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Robert Walser: »Jakob von Gunten. Ein Tagebuch« (I909) - Bericht eines künftigen Dieners



Von Vorschriften umstellt

Den literarischen Rang des 1878 im schweizerischen Biel geborenen Robert Walser haben Autoren wie Robert Musil, Hermann Hesse, Walter Benjamin und vor allem Franz Kafka früh erkannt. Doch läßt sich Walser, bei seinem ständigen Rollenwechsel, in seinem Werk und im Wandel der literarischen Bewegungen seiner Zeit schwer identifizieren. Da erscheinen dann der Rückzug in eine Berner »Dachkammer«-Existenz und - nach Selbstmordversuchen und Stadien geistiger Verstörung - der Aufenthalt in Heil- und Pflegeanstalten und schließlich am Weihnachtsabend des Jahres 1956 der einsame Tod im Schnee fast wie folgerichtige Stationen.

      Aber der Weg in die Abgeschiedenheit ist nicht von vornherein abzusehen. Walser versucht sich zunächst in Basel und Zürich auf das Bankfach vorzubereiten und übersiedelt 1905 nach Berlin, wo sein Bruder Karl als Maler und Bühnenbildner und als Mitglied der Berliner Sezession erfolgreich ist. In Berlin entstehen seine drei Romane »Geschwister Tanner« , »Der Gehülfe« und »Jakob von Gunten« . Er ist Autor angesehener Verlage wie Bruno Cassirer und Kurt Wolff . Daß er 1913 in die Schweiz zurückkehrt, könnte mehr mit dem ausgekühlten Verhältnis zum Bruder als mit Widerwillen gegen die Großstadt zu tun haben. Im Roman »Jakob von Gunten. Ein Tagebuch« jedenfalls deutet noch nichts auf Ãoberdruß. Jakob, der Tagebuchschreiber, ist mit allen Sinnen offen für die Eindrücke im »ganz wild anmutenden Märchen«, für das »Geschiebe und Gedränge«, das »Geschrei, Gestampf, Gesurr und Gesumme«. »Die Wagen der elektrischen Trambahn sehen wie fi-gurenvollgepfropfte Schachteln aus. Die Omnibusse humpeln wie große, ungeschlachte Käfer vorüber.« Man wird erinnert an Georg Heyms Berlin-Gedichte. Ja, das Berlin von Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz« wirft schon seine Umrisse voraus. »Ganz Europa sendet hierher seine Menschenexemplare. Vornehmes geht dicht neben Niedrigem und Schlechtem. [...] Brüste prallen einem entgegen, in Kleidern und Fassonen eingepreßt, weibliche Brüste. [...] Abends zwischen sechs und acht wimmelt es am graziösesten und dichtesten.«

»Bin ich der geborene Großstädter? Sehr leicht möglich.« Die Antwort räumt auch den Einspruch des Zweifels ein. Aber Walsers Tagebuchschreiber fühlt sich doch vom Straßengewirr der deutschen Großstadt nicht überrumpelt wie Rilkes Tagebuchschreiber in »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« von der Explosion modernen Lebens in Paris. Maltes geschärfte Beobachtung führt zur Angst vor einer Zivilisation, die den einzelnen Menschen isoliert und krank macht. Jakob von Gunten glaubt noch an Welterweiterung in der Daseinsvielfalt der Großstadt. »Abends glitzern die märchenhaft reichen und eleganten Schaufenster, und Ströme, Schlangen und Wellen von Menschen wälzen sich am ausgestellten Industrie-Reichtum vorbei. Man gewinnt, indem man mitten im Gestrudel und Gesprudel ist.« Andererseits stoßen ihn die »vielen törichten glitzernden Versprechungen« im »Großstadtgetriebe« ab. Dennoch gilt: »Die Großstadt erzieht, sie bildet, und zwar durch Beispiele, nicht durch trockene, den Büchern entnommene Lehrsätze.«
Dieser Satz liest sich wie ein Protest gegen die Methoden der »Knabenschule«, in die Jakob als Zögling eingetreten ist. Dieses »Institut Benja-menta«, geleitet vom Direktor Benjamenta, dem seine Schwester Lisa assistiert, dient der Vorbereitung auf dienende Berufe . Obwohl Jakob »gutem Hause«, einer Familie - wie er im Lebenslauf schreibt - aus »Großräten« und »Handelsleuten«, entstammt, hat er sich, weil er mit seinen »Geistesgaben« nichts anzufangen weiß, für einen Beruf größtmöglicher Abhängigkeit entschieden. Aber eben seine Geistesgaben auch sind es, die ihn die Erziehungsprinzipien des Instituts durchschauen und - hält man sich an den Sprachtenor seiner allabendlichen Aufzeichnungen - in Frage stellen läßt. »Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften.« »Der Unterricht, den wir genießen, besteht hauptsächlich darin, uns Geduld und Gehorsam einzuprägen«. Jakob beginnt sich zum Rätsel zu werden, weil eine »merkwürdige, vorher nie gekannte Zufriedenheit« ihn angesteckt hat. Ihm erscheinen das bloße Auswendiglernen von Vorschriften und der »gedankenlose Gehorsam« höchst unbefriedigend, und doch fügt er sich den Geboten und dem Ritual des Instituts. Er sieht in der Unterwerfung einen Weg zur »Demut«. Schon zu Anfang überrascht das Einverständnis mit einer wenig glorreichen Zukunft: »Ich werde eine reizende, kugelrunde Null im späteren Leben sein.«
Ein Reflex auf die These des Philosophen Ernst Mach, daß das Ich unrettbar geworden sei? Robert Musil, der sein Berliner Studium 1908 mit ei-ner Dissertation über die erkenntnistheoretischen Grundlagen bei Ernst Mach abschloß, bringt Machs Auffassung von der Krise des Subjekts fast programmatisch auf den Punkt im Titel seines Romans »Der Mann ohne Eigenschaften«. Jakob von Guntens Satz aber ist die Sprachgeste einer freiwilligen Selbstzurücknahme, die sich belächelt und mit ihrem »Reiz« kokettiert. Alle Ã"ußerungen der Demut und Selbsterniedrigung werden vorgetragen mit einem Maß an Ãoberzogenheit, das Widerruf andeutet.
      Dieses versteckt dementierende Verfahren, diese Möglichkeit der Distanzierung macht wohl erst den Aufenthalt im Institut Benjamenta erträglich. Jakobs Beobachtung des Schulbetriebs deckt die Mechanisierung aller natürlichen menschlichen Regungen, die Uniformierung der Lebensvielfalt auf. »In der Unterrichtsstunde sitzen wir Schüler, starr vor uns herblickend, da, unbeweglich. [...] Die Hände ruhen auf den Kniescheiben. [...] Unsere Schülernasen haben die größte geistige Ã"hnlichkeit miteinander [...] Unsere Augen blicken stets ins gedankenvolle Leere, auch das will die Vorschrift.« Die Abrichtung erstickt jegliche Individualität. »Das Dressierteste an uns ist aber doch der Mund, er ist stets gehorsam und devot zugekniffen.« Angesichts solcher Perfektion der Unterordnung verwundert es nicht, wenn sich selbst die Lehrerin Fräulein Benjamenta manchmal gestattet, »uns Murmeltiere von vorschriftenbefolgenden Menschenkindern einfach auszulachen.«
Das ist Selbstironie des Tagebuchschreibers, die ins Groteske vorstößt; die Tiermetapher zeigt es noch einmal an. Eine Ã"hnlichkeit mit dem Militär fällt Jakob auf: »so grimmig wie kommandierende Wachtmeister« blicken die Schüler drein. »Gehorchende sehen meist genau aus wie Befehlende.« Ist die Knabenschule etwa ein Gleichnis für den Militär- und Untertanenstaat? Die Versuchung, in Walsers in Berlin geschriebenem Roman schon ein Wetterleuchten von Heinrich Manns Roman »Der Untertan« auszumachen, also das Internat Benjamenta als ein abstrahierendes Modell des wilhelminischen Untertanenstaates zu deuten, mag nahe liegen, doch schränkt dies den gleichnishaften Bezug zu sehr auf den deutschen Obrigkeitsstaat ein. Der Schweizer Autor signalisiert nirgendwo im Roman, auch nicht auf indirekte Weise, die Absicht zur Satire auf deutsche Verhältnisse. Obwohl autobiographische Parallelen an Berlin als Ort des Geschehens denken lassen, fällt der Name Berlin nicht ein einziges Mal.
      Weil aber das Leben der modernen Großstadt das Institut Benjamenta umbrandet, tritt das Versteinerte der Erziehungsmethoden um so deutli-eher hervor. Die Dienerschule ist das Ãoberbleibsel einer hierarchischen Ordnung und einer Denkweise, die durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung überholt worden sind - und tatsächlich wird am Ende des Romans das Institut, in dem es nach Jakobs Ankunft keinen Neuzugang mehr gegeben hat, geschlossen. Das Industriezeitalter hat eine Umschichtung der hierarchischen Verhältnisse herbeigeführt: die Massen der Großstadt defilieren nicht an Fürstenikonen, sondern »am ausgestellten Industrie-Reichtum« vorüber. Eine Dienerschule nach Art des Instituts Benjamenta ist zum Anachronismus geworden.
      Jakob wird vom älteren Bruder, nachdem man sich zufällig getroffen hat, in die Künstlerkreise der Stadt eingeführt . Der Bruder, obwohl erfolgreich unter seinesgleichen, macht Jakob auch auf die Kehrseiten des kulturellen Umbruchs aufmerksam. Der »namhaft bekannte Künstler« enthüllt sich als Kulturkritiker, erklärt den »Fortschritt« als eine Lüge der »Geschäftemacher«, gibt aber seinem jüngeren Bruder zugleich den zynischen Rat, »viel, viel Geld zu erwerben«. Wo Jakob Großstadtdynamik erlebt, sieht er Verfall. »Klötze nehmen den Raum ein, den Wohnhäuser und Fürstenpaläste eingenommen haben [...] Konzert und Theater fallen von Stufe zu Stufe«.
      Die kulturpessimistische Saite, die der Expressionismus kräftig schlagen wird, klingt an. Damit trifft der Bruder beim Eleven der Dienerschule nicht gerade auf die offensten Ohren.
      Jakob hatte einen arrivierten Künstler erwartet, der »auf den Kissen und Teppichen der bürgerlichen Behaglichkeit« liegt. Aber eine Beigabe dieser enttäuschten Erwartung ist doch ein Akt der Selbsterkenntnis: Jakob fühlt in sich »so etwas Unbürgerliches«. Dieser Zug von Unbürger-lichkeit wird sich verstärken und ihm am Ende den Weg ins Freie erleichtern.
      Eine Internatsgeschichte nach dem Muster von Musils »Die Verwirrungen des Zöglins Törless« darf man in »Jakob von Gunten« nicht suchen. Auf eine spannungsvolle, von Konflikten gesteuerte Handlung, in deren Dienst sich alle Glieder der Erzählung stellen, ist Walser nicht aus. Keine unerbittlichen Feindschaften, keine innigen, vorbehaltlosen Freundschaften entstehen im Internat, keine heimlichen homoerotischen Beziehungen - die freche, überfallartige, aber so ernst nicht gemeinte sexuelle Anbiederung eines der Mitschüler weist Jakob sofort brüsk zurück. Sein Sympathieverhältnis zur ältlichen Schwester Benjamentas, die niemals begehrt worden ist, bleibt ganz geschlechtsneutral. Fast auf einen Sonderlingschließen läßt Jakobs Bekenntnis: »Mit einem edlen Menschen Freundschaft schließen und Turnen, das sind wohl zwei der schönsten Sachen, die es auf der Welt gibt.« Die Kopplung einer tiefen menschlichen Empfindung mit der Erfindung des Turnvaters Jahn ist nicht frei von Komik. Wenn sich Jakob selbst ein Rätsel bleibt, so ist das zugleich ein Wink an den Leser: Diese Figur ist psychologisch nicht aufschließbar, nicht restlos. Sie bleibt gefangen in einem Netz von Abhängigkeiten, Ansprüchen und findet nicht sich selbst.
      Als Vorstufe zu Walsers Tagebuchroman »Jakob von Gunten« wird Walsers erstes Buch, »Fritz Kochers Aufsätze« , erkennbar. Bereits hier zwingt das pädagogische Gesetz den Schüler zur Wiederholung vorgegebener, nicht zu bezweifelnder Lehrsätze von höchstmöglicher Allgemeinheit. Schon hier ist der Schüler umstellt von Vorschriften einer sich selbst nicht ausweisenden Autorität. In »Jakob von Gunten« plappern die Schüler die Hohlformeln der Vorschriften nach. Eben zu »Murmeltieren« werden sie erzogen und als »Nullen« ins Leben entlassen.
      Fritz Kocher stirbt bald nach Verlassen der Schule, erreicht also das eigentliche Leben nicht mehr. Simon Tanner in »Geschwister Tanner« bekennt am Ende des Romans, daß er noch immer vor der Tür des Lebens stehe und klopfe. Das Warten auf Behausung im Leben, dieses frühe Motiv im Werk Walsers, geht offenbar zurück auf die eigene Erfahrung, im Dasein keine rechten Wurzeln schlagen zu können. Und die letzten Jahrzehnte seines Lebens muten wie eine tragikomische Kopie eigener Literatur, nämlich der Beschreibung des Internats Benjamenta an: Walser steht unter dem Diktat der Vorschriften für den Tagesablauf der Heil- und Pflegeanstalt und ordnet sich ihnen willig unter.
      Jakob von Gunten wagt am Ende noch den Ausbruch. Der Entschluß kommt nicht unvorbereitet. Im Tagebuch werden Notate von Träumen, Phantasien, erdachten Erlebnissen häufiger. »Ich kann mit all meinen Ideen und Dummheiten bald eine Aktiengesellschaft zur Vorbereitung von schönen, aber unzuverlässigen Einbildungen gründen.« Die Selbstzurechtweisung, unverkennbar ironisch, liefert den Zweifel an ihrer Berechtigung gleich mit. Das Erwachen des Dichters im Tagebuchschreiber zeigt die innere Entfernung vom Internat Benjamenta an.
      Es ist freilich dann der Institutsdirektor selbst, der ihn auf den Weg bringt. Da seine Schwester gestorben ist und sich die Schule geleert hat, will Benjamenta »nicht mehr bilden und lehren, sondern [...] leben und lebend etwas wälzen, etwas tragen, etwas schaffen« und fordert Jakob auf,ihn zu begleiten. Was da gewälzt, getragen, geschaffen werden soll, bleibt vage genug. Aber der Vorschlag leuchtet Jakob ein. »Ich fühle, daß das Leben Wallungen verlangt, nicht Ãoberlegungen. [...] Weg jetzt mit dem Gedankenleben. Ich gehe mit Herrn Benjamenta in die Wüste. Will doch sehen, ob es sich in der Wildnis nicht auch leben, atmen, sein, aufrichtig Gutes wollen und tun und nachts schlafen und träumen läßt.«
Nicht nur der Ausgang, sondern auch das Ziel bleibt ungewiß, denn Wüste und Wildnis sind ja nur allgemeine Metaphern für jene konkrete Welt des Handelns, der Fährnisse, der Kämpfe, des Wechsels von Glück zu Unglück und umgekehrt, kurz für jene Unberechenbarkeit des Lebens, die auf Benjamenta und Jakob jenseits der »Knabenschule« wartet. Es scheint, als trage die Trennung vom »Gedankenleben« im Institut schon ihren Wert in sich.
      Hier wird eine innere Nähe zu Strömungen der expressionistischen Epoche sichtbar. Keinesfalls abwegig ist dieser Vergleich. Walser kam während seiner Berliner Zeit durch seinen Bruder mit den neuen künstlerischen Bewegungen, mit der Avantgarde in Kontakt. Er stellte sich sogar für kurze Zeit der Berliner Sezession als Sekretär zur Verfügung. Zumal in expressionistischen Dramen meldet sich eine Sehnsucht nach Erneuerung, die sich ihres Ziels nicht gewiß werden kann - beispielsweise in Dramen wie Georg Kaisers »Die Bürger von Calais« und »Von morgens bis mitternachts« oder Ernst Barlachs »Der tote Tag« und »Der arme Vetter« . Ausbruch und Aufbruch selbst bleiben am Ende das einzige wirklich erreichte positive Ziel. So auch will der Entschluß zum Absprung in die »Wüste« oder »Wildnis« des Lebens in »Jakob von Gunten« nicht an seinen Folgen gemessen werden.
      Befremdlicherweise fühlt sich Jakob auch weiterhin als eine »Null«, er bleibt ein Rätsel. Den »verstecktesten aller Dichter« hat Elias Canetti einmal Robert Walser genannt. Eine »versteckte« Figur ist auch sein Jakob von Gunten. Willige Unterordnung unter und innere Auflehnung gegen den Vorschriftenkodex des Instituts, Huldigung und Absage an die Dynamik der modernen Großstadt, Liebessehnsucht und Geschlechtsneutralität, Ausdehnungsdrang und Minderwertigkeitsgefühl des Ich - sie liegen un-verbunden nebeneinander. Paradoxe Gespaltenheit prägt diese Figur. Sie wird zum Gradmesser einer fiebrigen Gesellschaft, in der das Beharrungsvermögen hierarchischer Ordnungen und die Sprengkraft der industriellen Umwälzung aufeinanderstoßen.
     

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