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Jurek Becker: »Jakob der Lügner« (I969) - Ein Ghetto-Roman



Mutspender Lüge

Im Ghetto ist Jakob Heyms Radio zu sagenhafter Bekanntheit gekommen. Gerade hat er im Keller des Hauses seiner kleinen Pflegetochter, der Waise Lina, die unbedingt einmal das versteckte Radio hören wollte, in stetem Wechsel der Stimmlage das Interview eines Reporters mit dem britischen Premierminister Winston Churchill vorgespielt, vorgetäuscht. Lina, auf der anderen Seite der Wand, ist sehr wißbegierig und sehr mißtrauisch, so daß Jakobs Improvisationstalent gefordert war. »Ein Fingernagel schnipst gegen den Eimer, so stellt man Radio ab, Jakob wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ein bißchen mager das Interview, denkt er, und ein bißchen über Linas Kopf hinweg, aber man ist, das ändert sich leider nie, kein Scho-lem Alejchem an Erfindungsgabe«.
      Der Erzähler, dessen Name an dieser Stelle in Jurek Beckers Roman »Jakob der Lügner« fällt, ist neben Mendele Mojcher Storim, Jizchoc Lejb Pe-rez und Jizchak Katzenelson , einer der bedeutendsten Vertreter der modernen jiddischen Literatur. Scholem Alejchem , 1859 im ukrainischen Perejaslew bei Kiew geboren, wurde zum unübertroffenen humoristischen Erzähler in jiddischer Sprache. Sein Roman »Tewje der Milchiger« ging in der Musical-Bearbeitung »The Fiddler on the Roof« von 1964 an über die Bühnen der Welt. Sein Ruhm in der jüdischen Bevölkerung war so groß, daß nach seinem Tod in New York, im Jahr 1916, hunderttausend Menschen seinem Sarg gefolgt sein sollen.
      Zu seinen bekanntesten Prosastücken zählen die »Ajsbangeschichtaß« . Fast alle spielen im Schtetl, dem Mittelpunkt des jüdischen Lebens in den früheren Westprovinzen Rußlands. Immer überwiegt das Atmosphärische jüdischen Zusammenlebens. Allerdings macht Scholem Alejchem zugleich schon die Bruchstelle im Traditionszusammenhang kenntlich: eine wachsende Assimilationsbereitschaft der Juden, eine Abkehr von den orthodoxen Glaubens- und Verhaltensregeln. Andererseits registrieren die zwischen 1903 und 1911 entstandenen Erzählungen auch schon die zunehmende öffentliche Unduldsamkeit gegen die Minderheit. Die Pogrome, die Scholem Alejchem in seinem Werk schildert, sind schon Feuerzeichen für jene Gaskammern und Verbrennungsöfen, denen seine Generation noch entgehen konnte.
      Jakob Heym gehört jenen jüdischen Generationen an, die vom Hitlerregime in die Ghettos und Vernichtungslager getrieben wurden. Der 1937 geborene Autor selbst, Jurek Becker, durchlitt schon als Kind die Schrecken der Haft, seit März 1940 im abgeriegelten Ghetto von Lodz, seit Februar 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück. So schwelen unter der erfundenen Handlung des Ghetto-Romans authentische eigene Kindheitserfahrungen. Dennoch liest sich der Roman nicht wie ein einziges Schreckens-Szenario. Der Erzähler schaut dem Lebensalltag im Ghetto auch Situationen der Komik, des Aberwitzes, des lächerlichen Widersinns ab; er entwickelt einen Galgenhumor, der nichts verharmlost, aber das Leid jüdischer Menschen auch nicht zum Martyrium von Engeln erhebt. Er zeigt die Täuschungsanfälligkeit, die Neigung zum Selbstbetrug, einen Ãoberlebenswillen, der so unbändig ist, daß er auch komisch-abstruse Verrenkungen macht; er stellt die ins Ghetto Verbannten in ihrer Bedingtheit, als menschliche, allzu menschliche Wesen dar.
      Und hier wird die Bewunderung des Erzählers für die Erfindungsgabe Scholem Alejchems, selbst in der Bescheidenheitsformel noch, zum versteckten Hinweis auf ein Vorbild. Becker stellt sich in die Tradition jiddischen Geschichtenerzählens, wenn auch nicht in jiddischer Sprache. Immer wieder werden »alte Geschichten« aufgewärmt. »Wir wollen ein bißchen schwätzen, wie es sich für eine ordentliche Geschichte gehört, laßt mir die kleine Freude, ohne ein Schwätzchen ist alles so elend und traurig.« Oft wickelt sich eine Geschichte aus der anderen heraus. Der Erzähler berichtet mit Witz und Ironie, selten mit satirischem Zynismus. Er ist auch zur Selbstironie fähig - etwa wenn er seine Erzählung abbricht, weil an dieser Stelle sein Gewährsmann eingeschlafen sei.
      Manchmal sogar verselbständigt sich die Selbstreflexion des Erzählers, so in seinem augenzwinkernden Bekenntnis, für die Wahrheit alles Erzählten nicht einstehen zu können. »Ich sage mir, so und so muß es ungefähr gewesen sein«. Hauptbürge ist der - inzwischen tote, also in Zweifelsfällen nicht mehr zu befragende - Jakob Heym, die Hauptfigur des Romans. »Die Wahrscheinlichkeit«, sagt der Erzähler, der sich als Mitbewohner des Ghettos zu erkennen gegeben hat, »ist für mich nicht ausschlaggebend, es ist unwahrscheinlich, daß ausgerechnet ich noch am Leben bin. Viel wichtiger ist, daß ich finde, so könnte oder sollte es sich zugetragen haben«. Das Spiel mit dem Leser, das Eingeständnis von Fiktionen und das Bestehen auf der Autorität des Erzählers, nicht der äußerlichen Authentizität des Berichteten, läßt den Erzähler gerade nicht als unglaubwürdig, sondern als Dichter vertrauenswürdig erscheinen. Das Spiel der Selbstreflexion hilft aber auch jene ästhetische Distanz herstellen, die den Roman zu mehr macht als zur Simulation einer Tatsachen-Darstellung.
      Im Ghetto haben die deutschen Wachmannschaften alle Rundfunkapparate beschlagnahmt; für widersetzliches Radiohören sind strenge Strafen angedroht. Daß Jakob Heym in den Ruf gerät, als einziger Jude im Ghetto noch ein Radiogerät zu besitzen - dieses Auslösungsmoment der Romanhandlung verdankt sich eher einem Zufall. Eines Abends wird Jakob von einem Wachposten im Scheinwerferlicht festgehalten und angerufen. Dem sich langweilenden Posten ist nach einer Schikane zumute; er beschuldigt Jahob, die Sperrstunde verletzt zu haben, und befiehlt ihm, sich im nahen Revier zu melden und den Wachhabenden um eine »gerechte Strafe« zu »bitten«. Vom Scheinwerfer verfolgt, betritt Jakob das Haus, von dem man sagt, daß aus ihm noch kein lebender Jude wieder herausgekommen sei. Doch Jakob trifft einen schlafenden Wachhabenden an, der, aufgewacht, mit einem Blick zur Uhr Jakobs Unschuld feststellt und ihn gehen läßt. Das Entscheidende hat sich jedoch einen Moment zuvor ereignet. Jakob hört im Radio des Reviers den Wehrmachtsbericht aus dem deutschen Hauptquartier und dabei diese Nachricht: »In einer erbitterten Abwehrschlacht gelang es unseren heldenhaft kämpfenden Truppen, den bolschewistischen Angriff zwanzig Kilometer vor Bezanika zum Stehen zubringen«.
      Bezanika wird schon bald im Ghetto als Zauberwort kursieren. Zwar meint Jakob zu wissen, daß Bezanika etwa vier- oder fünfhundert Kilometer in südöstlicher Richtung liegt, aber das Gute an der Meldung ist das Eingeständnis der erbitterten Abwehrschlacht. Jakob kommt mit einem Triumphgefühl nach Hause, das er weitervermitteln will. »Freut euch, Brüder, werdet verrückt vor Freude, die Russen sind zwanzig Kilometer vor Bezanika, wenn euch das was sagt!«
Aber die Verbreitung der Hoffnungsbotschaft hat einen argen Widerhaken. Gibt Jakob zu, die Meldung im Revier gehört zu haben, kann er leicht in Verdacht geraten, ein Spitzel der SS zu sein. Die Befürchtung bewahrheitet sich schon beim ersten, den er während der Arbeit auf dem Güterbahnhof einweiht: seinen jungen Freund Mischa. Jakob erkennt, daß er sich mit seiner frohen Botschaft in eine Falle hineingeredet hat, und befreit sich mit einer Lüge, einer Notlüge. Er berichtigt sich: »Ich habe ein Radio!«
Damit tritt er eine Lawine los. Nun ist die Nachricht unverdächtig und darf weiterkolportiert werden. Zu ausgehungert nach guten Nachrichten sind die Ghettobewohner, um das Hoffnungswort Bezanika nicht begierig aufzugreifen. Jeder empfängt die Information unter dem Siegel der Verschwiegenheit und gibt sie sofort unter derselben Bedingung weiter. Wie ein Lebenselixier wirkt die Nachricht, deren geheimer Appell lautet: »Hört auf, euch das Leben zu nehmen, bald werdet ihr es wieder brauchen.« Den Verzweifelten erscheint Jakob wie ein »Auserwählter«, wie ein »Mann, der eine direkte Leitung zum lieben Gott hat«. Die Fata Morgana einer Befreiung durch die Russen läßt einen ganz neuen Ãoberlebenswillen aufflammen; wer schon aufzugeben bereit war, schöpft neuen Mut. Die Hoffnungsbotschaft wirkt wie eine Droge; »die Selbstmordziffern sinken auf Null«.
      Der Verkünder vermeintlicher baldiger Freiheit aber gerät unter einen peinvollen Zugzwang. Das Ghetto lechzt nach neuen mutmachenden Meldungen. Und die kunstvolle erzählerische Dramaturgie Jurek Beckers baut nun ein dynamisches Wechsel- und Widerspiel von vorwärtstreibenden, verzögernden und hemmenden Momenten auf. Angst beschleicht Jakob: Spitzel könnten ihn als Radiobesitzer bei der Gestapo denunzieren. Das Drängen seiner Freunde und Arbeitskollegen zwingt Jakob, neue Meldungen vom Kriegsschauplatz zu erfinden.
      Dann verschafft ihm ein mehrtägiger Stromausfall in einigen Straßenzügen des Ghettos eine Atempause. Doch nun droht die Existenz seines Radios zweifelhaft zu werden. Der Apparat soll zu Jakobs altem Freund, dem Friseur Kowalski, gebracht werden. Aber dessen Angst begräbt den Plan. Nachdem ein deutscher Suchtrupp die Ursache der Störung entdeckt und die Stromleitung repariert hat, sieht sich Jakob wieder zu seinen Lügen genötigt. Doch hat ihn der Defekt auf einen Einfall gebracht: »Das Radio ist kaputt.« Auch diese Ausflucht würde ihm auf die Dauer nichts nützen, denn Kowalski macht im Ghetto einen Rundfunkmechaniker ausfindig. Aber bevor ihn der Fachmann in die Enge treiben könnte, ereignet sich am Bahnhof etwas, was Jakob vorzeitig in seine Rolle als Nachrichten- und Trostspender zurückkehren läßt.
      Am Güterbahnhof bemerkt Herschel Schtamm, einer der Strenggläubigen im Ghetto, auf einem Abstellgleis einen unscheinbaren Waggon, aus dem man menschliche Stimmen hört. Er versucht den Eingesperrten Mut zuzusprechen und wird von einem Posten erschossen. Keiner zweifelt daran, daß dieser Wagen für den Transport in ein Vernichtungslager bestimmt ist. Dieses Vorkommnis, sagt sich Jakob, schwächt die Hoffnung aller. So müssen die Radionachrichten neuerlichen Depressionen zuvorkommen. Und Jakob wird nun einfallsreich im Erfinden von Einzelheiten der Kampfhandlungen bis zu einer Vernichtungsschlacht an der Rudna. Eines Tages aber stellt ihn Professor Kirschbaum, der gerade die kleine kranke Lina ärztlich betreut, wegen der Verbreitung falscher Nachrichten zur Rede, verweist auf die Gefahr eines Eingreifens und Durchgreifens der Gestapo. Jakob entwaffnet das Argument mit einer statistischen Zahl: seit dem Kursieren der Nachrichten habe sich im Ghetto niemand mehr das Leben genommen. Es liegt eine tragische Ironie darin, daß gerade dieser Professor Kirschbaum, vor der Ghettozeit Chefarzt im Krakauer Krankenhaus und ein berühmter Herzspezialist, als erster wieder Selbstmord begeht. Als man ihn zu Hardthoff, dem Gestapochef des Ghettos fährt, der einen schweren Herzanfall erlitten hat, entzieht er sich durch Gifttabletten der schmählichen erzwungenen Hilfeleistung.
      Mit der Entdeckung des Transportwaggons, der Erschießung Herschel Schtams und dem selbstgewählten Tod Kirschbaums bricht die Romanhandlung endgültig um in einen verhängnisvollen Verlauf. Bis hierhin teilt der Erzähler, trotz der düsteren, menschenunwürdigen Rahmensituation, mit dem Erzähler in den Geschichten eines Scholem Alejchem immer wieder die Haltung des ironischen Fabulierens. Noch wirkt manchmal die Kommunikation der Eingesperrten im Ghetto wie die der Bewohner des jüdischen Schtetl. Jakob, der Hoffnungsspender und Engel des Ghettos, ist doch auch die menschenfreundliche Spielart eines Lügenbarons. Mit dem Helden, besser Antihelden des europäischen Schelmen- oder pikarischen Romans verbindet ihn die Naivität und Schlauheit, aus einem Dasein auf unterster sozialer Stufe mit nicht immer ganz »sauberen« Mitteln das Bestmögliche zu machen. Ja, er entwickelt sogar etwas von der Ãoberlebenskunst des listigen Schwejk.
      Bis hierhin auch zeigt der Roman, wie in der Elendssituation des Ghettos menschliche Lebenstriebe und Tatkraft nicht oder doch nicht ganz ver kümmern. Die nicht reibungslose Freundschaft zwischen Jakob Heym, in dessen kleinem Lokal der leicht verfressene Friseur einst umsonst seine Kartoffelpuffer bekam, und Kowalski, der seinen Freund umsonst rasierte und frisierte, setzt sich im Ghetto fort, und zwar mit allen Komplikationen. Die Arbeit am Güterbahnhof steht nicht nur unter dem Damoklesschwert plötzlicher Gewalt der Wachmannschaften, sie bietet auch Gelegenheit, Wachsoldaten an der Nase herumzuführen, Gelegenheit sogar zu einer drastisch-komischen Szene. Ein Hauch des Idyllischen umgibt zunächst die Liebesgeschichte zwischen Jakobs jungem Freund Mischa und Frankfurters Tochter Rosa. In der Mischform von erlebter Rede und innerem Monolog wird eine weit zurückliegende Geschichte des verspielten Glücks, der verpaßten Ehe aus der Erinnerung Jakobs erzählt: sein Liebesverhältnis zur Uhrmacherswitwe Josefa Litvin, die er allzu lange hingehalten hat. Und eine wahre Insel heimlicher Menschlichkeit schafft sich Jakob mit seiner Fürsorge für Lina, deren Eltern vor einigen Jahren deportiert worden sind. Da er ein fremdes Kind nicht beherbergen darf, verbirgt er es tagsüber auf dem Boden, muß aber nach der Rückkehr von der Arbeit Mutter und Vater zugleich ersetzen, die Wißbegierde des Mädchens und ihren Anspruch an sein Erzähltalent befriedigen. So haben auch kindliche Phantasie und Märchen ihren Platz im Ghettoroman.
      Der Absturz aus einem Zwischenzustand, aus dem Erdulden schikanöser Freiheitsberaubung in die endgültige Katastrophe, deren Vorzeichen sich häufen, beginnt mit der Zusammentreibung der Bewohner eines Ghettobezirks und ihres Abmarsches zum Abtransport in ein Vernichtungslager. Rosa, von Mischa bei der Rückkehr aus der Fabrik zurückgehalten, muß von einem Fenster aus ansehen, wie der Zug vorbeizieht, in dem ihre Eltern mitgehen. Ein Lastwagen mit Uniformierten holt die Schwester von Professor Kirschbaum ab; man nimmt sie in »Sippenhaft«. Zwar versucht Jakob das Geschehen noch zum Beweis für die Panik der Deutschen umzudeuten, aber er fühlt, daß er als Hoffnungsspender, als Lügner, an seine Grenze gekommen ist, und bekennt seinem alten Freund, nie ein Radio besessen zu haben. Die Begegnung mit der Wahrheit übersteht Kowalski nicht; er erhängt sich.
      Als sich Jakob Vorwürfe macht, schaltet sich der Erzähler ein und beruhigt ihn: »Nicht du bist schuld an Kowalskis Tod, sondern er hatte es dir zuverdanken, daß er bis zu diesem Tage gelebt hat.« Jakobs Antwort: Er findet sein Radio »wieder«. Aber der Erzähler bricht hier seinen Bericht ab und stellt zum Schein zwei Möglichkeiten des Romanschlusses zur Wahl. Im ersten, »erfundenen« Schluß verzichtet Jakob aufsein Geständnis, so daß Kowalski weiterlebt. Jakob verbreitet seine Radionachrichten wie zuvor. Dann macht er einen Fluchtversuch, dessen Motive sich der Leser ausdenken darf; er läuft nachts am Stacheldraht in die tödliche Salve einer Maschinenpistole. Die Ironie des Schlusses: Der scheinbar Bestinformierte, der Radiobesitzer, entpuppt sich als der Nichtinformierte. Denn am anderen Morgen befreit die Rote Armee die Juden aus dem Ghetto.
      Diesem phantasievollen, auf eine Pointe zulaufenden Romanschluß stellt der Erzähler das, wie er sagt, »blaßwangige und verdrießliche, das wirkliche und einfallslose Ende« entgegen, das in Wahrheit das denkbar grausamste ist. Am verschlossenen Bahnhofstor findet Jakob eine Benachrichtigung vor, daß sich alle pünktlich um dreizehn Uhr vor dem Revier mit höchstens fünf Kilogramm Gepäck zu versammeln haben. Die Hinzukommenden sehen ihn an »wie geprellte Gläubiger«. Zu Hause löst seine Nachricht, daß sie verreisen werden, bei Lina Freudensprünge aus. Während der »Reise« befindet sich der Erzähler mit im Waggon. Lina bedrängt Jakob mit Fragen zum Märchen von der »kranken Prinzessin«, die sich eine Wolke wünscht, um wieder gesund zu werden. Schmerzhafter kann nichts sein als die grelle Dissonanz zwischen einem glücklichen Märchenschluß und der Fahrt ins Vernichtungslager.
      In der Geschichte von »Jakob dem Lügner« verbirgt sich eine Parabel, die in einer offenen Frage mündet. Ist es erlaubt, Menschen in einer existentiellen Grenzsituation wissentlich falsch zu informieren, um ihre Daseinshoffnung, ihren Lebenswillen aufzurichten, zu stärken und damit erst ihr Ãoberleben zu sichern? Ã"rzte können leicht in das Dilemma dieser Frage geraten, zumal wenn der Patient hartnäckig nach der ganzen Wahrheit verlangt. Doch ist dieses Dilemma - in abgeschwächter Form - ein Grundproblem zwischenmenschlicher Beziehungen überhaupt. Das dosierte, nicht-egoistische »Lügen« kann Akt der bloßen Höflichkeit, aber auch der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sein.
      Der historische Kern des Romans »Jakob der Lügner« verbietet jedoch die vorschnelle parabelhafte Abstraktion vom konkreten Geschehen. Auch darf die ironische, teilweise sogar humoristische Erzählweise nicht als Verharmlosung der Wirklichkeit des Ghettos mißverstanden werden. Der Romanschluß läßt an der Monstrosität der sogenannten »Endlösung« kei-nen Zweifel. Und schon zuvor blendet der Erzähler, der den Holocaust überstanden hat, im Vorgriff eine Szene der Nachkriegszeit ein.
      Er hat die Adresse eines der beiden SS-Männer, die den Professor Kirschbaum aus dem Ghetto abholten, auf einer russischen Kommandantur erfahren und besucht nun den Untergebenen des ehemaligen Gestapochefs. Preuß wohnt in West-Berlin, in Schöneberg. Er empfängt den unerwarteten Gast freundlich, erbleicht aber bei der Frage, ob er für den Kommandanten Hardtloff gearbeitet habe und ihm helfen könne, eine Wissenslücke zu schließen. Preuß sucht sofort nach seiner Entnazifizierungsurkunde und legt sie vor. Dann beschreibt er willig, »lückenlos und plastisch« die damalige Fahrt und die Einzelheiten der Selbstvergiftung Kirschbaums. Beim Abschied begegnet ihm die Frau von Preuß mit ihren beiden Kindern, die artig die Hand geben, Knicks und Diener machen und »Auf Wiedersehen, Onkel« sagen. Draußen holt Preuß tief Luft und breitet die Arme aus: »Es wird wieder Mai.«
Die Atmosphäre der Wohlgeordnetheit, Korrektheit und des Wohlbefindens im Hause Preuß wird auf dem Hintergrund der >Korrektheit

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