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Hermann Broch: »Die Schlafwandler« (I932) - Häutungen der Romanform



Lebenshaltungen des Wilhelminischen Zeitalters

Mit einem Ãoberraschungscoup endet der erste Roman in Brochs Trilogie »Die Schlafwandler«. Nur vier Sätze umfaßt der vierte und letzte Abschnitt, Sätze, die den Leser zugleich brüskieren und herausfordern. An den ausführlichen und genauen Bericht über eine seltsam verkehrte Hochzeitsnacht schließt sich diese lakonische Mitteilung an: »Nichtsdestoweniger hatten sie nach etwa achtzehn Monaten ihr erstes Kind. Es geschah eben. Wie sich dies zugetragen hat, muß nicht mehr erzählt werden. Nach den gelieferten Materialien zum Charakteraufbau kann sich der Leser dies auch allein ausdenken.«

Eine Bankrotterklärung des Erzählers? Oder vielleicht ein Kunstgriff, die Einbildungskraft des Lesers beweglich und ihn so zu einer Art Mitschöpfer des Romans zu machen? Um ein Eingeständnis der Unfähigkeit oder der Ratlosigkeit kann es nicht gehen, denn der Erzählatem reicht ja noch für zwei weitere Romane. Und die Theorie vom Leser als Mitautor fände nirgendwo sonst in der Trilogie eine Stütze.
      Immerhin hätte ein Offenbarungseid des Erzählers jenen kritischen Zeitgenossen ins Bild gepaßt, die sich auf Brochs Doppelexistenz als Schriftsteller und Direktor einer Spinnfabrik bei Wien keinen Reim machen konnten und vielleicht auch der Meinung waren, daß sich für ein Vorstandsmitglied des österreichischen Textilverbandes die Schrift-stellerei nicht schicke. Doch als die Romantrilogie erschien, 1931/32, hatte Broch die Spinnfabrik schon verkauft und ein spätes fünfjähriges Gaststudium der Philosophie, Mathematik und Physik an der Universität Wien hinter sich.
      Nein, der unvermittelte Abbruch des Romans ist nicht Zeichen künstlerischer Schwäche oder Raffinesse, sondern künstlerischer Unlust, des nicht mehr zu unterdrückenden Mißbehagens an der gewählten erzählerischen Form. Zwar beobachten wir bei Broch ein chronisches Ungenügen: von seinen ersten bis zu seinen letzten Prosaversuchen begleitet ihn der Zweifel, ein Gefühl der Unsicherheit, ob denn die erzählerische Form -auch die modernste - überhaupt ausdrücken kann, was er mitzuteilen hat.
     
Doch hier verschärft sich das Ungenügen zur Weigerung, die Erzählung über den erreichten Punkt hinaus fortzusetzen.
      So unterscheidet sich in der Romanform der zweite vom ersten Teil. Und von beiden hebt sich noch einmal entschieden der dritte ab. Die Formen werden immer komplexer, fordern eine immer stärkere Leseanspannung.
      Die Handlungsschauplätze der »Schlafwandler« lassen nicht unbedingt auf einen österreichischen Autor schließen. Nicht »Kakanien«, nicht die Donaumonarchie wie in Musils »Mann ohne Eigenschaften« oder in den Romanen Joseph Roths, ist Brochs Thema, sondern das Wilhelminische Zeitalter. Die drei Romantitel der Trilogie deuten es an: »1880, Pase-now oder die Romantik«, »1903, Esch oder die Anarchie« und »1918, Hu-guenau oder die Sachlichkeit«. Es sind drei Etappen, der Beginn, die Mitte und das Ende der Regierungszeit Wilhelms IL, die dem Romangeschehen das historische Gerüst geben.
      Dennoch ist die Trilogie keine epische Chronik dieser Epoche im buchstäblichen Sinne. Keine historischen Personen treten als Romanfiguren auf, keine politischen Ereignisse steuern das Romangeschehen, nur im dritten Teil lassen sich alle Handlungsverläufe als unmittelbarer Ausdruck des chaotischen Kriegsendes von 1918 verstehen. Was die Trilogie sichtet, sind nach Brochs Kommentar Lebenshaltungen der Epoche: im ersten Roman, in der Figur des ostelbischen adligen Offiziers und Gutsherrn Joachim v. Pasenow, eine ethisch-ästhetisierende Lebenshaltung mit ihren religiösen und erotischen Problemen, im zweiten, in der Figur eines rheinischen Kleinbürgers, des Buchhalters Esch, die »anarchische« Zwischenstellung eines Menschen, der zwar noch den traditionellen »Werthaltungen« verhaftet, aber auch schon vom kommerziellen Geist ergriffen ist und auf die dumpfe Frage nach dem Lebenssinn Ersatzantworten in zwielichtiger Erotik und verquollener Mystik sucht. Im dritten Roman hat die Hauptfigur, der elsässische Textilkaufmann Wilhelm Huguenau, ein Deserteur, den seine »Odyssee« in ein Nebental der Mosel verschlug, ein irreligiöser und unerotischer Mensch, mit den überlieferten Werten nichts mehr zu tun.
      Die Trilogie ist zu einer Zeit erschienen, da das Ende der nächsten geschichtlichen Periode, das Scheitern der Demokratie, schon abzusehen war, da die Machtergreifung Hitlers vor der Tür stand, die den »Zerfall der Werte« nun wirklich zu grauenhafter Deutlichkeit bringen sollte. Auch wenn Broch als Ã-sterreicher die Zuckungen der Weimarer Republik nurvon außen beobachtete, hatte er ein Gespür für Kommendes, ja vielleicht bildete gerade die Distanz dieses Gespür aus.
      Dennoch ist Skepsis angebracht gegenüber seinem Versuch, »Die Schlafwandler« im Rückblick zum prophetischen Roman schlechthin zu stilisieren, zu einem Werk, das »die Prädestination des deutschen Menschen zur Hitlerei« zeigt. »Es muß Ihnen ja bei der Lektüre aufgefallen sein«, schreibt er in den Vereinigten Staaten an den Verleger Kurt Wolff, »wie der soziale Querschnitt, der in den drei Bänden gezogen ist, fast in allen Charakteren sich als Nazi-Nährboden offenbart, wie da schon alle Elemente des Nazitums, das romantische wie das mystische wie das anarchische wie das pfiffig-beutelüsterne usw. bereitliegen.« Für eine wirkliche Analyse des »Nazi-Nährbodens« bleibt Brochs Demonstration von »Lebenshaltungen« zu vage. Prophetisch allerdings ist der Roman darin, daß er den Durchbruch und die Herrschaft des Irrationalen ahnen läßt.
      Broch glaubt, seinen geschichtsphilosophischen Entwurf durch Figuren und Handlungen allein nicht mehr sinnfällig machen zu können, er delegiert bestimmte Aufgaben an eingeschaltete philosophische Essays. So wird die Form des Gesellschafts- und Zeitromans von innen her durch den philosophischen Roman aufgebrochen. Mit dieser Abkoppelung der philosophischen Reflexion vom Erzählvorgang scheint sich der moderne Essay-Roman nicht nur die angemessene Ebene für den Ausdruck von Gedanken und Ideen, sondern auch den Freiraum für erzählerisches Fabulieren zu schaffen: indem sich der Autor als Theoretiker und Philosoph in Klausur begibt, kann er sich außerhalb der Essays und Exkurse ganz der sinnlichen Vielfalt des Lebens zuwenden: Er kann dem Roman ein intellektuelles Niveau sichern und braucht doch seine Figuren nicht allesamt Philosophen sein zu lassen.
      Indessen haben diese Vorteile eine Kehrseite, die das Dilemma Brochs enthüllt: er verlangt für seinen Roman zwei verschiedene Leserhaltungen - sowohl die eines literarisch wie die eines rein philosophisch interessierten Publikums. Indem er den Versuch aufgibt, beiden Lesererwartungen erzählend gerecht zu werden, verschmäht er eine Lösung, wie sie Thomas Mann so überzeugend im Roman »Der Zauberberg« gelungen ist.
      Der eigentliche Held der Trilogie und der eigentlich moderne Mensch, so kommentiert Broch, sei der aus dem Offiziersdienst geschiedene und in der Wirtschaft emporgestiegene Eduard v. Bertrand, ein Finanzmann großen Stils, der allerdings in der Resignation des Ã"stheten und schließlich durch Selbstmord ende. Für die Rolle, die Broch ihr zuerteilt, bleibtdie Figur aber zu konturlos. Im ersten Roman noch handelnde Person, ist Bertrand im zweiten Hintergrundfigur, die nur einmal, in einer traumhaften Szene, gegenwärtig wird; in bestimmten Abschnitten des dritten Romans scheint sie sich im Ich-Erzähler Dr. phil. Bertrand Müller verlarvt zu haben. Die symbolische Allgegenwärtigkeit jedenfalls, die Broch und viele gutgläubige Interpreten der Figur zuschreiben, prägt sich dem Bewußtsein des Lesers nicht ein.
      Das hängt auch damit zusammen, daß die Romanform eben im dritten Teil nicht mehr dieselbe ist wie im ersten. Was sich innerhalb der Trilogie spiegelt, ist ein literaturgeschichtlicher Prozeß im kleinen: aus der Form eines verhältnismäßig traditionellen Romans wickelt sich die des modernen Romans heraus. Broch legt einen Weg zurück, der von Theodor Fontane zu James Joyce führt.
      Der ständige Wechsel zwischen Berlin, dem Garnisonsort des Premierleutnants v. Pasenow, und dem Sitz der Familie, Gut Stolpin; der ironisch erzählte Tageslauf des alten v. Pasenow, der ganz auf die Ankunft der Post fixiert ist; die Duellaffäre des Bruders, die den Widerspruch zwischen dem Zeitalter der Fabriken und Eisenbahnen und dem alten aristokratischen Ehrenkodex aufdeckt; die süße und dann bitter endende Liaison mit dem böhmischen Mädchen Ruzena; die schließlich nicht länger zu umgehenden Pflichten: Ãobernahme des Guts und standesgemäße Heirat - das alles zeigt den österreichischen Autor auf den Spuren des preußisch-märkischen Erzählers.
      »Romantisches« äußert sich in der Gestalt v. Pasenows als eine Verin-nerlichung und Ãobersteigerung ständischer, moralischer und religiöser Grundsätze. Das Erotische spaltet sich in die beglückende irdische Liebe zu Ruzena und die fast »himmlische Liebe« zu Elisabeth v. Baddensen, der Lichtgestalt über dem »Pfuhl«. Broch schildert das skrupulöse Gebaren v. Pasenows in der Hochzeitsnacht, die Furcht, »Beute unreiner Gedanken zu werden«, mit psychologischem Scharfblick für eine letztlich dekadente Haltung, für eine Verfeinerung, die allerdings besser ins österreichische Fin de siede paßt als ins wilhelminische Preußen.
      Der zweite Roman führt sich gleich mit Gegensätzen ein. Der Schauplatz wechselt von Preußen ins Rheinland, von den Häusern des Adels zu denen des Kleinbürgertums. Der gebrochenen Erotik v. Pasenows steht Eschs handfeste, nicht eben wählerische Sexualität gegenüber, der sich erst später eine wirre Sehnsucht nach dem Absoluten und nach Erlösung beigesellt. Während die Wirklichkeit der Industriearbeit, Borsigs Maschinen-fabrik in Berlin, dem Weltverständnis v. Pasenows völlig fremd blieb, gehören für Esch die Freundschaft zu einem Gewerkschafter, dessen Verurteilung und der Arbeiterstreik zur Alltagserfahrung.
      Die Kommerzialisierung des Kleinbürgers, das Ausgreifen des Buchhalters ins Unternehmerische, nämlich Eschs Beteiligung an einem zweifelhaften Showgeschäft mit Damenringkämpfen in Köln und einem Duisburger Theater, scheitert im Bankrott. Eine utopische Hoffnung knüpft sich an den Wunsch, nach Amerika auszuwandern. Dem utopischen Hoffen verwandt ist jener Zustand sehnsüchtiger Erwartung, jener Schwebezustand zwischen »Noch-nicht-Wissen und Schon-Wissen«, den Broch »Schlafwandeln« nennt und - wie der Romantitel zeigt - als eine allen Figuren gemeinsame Verfassung versteht.
      Mit dem Wechsel von Erzählerbericht und erlebter Rede, von Außen-und Innensicht, mit der Vermischung von Tages- und Traumwelt und einer ersten Verselbständigung der philosophischen Reflexion bildet der zweite Roman die Brücke zum dritten, in dem das Mittel der Montage verschiedene literarische Formen hart aneinanderrückt. Drei Reihen kreuzen sich ständig: das eigentliche Handlungsgeschehen, sechzehn Abschnitte der teils in Prosa, teils in Gedichtform erzählten Geschichte eines Heilsarmeemädchens und eines jungen Juden in Berlin sowie zehn philosophische Essays zum Thema »Zerfall der Werte«.
      Das kaleidoskopisch vorbeiziehende Geschehen in einer Stadt des Moselgebietes bringt v. Pasenow, den der Krieg als Stadtkommandanten, und Esch, den eine Erbschaft hierher verschlagen hat, mit dem Deserteur Hu-guenau zusammen. Beide werden auch in Huguenaus kühne und schwindelhafte Finanzmanipulationen verwickelt. Das Erzählgeschehen erhält seine Farbigkeit durch die rasche, geradezu filmische Folge der Bilder. Auch hier überschneiden sich wieder die Reihen - Parallelgeschichten, die jeweils nur kurz beleuchtet werden: neben denen der Hauptpersonen die eines verschütteten, nun sein Ich nicht wieder annehmenden Soldaten, eines in Trunksucht und Zynismus fliehenden Offiziers und einer in der kriegsbedingten Isolierung völlig vereinsamten Frau.
      So rettet gerade die scheinbar zersplitterte Form dem Roman etwas wie Totalität in der Darstellung des chaotischen Kriegsendes. Und mag sich auch Brochs Roman »Der Tod des Vergil« mit seinem durchgehenden Bewußtseinsmonolog der avantgardistischen Erzählform konsequenter bemächtigen und der ästhetischen, tiefenpsychologischen und philosophischen Fragen in umfassenderer Weise annehmen, so bleibt ihmdoch die »Schlafwandler«-Trilogie als die »abgekürzte Chronik« einer an Lebenshaltungen kenntlichen Epoche überlegen.
      Was heute klarer hervortritt als beim Erscheinen des Romans, sind seine Widersprüche: die kritische Darstellung eines verschwommenen, religiös-ethischen Mystizismus und seine Aufwertung zu einer Erlösungssehnsucht, die Warnung vor einem Irrationalismus und die neutrale Haltung ihm gegenüber - etwa wenn Huguenaus Mord an Esch als Durchbruch des Irrationalen erklärt und das Irrationale zu einem »Absoluten des Lebens« erhoben wird. Diese Neutralität ist nach den irrationalen Exzessen jener politischen Macht, die den Juden Broch selbst 1938 über England ins amerikanische Exil trieb, noch problematischer geworden.
      Seine Geschichtsphilosophie, die das ideale Wertzentrum ins Mittelalter, in die Einheit des christlichen Glaubens verlegt, berührt sich mit Gedanken, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Zeiten hatten und zu kritischen Parolen wie »Verlust der Mitte« gemünzt wurden. Merkwürdig blind bleibt Broch mit seiner Theorie vom Zerfall der Werte seit der Renaissance für die Bedeutung der Humanitätsidee, zumal des achtzehnten Jahrhunderts. Sie wird ihm erst deutlich im Angesicht der höhnischen Verletzung von Humanität und Menschenrecht durch den Hitlerstaat.
      So bleiben Eindruck und Urteil nach der Lektüre gespalten. Daß die Trilogie etwas von Grund auf Verschiedenes in eins zwingt, hat Broch selbst zu verstehen gegeben durch seinen Wunsch, die zehn Essays zum »Zerfall der Werte« zusammenzufassen und gesondert als philosophische Abhandlung zu veröffentlichen. Die Einsicht, daß andererseits die Erzählpartien und die Essays wechselseitig aufeinander verweisen, wird den Verleger bewogen haben, sich den Anfragen des Autors gegenüber taub zu stellen.
      Zum Großteil sind Handlungen und Figuren sehr konkret; das bestätigte auf indirekte Weise vor Jahren eine Fernsehbearbeitung des Mittelteils, »Esch oder die Anarchie«. Durch die spannende erzählerische Darstellung wirkt die Romantrilogie überzeugender als durch ihre Wertphilosophie, die, beim heutigen Leser mehr noch als beim früheren, der Bereitschaft zu kritischer Auseinandersetzung bedarf. Ich kann nur empfehlen, beides anzunehmen: das Angebot wie die Zumutung. Denn auch wo der Roman scheitert, geschieht es auf hoher Ebene.
     

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