Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Roman chronik

Index
» Roman chronik
» Heimito von Doderer: »Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre« (I95I) - Eine Wien-Legende

Heimito von Doderer: »Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre« (I95I) - Eine Wien-Legende



Bühne des Lebens

Anderen Rang und andere Färbung als in der Literatur Deutschlands und der Schweiz haben Vergangenheit und Geschichte in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ãobernimmt in der Schweiz das Jahrhundert eine gefestigte demokratische Staatsform und reicht sie an das nächste weiter, so geht in Deutschland aus dem Zusammenbruch des Wilhelminischen Kaisertums am Ende des Ersten Weltkriegs die Deutsche Republik hervor, deren Zerstörerin, die Hitlerdiktatur, im Inferno des Krieges und der Massenvernichtung versinkt und ein zumal im Osten, doch auch im Westen beschnittenes Deutschland hinterläßt, andererseits erneut den Weg freimacht für zunächst zwei Republiken, die dann 1990 wieder in einer gesamtdeutschen Republik aufgehen. Die 1918 ausgerufene Republik Ã-sterreich aber ist das Schrumpfgebilde eines Vielvölkerstaats und im Verhältnis zur alten Donaumonarchie ein Zwergstaat. Dieser um seine früheren Glieder beraubte Staatskörper besitzt zwar mit Wien noch die alte Herrscher- und Zentralverwaltungsstätte, die das Gehirn der Donaumonarchie beherbergte, doch hat dieses Wien bis auf die österreichischdeutsche Stammprovinz sein Hinterland verloren. Hier kann jüngere Geschichte buchstäblich als Geschichte eines Verlusts begriffen werden. Hitler meinte, der »angeschlossenen« sogenannten »Ostmark« als Teil des »Großdeutschen Reichs« etwas von der Glorie des alten Kaiserreichs zurückzugeben, aber den anfänglichen Jubel der Wiener verdrängte man in der Zweiten Republik von vornherein aus dem Bewußtsein. Und die Geschichte der Donaumonarchie ist endgültig zur Sache der Museen und der Historiker geworden.


      Robert Musils »Die Verwirrungen des Zöglings Törless« und »Der Mann ohne Eigenschaften« und Joseph Roths »Radetzkymarsch« sind die großen erzählerischen Werke, in die hinein sich die späten, die letzten Leuchtspuren der Donaumonarchie verlieren, die sowohl ironisch wie melancholisch reflektiert werden. Musils »Kakanien«, die k.u.k. Monarchie, ist kritisches Modell, Roths »Radetzkymarsch« ein elegischer Abgesang auf die Universalmonarchie. In Roths Roman wird neben dem »Helden von Solferino« und seinen Nachkommen der Kaiser selbst zur handelnden Figur und zum Symbol des untergehenden Habsburgerreichs; der Machtbereich des Kaiserhofs tritt konkret in Erscheinung. In Musils »Mann ohne Eigenschaften« bereitet man zwar Jubiläen des österreichischen und des preußisch-deutschen Kaisertums vor, aber die Sphäre des Hofes ist nur noch indirekt vertreten durch einen Sektionschef im Ministerium des Ã"ußeren und vielleicht den Grafen von Leinsdorf.
      Ausgeblendet sind der höfische Bereich und die Erinnerung an ihn im Roman »Die Strudlhofstiege« des 1896 am Westrand Wiens geborenen Franz Carl Heimito Ritter von Doderer. Die Romanhandlung konzentriert sich auf zwei Zeitblöcke, 1910/11 und 1923-25, umklammert also die Ereignisse des Ersten Weltkriegs und des Niedergangs der Monarchie, ohne sie außer in gelegentlichen Erinnerungen zum Thema zu machen. Dabei war Doderer selbst, 1916 in Galizien gefangengenommen, in vierjähriger sibirischer Lagerhaft den härtesten Bedingungen und Folgen des Krieges ausgesetzt gewesen. Nicht am »habsburgischen Mythos« wird in der »Strudlhofstiege« gewoben, sondern an einer Wien-Saga.
      Das Figurenensemble des Romans vereinigt Repräsentanten der gehobenen und mittleren gesellschaftlichen Stände, aus dem Offizierskorps der habsburgischen Armee und dem diplomatischen Korps der Konsul-und Generalkonsulebene, aus der Gruppe neuer Techniker sowie aus der Schicht der Beamten und des einfachen, aber geachteten Bürgertums. In den meisten Häusern zählt Dienstpersonal noch zu den Selbstverständlichkeiten. Im Unterschied zu dem auf der »Strudlhofstiege« aufbauenden Romanzyklus »Die Dämonen« , dessen Handlung zur berühmten Wiener Arbeiterdemonstration, zum Brand des Justizpalastes und dem Blutbad am 25. Juli 1927 führt, treten Arbeiterschaft und Armenviertel nicht in Erscheinung.
      Die erzählerische Darstellung des Wiens der Vor- und Nachkriegszeit ist also nicht interessiert an der Spitze und der Basis der Ständepyramide. Blickt man auf Roths »Radetzkymarsch«, so köpft dieses Modell gewissermaßen das monarchische System, und tatsächlich trauert im Roman »Die Strudlhofstiege« niemand ernsthaft, ob nun melancholisch oder nostalgisch, dem Kaiser und seinen Beratern nach. Ja, der Erzähler läßt es an Deutlichkeit nicht fehlen, bei der Erwähnung des »von einigen Wichtigtu-ern des Ballhausplatzes« über die Menschen »verhängten ersten Weltkriegs«. Ãober den Umbruch vom Vielvölker- zum Rumpfstaat, von der Monarchie zur Republik erfährt man so gut wie nichts. Ãober den Einschnitt hinweg tragen zwischenmenschliche Beziehungen und Erinnerungen. Sie zeigen Werden und Entwicklung des einzelnen, die Glücks- wie die Krisensituationen als im Persönlich-Privaten begründet und kaum vom politisch-gesellschaftlichen Wandel beeinflußt. Darin bekundet sich, obwohl oder gerade weil die Erinnerung mächtig ist, ein Moment der Ent-historisierung - Erinnerung macht die Vergangenheit zu einer zweiten Gegenwart.
      Daß Krieg und Untergang der Donaumonarchie in eine Leerstelle des Romans fallen, wird besonders sinnfällig an der Hauptfigur Melzer. Der Infanterieleutnant von einst, während des Krieges zum Major aufgestiegen, tut jetzt seinen Dienst als Amtsrat in der Generaldirektion der österreichischen Tabakregie. Verankert in seinem Gedächtnis sind neben Momenten der Entschlußlosigkeit in Liebesangelegenheiten die Freundschaft mit seinem Bataillonskommandeur Laska und die gemeinsame Bärenjagd in den bosnischen Wäldern, vor dem Krieg. Die Trophäe, das Bärenfell, ziert seitdem seine Wohnung. Ja, es wird geradezu zum Personen-Attribut, zu einem Refugium, auf das sich Melzer immer wieder zurückzieht, zu einem Lieblingsplatz, zum Inbegriffseiner Lebenshaltung. Denn es ist nicht nur ein Erinnerungsfetisch, sondern bringt auch die Züge seines Wesens zur sinnlichen und symbolischen Anschauung. Etwas Tapsiges, also Bärenhaftes liegt in seiner Natur. »Unser einstmaliger Leutnant und Bärenjäger war kein analytischer Kopf«, heißt es einmal, ein Mann, der »das Denken nicht gelernt hatte, nicht einmal als Major«. Wenn er der Länge nach auf seinem Bärenfell, neben einem Mokka auf dem Boden, ausruht, dann kann ihn das Gefühl übermannen, er befinde sich immer noch in einer »Unselbständigkeit«, in »einem Weitergegeben-Werden von Umstand zu Umstand, vom Militär zur Tabakregie [...] in eine Dumpfheit«, dann kann ihn die Angst beschleichen, »nicht eigentlich gelebt zu haben«. Er vermeidet alles, was ihn in Verdacht bringen könnte, ein »Militarist« zu sein. »Melzer«, sagt der befreundete Kenner der Wiener Stadtgeschichte Rene Stangeier, der erst spät aus sibirischer Gefangenschaft zurückkehrte, »das ist die Grund-Anständigkeit, aus der alles möglich ist. Auch der größte Schritt. Auch der zum Genie. Und die sich dabei immer selbst im Weg steht, weil sie vor allem zurückscheut, was nicht einfach ist«. Sagen wir es so: Er ist in allem, was ihn in seinem Beharrungsstreben des Durchschnittsmenschen stören könnte, ein Zauderer. Ein Zauderer ist der Junggeselle auch in seiner Beziehung zu Frauen. Erst spät wird er seine Chance beim Schöpfe packen.
      Heftet sich der Wien-»Mythos« des Romans nicht an die Hofburg oder das Kaiserschloß Schönbrunn und damit nicht an die Habsburgerdynastie, so doch auch nicht an die St. Stephanskirche und nicht an das Burgtheater oder die Oper, sondern eben an die Strudlhofstiege. Sie ist der Schlüssel zu Doderers Wien-Legende. Melzer wählt oft seinen Weg über diese Stiege im neunten Wiener Bezirk, die den Alsergrund mit der Währinger Straße verbindet, er steigt sie hinauf und hinab. Rene Stangeier klärt Melzer über die Baugeschichte auf. 1910 ist diese nach dem Maler Peter Strudel benannte Treppenanlage gebaut worden. Man hat die Aussicht auf den Fürstlich Liechtensteinischen Park und auf ferne Einzelheiten der Stadt. »Hier ist alles zugleich: die tiefste Stille der Stadt und das Frei-Sein von ihr, durch den grünen Abbruch des Terrains und den weiten Blick.« Hier sieht Stangeier, während er die Treppen und Rampen hinabschaut, »eine der Bühnen des Lebens aufgeschlagen«. Unten durch die stille Gasse kommend, »hörte man den Brunnen rauschen. Links und rechts pirouettierten die Treppen zu der ersten Plattform. Und dann Rampe über Rampe, Bühne über Bühne. Das Laubgekuppel üppig.« Für die Bewohner der Umgebung wird die Strudlhofstiege zum Mittelpunkt ihrer Stadttopographie, zum »genius loci«. Ja, dank Doderers Buch ist die Stiege mittlerweile auch für Besucher der Stadt zur Sehenswürdigkeit avanciert.
      Im Roman erscheint die Strudlhofstiege wie ein Planet, um den herum die wesentlichen Figuren als Satelliten kreisen. Ihre Anziehungskraft bleibt erhalten, auch wenn die Lebensläufe die Menschen zerstreuen - die meisten kehren in ihre Umlaufbahn zurück, alle bleiben in ihrem Bann. Auf diesem Schauplatz spielen sich laute und stille Szenen des Lebens ab. Zur Skandalbühne wird die Strudlhofstiege, wenn im Hause des Oberbaurats Schmeller die Tochter Ingrid mit dem Legationsrat Semski im Badezimmer beim Kuß überrascht und wenn die Fliehende vom Vater bis zur Strudlhofstiege verfolgt wird. Eine der schönsten und innigsten Liebesbeziehungen des Romans bahnt sich im Weichbild der Stiege an. Rene Stangeier, Sohn des reich gewordenen Erbauers alpiner Eisenbahnen in Kärnten, dessen Familie neben ihrer Stadtwohnung eine Villa außerhalb Wiens besitzt, trifft eines Tages, als er die Strudlhofstiege hinabgestiegen ist, auf die siebzehnjährige Paula Schacht, Bürohilfe bei einem Advokaten, und erzählt ihr in einer Konditorei die Sage vom Einhorn, dessen Abbildungsie an einem Haus entdeckt haben. Obwohl nach Herkunft und Bildung unterschieden, sind beide sofort ergriffen von wechselseitiger »romantischer« Zuneigung. »Ãober das beiderseitige Niveau wollen wir nicht diskutieren: ob Puccini oder ein Zehnkreuzer-Roman, es bedeutete hier ein gleiches.« Der Krieg wird die beiden trennen, und als Rene aus Sibirien zurückkehrt, ist Paula mit einem Werkmeister Pichler verheiratet und hat ein Kind. Die Liebe ist nicht erloschen, doch ist beiden inzwischen in der Schule des Lebens das »Romantische« abhanden gekommen.
      Im magnetischen Feld der Strudlhofstiege inszeniert auch eine Freundin aus Renes Gymnasiastenzeit, Editha Pastre, ein komödiantisches Intrigenspiel mit der Liebe. Sie benutzt das Wiedererscheinen ihrer seit langem in Argentinien verheirateten Zwillingsschwester Mimi in Ã-sterreich, um sowohl Melzer wie Rene mit der täuschenden Ã"hnlichkeit beider an der Nase herumzuführen. Ein wenig zu beharrlich greift Doderer in die Trickkiste des Musters, das die Bühne schon bei Plautus in den »Menaechmi«, in der Commedia dell'arte mehrfach, bei Shakespeare in der »Comedy of Errors« und bei Goldoni in den »Due Gemelli Veneziani« mit effektvollen Verwechslungssituationen beschenkte. Aber diese Verwechslungsszenen unterbrechen hier Situationen ganz anderer Liebesaffären, der traurigen Geschichte der Etelka Stangeier, dienen also der Kontrastwirkung und einem retardierenden Erzählen.
      Die »Eskapaden« der Schwester Renes, die den Attache und späteren Konsul Grauermann geheiratet hat und mit ihm längere Zeit in Konstantinopel lebte, werden von einem Kollegen des Konsuls als wilde »Reaktion gegen die Diktatur der Banalität« verteidigt. Aber er spricht auch vom »Absturz zum tiefsten Unrecht, in das sie sich selbst setzt«. Sie bringt nicht nur die Ehe eines Generalkonsuls in Gefahr, sondern auch den Ungarn Imre von G. aus der Bahn. Sie beschwört einen neuen Skandal herauf und tut in Budapest schließlich den letzten Verzweiflungsschritt.
      Die Darstellung des Selbstmords, genauer des Sterbens der tödlich Vergifteten, ist einer der eindringlichsten, sprachlich durch Lakonie hervorstechenden Abschnitte des Romans. Gerade die Nüchternheit und scheinbare Fühllosigkeit des Berichts wird dem Ernst der Situation gerecht. Hier hält sich Doderer an die Forderung Flauberts, der Kunst die Präzision der Physik zu geben. Und wohl nicht von ungefähr erinnert der Bericht an die entsprechende Situation im Roman »Madame Bovary«. Allerdings werden dort die Wirkungen des Gifts beim Sterben der Selbstmörderin Emma noch detaillierter beschrieben, so daß die Darstellung konsequent der Me-thode folgt, die Flaubert auf den Begriff der »Kälte des Skalpells« gebracht hat.
      Der Wiener Doderer mildert solche »wissenschaftliche« Strenge. Ein lakonischer Stil wie der in der Sterbeszene bleibt auch eher eine Ausnahme, ist nur eine der Stilmöglichkeiten, auf deren Tastatur Doderer spielt. Es gibt in der Kunst- und Theaterstadt Wien eine lange Tradition der Erinnerung an barocke Ausdrucksformen. Ihr Echo wird im Roman faßbar als eine weit ausholende Erzähl- und Redelust, in allgemeinerem Sinne als eine Vorliebe für stilistische Gegensätzlichkeit. So entsteht Spannung zwischen Lakonik und Weitschweifigkeit, zwischen trockener, beamtenmäßiger Protokollsprache und wortverliebter, ausschmückender Diktion, zwischen ironischer Bezweiflungssprache und poetisch bekräftigendem, rühmendem oder verklärendem Stil.
      Die Beschreibung Wiens nimmt in der überhöhenden und auch mythologisierenden Bildlichkeit, mit der die Strudlhofstiege aus der Stadtansicht herausgehoben wird, fast Züge der Apotheose an. Doch scheint der Wien-Zauber auch auf die Umgebung auszustrahlen und die Landschaft mit Naturpoesie zu durchdringen. Eine der lyrischsten Prosastellen wird aus der Chronik eines Herrn von Geyrenhoff zitiert. Das bekräftigt eine oft wiederholte Versicherung des Erzählers, daß alles Erzählte bezeugt sei. Auch der starke Anteil der Dialoge, die Vermittlung von Geschehen durch Gespräche, stützt den Anschein des Verbürgtseins.
      Das Leugnen bloßer romanhafter Erfindung, die oft auf den möglichen fiktiven Charakter des Romangeschehens ja gerade erst aufmerksam macht, hat in der Geschichte des Romans eine Tradition, in der man Beispiele von ausgeklügeltem Spiel mit der Fiktion antrifft. Doch geben solche Beteuerungen in der »Strudlhofstiege« auch Hilfestellung für den Hauptbürgen, die Erinnerung der Menschen. Ein Großteil der Vorgänge aus den Jahren 1910/11 wird ja erst in den Erinnerungen der Personen während der Jahre zwischen 1923 und 1925 präsent. Wir wissen, welch unzuverlässiger Bürge das menschliche Gedächtnis ist, daß spätere Erfahrungen die früheren überdecken und gegenwärtige Interessen unsere Erinnerungen mitformen können. In der »Strudlhofstiege« verrät der Kurzschluß zwischen der Vorkriegs- und der fortgeschrittenen Nachkriegszeit mittels der Erinnerung auch ein geheimes Verdrängen der Erschütterungen, die Krieg und historisches Ende der Donaumonarchie ausgelöst haben.
      Der Roman zeigt, wie man den erlittenen Verlust zu kompensieren versucht. Deshalb die ausufernden Gespräche über Liebesangelegenhei-ten, die kleinen Betrugsversuche und die Jagd nach flacher Geselligkeit und Vergnügungen, die eine Leere verdecken und zugleich enthüllen. Es scheint sogar, als schlüge solche Wendung zum Oberflächlichen zurück auf die Konstruktion des Romans, auf eine Effektdramaturgie, nämlich die Technik, eine Erzählung gerade an ihrem spannendsten Punkt abzubrechen und ihre Fortsetzung für längere Zeit zu vertagen, die Erwartung des Lesers also hinzuhalten und zu steigern.
      Allerdings bedarf es bei der Personenfülle des Romans, bei dem Panoramablick auf die Stadt auch romantechnischer Mittel, Aufmerksamkeit, Wißbegierde und Neugier des Lesers von Zeit zu Zeit neu zu stimulieren. So sichert Doderer eine dynamische Begegnung des Lesers mit seiner Darstellung einer Wiener Welt aus zwei Jahrzehnten. Es ist eine Welt der Offiziere, der »Lebemänner«, etwa im Kreis um den etwas heruntergekommenen Rittmeister von Eulenfeld, der Diplomaten, der Beamten und Anwälte, der Fachleute aus den Bereichen der Technik. Abgesehen vom dienenden Stand, nehmen nur Frauen aus dem einfachen Bürgertum wie Paula Schacht schon Lohnarbeit an. Noch schlummert der Emanzipationsgedanke; allenfalls im Freiheitsbedürfnis der Anwaltstochter Grete Siebenschein, deren Beziehung zu Rene Stangeier sich - mal lockerer, mal enger - über die Jahre hinwegzieht, scheint er geweckt. Es sind im wesentlichen Vorkriegsverhältnisse, die diese Welt des Romans konserviert.
      Allerdings, einen Menschen reißt es doch aus dem eingefahrenen Gleis: die Hauptfigur des Romans, Melzer. »Er kam spät zu seinem eigenen Leben. Nun nahm es ihn mit. Aber in anderer Weise, als er bisher mitgenommen worden war.« Der schon als ewiger Junggeselle Abgeschriebene gerät an ein wunderbares Geschöpf der Natur, an eine junge Göttin und ein »Rehkitz« zugleich. Ihr Name: Thea Rokitzer. Sie begegnen sich bei einer Einladung Paulas, die denn auch heimlich ein wenig die Kupplerin oder Heiratsvermittlerin spielt, im Garten. Daß es sich um einen Blitzsieg der Liebe handelt, offenbart schon die Sprache, in der von dieser Liebe auf den ersten Blick erzählt wird. Dreimal im Laufe des Berichts bereitet - wie ein Kehrreim - die Wendung »bei den Obstbäumen stand Thea« den Leser auf den Blitz, der jeden Widerstand Melzers schmelzen wird, vor. Nicht erst später, als beide bei einem Unfall auf der Straße gemeinsam erste Hilfe leisten, sitzt der »Treffer«. Und spätestens in dem Augenblick, da beide mit Blick auf Melzers Jagdtrophäe, das Bärenfell, den Tee nehmen, weiß der Leser, daß hier eine alte Geschichteihre neue und richtige Wendung nimmt. Mit der Hochzeit des Majors und seines »Lämmleins« hat der Roman sein heiter-ironisches Finale. Melzer, der die Mitte seines Daseins - so deutet es der Untertitel des Romans an -in der »Tiefe der Jahre« suchte, ist in der Gegenwart angekommen.
     

 Tags:
Heimito  Doderer:  »Die  Strudlhofstiege  oder  Melzer  Tiefe  der  Jahre«  (I95I)  -  Eine  Wien-Legende    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com