Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Roman chronik

Index
» Roman chronik
» Sten Nadolny: »Die Entdeckung der Langsamkeit« (I983) - Historische Erzählung als Revision

Sten Nadolny: »Die Entdeckung der Langsamkeit« (I983) - Historische Erzählung als Revision



Wider das hektische Zeitalter

Die Geschichte der Reisen und Entdeckungen scheint unlöslich verknüft zu sein mit der des technischen Fortschritts, mit dem Vermögen, immer größere Entfernungen immer rascher zu überbrücken und schließlich durch die Ãoberwindung der Schwerkraft für unvorstellbar gehaltene Geschwindigkeiten zu erreichen. Gerade dieser Bedingungszusammenhang zwischen Entdeckung und Schnelligkeit aber wird von Sten Nadolny in seinem Roman vom Leben des englischen Seefahrers, Entdeckers und Gouverneurs John Franklin bestritten, ja durch den Titel »Die Entdeckung der Langsamkeit« sogar auf den Kopf gestellt. Leben und Handeln John Franklins nehmen sich aus wie Gegenzüge gegen das, was sein Lehrer Dr. Orme die »fatale Beschleunigung des Zeitalters« nennt.

      Schon in seinem ersten Buch, »Netzkarte« , zeigte sich Nadolny vom Motiv des Reisens fasziniert. Im Roman »Die Entdeckung der Langsamkeit« erobert sich sein Interesse geschichtliche Tiefe. Eine Notiz am Ende des Bandes gibt Auskunft über die biographisch-historischen Quellen, die er benutzt hat, um seinem Seefahrer-Roman Planken unter die Füße zu geben. Darunter sind auch die beiden Reiseerzählungen von John Franklin selbst, deren Erfolg beim Lesepublikum daran zu erkennen ist, daß noch in ihrem Erscheinungsjahr deutsche Ãobersetzungen herauskamen .
      Nadolny hat sich das Erzählerrecht des Fabulierens nicht schmälern lassen, hat die vorgefundenen Lücken in der äußeren und der inneren Biographie der Figur aufgefüllt, hat aber auch bestimmte Unternehmungen des Helden - so seine dreijährige Tätigkeit als Befehlshaber der englischen Seestreitkräfte in den griechischen Gewässern - weggelassen. Was er den überlieferten Berichten verdankt, wird deutlich vor allem bei der genauen Darstellung des Hungermarsches während der ersten Polarexpedition John Franklins.
      Reisebeschreibungen sind fast so alt wie die Literatur selbst; schon Homers »Odyssee« läßt sich auch als ein fabelreiches Reiseepos lesen. Aber zur beherrschenden Gattung entwickelt sich die Reiseerzählung erst mit der neuzeitlichen Ã"ra der Entdeckungen. Die Geschichten vom Wagemut der Seefahrer und Landreisenden, von den Konflikten der Mannschaften, von Stürmen und Schiffbrüchen, vom Leben der Gestrandeten entweder im unfreiwilligen Exil oder aber im Paradies ferner Inseln werden Legion. Reise- und Abenteuerroman segeln in geschwisterlicher Eintracht. Der Reiz des Exotischen prickelt die Neugier des Lesers, die reißerische Spannung der Sensationen hält ihn in Atem.
      Weder Literaturtourismus noch Sensation sind die Sache Nadolnys. Gewiß, das Leben Franklins war reich genug an Ereignissen, die auch in Nadolnys Roman einen fesselnden Erzählverlauf verbürgen: der nicht aus Neigung, sondern als Pflicht versehene Dienst in der königlich-englischen Kriegsmarine, die Seeschlachten vor Kopenhagen und am Kap Trafalgar, die frühe Forschungsreise nach Australien, die Suche nach der Nordwest-Passage auf drei Schiffs- und Landexpeditionen in den nördlichen Polarkreis, deren letzte Franklin nicht überlebt. Aber immer erhält sich der Eindruck, daß die spannende Ereignisfolge durchs Kühlverfahren der wissenschaftlichen Reisebeschreibung hindurchgegangen sei.
      Das wird mit keinerlei Einbußen an Anschaulichkeit erkauft. Doch ist den Ereignissen das Aufgeregte genommen, so daß in der Aktion die Unverwechselbarkeit der Figur, ihre Psychologie, ihre vom Normierten abweichenden Wahrnehmungs- und Handlungsweisen sichtbar werden können. Nadolny erkundet in der Gestalt John Franklins das Modell dessen, der sich dem Geist des immer hektischer werdenden Zeitalters entzieht, sich mit seiner Langsamkeit, seiner Gelassenheit zu ihm querstellt. Das ist die eigentliche Entdeckung in dieser Geschichte des Entdeckers.
      Die Langsamkeit hat John von seiner Mutter geerbt. Mit zehn Jahren ist er noch immer nicht schnell genug, einem Spiel zu folgen und einen Ball zu fangen. Er kommt den Bewegungen nicht nach, immer wieder fehlt ein »Stück Zeit«. Aber es deutet sich auch schon der Vorsprung an, den der Langsame gewinnt. Bei Wanderungen hat er die bessere Orientierung. Die Sorgfalt des Gehirns macht ihn zum zuverlässigen Rechner. Und daß Schnelligkeit Ausdruck von Leere sein kann, beweist ihm das Beispiel seiner Tante Eliza, deren Zungenfertigkeit in keinem Verhältnis zum Inhalt ihrer Rede steht.
      Bald lernen die Frauen seine Langsamkeit schätzen. »Bei dir ist das anders«, sagt ihm Mary beim Aufenthalt im Hafen von Portsmouth. »Die meisten sind nämlich zu schnell. Wenn es soweit ist, dann ist es auch schon wieder vorbei.« Der Bericht über Johns erste Liebesnacht wird über-haupt - mit dem heute ganz seltenen Pathos des umschreibenden Understatements - zu einem Moment großer sprachlicher Verdichtung. »John sah auf ihren atmenden Körper. An den Unterarmen glänzten feine, zarte Härchen gegen das Licht. Dieser Flaum war das Stärkste, er tat mit John viel. Große Dinge kamen in Gang. >Mir ist wie eine Sinuskurve, alles steigt immerzu!« Bald vergaß er die Geometrie und wußte statt dessen, daß auf der Welt vieles wieder gut werden konnte und daß zwei Menschen genügten, es zu bewerkstelligen.«
John erringt seine Siege, weil er nichts überstürzt, und entgeht auf der ersten Expedition dem Tod im Eis, weil er einen scheinbar feigen Rat eine Nacht überdenkt. Die Begegnung mit den kanadischen Indianern lehrt ihn, »daß Frieden überall dort entstand, wo man nicht schnell, sondern langsam aufeinander zuging«. Langsamkeit macht sehend; und der Langsame hält die Bilder fest, sein Kopf gleicht einer »wohlgefüllten Scheune«. Selbst bei der Beschäftigung mit Geschichte »ist Langsamkeit ein Vorzug. Der Forscher verzögert die rasenden Vorgänge von damals, bis sein Verstand sie fassen kann«.
      Und so läßt Nadolny seinen Helden aus der zunächst als Mangel empfundenen besonderen Anlage das »Franklinsche System« gewinnen, die Kunst, aus der Langsamkeit Kraft zu ziehen, Mannschaften auf Schiffen und bei Expeditionen oder Einwohner einer Kolonie mit Klugheit zu lenken. Das Geheimnis des »Systems« besteht darin, sowohl Ungeduld wie Angst zu ignorieren und Panik zu verhindern, Treue und Vertrauen in ein wechselseitiges Verhältnis zu setzen und jedem eine Chance zu geben. Nach dieser »Methode des Lebens, Entdeckens und Regierens« gehören an die Spitze zwei Menschen , von denen der eine mit der Ungeduld der Regierten tatkräftig Schritt hält, der andere aber Ruhe und Abstand wahrt und an entscheidenden Stellen nein sagen kann.
      In diesem »System« folgt aus dem Sehen und Beobachten die Ortsbestimmung und erst aus ihr die Richtungsbestimmung. Hier lassen sich Kompaß und Sextant auch als Instrumente des Geistes, der Vernunft verstehen. So ist das »Franklinsche System« die zur Führungskraft und zur Philosophie gewordene Navigation. Freilich muß es auch immer wieder als »Pose des Ãoberblicks« in Frage gestellt, als System durch Erfahrung neu geprüft und überholt werden. Es garantiert auch nicht unbedingt Triumphe.
      Dem Versuch Franklins, als Gouverneur der Strafkolonie Van Die-men's Land den Strafvollzug zu reformieren, bleibt der letzte Erfolg versagt. Die Intrigen seiner Gegner sorgen für eine vorzeitige Rückberufung nach England. Aber er hat Zeichen gesetzt. Denn er brachte Vernunft ins System der Zuteilung von Strafgefangenen an Siedler, er beseitigte in einzelnen Fällen Ungerechtigkeiten. So hat bei seiner Abreise die Insel vorübergehend den Charakter der bloßen Strafkolonie verloren. Wie er bei seinen Expeditionen dem Eis neue geographische Erkenntnisse abtrotzt, so der Strafjustiz ein Stück Menschenwürde. Tasmanien unter der Regierung des Gouverneurs Franklin, das ist - wie sonst nur in utopischen Entwürfen - ein Inselreich vorweggenommener Zukunft.
      So blendet Nadolny in die Lebensgeschichte des Entdeckers die Fragezeichen einer Generation, die den Fortschritt in der Entdeckung neuer Gebiete, nun auch schon im Weltraum, nicht mehr für das höchste Ziel menschlichen Entdeckergeistes hält. Größer als auf dem Globus und den Himmelskarten sind die weißen Flecken auf den Atlanten der menschlichen Kultur. Für die Fragenden zählt keine Entdeckung wirklich, die nicht auch auf dem Wege der Humanisierung des Lebens einen Schritt weiterführt.
      Dieser Roman nimmt den Ernst des Lesers in Anspruch, ohne ihn doch mit Seriosität zu ermüden. Und es besteht kein Grund zu feministischem Einspruch, wenn sich die sparsamen humoristischen Züge des Buches vor allem dort finden, wo es um Franklins Verhältnis zu Frauen geht, war doch die Liebe offensichtlich das einzige wirklich heitere Element im Leben des Marineoffiziers, der seine Laufbahn als Konteradmiral beendete, und des forschenden Entdeckers, dessen Leiche man durch ein ins Packeis gesprengtes Loch dem Meer übergab.
      Nadolny hat die Welt seines Romans nicht vollgestellt mit historischen Kulissen. Aber es gibt eine Reihe von Signalen, die dem Leser die geschichtliche Stunde, den Stand der Technik und das soziale Umfeld anzeigen - sei es ein Detail wie die Londoner Fenstersteuer, seien es die erste Eisenbahn, die Erfindung der Photographie oder das ungelöst bleibende Problem der bewegten Bilder, sei es der Aufstand der Ludditen, jener arbeitslosen »Maschinenstürmer«, auf die in der Strafkolonie die Zwangsarbeitwartet.
      Keine flachen Aktualisierungen überspringen die geschichtliche Distanz. Ebensowenig überzieht ein historisierender Chronikstil die erzählte Welt mit einer künstlichen Patina. Dennoch ist es das Bewußtsein der Generationen am zu Ende gehenden 20. Jahrhundert, vor das Nadolny die geschichtliche Welt ruft.
     

 Tags:
Sten  Nadolny:  »Die  Entdeckung  der  Langsamkeit«  (I983)  -  Historische  Erzählung  als  Revision    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com