfluß Briefe an den Meraner Psychiater Hollhof eingebettet, in denen die Brüder über ihren jeweiligen psychischen Zustand und die dem Selbstmordversuch vorangehenden Vorfälle berichten.
      Nicht nur der Bruder Walter, sondern auch der Erzähler selbst durchlebt Angstzustände und eine schwere Bewußtseinskrise. Halluzinationen suchen ihn wie den Bruder heim: zunächst hört nur Walter die Stimmen, die Rufe der Eltern, dann auch er. In ihrer Einsamkeit fühlen sie sich mit der gesamten Natur verbunden, in die Schöpfungsvorgänge eingeweiht, als Spiegelbilder des Universums. Ihren Höhepunkt erreicht die Krise des Erzählers im Zerbröckeln seiner Begriffe und in der Vorstellung einer Vervielfältigung des Ich: »Ich war eine ungeheure Anzahl verheerender, alles bedeutender Existenzmöglichkeiten [...] die gehende und die anscheinend gehende, hüpfende, springende, blitzartig stehen bleibende, halb verrückte [...] ich bin alle existierenden Existenzen zusammen gewesen«. Solcher Zerfall der Identität, solche Selbstvermehrung ist als Symptom des Wahnsinns schon ein Motiv der Romantik. Und wie zur Bestätigung für die Un-ergründbarkeit der Krankheit wählt Bernhard als Motto von »Amras« ein Wort des Romantikers Novalis: »Das Wesen der Krankheit ist so dunkel als das Wesen des Lebens.«
Wie die Gedanken aus dem gewohnten Fluß ausbrechen, so auch die Sprache und die Syntax. Die Sätze türmen und verschachteln sich: »Wir waren in der Beobachtung alles Scheiternden stets und von jeher geschult, doch fühlen wir hier im Turm, verstört, von der ganzen Natur ins Vertrauen gezogen, auf einmal die Weisheit der Fäulnis [...] immer wieder die Frage stellend: warum wir noch leben müssen [...] kein hellsichtiges Echo jemals, immer Rundschläge wie Gehirnschläge! - in einer sich stündlich in uns und um und noch mehr und, ja, wenn auch menschenwürdig, zusammenziehenden doppelgesichtigen Einsamkeit hilflos voneinander abhängig, selbst in den allererbärmlichsten Handlungen und Verrichtungen voneinander abhängig, [...] Nach Tagen, nach Wochen nicht, getrauten wir uns miteinander über die Katastrophe zu reden«, usw.
      Der Bruder hält dem seelischen Druck des Weiterlebens nach einem gewollten Ende und der im Turm anwachsenden Klaustrophobie nicht stand. Ein Messer, das die Augsburgerin Philippine Welser im Jahre 1557 für den Erzherzog Ferdinand nach Tirol mitgebracht hatte und das jetzt in der Küche des Turms hängt, löst in Walter ein »fürchterliches Entsetzen« aus. Ãober seinen Tod berichtet der Erzähler dem Meraner Psychiater. Am Vortag stürzt Walter kopfüber von seinem Sessel am Turmfenster und bleibt zwei Stunden lang bewußtlos. Am anderen Nachmittag findet ihn der Erzähler mit zerschmettertem Kopf unterhalb des Turmfensters. Aus dem zweiten Selbstmord gibt es keine Errettung mehr.
      In den gemeinsamen Monaten im Turm, einer Art Gefangenschaft, haben die Erinnerungen das die Geschwister Trennende schärfer heraustreten lassen. Fünfeinhalb Monate haben die Brüder an der Leopold-Franzens-Universität studiert, der Erzähler Naturwissenschaften, Walter Musik; den einen traktierte man mit dem »Primärvorgang« und der »akzessorischen Substanz«, den anderen mit der Zwölftontechnik. Die Unterschiede vertiefen sich: »war ich mit meiner Naturwissenschaft beschäftigt, war Walter von seiner Musik beherrscht, unterkühlt, überhitzt [...] für Walter war alles aus ihm, für mich aber war nicht das allergeringste aus mir.«
Die Erinnerungen des Erzählers werden nun zum Anlaß für eine der fulminanten Schmähreden Thomas Bernhards, hier gegen die Bildungsinstitution Universität. Die Hörsäle sind dem Erzähler die »hohen und grauen und antwortlosen« Gerichtssäle »dumpfer Lehrpläne, Weltanschauungen, staubiger Theorien und Philosophien«; das Studium erschöpft sich »im Auswendiglernen deprimierender Umgangsformen des Pseudogeistes«. Und noch einmal ist die Beschreibung des akademischen Ãobels steigerbar: »Mit den uns vom Staat anbefohlenen, alles Feinere in unseren zur Grobheit ja gar nicht befähigten Gehirnen zerstörenden tagtäglichen Hinuntertrinken des die ganze Welt verseuchenden dicken Gelehrtengiftes, hatten wir unsere Anlagen bald überfordert.« Bereits in den ersten Sätzen des Bandes hatte der Erzähler ein Warnschild errichtet mit einer Anklage gegen die »immer nur aus dem Bösen handelnde und begreifende Welt.«
Die schrille Litanei der globalen Brandmarkung hebt in fast jedem Werk Bernhards neu an. Die Schmähung wird zum Bedürfnis, nötig für die Gewißheit, in der Welt zu sein. »Im Grund existiert nur, was uns gequält hat und was uns quält«, sagt der Erzähler in »Amras«. Ein ganz eigener Messianismus entsteht, ein Bekehrungseifer, der allen Lesern und - in den Theaterstücken - allen Zuschauern die eigene düstere Weltsicht einhämmern möchte. Bernhard wird zum Straf- und Bußprediger, dessen Urbild dreihundert Jahre zuvor in Ã-sterreich, vor allem in Wien, sein rhetorisches Szepter schwang: Abraham a Santa Clara, dessen Suada Schiller in »Wallensteins Lager« in der Predigt des Kapuziners zu neuem literarischen Leben erweckt hat. Ja, Bernhard ist der Abraham a Santa Clara redivivus, ein Strafprediger des 20. Jahrhunderts, ein Kapuziner in der Kutte des Weltverächters, nur weniger witzig, dafür weitaus bissiger noch als sein Vorgänger im Barockzeitalter, dessen theologische Flammenreden er völlig säkularisiert hat.
      Mit dem Bericht über das Begräbnis des Bruders Walter endet der erste Teil von »Amras«. Der Anklang an die Schlußformel von Goethes »Werther«, an den lakonischen Satz zur nächtlichen Beerdigung des Selbstmörders, »Kein Geistlicher hat ihn begleitet«, ist hier zu deutlich, um Zufall zu sein: »nicht die geringste Geistlichkeit«. Der Onkel hat den überlebenden Bruder sofort nach Aldrans gebracht, wo er ein großes Stück Wald mit einem neugebauten Forsthaus besitzt. Hier glaubt und hofft der Neffe nützlich sein zu können.
      Im Forsthaus von Aldrans und unter den Holzfällern, bei ausgedehnten Erkundungsgängen und in Gesprächen mit dem »Fräulein« auf dem benachbarten Gutshof, scheint der Deprimierte wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. An den Onkel schreibt er: »durch die Handarbeit komme ich einfach zu mir zurück«. Seine Aufgabe befriedigt ihn. »Meine Berechnungen, was die geschlagenen Hölzer betrifft, stimmen alle«. Er sieht sich sogar in der Verantwortung des Angestellten und Aufsehers. Als er das homosexuelle Verhältnis des ältesten und des jüngsten Holzfällers entdeckt, schreibt er dem Onkel: »Es ist nicht übernatürlich , nein, aber da noch andere in dem Schlafsaal sind, glaube ich, solltest Du den Alten doch zu den Lärchen hinaufversetzen.« Nicht moralische Bedenken, sondern der Gedanke der Zweckmäßigkeit veranlaßt ihn zu diesem Vorschlag. Und doch haben Meldung und Rat einen Zug von Korrektheit, mit dem er sich auf die Regeln der herkömmlichen Daseinsordnung zubewegt.
      Aber die Versuche zum Neuanfang kommen ins Stocken. Die Erinnerungen ergreifen von ihm Besitz, die Vergangenheit bedrängt ihn neu. Die Gewißheit, eine Person zu sein, wird brüchig: »du bist nichts als Fragmente«. Ein im Frühjahr drohender Prozeß vor dem Innsbrucker Jugendgericht und ein indiskreter, ja sensationslüsterner Artikel über die Selbstmörderfamilie in den »Tiroler Nachrichten«, auch das scheiternde Bemühen, wertvolle alte Musikmanuskripte aus dem Besitz des Bruders wiederzuerwerben, rufen neue Depressionen hervor, die sich noch verstärken, weil er meint, Depressionen seien strafbar. »Kein anderer Weg mehr als der Weg auf den Friedhof... auch Walters Lieblingsaufenthalt in der Kindheit.«
Die innere Erfahrung, nur Bruchstück zu sein, verändert Erzählweise und Sprache. Kaum noch entstehen ordentliche Erzählzusammenhänge; Ansätze brechen ab. Kurznotate halten flüchtige Reflexionen fest. Absätze schrumpfen zu Sätzen, manchmal auch nur zu unvollständigen, zu Ellipsen. Die Prosa zerfasert. Die Krise spitzt sich zu: »Der in so vielen Gestalten, daß einen fröstelt, auftretende und jedem alle möglichen Vorschläge machende Tod...« Unausweichlich zu sein scheint der nächste Selbstmordversuch.
      Aber dann plötzlich - und ein neuer Ortsname zeigt den Wechsel an -festigt sich anscheinend die Prosa wieder. »Unsere Existenz«, so beginnt der neue Abschnitt, »darüber besteht kein Zweifel, ist von dieser tirolischen Landschaft und Atmosphäre hervorgerufen worden, von der die feineren Nervensysteme, Gehirnsysteme, phlogistischen, zersetzenden...« Der Erzähler glaubt die Ursache seiner Depressionen gefunden zu haben, gewissermaßen den Sündenbock: Tirol. Diese psychische Fixiertheit, dieser Tirol-Komplex spiegelt jenen umfassenderen Ã-sterreich-Komplex, der sich in so vielen Werken Bernhards mit Zornausbrüchen Luft verschafft.
      In Briefen an zwei Innsbrucker Professoren sagt er der Wissenschaft und der Theorie Valet, vom Meraner Psychiater nimmt er in einem anderen Abschied. Der letzte Brief, »Schermberg, 11. Februar«, beschließt zugleich den Erzähltext »Amras«; er meldet dem Onkel die Abreise aus Tirol: »... selbst das Zusammensein mit den Arbeitern ist mir am Ende nur noch eine einzige Qual gewesen: das bloße Anschauen dieser Menschen ...« Wieder zerfallen ist die Prosa in Satzfragmente. »Mein Studium will ich nicht aufgeben, in Zukunft nur noch in mir selbst betreiben ... herrschen in unseren Irrenhäusern uns alle beschämende Zustände.«
Dieser letzte Satz ist rätselhaft, läßt aber wohl nur den Schluß zu, daß sich der Erzähler in einer psychiatrischen Anstalt befindet, vielleicht freiwillig in sie hineinbegeben hat. Wie in dem ein Jahr zuvor erschienenen Prosatext »Frost« der Maler und Philosoph Strauch am Ende im winterlichen Gebirge verschwindet, so zieht sich auch hier der Verstörte aus der menschlichen Kommunikationsgemeinschaft zurück. »Verstörung«, so der Titel des 1967 erschienenen Textes, ist der Fluch, an dem fast alle Hauptfiguren Bernhards zu tragen haben. Und von der Selbstzurücknahme, vom symbolischen Tod, handelt auch einer der letzten Texte Bernhards, »Auslöschung« . Die Explosionen des Abscheus gegen die staatlichen und die Bildungsinstitutionen und die Panik des Menschenfeinds haben auch ihren tragischen Aspekt, sind nicht nur Zeichen des Zorns, sondern auch der Verletzung. Die psychische Tragödie des letzten Ãoberlebenden der Familie in »Amras« vollzieht sich unaufhaltsam. Alle retardierenden Momente, auch der Versuch, das Gleichgewicht im einfachen« Leben, bei den Holzfällern, zu finden, halten den Fall nicht auf.
     

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Thomas  Bernhard:  »Amras«  (I964)  -  Verstörungs-Prosa    





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