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Max Frisch: »Homo faber« (I957) - Roman am Schnittpunkt zweier Kulturen



In Max Frischs zwischen 1955 und 1957 entstandenem Roman berühren sich zwei große Themen der Kulturgeschichte. Eines ist das an Sophokles' Ã-dipus-Tragödie anschließende, nach der Antike in vielfachen Variationen sich verästelnde Inzest-Motiv, nicht nur der Mutter-Sohn-Inzest, sondern auch die sogenannte »Blutschande« zwischen Vater und Tochter und zwischen Geschwistern. Wie Ã-dipus und Jokaste unwissentlich in das Inzestverhältnis geraten, so in Frischs als »Bericht« deklariertem Roman der schweizerische Ingenieur Walter Faber und seine Tochter, die Kunststudentin Sabeth . Sabeths Mutter Hanna, Mitarbeiterin eines archäologischen Instituts in Athen, hatte noch beim berühmten Kunsthistoriker Professor Wölfflin studiert.
      So zeichnet sich in der Dreierkonstellation ein Gegensatz ab, ein Konflikt, den der englische Romancier und Physiker Charles Percy Snow als den Gegensatz »zweier Kulturen«, der literarisch-geisteswissenschaftlichen und der naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz, beschrieben hat . Snows Gedanken von der wechselseitigen Entfremdung der beiden Kulturtendenzen, aber auch seine Schlußfolgerung, daß die Industriegesellschaften den Ausgleich zwischen reichen und armen Nationen nur mit den Mitteln der szientifisch-technischen Kultur erreichen könnten, lösten erregte Debatten aus, angestoßen vor allem durch den Literaturwissenschaftler und -kritiker Frank Raymond Leavis. Im Vorfeld dieser Gefechte schaltet sich Max Frisch mit seinem Roman in eine Debatte ein, die in den fünfziger Jahren immer konkretere Formen annahm.
      Frisch war von solcher Zerrissenheit unmittelbar mitbetroffen, durch seinen erwählten und seinen erlernten Beruf, als Schriftsteller und Architekt. Sohn eines Zürcher Architekten, bezog er nach abgebrochenem Germanistik-Studium und journalistischer Tätigkeit 1936 die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich und studierte Architektur, hielt auch bis 1954 am Doppelberuf des Architekten und des Schriftstellers fest. Schon allein als Architekt bewegte er sich auf dem Grat zwischen den zwei Kulturen, weil die Architektur im Schnittpunkt von Ã"sthetik und Technik steht. In seinem »Tagebuch 1946-1949« , einer Sammelstelle von Notizen, Skizzen und Entwürfen für so manche später ausgeführten literarischen Werke, schreibt er gegen Ende der Aufzeichnungen aus dem Jahre 1947: »Ein Mann, der seinen Geist verwendet, um Brücken zu bauen oder den Krebs zu bekämpfen oder Atome zu erforschen, wird durchaus ernst genommen [...] er arbeitet mit dem Bewußtsein unserer Welt und unsrer Zeit.« Wenn er, der das Gesetz der kommunizierenden Röhre kenne, wie die alten Römer Aquädukte baue, werde man »ihn einsperren, mindestens entlassen«. »Die Poeten, wenn sie Poesie machen, die hinter ihrem und unserem Bewußtsein zurückbleibt, sperrt man nur deshalb nicht ein, weil der Schaden, den sie anrichten, nur sie selber trifft.« Kein bewußter Zeitgenosse könne sie ernst nehmen. Frisch hält hier seine Beobachtung fest, daß im öffentlichen Bewußtsein der Gedanke der Nützlichkeit überwiegt und die naturwissenschaftlich-technische Intelligenz eindeutig vor der literarisch-geisteswissenschaftlichen rangiert.
      Die Perspektive der verächtlichen Herablasssung macht sich im Roman der Vertreter der technischen Fertigkeiten, der Ingenieur Walter Faber, zu eigen. Nennt Hanna, die Kunstwissenschaftlerin, ihn »Homo faber«, so er sie »eine Schwimmerin und Kunstfee«. »Auf die Nerven« gehen ihm »alle Künstler, die sich für höhere oder tiefere Wesen halten, bloß weil sie nicht wissen, was Elektrizität ist«. Hanna verwahrt sich gegen seine Ãoberlegenheitsattitüde.
      Den Gedanken Snows, daß es nur die Mittel der naturwissenschaftlich-technischen Kultur sein können, die den Gegensatz zwischen den Industriegesellschaften und den armen Nationen beseitigen, hat Frisch schon konkretisiert in der Berufsausrichtung Fabers. Er leistet im Auftrag der UNESCO »technische Hilfe für unterentwickelte Völker«. Wir erfahren von seiner derzeitigen Aufgabe: der Montage von Turbinen in Venezuela, die sich allerdings verzögert.
      Nun ist »Homo faber« kein Thesenroman, der die Lehre von den zwei Kulturen am Beispiel seiner Hauptfiguren demonstriert. Die Entfaltung des Inzestmotivs und seiner Tragik steht mit dem Gegensatz zwischen gei-stes- und naturwissenschaftlicher Intelligenz nicht in ursächlichem Zusammenhang. Andererseits verschafft dieser Gegensatz der Romanhandlung nicht bloß eine Verstärkung der Spannung. Vielmehr hebt er das archaische, zumindest altüberlieferte Inzestmotiv in die Lebensverhältnisse unserer modernen Welt.
     
Die Erzählung setzt ein mit dem Abflug des Mitarbeiters der UNESCO, der sich von seiner auf Heirat drängenden Freundin Ivy getrennt hat, aus New York. Walter Faber gerät mit seinem Nachbarn, einem Düsseldorfer, in ein Gespräch, das sich vertieft nach einer Notlandung des Flugzeugs in der mexikanischen Wüste. In dem Düsseldorfer erkennt Faber den Bruder seines Freundes aus der Studentenzeit, Joachim Hencke, der nun in Guatemala eine Tabakplantage der Düsseldorfer Firma leitet und sich seit Monaten nicht gemeldet hat. Endlich in Mexiko-City angelangt, beschließt Faber, den Düsseldorfer zu begleiten und einen Umweg über Guatemala zu machen. Warum?
Das Verhältnis zu Joachim war nicht das einer gewöhnlichen Freundschaft. Joachim hat damals Fabers Freundin und Geliebte Hanna, als beide sich trennten, geheiratet. Diese Ehe endete bald mit der Scheidung. Hanna, Münchnerin und nach der nationalsozialistischen Rassentheorie »Halbjüdin«, ging mit ihrem Kind ins Exil, zunächst nach Paris, heiratete einen zweiten Mann, mit dem sie 1948 in Moskau war. Die Lebenswege Fabers und seines Freundes kreuzen sich erst wieder, als Joachim bereits tot ist. Nachdem Faber und der Düsseldorfer auf strapaziösen Wegen die Tabakplantage endlich erreicht haben, finden sie nur noch die Leiche eines Mannes, der, als einziger Weißer unter lauter Indios, an der Einsamkeit in diesem zivilisationsfernen Winkel offenbar zerbrochen ist und sich erhängt hat.
      Boten des Todes haben schon den Weg der beiden in die tropische Wildnis gesäumt: die stickige Feuchtigkeit des Dschungels, das klebrige Wasser, die Sumpfluft, der alles durchdringende Geruch der Fäulnis und der Verwesung und überall in Lauerstellung die aasfressenden schwarzvioletten Vögel, die Zopilote.
      Geradezu in eine Todeszone ist Faber geraten, und in solcher Atmosphäre bekommt auch ein anderes, wiederkehrendes Motiv des Romans das Gewicht eines düsteren Vorzeichens: Magenbeschwerden, die Faber einmal sogar, in einer Flughafentoilette, ohnmächtig haben werden lassen. Wie ein Menetekel auch erscheint, im Rückblick, die Notlandung des Flugzeugs, das viertägige Verschlagensein in die Wüste, die Nähe der Katastrophe. - Mit der Dichte der alarmierenden Todessignale erinnert Frischs Roman an Thomas Manns Novelle »Der Tod in Venedig« .
      Fabers Flug nach Caracas, der Aufenthalt in Venezuela bleibt ergebnislos, weil die Turbinen noch, in Kisten verpackt, im Hafen lagern. Nach einem Zwischenaufenthalt in New York tritt er mit einem Liniendampfer eine Dienstreise nach Europa an. Und es ist diese Schiffsreise, auf der ihm Sabeth zum erstenmal begegnet.
      Der rasche Entschluß, die Schiffs- statt der Flugroute zu wählen, entspringt auch dem Wunsch nach schnellem Abschied von Ivy, mit der er sich wiedergetroffen hat. Der Ich-Erzähler Walter Faber benutzt die Gelegenheit, wieder seine Theorie vom Aleatorischen der Lebenssteuerung zu entwickeln. Nur wenn das Versagen und die Reparatur seines Rasierapparats ein Verlassen der Wohnung nicht verzögert hätten, hätte er einen entscheidenden Anruf des Schiffahrtbüros nicht erhalten und das Schiff verpaßt, auf dem er Sabeth treffen sollte. »Es war wieder ein purer Zufall, was die Zukunft entschied, nichts weiter [...] meine Schiffsreise wäre nicht zustandegekommen, jedenfalls nicht mit dem Schiff, das Sabeth benutzte, und wir wären einander nie auf der Welt begegnet, meine Tochter und ich.« Der Homo faber, der Techniker, sieht »Schicksal« begründet in einer »Kette von Zufällen«. Frisch verzichtet also auf ein Moment der Spannung und Ãoberraschung, wenn er Fabers, des Ich-Erzählers, Aufdeckung seiner Vaterschaft für den Leser nicht durch allmähliche Enthüllung hinauszögert. Denn Faber kommentiert hier die erste Begegnung mit seiner Tochter vom späteren Wissen her. Doch muß deshalb die Erzählung nicht weniger fesseln. Ein Ziel ist vorgeworfen, das es einzuholen gilt. Gespannt ist die Erwartung des Lesers auf den Moment, wo Faber endlich die Augen aufgehen.
      Denn vorerst scheint sich eine Liebesgeschichte mit gutem Ausgang anzubahnen. Dabei hat die Annäherung der beiden nichts mit Liebe auf den ersten Blick, nichts mit einem erotischen coup defoudre zu tun. Der Generationsunterschied bleibt beiden, zumal Faber, bewußt und sorgt für Zurückhaltung. Ja, das Mädchen mit blondem Roßschwanz, mit schwarzem »existentialistischen« Rollkragen-Pullover und schwarzer »Cowboy-Hose« scheint zunächst sein zunehmendes Fasziniertsein gar nicht zu bemerken und vertreibt sich ihre Zeit an Deck mit einem jungen »Ping-pong-Freund« oder im Decksessel mit Lesen. Seltsamerweise glaubt sie dann, Faber sei eifersüchtig, setzt also sein Interesse voraus. Aber er flirtet nicht mit ihr, stellt ihr nicht nach. Sie kommen sich näher über das Lehrer-Schülerin-Verhältnis. Er erklärt ihr die Kybernetik und die Ãoberlegenheit des Roboters, der Rechenmaschine, des Elektronengehirns über den Menschen; sie findet sein Plädoyer für den Roboter komisch, und die Kunststudentin, die gerade von einem Semester an der Yale-University nach Europa zurückkehrt, kann sich schlechterdings keinen Menschen vorstellen, der - wenn er in Paris ist - den Louvre nicht besucht. Aber sie läßt sich von ihm den Maschinenraum des Schiffes, das Dieseltriebwerk zeigen, und obwohl die Frage nach dem Los der schwitzenden Maschinisten in dieser Unterwelt sie nicht losläßt, bleibt sie neugierig, klettert von Eisenleiter zu Eisenleiter. Und als sie beim Heruntersteigen nach der untersten Stufe sucht, faßt er sie zum erstenmal an und hebt sie kurzerhand auf den Boden. Eine aufreizende Wirkung ihrer Schönheit spürt Faber auch jetzt nicht. Aber am letzten Abend der Reise überrumpelt er sie mit der Frage, ob sie ihn heiraten wolle.
      Auf ihre Gegenfrage, ob er das ernst meine, antwortet er, nicht gerade leidenschaftlich: »Warum nicht?« Bei der Ausschiffung der Passagiere vor Southampton küßt er ihr die Tränen weg, aber sie ist ihm »fremder als je ein Mädchen«. Damit scheint der Antrag gegenstandslos geworden zu sein. Im Sonderzug nach Paris sucht er nicht mehr nach ihr. »Wozu? Wir haben Abschied genommen.«
Aber in Paris wird ihm bewußt, daß er am Widerhaken hängt. Er geht in den Louvre - ohne das Mädchen mit dem Roßschwanz zu sehen. Als beide dann doch zusammen in den Tuilerien sitzen, froh über das Wiedersehen, liegt auch ein kleiner Triumph in ihrer Feststellung: »Vorgestern schon habe ich Sie gesehen - unten bei den Antiken - und gestern auch.« Vom Place de la Concorde an gehen sie Arm in Arm. Ja, er, der sich nie zu einem Theaterbesuch hat bewegen lassen, lädt sie ein in die Opera. Eine gemeinsame Reise von Paris über Avignon, NTmes, Pisa, Florenz nach Rom wird geplant. In ihnen haben die gegensätzlichen »zwei Kulturen« zueinander gefunden.
      Von nun an nehmen die Ereignisse der Inzestgeschichte ihren Lauf. Auch wenn beide ihre eigenen Vorlieben nicht preisgeben - sie nicht ihre »Manie«, kein Detail der kunstgeschichtlichen Sehenswürdigkeiten auszulassen, er sein Interesse für Straßen- und Brückenbau, für Bahnhöfe und neue Rapido-Triebwagen -, kommt es auf dieser Reise zum Vollzug jenes Inzests, den er nachher Hanna in Athen gesteht. Und es hilft ihm dann auch nicht mehr der Verdacht, daß Joachim Sabeths Vater sein müsse.
      Als Faber und Sabeth nach ihrer Italienreise auf dem Weg nach Athen sind, tritt ein Ereignis ein, das wieder der Zufalls-Theorie Fabers recht zu geben scheint. In der Nähe von Korinth wird Sabeth nachts von einer Schlange gebissen, wird bewußtlos - allerdings von einem Sturz. Nur auf abenteuerliche Weise gelingt es Faber, sie in eine Athener Klinik zu bringen. Nicht am Schlangenbiß stirbt Sabeth, sondern an einer Fraktur der Schädelbasis. -Verglichen mit dem Ende des »Ã-dipus« von Sophokles und der auf ihn folgenden tragischen Darstellungen des Inzest-Motivs wirkt die Lösung hier verhältnismäßig flach. Doch verlegt Max Frisch den Inzest-Fall eben ganz in die Welt des homo faber. Und jene Erkenntnis des »unwissend schuldig geworden«, die den sehenden Ã-dipus zur Selbstblendung treibt, die Anerkennung einer metaphysischen Schuld, ist hier nicht mehr zu erwarten. Geradezu um Entlastung von Schuld geht es Faber. »Was ist denn meine Schuld?« fragt er. Und es folgt eine ganze Aufzählung ihn lossprechender »ich habe «- und »ich habe nicht«-Argumente. Insofern ist die Gestalt Fabers ein Gegenentwurf zu Ã-dipus.
      Der erste Teil des Romans, seine »Erste Station«, steht zwar nicht unter dem Gesetz kontinuierlichen Erzählens, wird belebt durch Rückblende und Vorausschau, durch Assoziation und Reflexion, aber alle Einschaltungen bleiben eingebunden in die Erzählung eines Handlungsverlaufs. In der »Zweiten Station« hat der Ich-Erzähler einen festen Standort, im Krankenhaus in Athen. Er erwartet seine Operation und beginnt seine Aufzeichnungen an einem genauen Datum, dem 19. Juli, berichtet über seinen gegenwärtigen Zustand und holt die genau datierten Vorgänge der sechs Wochen nach Sabeths Tod in der Erinnerung zurück: Reisen nach New York, nach Caracas, wo endlich die Turbinen montiert werden, zur Kaffeeplantage, die nun von Joachims Bruder verwaltet wird, nach Cuba, in dessen noch unreglementierter Welt er sich seines Zorns auf den »American Way ofLife« bewußt wird, nach Düsseldorf, wo der leidenschaftliche Filmamateur in der Firma Joachims Film von der Plantage in Guatemala vorführt. Aasfressende Zopilote erscheinen auf der Leinwand. Von anderer Symbolkraft ist jetzt das Bild des schwarzvioletten Vogels. Der Tod, an der Leiche Sabeths zur bestürzenden Wirklichkeit geworden, ist an Faber selbst als eine ernsthafte Möglichkeit herangetreten; die zunehmenden Magenschmerzen waren Unheilsboten. Kurz vor der Operation, um Mitternacht, notiert er: »Ich weiß alles. Morgen werden sie mich aufmachen, um festzustellen, was sie schon wissen: daß nichts mehr zu retten ist. [...] Ich hänge an diesem Leben wie noch nie, [...] obschon ich weiß, daß ich verloren bin. Aber ich bin nicht allein, Hanna ist mein Freund, und ich bin nicht allein.«
So wird das Unglück erträglicher. Aber daß Hanna und Faber wieder an eine Beziehung anknüpfen, aus der immerhin Sabeth, beider einziges Kind, hervorgegangen ist, macht nichts ungeschehen: Hanna ist den Bedingungen dieser frühen Beziehung entwachsen. Und so dient die »Zweite Station« des Romans auch dazu, ihre sehr eigene Geschichte zu vervollständigen. Es ist die Geschichte einer aus Deutschland emigrierten sogenannten »Halbjüdin«, die in Paris eine Zeitlang mit einem französischen Schriftsteller zusammenlebte, in London als Sprecherin der BBC arbeitete und aus einem Lager heraus den Kommunisten Piper heiratete, der sich aber als ein übler Opportunist entpuppte, so daß sie ihn 1953 verließ.
      Hannas Lebensgeschichte ist auch die Geschichte einer Emanzipation. Sie zwingt sich des erwarteten Kindes wegen nicht in eine Ehe mit Faber, betrachtet Sabeth als ausschließlich ihr Kind - auch wenn sie Fabers Mutter in ihr Geheimnis einweiht. Daß sie es Faber verschweigt, macht sie allerdings unwissend mitschuldig, ermöglicht erst den Inzest. Sie strebt nach Sabeths Tod zu voller Selbständigkeit, kündigt ihre Stellung im archäologischen Institut, um Griechenland zu verlassen - ein übereilter Entschluß, wie sie bald erkennt. So schlägt sie sich jetzt als Fremdenfuhrerin durch, im Museum, auf der Akropolis, in Sunion. Der Weg der Emanzipationswilligen ist nicht mit Rosen bestreut. Aber sie versteht sich nicht als aktive Frauenrechtlerin. Die Handlung spielt in den fünfziger Jahren, also noch bevor die Bewegung des kämpferischen Feminismus sich formiert.
      Mit der Wiederbegegnung Fabers und Hannas meldet sich noch einmal das Thema der zwei Kulturen, vor allem in der Diskussion der beiden über die Technik. Hanna meint, überspitzend, daß sich der Techniker die Schöpfung nutzbar mache, weil er sie als Partner nicht aushalte; ihr ist die Technik ein »Kniff, die Welt so einzurichten, daß wir sie nicht erleben müssen. [...] Technik als Kniff, die Welt als Widerstand aus der Welt zu schaffen [...] Die Weltlosigkeit des Technikers.« Allerdings versteht Faber gar nicht, was sie mit »Weltlosigkeit« meint. Nicht nur in der Lebenshaltung und in der Erfahrungs- und Erlebnisweise, sondern auch in der Sprache - und eben nicht nur in den Fachtermini - scheint die Kluft unüberbrückbar geworden zu sein.
      Treffen muß Faber Hannas Verdacht, daß er die Beziehung zu Sabeth mißdeutet, nämlich sich eingeredet habe, verliebt zu sein, und daß die Techniker »kein Verhältnis zur Zeit« hätten und versuchten, »ohne den Tod zu leben«. Gerade in ihrer Kopplung werden diese Vorwürfe Faber nicht gerecht, denn er ist sehr wohl der starken Trauer fähig. Im Speisewagen, bei der Rückkehr von seiner Amerika-Reise nach Athen, überwältigt ihn die Erinnerung: »Ich habe nichts mehr zu sehen. Ihre zwei Hände, die es nicht mehr gibt, ihre Bewegung, wenn sie das Haar in den Nacken wirft oder sich kämmt, ihre Zähne, ihre Lippen, ihre Augen, die es nirgends mehr gibt, ihre Stirn: wo soll ich sie suchen? Ich möchte bloß, ich wäre nie gewesen. Wozu eigentlich nach Zürich? Wozu nach Athen?« Und nun doch noch einmal die Anspielung auf Ã-dipus, auf seine Selbstblendung: »Warum nicht diese zwei Gabeln nehmen, sie aufrichten in meinen Fäusten und mein Gesicht fallen lassen, um die Augen loszuwerden?« Kein Schuldbewußtsein quält Faber, wohl aber dringt der Schmerz tief in ihn ein.
      Und so lautet, geschrieben in der letzten Nacht, Fabers Einspruch gegen Hannas Verdacht der »Weltlosigkeit« und des Verleugnens der Zeit: »Auf der Welt sein: im Licht sein [...] standhalten dem Licht, der Freude im Wissen, daß ich erlösche im Licht über Ginster, Asphalt und Meer, standhalten der Zeit, beziehungsweise Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: gewesen sein.« Aber ist es wirklich der homo faber, der Ingenieur Walter Faber, der hier spricht, oder ist es nur noch der Autor, der Architekt und Schriftsteller Max Frisch, der in sich den Gegensatz der »zwei Kulturen« überwunden hat?

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Max  Frisch:  »Homo  faber«  (I957)  -  Roman  am  Schnittpunkt  zweier  Kulturen    




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