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Marcel Beyer: »Flughunde« (I995) - Exempel des Sprachmißbrauchs



Die Kinderliebe und die Menschenverachtung des Propagandaministers

Ein Zitat aus den Tagebüchern von Hitlers Propagandaminister, Joseph Goebbels' fast sentimentales Bekenntnis der Vaterliebe, dient als Vorspruch des Romans: »Ich höre die süßen Stimmchen,/die mir das Liebste auf der Welt sind./Welch ein Schatz, welch ein Besitz!/Gott erhalte ihn mir!« . Dieses Motto hängt nicht in der Luft, es steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem, wovon Marcel Beyer in seinem Roman »Flughunde« erzählt - von den letzten Lebensjahren der Goebbelsschen Kinder und ihrer Tötung im Berliner Führerbunker am 1. Mai 1945, von der Instrumentalisierung der Sprache durch die Propaganda und von Experimenten mit menschlichen Stimmen.
      Als ich den jungen Marcel Beyer bei einer Kölner »Literaturnacht« zum erstenmal hörte, las er Gedichte, die Sprachspiele und Sprachexerzitien zugleich waren. Nach dem Erscheinen des Romans fragte ich mich: Marcel Beyer und die Geschichte des »Dritten Reiches«, experimentelle Lyrik und Historie, kann das zusammengehen? Der Roman selbst gibt eine überzeugende Antwort. Den Durchbruch als Schriftsteller verdankte Beyer seinem 1991 erschienenen Roman »Das Menschenfleisch«, einem Balanceakt zwischen Verleiblichung der Sprache und Versprachlichung des Körpers: die Liebesbeziehung zweier Menschen als »unaufhörlicher Spracherwerb aneinander«.
      Der Roman »Flughunde« verzichtet auf die Selbstreflexion der Sprache nicht. Sie ergibt sich aus der Tätigkeit des einen Erzählers, des Akustikers und Lautforschers Karnau, der neue Möglichkeiten der Phonologie und der Phonographie erprobt. Der Roman setzt ein mit dem Bericht über die Vorbereitungen für eine politische Veranstaltung auf dem Sportfeld, während des Zweiten Weltkriegs.
      »Es herrscht eine seltsame Akustik. Allein hier vorn am Rednerpult braucht es sechs Mikrophone: Vier für die Lautsprecherblöcke, welche aus jeder Himmelsrichtung auf das Gelände ausgerichtet werden. Eins dient zum Auffangen von Sonderfrequenzen. Während der Ansprache wird es fortwährend austariert, um bestimmte Effekte der Stimmführung hervor-zuheben. Das sechste Mikrophon wird an einen kleinen Lautsprecher unter dem Pult hier angeschlossen, der dem Redner zur Eigenkontrolle dient.
      Und zusätzlich werden im Radius von einem Meter weitere Schallempfänger installiert, um einen angemessenen Raumklang zu erzeugen. Sie anzubringen ist eine Kunst für sich. Im Blumenschmuck werden sie versteckt und hinter den Fähnchen postiert, damit das Publikum sie von unten nicht entdecken kann.«
Zum Leitmotiv des Romans werden Tiere, die ein Freund Karnaus aus Madagaskar mitgebracht hat, die fledermausartigen Flughunde, Tiere mit einem außerordentlichen Hörsinn. Karnau betreibt seine Studien der Stimme und des Gehörs mit Leidenschaft. Der Roman »Flughunde« als Gegenstück zu Patrick Süskinds Roman »Das Parfüm« , der Geschichte vom Dämon des Geruchssinns? Beyers Buch meidet das Reißerische, obwohl auch hier - im Umkreis der Hauptfigur - Forscherbesessenheit vor dem Verbrecherischen nicht zurückschreckt.
      Der Name Karnaus und ein biographisches Detail sind von einer historischen Person übernommen, von jenem Wachmann im Führerbunker, der den Westalliierten als erster den Tod Hitlers bezeugte. Beyers Karnau erregt durch seine Verbesserung der akustischen Anlagen bei Massenveranstaltungen die Aufmerksamkeit des Propagandaministers und kommt mit der Familie, zumal den Kindern, in engeren Kontakt. Zweite Erzählerfigur ist Goebbels' älteste - anfangs achtjährige - Tochter Helga. So entwickelt sich der Roman im ständigen Wechsel zweier Stimmen und zweier Perspektiven.
      Der Bericht der Erzählerin setzt ein nach der Geburt der letzten Schwester, nachdem also das Stabreim-Sextett der Goebbelsschen Kinder vollzählig ist. Kindersprache und Kinderperspektive sind bei einem Autor mit hochgradiger Sprachreflexion ein kritischer Punkt. Auch wäre, für sich genommen, die Sicht der Tochter auf einen Vater, der zwar die Mutter mit Künstlerinnen betrügt, aber um die Kinder rührend besorgt ist, eine ärgerliche Zumutung an den Leser. Man muß den Mann, der noch in den letzten Wochen seines Lebens Hunderttausende mit seiner Rhetorik in den sicheren Tod trieb, nicht im Groteskstil des Grand Guignol darstellen, aber wir wünschen uns ihn auch nicht verniedlicht.
      Wenn die Perspektive und damit die Welt des Kindes »unbeschädigt« bleibt, so entläßt Beyer sie doch nicht aus dem historischen Umfeld. Den Zusammenhang stellt er aber nicht mit den Mitteln des historischen Romans her. Vielmehr umschnürt er die Bilder einer anfangs noch »heilen* und luxuriösen Kindheit, zumal in der Villa in Berlin-Schwanenwerder, mit dem Grauen, das von den Schmerzlauten der Opfer Hitlerscher Politik und von skrupellosen Experimenten mit der menschlichen Stimme ausgeht. Beyer macht jenen Organ- und Sinnesbereich, in dem der erste Propagandist des Reiches seine diabolische Meisterschaft entfaltet, zum Gegenstand eines erbarmungslos enthüllenden Erzählens. Er setzt der Goebbelsschen Familienidylle ein Inferno der Stimm- und Sprachmanipulation entgegen.
      Karnau legt eine »Karte aller Stimmfärbungen« an, trägt eine Lautsammlung zusammen, mit der die ganze hörbare Welt erfaßt werden soll. Er meldet sich freiwillig zum »Entwelschungsdienst« im Elsaß, wo Straßenschilder aus den Fassungen geschraubt, französische durch deutsche Namen ersetzt, Werbeschriften übertüncht, Ortskennzeichen gewechselt und Bibliotheken durchforstet werden. Die Eindeutschungs- und Umschulungsarbeit kommt auf Hochtouren. Die Bücherverbrennung vom Mai 1933 wird neu inszeniert:
»Auf allen Stirnen Flammenschein, die Fackelträger stehen im Strahlenkranz, und auf ein Kommando legen sie die Lunten an. Jetzt lodern überall die Scheiterhaufen auf, Großbrand auf sämtlichen Plätzen, bald Nachtleuchten über der gesamten Stadt. Das Sprachgut wird nun abgefackelt. Knisternde Wörterbücher und Romane, Kochbücher, Heftchenliteratur, benzingetränkt. Jedes französische Buch, auch Ãobersetzungen, wo immer sie sich dingfest haben machen lassen in Straßburg und Umgebung. [...] Das zündelt. Abseits des prasselnden Papierhaufens sind Silhouetten von Gestalten zu erkennen, die braten aufgespießte Kartoffeln. Der Schweiß wird aus der Stirn gestrichen. Die Weinprobe im Feuerschein, es wird angestoßen.«
Karnau geht an die Front, nicht nur um feindliche Funksprüche abzufangen und mitzuschneiden, sondern auch um Laute der Kämpfenden und der Sterbenden auf Band oder Schallplatte zu bannen.
      »Parallelschaltung: Die Stoßseufzer in ganz verschiedenen Tonfärbungen, das Ã"chzen, Gurgeln, das Erbrechen in Dreck und Finsternis. Klangfarben, in denen sich Dunkelheit in mehreren Schichten abgelagert hat und die aus dem Dunkel ihrer Umgebung heraus entstanden sind. Jetzt kehren sie zurück an ihren Ursprung, die Sterbenden, da sie die Stimme nicht mehr halten können und sich die Schreie einen Weg bahnen nach draußen. Nur noch animalische Töne, sie werden jetzt nicht mehr geformt im Kehlkopf, und werden nicht gedämpft im Hals, sie erfüllen den gesamten Rachenraum. Und Lippen, Zunge, Zähne können diese ungewollten Laute auch nicht mehr im Zaum halten, aufhalten und zum Verstummen bringen noch im Mund. Welch ein Geschehen. Welch ein Panorama.«
In dieser Beschreibung einer Akustik des Sterbens ist Bayers Erzählsprache auf einem ihrer Höhepunkte. Sie bannt zugleich die zynische Kälte des dokumentierenden Wissenschaftlers und die schreckliche Rückkehr zum Urschrei.
      Karnau wird mitschuldig. Man holt ihn zu einer Gruppe, in der Ã"rzte unter Bedingungen, wie sie auch aus Konzentrationslagern bekannt geworden sind, Operationen an Versuchspersonen vornehmen. Menschen werden verstümmelt, bis nur noch »Rasseln aus versteppter Kehle« dringt. Am Ende sind die »Forschungen« gescheitert; nicht Stimmfehler sind behoben, sondern Stimmen gelöscht, Menschenleben vernichtet worden.
      Wie eine Stimme der hochtourigen verführerischen Rede klingt, was sie bewirkt, darüber berichtet Helga Goebbels aus der Sicht kindlicher Bewunderung, aber auch Ungeduld. Die Kinder sind bei Goebbels' berühmter Sportpalast-Rede nach dem Fall von Stalingrad, bei der Aufpeitschung zum »totalen Krieg« dabei.
      »Jetzt ist Papa bei: fünftens. Jetzt sechstens. Wieviele Fragen will Papa noch stellen? Und immer wieder schreien die Zuhörer aus vollem Hals ihr Ja als Antwort. Das Kreischen soll endlich aufhören, es ist so furchtbar laut, mir platzen bald die Trommelfelle.
      Und siebtens. Achtens. Neuntens. Der Boden bebt vom Füßetrampeln, Arme fuchteln in der Luft. Zuhörer stellen sich auf die Stühle, so daß wir Kinder nichts mehr sehen können. Papa, sei bitte bald mit deiner Rede fertig, kein Mensch kann das noch lange ertragen. Der Hals schnürt sich. Das Blut pocht in den Schläfen.«
Dies ist ein anderes Schnüren im Hals als das bei den Sterbenden. Und Marcel Beyer verschränkt die beiden Erzählperspektiven so ineinander, daß Helgas Bericht über das frenetische Ja-Geschrei der aufgeputschten Massen und Karnaus ungewollte Enthüllungen über die Experimente mit menschlichen Stimmen sich wechselseitig kommentieren.
      Was als psychologischer Bruch erscheinen könnte, die Unvereinbarkeit zweier Charaktere - des braven Freundes der sechs Kinder und des besessenen, in menschenschinderische Versuchspraktiken verstrickten Lautforschers - ist vom Kunstprinzip des Romans her keineswegs widersprüchlich. Es wiederholt nur die Goebbelssche Schizophrenie: den Gegensatz zwischen der abgöttischen Kinderliebe, wie sie schon das Motto, der Tagebucheintrag, dokumentiert, und die Menschenverachtung des demagogischen Einpeitschers.
      Das Schlußdrittel des Romans umkreist mit Berichten und Vermutungen die Vorgänge der letzten Tage im Berliner Führerbunker, in den die Familie Goebbels geflohen ist. Hier werden die Erzählpartien Karnaus und Helgas ergänzt durch Aufnahmen aus einem Schallarchiv, das man im Juli 1992 in einem Dresdner Keller fand. Zu der Variante der alten erzählerischen Archivfiktion treten Aussagen von Personen, die den körperlichen und den geistigen Verfall Hitlers und seinen Tod bezeugen, auch die Tötung der Kinder Goebbels' vor dem Selbstmord der Eltern. Daß verschiedene Versionen und Hypothesen zur Todesart der Kinder einander entgegenstehen, verunklärt die erzählerische Darstellung nicht, sondern intensiviert und versachlicht sie. So wird Rührung, als mögliche Wirkung des erzählerischen Motivs, unterbunden. Dem dient auch die medizinische Fachsprache bei der Obduktion der Leiche Helgas.
      Anschaulich wird in Beyers Roman, wie sich politischer Zynismus mit einer >heilen< privaten Sphäre zu salvieren versucht und sie doch in die Katastrophe mit hineinreißt. Dabei hält der Autor sich in Distanz zum historischen wie zum realistischen Roman, ohne einige ihrer Elemente zu verschmähen. Er schmilzt sie in eine Form ein, die das Instrument des mächtigen politischen Propagandisten Goebbels, die menschliche Sprache und Stimme und die technischen Medien ihrer Vermittlung und Speicherung zu einem Hauptsujet des Romans macht. So werden -um mit Siegfried Lenz zu sprechen - »imaginäre Geschichtsschreibung« und Sprachreflexion in einen kunstvollen und fesselnden erzählerischen Zusammenhang gebracht.
      Auf historischer Fährte bleibt Beyer im Roman »Spione« , der die Situation des »Deutschen Herbstes« in den siebziger Jahren, die mit den Attentaten der »RAF« entstandene Bereitschaft zu Mißtrauen und Verdächtigung wieder vergegenwärtigt. Die artistische Darstellung beschwört eine Atmosphäre der allgemeinen Verunsicherung nicht zuletzt dadurch, daß sie Erzähltes selbst immer wieder in Frage stellt und damit Mißtrauen gegen sich hervorruft. Mit beiden Romanen hat sich Marcel Beyer endgültig in die erste Reihe der jüngeren deutschsprachigen Romanautoren gestellt.

     

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