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Herta Müller: »Der Fuchs war damals schon der Jäger« (I992) - Protokoll eines Seelenterrors



Die Maulwurfsgänge des Sicherheitsdienstes

Immer zwingender geworden ist die Einsicht, daß das 20. Jahrhundert auch das Zeitalter einer neuen Art von Völkerwanderung geworden war. Abermillionen von Menschen wechselten als Deportierte oder Vertriebene, in Flüchtlingsheeren oder in Gruppen illegaler Grenzgänger, als Einwanderer oder Asylsuchende die Länder oder sind in der Welt zwischen den Ländern noch unterwegs. Unter ihnen bilden die ins Exil getriebenen und die ausgebürgerten, die ihre Ausreise erkämpfenden und die fliehenden Schriftsteller eine Minderheit, aber eine ausgezeichnete: Sie schreiben mit an der Chronik des vielfachen Exodus.

      Was bringen sie außer dem dürftigen Gepäck mit ins neue Land? »Und in der Nacht«, so schreibt Herta Müller, im Jahre 1987 aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland gekommen, »muß ich wie Schlaf das mitgebrachte Land in dichten und genauen Bildern durch den Körper treiben«. Das mitgebrachte Land! Es läßt sich nicht abschütteln, meldet sich mit Macht zurück. Es hat sich für immer festgesetzt, in der Erinnerung, in den Träumen, im Daseinsgefühl: »Und was ich noch spür auf der Haut wie Erschauern, das ist das blühende Kraut auf den Wiesen Rumäniens.«
Doch bedrängt dieses »mitgebrachte Land« die Gegenwart auch als Trauma, durch die Wundmale, die es hinterlassen hat. Das Außenseiter-tum der Nachkommen eingewanderter »Schwaben«, aber auch ihre Selbstausgrenzung durch den Kodex deutscher Tugenden und Sitten, die Komplizenschaft der Elterngeneration mit den Eroberungsgelüsten Hitlers, die Einschüchterungen und Ã"ngste im Ãoberwachungsstaat, in der Diktatur Ceaucescus - diese Erfahrungen sind bei Herta Müller, offenbar tiefer als bei Schriftstellern ähnlicher Herkunft, dem Unterbewußtsein und dem Gedächtnis eingebrannt. Es sind Erfahrungen der Person, an denen allgemeine Geschichtserfahrungen der Zeit aufscheinen.
      Die Zentren einer Literatur sind nicht immer die Orte ihrer Verjüngung. Oft vollzieht sich ihre Auffrischung von den Rändern her. Die Grenznähe, der Selbstbehauptungszwang stimuliert. In der überreifen Donaumonarchie, im Spannungsfeld verschiedener Sprachen und Literaturen, entwickelte sich eine besondere Sprachsensibilität, und der bedeutende Beitrag des Prager Judentums zur deutschen Literatur des Jahrhunderts erklärt sich auch aus seiner Rand- und Insellage. In der rumänischen, ehemals österreichischen Bukowina, in Czernowitz, wuchs Paul Celan auf, dem die deutsche Lyrik nach dem Zweiten Weltkrieg so entscheidende Innovationen verdankt. Und Siebenbürgen und das Banat sind eine achtbare Provinz unserer Literaturgeschichte geworden durch Autoren wie Franz Hodjak und Rolf Bossert, Richard Wagner, Werner Söllner und Eginald Schlattner - und eben Herta Müller.
      Was Herta Müllers ersten in Deutschland erschienenen Prosaband »Niederungen« zum Ereignis machte, hat mit ihrer Herkunft aus dieser Provinz unmittelbar zu tun. Landschaften, Provinzen spiegeln sich niemals nur im Werk eines einzigen Autors, aber oft zieht ein einziger Schriftsteller die Spiegelungen wie in einem Brennpunkt zusammen. Wir quittieren solches Verdienst, indem wir beispielsweise von Theodor Fontanes Mark Brandenburg sprechen. Etwas Ã"hnliches gilt auch für Herta Müllers Bild des Banat. Zwar hat die Autorin gesagt, sie halte nichts von der Magie der Landschaften, ihre Wahrnehmung sei erfunden. Dennoch wird das Erfundene durch die Anschauung verbürgt, und »das Schreiben vollzieht sich in Bildern«. Die Darstellung heftet sich unmittelbar an landschaftliche Erscheinungen und übersetzt sie mit ihrer ganzen Sinnlichkeit in die Wörter. Zugleich aber nimmt die Sprache Phantasie- und Metaphernanstöße der Landschaft auf und hebt von der sinnlichen Erfahrung ab, so daß ein ganz eigenes poetisches Geflecht aus konkreter und übertragener Bildlichkeit entsteht. »Weiter im Tal, im grauen Puder der Feldwege stehen Hagebutten und haben Sonnenstich in ihren roten Köpfen. Und die Schlehen nebenan bleiben blau und kühl.«
Ist die Grenzlage oft günstiger Boden eines forcierten Bewußtseins nationaler Besonderheit oder gar Ãoberlegenheit, so das Leben in der Enklave erst recht. Nach einem Beispiel der Verführungskraft solcher Ãoberlegenheitsideologie brauchte Herta Müller nicht zu suchen, es stand leibhaftig vor ihr in der Gestalt ihres Vaters: als Angehöriger der SS in russische Gefangenschaft gekommen, blieb er auch nach der Rückkehr »dem Geist der Truppe« in dumpfer Anhänglichkeit verbunden. Ein Onkel hatte studiert und war nationalsozialistischer »Dorfideologe« gewesen. Und schockiert hat die Enkelin das Wort des Großvaters: »Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, wäre hier Deutschland.«

Die Erlebnisse im Elternhaus gehen kontinuierlich in Herta Müllers Erfahrungen als rumänische Staatsbürgerin über. Der Staat trumpft auf in der Rolle des Ãobervaters, und spätestens während des Studiums der Germanistik und der Romanistik , dann während der Tätigkeit als Deutschlehrerin in Teme§war fühlt sie sich als Gefangene im Zwangssystem des kommunistischen Diktators Ceaus,escu. Dem ersten großen Rumänien-Roman gehen journalistische Skizzen voraus. Im Roman selbst, »Der Fuchs war damals schon der Jäger« , versteckt sich Selbsterfahrenes in der erzählerischen Fiktion.
      Schon der Prosatext »Niederungen« verwies mit seinen Sequenzen und Schnitten auf die Bildanordnung des Films. Der Roman nun basiert sogar auf einem Filmkonzept, auf dem Drehbuch eines Spielfilms, das die Autorin mit Harry Merkle schrieb. Und tatsächlich streift der Roman die Haut der Puppe, aus der er schlüpft, nicht ab; im temporeichen Wechsel folgen die kurzen Erzählabschnitte aufeinander wie Kameraeinstellungen.
      Dieser Kamerablick und der große Bildreichtum der Prosa Herta Müllers haben unmittelbar miteinander zu tun. In den »Gedanken zum Schreiben« heißt es: »Daß wir im Aufblitzen und Abtauchen leben, ich glaube, das zeigt am besten der Film. Seine Mittel sind die Bilder. Ich habe oft den Eindruck, alles besteht aus einzelnen Bildern. Auch das Schreiben vollzieht sich in Bildern.« Damit wäre also die Sehweise des Films und des filmhaften Schreibens eine angemessene künstlerische Optik auch für die Lebensstrategie, sich dauernder Beleuchtung, dauernder Aufmerksamkeit zu entziehen, sich nach Momenten der Selbstoffenbarung sofort wieder zu verschließen. Mag auch Herta Müllers Reflexion ins Allgemeine zielen, so trifft doch das Wort »Abtauchen« genau jene Verhaltensweise, in die sich in der Diktatur die Bewohner einüben. Oft reißt im Roman »Der Fuchs war damals schon der Jäger« die Kurzbelichtung filmhaften Schreibens Situationen nur an, die sich erst später aus dem Zusammenhang erschließen lassen; für den Augenblick entsteht Orientierungslosigkeit.
      So spielt der Roman in der Form aufsein Thema an: auf jene Verunsicherung aller, die in Rumänien ein Herrschaftsinstrument der Diktatur war. Die Bildführung ist eingestellt auf die beiden weiblichen Hauptfiguren, die Lehrerin Adina und ihre Freundin, die Fabrikarbeiterin Clara. Schlaglichter fallen auf den Lebensalltag in der Diktatur, auf die Autoritätsverhältnisse in einer Schule mit reglementiertem Unterricht, in das triste Grau einer Fabrik für Nachttöpfe und Wäscheklammern, auf die kleinen illegalen Selbsthilfeaktionen der Arbeiterinnen und Arbeiter, auf die verordnete Staatsbegeisterung und die Ã"chtung privater Freuden in einem Lande, in dem Polizisten den Hochzeitszug begleiten, ja Hochzeiten eigentlich gar nicht sein dürften, weil Versammlungen verboten sind.
      Von der ohnmächtigen, aber dann doch aus der passiven Opposition heraustretenden Wut der Untertanen erzählt Herta Müller am Ende des Romans in einer eindringlichen Parabel. Auf dem Marktplatz eines Dorfes steht ein Kettenkarussell. Obwohl Dieselöl knapp ist, bleibt das Karussell tagaus tagein in Betrieb, weil man vom Kartenerlös eine Straße bauen will. An einem kalten Winterabend kommen in zwei Wagen ein Grenzofffzier, hohe Parteifunktionäre und ihre Leibwächter ins Dorf. Die Betrunkenen bedrängen den Maschinisten, das Karussell anzuwerfen. Es sei nur für eine Fahrt Ã-l im Motor, dann werde das Karussell von selbst anhalten, sagt der Maschinist, läßt die Betrunkenen in die Sitze steigen und geht nach Haus. Doch das Karussell läuft, und die betrunkenen Vertreter der Staatsmacht fliegen die ganze Nacht; am Morgen hängen die Männer erfroren in den Sitzen. Niemand will ihr Schreien in der Nacht gehört haben.
      Was diese Parabel verschlüsselt, ist am Ende des Romans Wirklichkeit geworden: der Umsturz. Im Fernsehen sieht man den Hubschrauber, mit dem der Diktator entflieht . Ãoberall im Lande werden seine Bilder, die Ikonen des Unrechts-staates, von den Wänden gerissen. Und dennoch ist der Alptraum nicht vorüber. Die Funktionäre wechseln nur die Ã"mter. Die Entwürdigung der Menschen, die das System betrieb, die Zerstörung dessen, wodurch sie erst zur Person wurden, ist nicht wiedergutzumachen.
      Der Roman zeigt die Methode dieser Zerstörung. Lautlos beschleichen die Lauschorgane der Securitate die Menschen. Ãoberall können Mikrofone versteckt sein; wer Besuch empfängt, stellt am besten das Telefon in den Kühlschrank. Die Securitate treibt ihre Maulwurfsgänge in alle Lebensbereiche, unterhöhlt die persönlichsten Beziehungen. Pavel, der Geheimdienstoffizier, macht Clara zu seiner Geliebten, um leichter an sein Opfer, Adina, heranzukommen. Heimlich und nach und nach wird dem Fuchspelz der Lehrerin in ihrer Wohnung Stück für Stück abgeschnitten. Die Drohgesten treiben die Lehrerin schließlich in die Flucht, sie sucht Unterschlupf im Heimatdorf an der Grenze. Ceau§escus Tod erlaubt die Rückkehr in die Stadt, aus der sich Pavel, der Oberst der Securitate, inzwischen abgesetzt hat; sein Telefonanruf aus Wien kündigt Clara einen Boten an, der ihr einen Reisepaß bringen wird.
      Das ist die bittere Pointe eines bösen Spiels der Machenschaften und des seelischen Terrors, gegen das die gewöhnlichen Intrigenstücke unserer Literatur verblassen. Herta Müller legt den menschenverächterischen Zynismus des totalitären Regimes und seiner Schergen bloß, und noch sieht sie die Gefahr seines Weiterlebens unter neuer Tarnung nicht gebannt.
      Von der Unterminierung aller Lebensverhältnisse durch den Ãoberwachungsstaat handeln auch Erzählungen und Romane Hans Joachim Schäd-lichs und Wolfgang Hilbigs, die beide ihre historischen Lektionen in der DDR erhielten. Schädlich hat sogar einen makabren Betroffenheitsvorsprung, ist er doch jahrelang von seinem eigenen Bruder bespitzelt worden. Wo indessen Hilbig die Nähe des Allegorischen sucht und Schädlich spröde Gleichnishaftigkeit wählt, löst Herta Müller den Beispielfall nie aus seiner Verflochtenheit ins konkrete Dasein. Sie gibt ihm pralle Gegenwärtigkeit mit ihrer unvergleichlichen, wenn auch gelegentlich in wuchernde Metaphorik überschießenden Kraft der sinnlichen Veranschaulichung. Und entschiedener als Schädlich und Hilbig zeigt sie die Bodenlosigkeit, in die menschliches Vertrauen zum Mitmenschen gestürzt werden kann.
      Die Erfahrung, daß der Verdacht jegliches zwischenmenschliche Miteinander vergiften kann, ist offensichtlich Herta Müllers traumatische Grunderfahrung. Sie ist eine Erblast des »mitgebrachten Landes«, ein Thema, das literarisch nicht so leicht abzugelten war und seinen Anspruch noch einmal im Roman »Herztier« anmeldete. Hier wird die geliebte Freundin zu einem Mikrofon aus Fleisch und Blut, das die Securitate im Privatleben der Ich-Erzählerin, einer Ãobersetzerin, installiert. Noch nachdem die Ãobersetzerin hat ausreisen dürfen, ist die Freundin bei ihrem Deutschlandbesuch vom Geheimdienstoffizier auf sie angesetzt. Zwar überdauert die wechselseitige Sehnsucht die Aufdeckung des Verrats - noch der letzte Brief der sterbenden Tereza spricht von ihr -, doch so sehr denaturiert der Ãoberwachungsstaat die menschliche Person, daß Freundschaft, ja Liebe immer schon den Verrat miterwarten muß.
      So sehr denaturiert er die Entscheidungsfreiheit des Menschen, daß die Grenzen zwischen Mord und Selbstmord fließend werden. Eine Zimmergenossin der Erzählerin während ihrer Studentenzeit verstrickt sich so sehr in die Abhängigkeit von Partei- und Geheimdienstforderungen und vom Verlangen nach sexuellen Abenteuern, daß alles an ihr ins Zwielicht gerät, auch der Tod. Sie endet an einem Strick im Kleiderschrank der Erzählerin; die offizielle Verlautbarung: Selbstmord, bleibt bezweifelbar. Rätselhafte Tode dezimieren auch den Freundeskreis der Ãobersetzerin, eine Gruppe von Lehrern und einem Ingenieur, einen Kreis heimlicher, aber stets observierter und mehrfach verhörter Oppositioneller, die selbst nach der Ãobersiedlung in die Bundesrepublik von Rumänien aus noch mit Drohungen verfolgt werden. Einen findet man tot in einer Straße von Frankfurt am Main, einen anderen - vor der beantragten Ausreise - in seiner rumänischen Wohnung. Gerade indem Herta Müller dem Leser die Gewißheit darüber vorenthält, ob hier Selbstmord oder erzwungener Selbstmord, ob glatter oder getarnter Mord geschah, veranschaulicht sie die Strategie des Ãoberwachungsstaates, einen Zustand totaler Undurchschaubarkeit herzustellen, auch in der erzählerischen Form und deshalb mit doppelter Eindringlichkeit.
      Zwei zeitgeschichtliche Haupterscheinungen und -ereignisse sind es, zu deren literarischer Chronistin Herta Müller wird. Zum einen der Aufbruch nationaler Minderheiten, die dem Druck ihres Staates ausweichen und sich jener großen Wanderbewegung von Ausgebürgerten und Asylsuchenden anschließen, die das Jahrhundert kennzeichnet. Und zum anderen die Unterhöhlung aller zwischenmenschlichen Vertrauensverhältnisse durch die Sicherheitsdienste totalitärer Staaten, für die das Regime Ceau§escus eines der abschreckendsten Beispiele war. Herta Müller predigt keine Vergeltung, und sie verabscheut falsche Verdächtigung. Aber sie läßt sich auch als Anwalt der Opfer durch keine falsche Versöhnung bestechen. Sie tut das ihre, daß unser Geschichtsgedächtnis einen klaren Kopfbehält.
     

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