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Hermann Hesse: »Narziß und Goldmund« (I930) Ein Bildungsroman im historischen Gewand



Künstlertum - Berufung, nicht Beruf

Im April 1927, in dem Jahr, da »Der Steppenwolf« erscheint und die Arbeit an »Narziß und Goldmund« beginnt, ergeht in Basel ein merkwürdiges Gerichtsurteil. Die zweite, verhältnismäßig kurze Ehe Hermann Hesses mit der Sängerin Ruth Wenger wird geschieden. Hesses Bücher »Kurgast« und »Nürnberger Reise«, in denen er sich als Eremiten, Sonderling und schlaflosen Psychopathen darstelle, hätten die Unzumutbarkeit eines Zusammenlebens mit ihm bewiesen. Abgesehen von der windigen Beweiskraft literarischer Fiktionen war die Ehe mit dem übersensiblen und hypochondrischen, von Magen-, Darm- und Schlafstörungen geplagten und wegen seiner Depressionen psychoanalytischer Behandlung bedürftigen Dichter wohl wirklich ein Kreuz. Immerhin rettete Hesse seinen so oft am Abgrund stehenden Leib bis ins 86. Lebensjahr hinein. Und als die zweite Ehefrau ihn verließ, hielt sich die »Krankenschwester« schon bereit. Sie sollte viereinhalb Jahre später seine dritte Frau werden: die aus dem früheren österreichischen Kronland Bukowina, aus Czernowitz, einem Zentrum deutsch-jüdischer Kultur, stammende Ninon Ausländer.

      Das Bild vom hypochondrischen und fast immer unpäßlichen Dichter darf aber ein anderes Profil nicht verdecken: das des streitbaren Schriftstellers. Als Sohn eines pietistischen Missionspfarrers im württembergischen Calw geboren und von ihm zum Theologiestudium ausersehen, flieht Hesse aus dem Maulbronner Seminar, verschreibt sich als Buchhändlerlehrling der Literatur und wagt nach ersten eigenen Erfolgen den Schritt zum freien Schriftsteller. Schon wenige Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnt er, inzwischen in der Schweiz lebend, öffentlich gegen den Krieg zu protestieren, wird verleumdet, setzt aber seinen Protest handelnd fort durch sein Wirken im Roten Kreuz und in der deutschen Gefangenenfürsorge. Später verleumden die Kulturpolitiker des »Dritten Reichs« den Pazifisten erneut. 1946 wird ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.
      Zwischen den Polen der Hypersensibilität und des publizistischen Kampfgeistes spannt sich die dichterische Ausdrucksskala Hesses: eine neuromantische Einsamkeitsempfindung, eine die pietistische Religiosität des Elternhauses ersetzende Neigung zu indisch-östlichen Glaubens- und Weisheitslehren, ein antibürgerlicher Affekt und eine kultur- und zivilisationskritische Angriffslust.
      Alle diese Ausdruckshaltungen werfen einen Widerschein in den Roman »Der Steppenwolf«. Dem der kleinbürgerlichen Umwelt sich entziehenden Harry Haller helfen aus der »Not des Einsamen« die Besuche im »magischen Theater«, das ihn in die »unendliche Mannigfaltigkeit des Lebensspiels« einführt. Die »Schule des Humors« lehrt Mozarts Lachen, sie ist eine befreiende Rauschgiftorgie. Neben der fernöstlichen Philosophie hat gerade dieses Zufluchtsuchen im Drogenrausch zu der explosionsartigen Verbreitung des Hesseschen Werks in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, zum unmittelbaren Echo in der Hippie-Bewegung beigetragen.
      Das auf den »Steppenwolf« folgende Werk »Narziß und Goldmund«, das Hesse selbst zwar eine Erzählung nennt, das aber zu Recht - nicht nur seines mehr als zweihundertfünfzigseitigen Umfangs wegen - vom Herausgeber der Sämtlichen Werke unter die Romane Hesses eingeordnet wird, scheint von modernen Lebenshaltungen ganz abzurücken; es blendet in eine vorneuzeitliche Welt zurück. Während später Thomas Mann der Entlastung vom Zeitroman, genauer vom »Doktor Faustus« bedurfte und sich im Roman »Der Erwählte« einem mittelalterlichen, zumal von Hartmann von Aue überlieferten Stoff, der Gregorius-Legende, zuwandte, projiziert Hesse ein ihn bannendes Lebens-, Geistes- und Künstlerproblem in erfundene Figuren und in Lebensverhältnisse des Mittelalters.
      Hauptschauplatz im Anfangs- und im Schlußteil des Romans ist das Kloster Mariabronn. Hier zumindest verrät Namensähnlichkeit einen biographischen Bezug. Das Maulbronner protestantisch-theologische Seminar, das der junge Hesse vorzeitig verließ, hatte seinen Sitz in der Klosterschule der guterhaltenen Zisterzienserabtei Maulbronn. Aber nichts von den Beklemmungen und Qualen, die der Seminarschüler in den Mauern des Seminars durchlitt, überträgt sich in die Erzählung. Denn im Kloster Mariabronn, in der Klosterschule, lernen sich Narziß und Goldmund, der junge Lehrer und sein Schüler, kennen und werden verbunden zu einer lebenslangen Freundschaft, deren Spannung und Unverbrüchlichkeit auf der magnetischen wechselseitigen Anziehungskraft der Gegensätze beruht. Narziß ist einer jener zur theologisch-philosophischen Kontempla-tion und zur Spiritualität Berufenen, die sich in den mittelalterlichen Klöstern, den Schmieden des Geistes, ganz dieser Berufung hingeben konnten. Goldmund ist der zur Sinnenfreude und Weltzugewandtheit und zur Kunst Geborene.
      Diesen Gegensatz fühlte Hermann Hesse in sich selbst; man begegnet Variationen aber auch im Werk anderer Autoren der Zeit, bei Thomas Mann im Gegensatz von Geist und Leben oder Kunst und Leben; in der Lebensphilosophie von Ludwig Klages in der Widersacherschaft zwischen Geist und Leib/Seele, bei der Psychoanalyse in der Polarität von Prinzipien, die sich gegenseitig bedingen und unlösbar miteinander verknüpft sind. Die Verkörperung der Polarität von Geist und Kunst, von Logos und Eros, Askese und Sinnlichkeit in zwei selbständigen Figuren läuft auf eine Vereinseitigung hinaus und hätte bei Schriftstellern niederen Ranges wohl zu einem öden Schematismus geführt. Hesse unterläuft diese Gefahr, indem er die Freundschaft zwischen Narziß und Goldmund zur Liebe intensiviert - von »Liebe« ist, zumal bei Narziß, oft die Rede. So bindet Hesse die Polarität doch wieder in eine Art Ganzes zurück.
      Das Wort Liebe, von Narziß zum Freund Goldmund hin gesprochen, drückt eine Innigkeit der Beziehung aus, für die altdeutsche Anklänge in der Sprache der Erzählung auch das Verkleinerungswort bereitstellen. In solchen Diminutiva - wie etwa »Söhnlein«, »Tierchen« oder »Krüglein Wein« - hallt aber auch etwas von der Innigkeitssprache des Pietismus nach, die Hesse als Kind in seinem Elternhaus aufnahm; zu denken wäre an geistliche Lieder der Herrnhuter, an inbrünstige Gedichte des Grafen von Zinzendorf. Diese Diminutiv-Sprache allerdings bleibt Narziß fremd. Doch etwas anderes klingt in seinen freundschaftlichen Liebeserklärungen an: eine homoerotische Zuneigung.
      In einem Gespräch, in dem er seinen Freund über sein Selbst und ihre Verschiedenheit aufzuklären versucht und dabei, wie es Goldmund scheint, in eine »gewisse rednerische Selbstberauschung« gerät, kommt er auf den Punkt: »Du bist Künstler, ich bin Denker. Du schläfst an der Brust der Mutter, ich wache in der Wüste. Mir scheint die Sonne, dir scheinen Mond und Sterne, deine Träume sind von Mädchen, meine von Knaben [...]«Freilich ist hier die Erotik ins Geistige sublimiert. Der Erzähler stellt es von vornherein klar: »Ihm war alles Geist, auch die Liebe; es war ihm nicht gegeben, gedankenlos sich einer Anziehung anheimzugeben. Er war in dieser Freundschaft der führende Geist, und lange Zeit war er es allein, der Schicksal, Umfang und Sinn dieser Freundschaft erkannte. Lange Zeitblieb er einsam mitten im Lieben und wußte, daß der Freund ihm erst dann wirklich angehören werde, wenn er ihn zur Erkenntnis würde geführt haben.« So wird Erotik zum pädagogischen Eros.
      Als Lehrer folgt Narziß den Grundsätzen einer individuumsbezogenen Erziehung. Hesse näherte sich mit seinem Interesse an Fragen sinnvoller Erziehung pädagogischen Bestrebungen der zwanziger Jahre an, wie denen der Odenwaldschule und der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. An beiden hat der spätere Verleger Hesses, Peter Suhrkamp, eine Zeitlang gelehrt, von 1926 bis 1929 sogar als Pädagogischer Leiter in Wickersdorf. Das Ziel der schon 1908 gegründeten »Freien Schulgemeinde« umreißt der erste Jahresbericht: »Die Aufgabe der Schule ist, den Fortbestand dessen zu ermöglichen, was der Geist der Menschheit bisher erarbeitet hat«. Seine Entscheidung für Wickersdorf hat Suhrkamp später so begründet: »Ich mußte [...] etwas finden, was einerseits künstlerische Begabung voraussetzte und was doch pädagogische Begabung und praktisches Bedürfnis befriedigen konnte.«
Mit Narziß' Bemühen, seinen Freund auf den Weg der Selbstfindung zu führen, kehrt die Erzählung in die Bahn des deutschen Bildungsromans zurück, in die schon Hesses »Demian« eingeschert war - der Roman, in dem auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis bereits vorgebildet ist: Der erfahrene Freund Demian hilft dem jüngeren Emil Sinclair, sich aus den Fesseln einer brüchig gewordenen moralischen Ordnung zu befreien und auf die Suche nach dem »wahren« Selbst zu begeben. In vielfachen Abwandlungen durchdringen den Roman »Narziß und Goldmund« die Maximen des überlieferten Erziehungs- und Bildungsromans. Narziß erläutert seinen eigenen Lebensplan: »Das Ziel ist dies: mich immer dahin zu stellen, wo ich am besten dienen kann, wo meine Eigenschaften und Gaben den besten Boden, das größte Wirkungsfeld finden.« Noch deutlicher wird der Rat an den Freund: »Indem ein Mensch mit den ihm von der Natur gegebenen Gaben sich zu verwirklichen sucht, tut er das Höchste und einzig Sinnvolle, was er kann [...] Versuche nicht den Denker oder den Asketen nachzuahmen, sondern sei du selbst, suche dich selbst zu verwirklichen!«
Der etwas ledernen, mittlerweile auch abgeschliffenen Botschaft der Bildungsroman-Tradition steht aber eine modern anmutende Beratung des Freundes gegenüber. In ihr verrät sich Hesses Lektüre von Schriften Sigmund Freuds und C. G. Jungs. Narziß glaubt erkannt zu haben, daß Goldmund, schon bevor er ins Alter kam, »wo die Kämpfe mit dem Geschlechtstrieb beginnen«, seelenkrank war, weil er »einen Teil seiner Ver-gangenheit vergessen hat«. Tatsächlich hat Goldmund das Bild seiner Mutter aus seiner Erinnerung verloren, weil es schon in seiner Kindheit mit einem Tabu belegt war. Eine Tänzerin war die Mutter gewesen, »ein schönes wildes Weib von vornehmer, aber unguter und heidnischer Herkunft«, das »nach einigen Jahren der Zahmheit« ausgebrochen, auf Männerjagd gegangen, schließlich ganz verschwunden war und vom Vater zur Hure gestempelt wurde. Narziß macht seinem Freund bewußt, daß er seine vergessene Kindheit und das Bild seiner Mutter wieder annehmen muß. Wie ein Schlag treffen Goldmund die Diagnose und der Rat des Freundes, aber sie befreien ihn auch. Denn »nun war dieses Bild, der Stern seiner frühesten Jahre, wieder aufgestiegen«. In Träumen erscheint es ihm als Mutter, Madonna und Geliebte zugleich. Daß ihm die Mutter dann zur »Urmutter Eva« wird und daß seine Lebens- und Kunstanschauung in einen nebulö-sen Mütter-Mythos eingeht, steht auf einem anderen Blatt, das nicht zu den Ruhmesblättern des Schriftstellers Hesse gehört. Halten wir uns an den Moment der seelischen Heilung Goldmunds, so wird also der Lehrer und Freund Narziß hier zum Psychoanalytiker.
      Als Goldmund außerhalb der Klostermauern, beim Sammeln von Johanneskraut für die Arzneikammer, von einer Heimatlosen, wohl einer Zigeunerin, in die sinnliche Liebe eingeweiht wird, ist die Zeit gekommen, dem »Ruf der Mutter« und jener Bestimmung zu folgen, die ihm von Narziß vorhergesagt ist. Er verläßt, mit dem Einverständnis seines Freundes, die Klosterschule und tritt seinen Weg in die Welt und zugleich in das Reich der Sinne und der Kunst an. Sein Aufbruch markiert einen entscheidenden erzählerischen Umbruch, die Wende von einem in der Isolation, im Gespräch sich vollziehenden Erziehungsprozeß zum Raum der Erfahrung, von einer dialogischen Erzählsprache in die Darstellung von Erlebnissen, aus der Sphäre des Begrifflichen in die der Anschaulichkeit.
      Diese Doppelseitigkeit, die Ergänzung eines Daseins in geistiger, klösterlicher Askese um die bunte Welt der Lebensabenteuer, macht »Narziß und Goldmund« zu einem spannungsreicheren Werk als Hesses letzten großen Roman »Das Glasperlenspiel« , wo das »Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unserer Kultur« das Privileg eines Ordens ist und seinen Ort in der dünnen Luft des abstrakt-utopischen Kastalien hat.
      Was sind die Grenzmarken der Welt, in die Goldmund hinaustritt? Geschichtlich gesehen wäre wohl an eine der Reformation vorausliegende Zeit zu denken. Allerdings kann das »Lied von der Paviaschlacht«, das der fahrende Schüler Viktor singt, frühestens im Jahr des Geschehens selbst,also 1525, entstanden sein. Die Schrecken der Pest, denen der wandernde Goldmund landauf, landab begegnet, deuten auf die Pestepidemien des 14. Jahrhunderts. Aber an einer genauen geschichtlichen Fixierung ist Hesse ohnehin nicht gelegen. Vorbilder des historischen Romans wie die »Klostergeschichte* »Ekkehard« von Joseph Viktor von Scheffel schreckten ihn eher ab. Ihm mußte aber für einen Roman der geistigen Askese und ihres Gegenpols eine klösterliche und eine in fabelbuchartiger Ferne liegende Lebenswelt willkommen sein. So bilden Lebensformen des späten Mittelalters die Kulisse für das Geschehen und die handelnden Personen der Erzählung.
      Die Daseinsform, die Goldmund zunächst wählt, die des Wandernden, des Landstreichers oder des Landfahrers, kommt dem mittelalterlichen Vagantentum am nächsten. Vaganten waren ohne Amt gebliebene Schüler der Kloster- und Stiftschulen, die teils einzeln, teils in Gruppen durchs Land schwärmten und ihres zügellosen Lebens wegen kirchlich geächtet wurden. Ihr Beitrag zur Kultur des Mittelalters sind die Vagantenlieder, Liebes- und Tanz-, Trink- und Scheltlieder. Dieses Talent findet seine Entsprechung in Goldmunds Begabung für die bildende Kunst. Doch anders als bei den fahrenden Schülern und Vaganten ist Goldmunds Wanderleben nicht ziellos, sondern eine unabdingbare Station, über die er erst zu seiner Bestimmung gelangt.
      Er genießt die Ungebundenheit des Vagabunden und läßt sich nur ausnahmsweise auf eine Partnerschaft zu zweit oder dritt ein; der Sommer ist seine Zeit. Aber ihn beuteln die Nahrungssorgen, der Hunger und die Kälte des Winters, und er steht ein paarmal auf der Grenzscheide zwischen Leben und Tod. Zweimal begeht er einen Mord, wenn auch nicht mit Vorsatz, sondern aus Notwehr und zur Rettung einer Frau vor der Vergewaltigung. Für alles entschädigen ihn die Liebesabenteuer mit Frauen, die dem hübschen Mann nur so zufallen. Allzu willig erscheinen manchmal die Bauersfrauen und Bauernmädchen, und allzusehr sind sie ihm manchmal bloßer Gegenstand der Sinnenlust. Wirklich haften bleiben in seinem Gedächtnis nur die Gesichter der beiden Töchter vom Ritterhof, die sich ihm versagen, Lydia und Julie; sonst löscht jede neue Eroberung die Besonderheit der vorhergehenden aus.
      Goldmund übersteht alle Turbulenzen, die das Wanderleben bereithält. Ihre Nähe zum Abenteuerroman gibt die Erzählung wieder preis, als Goldmund nach Jahren von den Höhen und aus den Wäldern herabsteigt in ein bevölkerts Stromtal. In einem Kloster entdeckt er in einer Nischeeine Holzplastik, eine Muttergottes, deren schmerzlicher Mund, deren anmutige Schönheit und gleichzeitige Beseeltheit ihn in Bann schlagen und die er in Träumen und Ahnungen schon oft gesehen zu haben meint. Der Ruf der Kunst hat ihn erreicht. Er erfährt den Namen des Bildschnitzers, Meister Nikiaus, und macht sich auf den Weg zu ihm, in die Bischofsstadt.
      Der berühmte Meister, nicht eben verlegen um Schüler, ist beeindruckt von Goldmunds Reden über Kunst und von seiner Probezeichnung. Nicht als Lehrling stellt Nikiaus ihn ein, wohl aber nimmt er ihn in seine künstlerische Obhut. So lernt Goldmund »mit Holz und Gips, mit Farben, Firnis und Blattgold umzugehen«, genießt die Vorzüge der reichen Bischofs- und Kunststadt und erlernt wie beiläufig auch das Lautenspiel. Zum ersten Höhepunkt seiner schöpferischen Entwicklung wird die Arbeit an einer Johannes-Figur. Es ist Goldmund, als führe Narziß seine Hände, und so trägt die Figur auch die Züge seines Freundes. Meister Nikiaus, im Einverständnis mit seiner Tochter, will ihn nun als Mitarbeiter und Teilhaber auf Dauer an sich fesseln.
      In diesem Augenblick wird es Goldmund bewußt, daß ihm Künstler-tum wohl Berufung, nicht aber bürgerlicher Beruf, Zunfthandwerk bedeutet. Er verabschiedet sich und nimmt das Vagabundenleben wieder auf. Seine Kunstwerke bleiben Visionen, Bilder der Seele, vor allem Bilder von Totengesichtern. In einer Stadt wird er Zeuge, wie eine johlende Menge die Judengasse in Brand steckt und die Flüchtenden in die Flammen hineinjagt, weil man Sündenböcke für das Hereinbrechen der Pestseuche braucht - »überall klang die Fiedel des Todes«.
      Als er nach Jahren in die Bischofsstadt zurückgekehrt ist, beginnt er wie im Rausch alles zu zeichnen, was er gesehen hat, bis ihn wieder eine Vision fesselt, »eine große Frauengestalt«, die »Erdenmutter«. Die Geliebte des kaiserlichen Statthalters, seine letzte Eroberung, bringt ihn in eine höchst gefährliche Situation. Man überrascht die beiden beim heimlichen Rendezvous und sperrt Goldmund in einen Keller. Am anderen Morgen soll erhängen.
      Nun ereignet sich im Roman, mit einem erzählerischen Coup, die letzte große Wende. Als Goldmund in der Frühe schon mit seinem Leben abgeschlossen hat, betritt ein Beichtvater den Kerker, in dem er seinen Freund Narziß erkennt. Inzwischen als Abt Johannes zum Leiter des Klosters Mariabronn bestellt, hat Narziß an Unterhandlungen einer geistlichen Delegation mit dem Statthalter teilgenommen und die Freilassungdes Verurteilten erwirkt. Goldmund folgt Narziß nach Mariabronn. Ein Kreis schließt sich.
      Denn im Kloster vollendet sich jetzt, was Narziß dem Freund einst als Ziel der Selbsterfüllung vorgegeben hat: Goldmunds Künstlertum. Es entstehen ein vielgestaltiges Schnitzwerk, eine Evangelienfigur mit den Zügen des früheren Abts und sein schönstes Werk, eine Mariafigur, in die er seine Erinnerungen an die Ritterstochter Lydia hineingewoben hat - seine Kunst behält eine ihrer Wurzeln immer in den sinnlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen. Für die Marienstatue, so erklärt er seinem Freund, »war meine ganze Jugend nötig, meine Wanderschaft, meine Verliebtheit, mein Werben um viele Frauen. Das ist der Brunnen, aus dem ich geschöpft habe«.
      Eine neue Reise wird zum Debakel, schwer verwundet kommt er zurück. Die Kraft seiner Eingebung hat sich erschöpft. Seinen Traum vom »Bild der großen Eva-Mutter« hat er nicht mehr wahrmachen können. Doch stirbt er nicht in klosterfrommer Gottergebenheit. Die Fragen des Hiob, die schon früher oft sein Gebet bestimmten, melden sich erneut. Den Frieden mit Gott, »nein, den habe ich nicht gefunden. Ich will keinen Frieden mit ihm. Er hat die Welt schlecht gemacht, wir brauchen sie nicht zu preisen, und ihm wird ja auch wenig daran gelegen sein, ob ich ihn lobpreise oder nicht.«
Das sind rebellische Worte eines Künstlers, der immerhin sakrale Werke geschaffen hat. Die Erfahrungen in einer sinnlichen, aber auch chaotischen Welt haben sich durch Kunst nicht harmonisieren lassen. Die Hiob-Gebärde und ein schroffes »Es gibt kein Jenseits« schließen den Selbstfindungsprozeß eines Künstlers ab, der Gott nicht gefunden hat. Es ist eine moderne Skepsis, die Hermann Hesse in seine Figur des mittelalterlich-altdeutschen Künstlers hineingelegt hat. Nicht in die Umrisse einer frommen Legende vom Künstler bannt er am Schluß den Bildungsroman, eher schon in die Umrisse einer Antilegende.
     

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