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Peter Handke: »Der kurze Brief zum langen Abschied« (I972) - Faszination des Films



Neue Wahrnehmung der Mitwelt

Mit zwei spektakulären Ereignissen sprang der vierundzwanzigjährige österreichische Schriftsteller Peter Handke im Jahre 1966 auf die Bühne der literarischen Ã-ffentlichkeit, mit Schmähreden gegen eine Autorenvereinigung und gegen die zeitgenössischen Zuschauer im Theater. Bei der Tagung der »Gruppe 47« im amerikanischen Princeton bestürzte er die inzwischen zu Granden gewordenen Vorreiter der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur mit dem Vorwurf ihrer »Beschreibungsimpotenz«. Und mit seinem Stück »Publikumsbeschimpfung« erneuerte er eine Provokation, die in Brechts frühem Stück »Trommeln in der Nacht« der aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrte Kragler herausschreit: »Es ist gewöhnliches Theater. Es sind Bretter und ein Papiermond und dahinter die Fleischbank, die allein ist leibhaftig. [...] Glotzt nicht so romantisch! Ihr Wucherer! [...] Ihr Halsabschneider!« Handkes Schauspieler ergehen sich in Hohntiraden gegen die Illusionserwartungen des Publikums, sie reißen die unsichtbare Grenzwand ein, mit der die Rampe die Schauspieler von den Zuschauern, die Darstellung von der Wirklichkeit trennt, und überschütten am Ende die Zuschauer mit Anreden wie »Ihr vertrottelten Adligen, Ihr verrottetes Bürgertum. Ihr gebildeten Klassen. [...] Ihr Krämerseelen. Ihr Ja-und-Nein-Sager.«

Legt die »Publikumsbeschimpfung«, um konventionelle Haltungen des Publikums zu verunsichern, die Produktionsbedingungen des Theaters offen, so verschärft sich die auch hier mitwirkende Sprachkritik in Sprechstücken wie »Kaspar« , wo Sprache als Werkzeug der »Sprechfolterung« und der Abrichtung des Menschen gesehen wird, oder »Das Mündel will Vormund sein« , wo Handke dem Theater ganz das Wort entzieht und das Verhältnis von Ãober- und Unterordnung nur noch pantomimisch demonstriert. Dem experimentellen Stil solcher Stücke entsprechen in Handkes erzählerischen Texten dieser Zeit die Versuche, gewohnte Orientierungsweisen des Lesers zu düpieren, so im Roman »Die Hornissen« , oder im Schema von Trivialliteratur wie dem Kriminalroman neue Möglichkeiten zu entdecken . Der Kriminalroman wird noch einmal aufgenommen in der Erzählung »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« , verliert sich aber im Laufe des Erzählvorgangs. Wieder erscheint die Sprache in ihrer Funktion, Normen und Ordnungsschemata einzuimpfen, doch gibt es für die Hauptfigur auch Momente der Befreiung vom Sprachzwang, Momente einer sehr selbständigen, unvermittelten Wahrnehmung von Wirklichkeit.
      Eine entscheidende Umbruchstelle zwischen experimenteller Auflehnung gegen Konventionen des Schreibens und des Lesens und einem weniger aufgeregten, produktiven Gespräch mit der literarischen Tradition markiert der Roman »Der kurze Brief zum langen Abschied« . Als Motto für beide Teile des Werks hat Handke Zitate aus Karl Philipp Moritz' Roman »Anton Reiser« , einem die Tradition des deutschen Bildungsromans vorbereitenden Band, gewählt. Handkes Ich-Erzähler vertieft sich in Gottfried Kellers »Der grüne Heinrich«, macht mehrfach aufmerksam auf bestimmte Zusammenhänge und Textstellen, und nicht von ungefähr heißen die weiblichen Hauptfiguren von Kellers und Handkes Büchern beide Judith. Zwei exemplarische Werke aus der Geschichte des Bildungsromans also werden zu Beziehungs- und Anspielungspunkten des Erzählens.
      Der äußerliche Geschehensverlauf des Romans ist räumlich und zeitlich klar gegliedert und umgrenzt durch eine Flug-, Bus- und Autoreise des Erzählers, eines Ã-sterreichers, von der Ost- zur Westküste Nordamerikas. Eine zunächst nur vage angedeutete, schließlich unmißverständliche, wenn auch vom Leser nicht recht ernst genommene Morddrohung seiner Frau, die sich bald nach der Landung auf dem Kontinent von ihm getrennt hatte, schwebt während der ganzen Kontinentalreise über ihm. So bietet sich das Ganze als Reiseroman, den ein geplanter Anschlag unter gemäßigter kriminalistischer Spannung hält. Die Bewußtseinsvorgänge des Ich-Erzählers aber umkreisen eine Ich-Entwicklung, die sich mehrfach abklärt im Vergleich mit Erlebnismustern des Bildungsromans, genauer des »Grünen Heinrich«.
      Der Erzähler stößt auf etwas, was ihm aus seiner Beziehung zu Frauen vertraut ist; er liest, »wie Heinrich Lee, als er zum ersten Mal jemand umarmte, in eine eisige Kälte versank und wie er und das Mädchen sich plötzlich als Feinde fühlten«. Ciaire, eine Freundin aus der Zeit eines früheren Amerika-Aufenthalts, Deutschlehrerin an einem College, nimmt ihn im Wagen von Philadelphia nach St. Louis mit. Ihr fällt eine Ã"hnlichkeit mit Kellers Heinrich auf: »Er ließ die Erlebnisse vor sich aufspielen, ohne selber einzugreifen, und so tanzten auch die Menschen, die er erlebte, nur an ihm vorbei. [...] Auch du kommst mir vor, als ob du die Umwelt nur an dir vorbeitanzen läßt. Du läßt dir Erfahrungen vorführen, statt dich hineinzuver-wickeln. Du verhältst dich, als ob die Welt eine Bescherung sei, eigens für dich.«
Aber dem Erzähler wird auch das Trennende klarer. Sein eigener Erfahrungshintergrund schafft andere Bedingungen. Als der Grüne Heinrich, von der Schule gewiesen, aufs Land kommt und zum erstenmal »frei in die Natur« blickt, will er sie, mit neuer malerischer Lust, gleich auch zeichnen. Handkes Erzähler ist auf dem Land aufgewachsen und kann »schwer verstehen, wie einen die Natur von etwas befreien sollte. [...] Ich lernte sie zu sehr aus der Nähe kennen: lief auf den Stoppelfeldern barfuß, an den Baumrinden riß beim Klettern die Haut ab«. Zu Unrecht verdächtigt ihn Ciaire, daß er glaube, »mit seiner Figur aus einer anderen Zeit diese Zeit wiederholen zu können.« »Ich weiß,« antwortet er, »daß man nicht mehr so nach und nach leben kann wie der Grüne Heinrich«, doch »empfinde ich bei seiner Geschichte das Vergnügen an den Vorstellungen einer anderen Zeit. [...] Und solange ich dieses Vergnügen an einem meinetwegen vergangenen Jahrhundert empfinde, solange möchte ich es auch ernstnehmen und überprüfen.«
Damit umreißt der Ich-Erzähler eine neue Position Handkes, die in entschiedenen Gegensatz zur Haltung der Sprechstücke, zumal der »Publikumsbeschimpfung«, tritt. Was er dort verwarf, den Respekt vor dem literarisch Ãoberlieferten und dem ästhetischen Vergnügen, gilt hier als würdig, überprüft und ernstgenommen zu werden. Eine Rückwendung zu traditionellen Verhaltensmustern, die der unbedingten Gegenwartshörigkeit entgegensteuern, bricht sich Bahn. Und eine neue Fähigkeit, Literatur mit innerer Bewegung zu lesen, sich von ihr übermannen zu lassen, demonstriert der Erzähler nach der Lektüre des Schlusses vom »Grünen Heinrich«. »Nun«, so sagt Handkes Erzähler, »wurde seine Geschichte ein Märchen, und als ich an die Stelle kam: »Fröhlich und zufrieden aßen wir zusammen im Herrenstübchen des Gasthauses zum Goldenen Sternwir

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Peter  Handke:  »Der  kurze  Brief  zum  langen  Abschied«  (I972)  -  Faszination  Films    




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