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Joseph Roth: »Radetzkymarsch« (I932) - Ein episches Requiem



Das Ende der Vielvölker-Monarchie

Den jungen Robert Musil drillte man fünf Jahre lang in den Militärerziehungsanstalten von Eisenstadt und Mährisch-Weißkirchen, Rainer Maria Rilke fünf Jahre lang in der Kadettenschule St. Polten und der militärischen Oberrealschule Mährisch-Weißkirchen; Carl Joseph von Trotta, Hauptfigur in Joseph Roths Roman »Radetzkymarsch«, durchläuft die Kavalleriekadettenschule in Mährisch-Weißkirchen. In der späteren Garnison wird Leutnant von Trotta, eines falschen Verdachts wegen, Anlaß eines Duells zwischen seinem Freund, dem jüdischen Regimentsarzt, und einem Rittmeister, dessen Beleidigung in der siebenmaligen Wiederholung des Schmährufs »Jud!« gipfelt. Beide Kontrahenten töten einander im Duell. Hätte der Rittmeister überlebt, hätte Trotta ihn fordern müssen. Gegen die Verlautbarung des Regiments-Kommandeurs, daß die beiden Duellanten für die Ehre des Regiments den Soldatentod gefunden hätten, stellt der Vater des getöteten Arztes sein lakonisches Wort vom Unzeitgemäßen dieses Ehrenkodex.

      Schon in seiner berühmten Novelle »Leutnant Gustl« hatte Arthur Schnitzler im inneren Monolog der Hauptfigur das Dilemma solcher Ehrauffassung gezeigt: das Problem der Beleidigung durch einen nicht-satisfaktionsfähigen Bürger sowie die Hohlheit der Duell-Konvention und der Lebensgewohnheiten eines Offiziersstandes, dem im langen Frieden seit dem Krieg von 1866 das Bewußtsein vom Sinn seines Daseins immer mehr abhanden kommt und der diesen Verlust durch äußerliche Forschheit und öde Vergnügungen kompensiert. So verknüpfen ähnliche Erfahrungen und Beobachtungen Biographien und Werke österreichischer Erzähler aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.
      Joseph Roths »Radetzkymarsch« ist der Roman vom Niedergang und Untergang des Habsburgerreiches. Als Sohn jüdischer Eltern 1894 im Osten der Donaumonarchie, in Schwabenhof geboren, als Student von Lemberg nach Wien gekommen, war Roth kein Oppositioneller des Kaiserreichs. Er zog 1916 als Freiwilliger in den Krieg und kam als Fähnrich in russische Gefangenschaft. Wenn aber der nach 1918 in Wien, Berlin und Frankfurt am Main und als Reiseberichterstatter wirkende Journalist nach 1933, während der Emigrationszeit in Ã-sterreich und Frankreich, zum Anwalt einer Wiederherstellung des Habsburgerreiches wurde, plante er doch bei der Entstehung des Romans »Radetzkymarsch« keine re-staurative Verherrlichung des an seinen inneren und historischen Widersprüchen zugrunde gegangenen Kaiserreichs. Immerhin ist das elegische Vorwort zu bedenken, das Roth dem Vorabdruck des Romans in der »Frankfurter Zeitung« mitgibt:
»Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein, ein Ã-sterreicher und ein Deutscher unter allen österreichischen Völkern. Ich habe die Tugenden und die Vorzüge dieses Vaterlandes geliebt, und ich liebe heute, da es verstorben und verloren ist, auch noch seine Fehler und seine Schwächen. Deren hatte es viele. Es hat sie durch seinen Tod gebüßt. Es ist fast unmittelbar aus der Operettenvorstellung in das schaurige Theater des Weltkiegs gegangen. [...]«
Die Darstellung ist Liebeserklärung und Distanzierung zugleich. Verfährt sie zunächst nach dem Wahlspruch, daß man über Tote nichts als Gutes sagen sollte, so enthüllt sie doch bald das Unwirkliche, Scheinhafte einer Existenz, die aus der Operettenseligkeit in die Hölle jenes Untergangs gestoßen wird, den Joseph Roths Wiener Mentor Karl Kraus in seinem apokalyptischen Drama »Die letzten Tage der Menschheit« in grotesk-satirischer Zuspitzung beschrieben hat.
      Der Roman spiegelt Glanz und Untergang des Habsburgerreiches in einer exemplarischen Familiengeschichte. Dem jungen Kaiser Franz Joseph I. rettet in der Schlacht von Solferino , im Krieg Sardiniens und Frankreichs gegen Ã-sterreich, der Leutnant Joseph Trotta, ein Slowene aus dem Dorf Sipolje, durch eine beherzte Reaktion das Leben. Der Kaiser belohnt ihn durch die Beförderung zum Hauptmann, mit der höchsten Auszeichnung, dem Maria-Theresia-Orden, und durch die Verleihung des Adels. Der aus slowenischem Bauerngeschlecht stammende Trotta ist aber ein Querkopf, und als er seine Tat im Lesebuch für Schulen in glorioser Verfälschung als überhöhende Legende wiederfindet, hört er so lange nicht auf zu protestieren, bis der Kaiser selbst ihn empfängt und beruhigt. Er wird in den Freiherrenstand erhoben, mit einer Geldsumme aus der Privatschatulle des Kaisers beschenkt; und die lügenhafte Geschichte von der Rettungstat verschwindet aus den Lesebüchern der Monarchie. In der Armee indes, aus der Trotta als Major entlassen wird, erhält sich die Erinnerung an den »Helden von Solferino« lebendig.
      Der Held selbst aber bleibt verbittert und verfugt, daß sein Sohn kein aktiver Soldat werden dürfe. Sohn Franz schlägt die Verwaltungslaufbahn ein und wirkt schließlich als Bezirkshauptmann in einer mährischen Stadt. Für ihn ist es Ehrensache, daß der Enkel das ruhmreiche Erbe des Großvaters antritt und wieder Offizier wird. So schickt er seinen Sohn Carl Joseph auf die Kadettenschule, obwohl sich früh zeigt, daß der Enkel nicht aus dem Holz des Helden von Solferino geschnitzt ist.
      Zu einer musikalischen Erkennungsmelodie des Vielvölkerstaats wird im Roman der beliebte Militärmarsch der Monarchie, der Radetzky-marsch. Immer wieder läßt mit diesem Symbol der Erzähler den militärischen Traditionskult der Monarchie gegenwärtig werden. Am feiertäglichen Vormittag, wenn der Kadett die Sommerferien bei seinem Vater verbringt, klingt der Marsch vom Vorplatz des Amtshauses zur Wohnung herauf. Wenn die Offiziere des Ulanenregiments abends, vom Kasino kommend, das Bordell der Frau Horvath betreten, beginnt der Klavierspieler sofort den Radetzkymarsch zu klimpern. Als Leutnant von Trotta beim Einsatz gegen streikende Arbeiter einem Zug des Jägerbataillons Schießbefehl erteilt hat, aber selbst von einem Wurfgeschoß verwundet worden ist und sich von einer Gehirnhautentzündung erholt, erinnert ihn beim Wiederlesen von Büchern, die ihm sein Vater zur Pflichtlektüre gemacht hatte, jede Zeile an die Sommerferien des Kadetten, an die Sonntagvormittage und an den Marsch, mit dem die Kapelle immer ihr Platzkonzert eröffnete. Ins Sommerfest des Dragonerregiments im Schloß des polnischen Grafen Chojnicki, unweit der russischen Grenze, platzt die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers, und pötzlich brechen die mühsam verdeckten Gegensätze, ja Feindschaften zwischen den Völkern der Donaumonarchie auf, als ein ungarischer Rittmeister das explosive Wort wagt, daß er und seine Landsleute »froh sein können, wenn das Schwein hin is«. Dem jungen Trotta wird ein oft geträumtes Ereignis Wirklichkeit: »Das Vaterland der Trottas zerfiel und zersplitterte.« Und nun, im Gedanken an zu Hause, wird die Erkennungsmelodie geradezu eine Identifikationsmelodie: »Jeden Sonntag spielte die Kapelle des Herrn Newald den Radetzkymarsch. Einmal in der Woche, am Sonntag, war Ã-sterreich.«
Durch die Welt der Trottas geht ein scharfer Riß mit dem Tod des Dieners, dessen Eigen- und Vornamen man nicht mehr kennt, weil ihm der Held von Solferino den Namen Jaques gegeben hat, worunter ihn danndie drei Generationen der Freiherren von Trotta rufen. Jaques bleibt bis zuletzt ein Mann der Pflichterfüllung und des Gehorsams. Immerhin ist er neben dem jungen Trotta, dessen Mutter früh verstarb, der einzige, für den der Bezirkshauptmann eine gnädige Bemerkung bereithält. Bei der Hausdame und Wirtschafterin, Fräulein Hirschwitz, einer nach längerem Deutschlandaufenthalt Hochdeutsch sprechenden Dame, verschwendet der Bezirkshauptmann kein überflüssiges Wort in seinem näselnden österreichischen Deutsch der höheren Beamten und des kleinen Adels. Pflichtschuldige Treue ist so sehr zu Jaques' zweiter Natur geworden, daß er sich noch von seinem Todesbett erhebt, um nicht das Putzen der »Reihe militärisch geordneter Stiefelpaare« zu versäumen.
      Gleiche bedingungslose Hingabe an den Vorgesetzten kennzeichnet Leutnant Trottas Offiziersburschen Onufrig, einen ukrainischen Bauern, der, um die Schuldenlast seines Herrn zu erleichtern, die viereinhalb Morgen seines Besitzes beleiht. Die äußerste Unterwürfigkeit aber verlangt sich der Gendarmeriewachtmeister der mährischen Bezirkshauptstadt, Slama, ab. Der junge Trotta betrügt ihn mit seiner Frau, die schwanger wird und im Kindbett stirbt. Bei seinem nächsten Aufenthalt in der Stadt folgt Trotta dem Wunsch des Vaters und macht dem Wachtmeister einen Kondolenzbesuch. Slama überreicht ihm das Päckchen seiner Liebesbriefe an die Frau: »Bitte um Entschuldigung! Der Herr Bezirkshauptmann hat's angeordnet. Ich hab's damals gleich hingebracht. Der Herr Bezirkshauptmann hat's überflogen und gesagt, ich soll's persönlich übergeben!« Mit einem »Herzlichen Dank!« verabschiedet sich der junge Freiherr vom Untergebenen des Vaters. Nichts verrät einen inneren Tumult des gehörnten Ehemanns. Die Standesgrenzen und die strikten Gesetze des Herr-Diener-Verhältnisses, wie sie in den Haltungen Jaques', des Burschen und des Wachtmeisters sichtbar werden, sind ein unersetzliches Element jener Ordnung, die das monarchische System des Habsburgerreiches zusammenhält.
      Der Bezirkshauptmann, der die Offizierslaufbahn nicht wählen durfte, residiert in der Amtsstube. Sein Vater hat dem Kaiser das Leben gerettet, er ist der Statthalter des Kaisers im mährischen Bezirk und will auch wie sein Abbild erscheinen. Sein Backenbart gleicht dem des Kaisers Franz Joseph, und im Laufe der Dienstjahre wird er in Haltung und Aussehen seinem obersten Dienstherrn immer ähnlicher. Seine bitterste und schönste Stunde ist gekommen, als er der hohen Schulden des Sohns wegen den Kaiser um eine Audienz und um Hilfe bitten muß, die Franz Joseph gnädiggewährt. Der inzwischen alt gewordene und »wie sein eigenes Grabmal versteinerte« Bezirkshauptmann besiegelt seine Treue, wenn er auf die Nachricht vom Sterben des Kaisers hin zum Schloß Schönbrunn in Wien eilt und den Schloßplatz erst verläßt, als die Totenglocken zu dröhnen beginnen.
      Doch tritt ein starkes Mißverhältnis zwischen dem Helden von Solfe-rino und seinem Sohn zutage. Es ist, auf eine Formel gebracht, das Mißverhältnis zwischen dem Haudegen und dem Pedanten. Alles, was dem Retter des Kaisers als hohe soldatische Tugend angerechnet wird, verknöchert bei seinem Sohn zu bloßer Korrektheit. Die Prinzipien zur Erziehung seines Sohns übertragen das seelenlose Reglement der Kadettenschulen in die Familie. Seine Fragen zu den Leistungen des Schülers in der Anstalt sind von inquisitorischer Unerbittlichkeit und erzeugen Angst. Ein starrer, rein äußerlicher Wissenskanon wird abgefragt, Buchstabengläubigkeit beherrscht seine stundenlangen häuslichen Examina. Bei jeder Gelegenheit schlägt der Kadett vor seinem Vater wie bei einem Vorgesetzten die Hakken zusammen. Mit puppenhaft-mechanischem, angedrilltem Respekt begegnet er der Autorität des Vaters, und nichts ist seiner Sprache so geläufig wie das «Ja, Papa« und das »Nein, Papa«. Die Beziehungen sind bis zum äußersten formalisiert. Ihren Kokon wirft die Vaterliebe erst ab, als es die Ehre des Sohns zu retten gilt.
      Erfüllt der Ruhm des Helden von Solferino den Bezirkshauptmann mit Stolz, so empfindet ihn sein Sohn eher als Last. »Man lebte im Schatten des Großvaters! Das war es! Man war ein Enkel des Helden von Solferino, der einzige Enkel. Man fühlte den dunklen, rätselhaften Blick des Großvaters im Nacken!« Die Protektion, die dieser Enkel überall genießt, die von Franz Joseph selbst verfügte Hilfeleistung - der vom Großvater gerettete Kaiser rettet den Enkel! -, sie haben ihre Kehrseite in den hohen Erwartungen, denen dieser Enkel nicht gewachsen ist. Ein Abstieg gibt sich schon am Wechsel der Waffengattungen zu erkennen. Der Absolvent der Kavalleriekadettenschule wird standesgemäß bei der Ausmusterung den Ulanen zugeteilt. Die indirekte Mitschuld am Duell des Freundes nötigt ihn, das Regiment zu verlassen. Er wählt die Infanterie, ein Jägerbataillon; er nimmt zwar das Statussymbol des Kavalleristen, das Pferd, mit, aber hat am Reiten keinerlei Freude. In ihrem Elitebewußtsein können sich zwar die Infanterieoffiziere mit den Ulanenoffizieren kaum messen, wohl aber in ihrer Anmaßung, ihrer Langeweile und deshalb ihrer Vergnügungssucht. Nachdem Trotta aus Gutmütigkeit, Unerfahrenheit und Leichtfertigkeit ineine üble Schuldenaffäre eines Bataillonskameraden, eines haltlosen Spielers, verstrickt worden ist, nimmt er seinen Abschied - freilich nicht für lange: Der Kriegsausbruch zwingt ihn, die Uniform wieder anzuziehen und zu seinem Bataillon zurückzukehren.
      Die Verhältnisse im Offizierskorps sind deshalb von so großer Bedeutung, weil die Armee die wichtigste der Säulen ist, auf denen die kaiserlich-königliche Monarchie ruht. Im langen Frieden haben die Offiziere gelernt, die Tatenlosigkeit ihres Daseins durch arrogantes Gehabe wettzumachen. »Der Leutnant Kindermann war überzeugt, daß die »Zivilisten« minderwertige Wesen waren.« Aber es grassiert auch ein Selbstgefühl der Dekadenz. »Unsere Großväter haben uns nicht viel Kraft hinterlassen«, resümiert der Regimentsarzt, auf den das Duell wartet. Der Schachfreund des Bezirkshauptmanns bringt das Dilemma der Generationsgenossen des Leutnants Trotta auf den Punkt: »Ein junger Offizier unserer Armee kann mit seinem Beruf nicht zufrieden sein, wenn er nachdenkt. Seine Sehnsucht muß der Krieg sein. Er weiß aber, daß der Krieg das Ende der Monarchie ist.« Und der sonst geradsinnige und starre Bezirkshauptmann, den der Sohn um Hilfe anfleht, kommt zu der schmerzlichen Einsicht: »Die Zeit ist schuld! Die Grenzgarnison ist schuld! Du bist schuld! Dein Sohn ist aufrichtig und edel! Nur schwach ist er leider!«
Und wie sieht der Erzähler die Verkörperung der auf den Untergang zusteuernden Vielvölker-Monarchie, den Kaiser selbst? Das Vorwort Roths zum Vorabdruck des Romans in der »Frankfurter Zeitung« beugt der Befürchtung vor, einer der wohlfeilen, beliebt gewordenen Karikaturen Franz Josephs zu begegnen. Es gilt auch hier, wie im Ganzen des Romans, die distanzierte Objektivität, die nicht bestochen wird durch die Trauer dessen, der in der universalistischen Monarchie »ein Patriot und ein Weltbürger zugleich« sein konnte. Beim alten Kaiser mehren sich die Symptome der Vergreisung. Ein gewisses österreichisches >Laisser-faire< verstärkt sich noch. Aber ein Charakterzug, den man dem deutschen kaiserlichen Bundesgenossen und Rivalen, dem forschen Wilhelm IL, gewiß nicht zuschreiben würde, zeichnet ihn aus: Güte. Er ist weder mit Scharfsinn noch mit der Gabe blendender Konversation gesegnet; er ist ein kaiserlicher Sklave des Protokolls und der Ratgeber. Züge der Komik lassen sich nicht übersehen - exemplarisch dafür eine Szene aus dem letzten Manöver vor dem Ausbruch des Kriegs. Am Schluß mustert der Kaiser seine Regimenter, und ihm fällt ein kränklich aussehender Offizier auf. Als er dessen Namen, Leutnant von Trotta, hört, beginnt in seiner Erinnerungetwas zu dämmern, aber ihm verschwimmen die Zeiten - er hält den Leutnant für den Sohn des Helden von Solferino. Für einen Augenblick erweitert sich die Szene zum Bild für die Situation der Monarchie: ein der Zeit schon entrückender Kaiser und der bloße Schatten des tapferen Offiziers von einst. Und nun, im Defekt oder Mißgeschick des Körperlichen, die komische Pointe, mit der zugleich der zweite Teil des Romans schließt: Des Kaisers »Augen sahen wieder, wie gewöhnlich, in die Ferne. Dabei bemerkte er nicht, daß an seiner Nase ein glasklarer Tropfen erschien und daß alle Welt gebannt auf diesen Tropfen starrte, der endlich, endlich in den dichten, silbernen Schnurrbart fiel und sich dort unsichtbar einbettete.«
Allerdings ist es dann doch nicht das versöhnliche, aber doch despektierliche Urteil leichter Komik, das in den Kaiser-Szenen das letzte Wort hat. Der »Epilog« des Romans führt ins Sterbezimmer Franz Josephs. Dem Schluß seiner Beichte fügt der Kaiser Sätze an, die der Priester schon nicht mehr hört: »Der Krieg ist auch eine Sünde« und »Schluß machen!«
Zu dieser Zeit ist Leutnant Trotta schon längst nicht mehr unter den Lebenden. Der Tod des Enkels der Symbolfigur, in den ersten Kriegstagen des Jahres 1914, erscheint wie ein Menetekel für den Untergang des Reiches. Es ist kein gänzlich freudloses Dasein, aus dem Trotta gerissen wird. Er hat sich kopflos in die Affäre mit der verheirateten Frau von Taußig gestürzt und die berauschende Liebe kennen gelernt. Und auf zweifache Weise knüpft sein kurzes Leben noch einmal an die Vergangenheit der Familie an. Nach seinem Abschied aus dem Offiziersdienst bewohnt der Zivilist Trotta mit einem Förster ein kleines Haus des Grafen Chojnicki. Seine Arbeit für die Verwaltung des Gutes und des Schlosses erlaubt es ihm, Forstwirtschaft, Landwirtschaft und die Bewohner und Gebräuche des Landes zu studieren. Es ist, als kehrte Trotta in die Welt seiner Vorfahren im slowenischen Sipolje zurück. Dann klebt an den Wänden der Kriegsaufruf des Kaisers: »An meine Völker!«
Und nun kommt die Bewährungsprobe Trottas als schwacher und dennoch würdiger Enkel des Helden von Solferino. Am dritten Tag seines Kriegseinsatzes an der russischen Grenze wird das Bataillon, nach dem Einbruch der Kosaken, zum Rückzug gezwungen. Der Krieg hat schon mit Standgerichten und Erhängungen eine schreckliche Spur hinterlassen. Leutnant Trotta findet drei tote Gehenkte und beerdigt sie. Ãoberall vergiften Leichen die Brunnen. Der Durst quält Offiziere wie Mannschaften. Auf dem Bahndamm entdecken die Männer einen Brunnen und eilen,trotz feindlichen Gewehrfeuers, auf ihn zu. Das Kommando des Leutnants holt sie zurück. Er selbst geht mit zwei Eimern hinauf. In den feindlichen Schüssen meint er die Takte des Radetzkymarsches zu hören. Und als er mit zwei vollen Gefäßen zurückgehen will, trifft ihn der tödliche Schuß.
      Dies ist eine selbstlose Tat wie die des Helden von Solferino, aber keine spektakuläre und keine fürstlich belohnte. Er setzt sein Leben in einer waghalsigen Tat für Untergebene, ukrainische Bauern, ein. Hat ihn auch der geheime Wunsch zu sterben dazu getrieben? Der Erzähler läßt es offen. Es bleibt der große Unterschied zum Handeln des Helden von Solferino. Nicht der Loyalität zum kaiserlichen, obersten Kriegsherrn entspringt die Tat, sondern der Solidarität mit den Soldaten. Etwas von der großen geistig-politischen Wende, die der Weltkrieg herbeiführt, ein Vorschein der Republik, der Demokratie, wetterleuchtet in dieser Tat.
      Ein kunstvoll erzählter Roman, der Geschichte nicht dokumentiert, sondern ganz in die Fiktion überführt, der sich weder der Stoffhörigkeit des historischen noch der des Zeit-Romans unterwirft. Nicht dichterischer Historiograph ist der Autor, obwohl einige historische Gestalten auftreten, sondern Erzähler von Ereignissen, Handlungen und Figurenkonstellationen, die eine ganz eigene Welt bilden, gleichwohl aber Erfahrungen und Mentalitätsströmungen, Strukturen und Prozesse einer Geschichtsepoche einfangen. Roth erzählt in einer Sprache, die durch den Stil der Jounalistik und der Neuen Sachlichkeit hindurchgegangen und zugleich zu einer objektiven und plastischen Prosa gefiltert ist. Zwischen Roths Roman »Hiob« , der Geschichte des »gottesfürchtigen« und »alltäglichen« Juden Mendel Singer, einem Gleichnis von den Heimsuchungen und der Würde des Ostjudentums, und Roths Roman »Die Kapuzinergruft« , dem Zeugnis seines Einschwenkens auf den habs-burgischen restaurativen Legitimismus, liegt als Gipfelpunkt »Der Radetzkymarsch«, der epische Nachruf auf die Idee eines universalen Reichs, die epische Grabrede auf einen morsch gewordenen Vielvölkerstaat.
     

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