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Martin Walser: »Brandung« (I985) - Ein Campus- und Liebesroman



Einwanderer in Amerika auf Zeit

Helmut Halm, den Protagonisten des Romans »Brandung«, kennt der Leser vorhergehender Erzählbände Walsers bereits aus der Novelle »Ein fliehendes Pferd« . Solche Verkettungen waren im Werk Walsers nicht neu. Die Gestalt des Anselm Christlein durchwandert gleich drei seiner Romane: »Halbzeit« , »Das Einhorn« und »Der Sturz« . Mehrfach begegnet man Figuren wie Franz Hörn und den Zürns. In der Novelle »Ein fliehendes Pferd« trifft der Stuttgarter Gymnasiallehrer Halm bei einem Urlaub am Bodensee überraschend seinen Schulkameraden Klaus Buch wieder, der in allem wie sein Gegenbild wirkt. Während Halm von innerer Unsicherheit angekränkelt scheint, trumpft Buch mit strotzender Sportlichkeit auf. Aber auf einer Segelpartie, die beide Männer ohne ihre Frauen unternehmen, läßt Buch seine Maske fallen. In Wahrheit ist er auf der Flucht vor den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft, und er überfällt Halm mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Flucht auf die Bahamas. Aber als sich nach einem hochdramatischen Unfall - einem Ereignis aus dem Fundus der erzählerischen Effektdramaturgie - die Ehepaare trennen, ist fast alles beim alten geblieben.


      Zu einer Flucht auf die Bahamas kommt es auch im Roman »Brandung« nicht. Aber doch zu einem willkommenen Atemholen, zur Chance, aus dem entnervenden Schulalltag für mehrere Monate befreit zu sein. Halm hat die Belehrungen des Direktors am Stauffenberg-Gymnasium, dem Wandern zur Weltanschauung geworden ist, gründlich satt, und er hat neuen Ã"rger mit dessen Stellvertreter Kiderlen, einem Mann von brennendem Ehrgeiz. So erreicht ihn ein Anruf aus Amerika, eine Einladung von der Washington University im kalifornischen Oakland, dort im Herbst zwei Deutschkurse zu geben, gerade zur rechten Zeit.
      Angerufen wird Halm vom Chairman des Instituts, Rainer Mersjo-hann, einem Freund aus der Studentenzeit in Tübingen, einem Dichter, dessen Sonette damals der Literaturprofessor als makellos gelobt hatte. Für Halm blieb der große blonde Münsterländer, zu dem der Kontakt abgerissen war, weiterhin umgeben vom Nimbus des jungen Genies. Schon baldsind Halm, seine Frau Sabine und eine der beiden Töchter, Lena, die mit einer schweren Liebesenttäuschung fertig werden muß, vom Haus in Stutt-gart-Sillenbuch aufgebrochen und befinden sich auf dem Flug nach San Francisco. Rainer holt sie ab, sie erreichen die Brücke über die Bay, dann ihr Ziel: das Haus eines in Europa weilenden Professors, in dem sie während ihres Amerika-Aufenthalts wohnen werden.
      Einer ähnlichen Selbstdemaskierung des Gefährten aus früherer Zeit wie in der Novelle »Ein fliehendes Pferd« bedarf es hier nicht. Bereits der erste Augenblick des Wiedersehens zeigt Halm, daß das junge Genie von einst unkenntlich geworden ist. Der elegant mit seinen Händen sprechende und exquisit gekleidete große Blonde von einst ist zur unförmigen Gestalt aufgeschwemmt. Nichts blieb übrig von Mersjohanns »Kerzen-samtpoetenblick«. Für die Kahlköpfigkeit entschädigt nur farbloses Bartge-kräusel, das sich von bläulichen und hängenden Backen bis unters Doppelkinn zieht. Die äußere Erscheinung wird sich als Omen erweisen. Halm entdeckt bald, daß Mersjohann zum hoffnungslosen Trinker geworden und in geistige Stagnation gefallen ist. Immer wieder kommt die Rede auf einen Vortrag über Schuberts Textverständnis, den er in Houston auf einem Symposion über Musik und Dichtung halten soll. Aber hat ihn der Alkohol, eine zerrüttete Ehe oder das Abgestorbensein des Talents zerstört? Vielleicht alles dies zusammmen? Er hat sich dem Konkurrenzdruck der amerikanischen Universitäten, hat sich dem »Publish or perish«, dem Wettlauf der wissenschaftlichen Veröffentlichungen entzogen und statt fürs Publizieren für den Untergang entschieden. Als man ihn schließlich im Hotelzimmer in Houston tot auffindet, stellt sich heraus, daß von seinem Vortrag nichts existiert als ein Verlegenheit ausdrückender Einleitungssatz. Rainer Mersjohann gehört in Walsers Werk zur Reihe der Gescheiterten. Er, der sich in den USA anfangs mit den niedrigsten Beschäftigungen durchschlug und mit Energie an seinem Aufstieg arbeitete, war dem Lebenskampf im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht mehr gewachsen und hat, mit seinem Selbstmord, kapituliert.
Bestimmt diese triste Biographie des gescheiterten Mersjohann das Amerika-Bild des Romans, schwärzt sie es ein? Möglich gewesen wäre es immerhin. Der kritische Blick auf die bundesrepublikanische Wohlstandsgesellschaft und auf die Verletzungen und Hemmnisse, die sichdem Selbstwertgefühl des einzelnen entgegenstellen, ist von Anfang an eine Perspektive Walserschen Erzählens. Die Schwenkungen in seinen politischen Meinungsäußerungen führten ihn zeitweilig in die Nähe der westdeutschen Kommunistischen Partei , andererseits hielt er an seiner Hoffnung auf die Wiedervereinigung des getrennten Deutschlands auch zu einer Zeit noch fest, als sie sich in den Reden der Politiker zur bloßen Formel entleert hatte. Zu der Zeit, da der Roman entstand, war, befördert durch die antikapitalistischen Losungen der Studentenbewegung, bei einem Teil der »linkem Intelligenz in Vergessenheit geraten, daß sich das Ãoberleben West-Berlins während der Blockade der Sowjetunion, in den Jahren 1948/49, nur der Luftbrücke der Amerikaner und Briten verdankte. In diesem Umfeld schwelte eine amerikafeindliche Stimmung weiter.
      Dem antiamerikanischen Ressentiment widersprechen die Amerika-Erfahrungen, die sich in der Literatur von Walsers Schriftstellerkollegen spiegeln. Alfred Andersch und Hans Werner Richter können die Möglichkeiten demokratisch-literarischer Freiheit zum erstenmal wahrnehmen im amerikanischen Kriegsgefangenenlager. Ort und Landschaft der beglückenden Liebesepisode mit der jungen Lynn aus New York, in Max Frischs Erzählung »Montauk«, ist die nördliche Spitze von Long Island, in Atlantiknähe. Dem Reiseabenteurer Peter Handke wird Amerika zum Kontinent neuer Entdeckungen. Und Uwe Johnson, der einige Jahre in New York lebte, macht in seiner Romantetralogie »Jahrestage« die New Yorker Wohnung Gesine Cresspahls zum trigonometrischen Punkt, von dem aus der Großstadtdschungel vermessen, die Lebensphasen der Protagonistin erinnert und die Lebensgeschichte des Vaters berichtet werden. Walser selbst ist - wie so mancher andere unter den Schriftstellern - mehrfach der Einladung auf Gastdozenturen an amerikanische Universitäten und Colleges gefolgt und verdankt Kalifornien, wie er einmal bekannte, die vielleicht glücklichste Zeit seines Lebens.
      Nicht unbedingt zu erwarten war dennoch der geradezu hymnische Ton, der im Roman »Brandung« Helmut Halms Ãoberwältigtsein beim Anblick der kalifornischen Landschaft spiegelt: »Auf der Brücke Lichterschnüre über die Bay. [...] San Francisco vor einer violetten Hügelsilhouette. Dahinter und über allem, horizontbreit, ein greller Feuerhimmel. Unter diesem Himmel hatte man sich also den Pazifik zu denken. Ach Lena, ach Sabine, wahrscheinlich ist er schon zu lange in Sillenbuch gewesen. Dieser Anblick sprengt ihm schier sein sogenanntes Fassungsvermö-gen.« Auch die auf dem Universitäts-Campus »hügelauf, hügelab wogende Jugendflut« reißt den Fünfzigjährigen hin, reißt ihn mit. Als er sich am Schluß des Semesters von seinen Studenten verabschiedet, sagt er allen, »wie schön es gewesen sei und wie sehr er bedaure, dieses helle Land verlassen zu müssen, um zurückzukriechen unter eine immerwährende Wolkendecke [...] Er bat alle, das Privileg, in einem hellen Land zu leben, zu genießen.«
Gegen die immerwährende Wolkendecke den hellen Himmel einzutauschen, das ist eine Grundvorstellung der alten deutschen Italiensehnsucht.Wie Walsers Protagonist hat sich auch Goethe bei der Rückkehr aus Italien nach Deutschland ins Trübe zurückverstoßen gefühlt. In »Brandung« ist für Halm Kalifornien wie ein anderes Italien. Unter dem Himmel Kaliforniens sind die bedrückenden Verhältnisse des bürgerlichen Lebens in Stuttgart und der Studienratsexistenz wie in Luft zerronnen. Ein ganz neues Körpergefühl ergreift ihn. Bei einem Ausflug an die Pazifikküste, nach Santa Cruz, reitet ihn der Teufel, er stürzt sich tollkühn in die Brandung. Doch schlägt ihn die gewaltige Welle einfach um, so daß er mit Rücken und Hinterkopf aufschlägt und sich tagelang nur unter Schmerzen bewegen kann. Die »Brandung« hat dem Roman den Titel gegeben. Und das Wort ist als Zeichen für die Befreiung von lang angestauten Hemmungen, für das Wahrwerden einer Utopie, und zugleich für ein Zu-Fall-Kommen des Ãobermuts zu verstehen. Es wird noch einmal als Metapher bedeutsam werden, bei Halms halsbrecherischem Tanz mit der Studentin Fran.
      Das kalifornische >Italien-Erlebnis< Halms schließt freilich nicht jene Beglückung ein, die sich die Italiensehnsucht der großen Italienreisenden erträumte: die Ãoberwältigung durch den Kunstreichtum. Goethes Italien-Erfahrung, die grandiose Einheit von Natur und Kunst, läßt sich hier nicht wiederholen. Von der Natur, gewiß, fühlt sich Halm erwärmt, beschenkt; er genießt die Landschaftssinfonien und den kalifornischen Wein. Aber was ihm in der Wohnkultur auffällt, sind ihre >Verschmocktheit, die einen Porsche fährt, wohnt in einer Art Museum. Sie gibt am Ende des Konversationskurses eine Party, in ihrem »edlen, ernsten, nicht sehr großen Haus«, das Halm betritt, als es schon von Stimmenlärm erfüllt ist. Die Garderobe wird abgelegt in Frans Schlafzimmer, dessen Bett eine »Art Renoirwiese« darstellt. Das Kaminzimmer ist »eher eine Wohnhalle. Eine nordische vielleicht«. In die tragenden Balken sind »geschwungene Kreuze gebrannt. Der Kamin selbst ist eine Backstein-Architektur für sich«. »Auf dem Boden vor dem Kamin liegen um die Holzstapel herum Tiere aus schmalen Eisenbändern.«
Der ironische Blick des Europäers auf solche Häufung des Zusammengetragenen, solchen Kultureklektizismus kann aber die Freude des Gastes an den lichten Tagen in Kalifornien nicht trüben. Alles Wohlgefühl faßt sich zusammen in diesem Gedanken Halms: »Wie reich man wird durch Auswanderung!« Ja, Kalifornien, das Land einer dreimonatigen freiwilligen Emigration, der Flucht aus schwäbisch-deutscher Alltagsmisere, wird zum Ort einer seelischen Regeneration.
      Denn »Brandung« ist nicht nur ein Amerika- und ein Campus-Roman, sondern auch ein Liebesroman. Was Mersjohann und die Sekretärin des Departments, Carol Elrod, eine geborene Baltin, sofort erspähen, ist die Verzauberung des Mannes in den Fünfzigern durch die große blonde Studentin Fran Webb, die im Konversationskurs eher durch Schweigen auffällt als durch Eloquenz und die ihre Zunge erst lockert im Gespräch nach der Ãobung, dem Halm nicht ausweichen kann . Die »schöne Dumme« nennt Mersjohann sie. Und Carol bedauert, Halm nicht rechtzeitig vor diesem »typischen kalifornischen girl« gewarnt zu haben. Sie sei »scharf wie ein Haifischzahn«.
      Die Warnungen des Professors und der Sekretärin sind Schwarzmalerei, die ihre Beweggründe in Gekränktheit und unbewußtem männlichen Neid, in geheimem Groll gegen verwöhnte und auf Ansprüche pochende Mädchen aus reichem Elternhaus haben mag. Weder geht Fran auf das se-xuelle Abenteuer mit ihrem Lehrer aus - sie ist fest mit dem Star der Universitäts-Wasserballmannschaft, Glenn Birdsell, liiert-, noch kann man ihr Geistestaubheit nachsagen. Wohl aber hat sie den weiblichen Instinkt, der ihr sofort die Anfälligkeit Halms für die erotische Herausforderung meldet. Die nutzt sie aus, ohne deshalb nur kalt berechnend zu sein.
      Dessen wird sich Halm nicht voll bewußt. Auf ihn wirkt der sinnliche Reiz der sehr viel jüngeren Schülerin. Aber er hat auch etwas in der Beziehung einzusetzen, was der Partnerin hilfreich ist: überlegenes Wissen. So kommen das Begehren Halms und das Interesse Frans in ein notdürftiges und eher erzwungenes »Gleichgewicht*. Aber es ist dies ein (Gleichgewicht*, das für Halm die Beziehung zu einem beglückenden Erlebnis macht, obwohl seine Liebe einseitig bleibt.
      Walsers Darstellung solcher Beziehung ist von literarischer Brillanz, weil sie sich ihrerseits im Medium literarischer Anspielungen und Analogien bewegt. Fran hat in einem anderen Seminar Essays abzuliefern und sucht Halms Hilfe. Sie hat ein Jahr in Wien gelebt und liebt Rilke und George. Sie schlägt, Halms Entscheidung erwartend, einen Aufsatz über Shakespeares 129. Sonett und Georges Gedicht »Ein letzter Brief« vor. Für ihren Essay über Shakespeare erhofft sie sich eine A-Note. Sie liest ihm das Sonett vor, zwischen dessen Zeilen er jeweils die deutsche Ãobersetzung schiebt: »Geistverlust ist Schamverschleiß/ ist Lust, die loslegt, vorher ist Lust/ verlogen ...« Aber der Essay trägt ihr eine C-Note ein. Es gilt die Scharte auszuwetzen. Für das nächste Thema, für Shakespeares »Viel Lärm um nichts«, rät er ihr zu einem Essay über das Nebenpaar Benedikt und Beatrice: »Die Feindseligkeitstonart als Liebeserklärung. Die Sprache als genaues Gegenteil des Gefühls. Die Eindeutigkeit des Verschwiegenen im Gesagten. Die Entblößung durch nichts als Verbergung.« So hofft Halm ihr sagen zu können, »was alles er nicht sage«. Als sie ihm ihren Essay vorgelesen hat, feiert er ihn als »geglückt«. Aber W. Martin Littlewood liest den Essay ganz anders und verschmiert die Seiten mit 77 Fragezeichen. Das Ergebnis ist wiederum ein C-Minus. Halm entrüstet sich über das »Fragezeichenbombardement, diesen Fragezeichenfriedhof«, aber das Kind ist nun einmal in den Brunnen gefallen. Nein, als Privatlehrer Frans ist er ohne Fortune.
      Ist er glücklicher als Liebender? Ja, kraft der Blindheit des Verliebten. Für ihn bleibt Fran »die Verallgemeinerung alles auf dem Campus vorkommenden Weiblichen«. Im Konversationskurs meint er in ihrer »trägen Präsenz« eine »fast göttliche Gegenwart« wahrzunehmen. Solche Verzau-berung streift schon das Komische, und Komik beigemischt ist auch dem flotten und rasend werdenden Tanz auf der Abschlußparty, bei dem »eine Brandung als Musik« über Halm hereinbricht und er über eine der eisernen Zikaden vor dem Kamin stolpert und zu Fall kommt. Jedenfalls komisch wäre diese Liebe, würde nicht das Licht Kaliforniens, in das er wie in einen Jungbrunnen taucht, würde nicht der Himmel Kaliforniens sie erklären. Der Roman »Brandung« ist wohl die schönste, weil von leichter Ironie in der Schwebe gehaltene Liebesgeschichte, die Walser geschrieben hat.
      So durchzieht eine den Leser ansteckende Heiterkeit diesen Roman. Walsers Sprache, deren Artistik auch aufdringlich werden kann, ist hier von einer unprätentiösen Lockerheit, in der sich Geist und Anschaulichkeit treffen, von einer Leichtigkeit, die von jener kalifornischen Atmosphäre inspiriert scheint, in der sich Walser selbst - wie sein Protagonist -einst wie neugeboren fühlte. Eine frische Bildlichkeit verrät das Wiedererwachen der Sinne: »Ãober drei Brücken hinweg sah man den Pazifik, der der Sonne gerade das Bett machte«. Unter den Studenten, die nach dem Unterricht aus dem Campus »quellen«, fesseln ihn die Mädchen mit ihrer Lebendigkeit und ihren »an die Blusen klopfenden« Brüsten. Als die immer noch an dem treulosen Freund Traugott hängende Tochter Lena dessen Verhalten mit nachgebeteten tiefenpsychologischen Erklärungen zu entschuldigen versucht, bricht es aus ihm heraus: »Dieses Psychologengeschwätz. Dieses unerlebte, unerlebbare, unlebendige Nichtsalsvokabular!« Halm hat nur Augen für die sinnliche Gegenwart.
      Ein Glanzstück der Abschweifung ist die Nacherzählung des Romans »Inspiration Inn« von Carols Mann, dem Schriftsteller Kirk Elrod. Ein aus dem Kanton St. Gallen eingewanderter Vermessungsgehilfe namens Frey, der immer sein »Schweizer Liederbüchlein« bei sich trägt, hört von der nördlich von San Francisco auf einem Felsen liegenden mysteriösen Wirtschaft »Inspiration Inn«, die von einer uralten »Swiss Lady« betrieben werde und die jeder kalifornische Schweizer einmal besucht haben müsse. Frey fährt einen »karussellhaft kurvigen Weg« hinauf, muß das letzte Stück klettern, findet das Lokal in einer Felsnische und in ihm die Wirtin, eine dürre Alte, die sich Gret nennt. Und sie erzählt ihrem einzigen Gast nun die Geschichte der schweizerischen Familie Stäbler-Sülzer, deren Vorfahren anno 1765 mit der »Chance« in Amerika landeten. In dieser wahrhaft abenteuerlich-bizarren Story, bei der Frey am Ende in der Wirtin Gret einen verkleideten Mann vermutet, gibt Walser der Erzählphantasie mäch-tig die Sporen, so daß Gasthausname und Titel »Inspiration Inn« in allem gerechtfertigt sind.
      Die Story ordnet sich ins Ganze des Romans »Brandung« dadurch ein, daß sie das Thema der Einwanderung, des Seßhaftwerdens und einer bleibenden Bindung zum Land der Herkunft arabeskenhaft umspielt. Anders als Mersjohann und manche seiner Kollegen, die, aus Europa kommend, in Amerika Fuß gefaßt haben, ist Halm nur Gast, aber er genießt den Dispens von Europa, von Deutschland, er fühlt sich vom Druck der heimischen Verhältnisse entlastet, er ist ein Einwanderer auf Zeit.
      Walser verbindet in »Brandung« Formstrenge im Sinne klassischen Erzählens mit lockerer Nutzung moderner Erzählmittel, etwa durch Abwandlung des inneren Monologs durch den inneren Dialog einer Ich- und einer Er-Person, aber eben so, daß sich die Modernität des Erzählens nie selbst ausstellt, daß sie nie inszeniert wirkt. Am Ende des Romans kehrt Halm in die alten Verhältnisse zurück, aber das formbewußte Erzählen Walsers zeigt auch die Fäden der Verknüpfung von Anfang und Ende. Bei allem Aufschwung, aller Euphorie wird den in Kalifornien Neugeborenen doch die Schwerkraft der alten Existenz zurückholen.
      Eines der Lebensziele Halms war es, sich in der geistigen Welt mit einem Buch über Nietzsche zu profilieren. Er hat keinen Verleger gefunden. An der Washington University erwartet man als einzige nicht nur pädagogische, sondern auch wissenschaftliche Leistung einen Vortrag über Heine. Mehrfach wechselt er bei der Vorbereitung das Thema. Und als der Veranstaltungstag herangekommen, der Beifall für den vorhergehenden Gesangsvortrag von Liedern Heines und Schumanns verrauscht und er ans Pult getreten ist, bekommt er Atembeschwerden und bricht zusammen. Dieser Kollaps ist mehr als ein momentaner Schwächeanfall, er ist die Antwort des Körpers auf geistiges Versagen. Im Scheitern sind Mersjohann und Halm Halbbrüder, auch wenn die Gastdozentur in den USA Halm in Stuttgart offenbar neues Ansehen eingebracht hat. Kiderlen, der frühere Widersacher, nach dem Tod des Direktors jetzt Leiter des Gymnasiums, versichert, sich auf die Zusammenarbeit mit ihm zu freuen. »Ach, Sabine«, sagt Halm, »mir bleibt nichts anderes übrig, als mich auf die Schule zu freuen.« Das hat den Ton der Resignation.
      Einen letzten Schub gab solcher Resignation ein Brief Carol Elrods aus Oakland, mit einem Zeitungsausschnitt, einem Unfallbericht: Der Wagen mit Frau Webb und Glenn Birdsell, die an der Steilküste des Pazifischen Ozeans, dicht am Abgrund, zum Sigthseeing parkten, ist bei aufgeweichtem Boden ins Rutschen gekommen und den Felsen hinabgestürzt; keiner von beiden hat den Unfall überlebt. Diese Nachricht wird »das Quellengebiet der Träume« Halms erreichen. So ist die Geschichte eines unvergeßlichen kalifornischen Herbstes das Gegenteil eines gefälligen, in Rosa getauchten und vom Happy-End gesalbten >Sommermärchens

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