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Hans Fallada: »Wolf unter Wölfen« (I937) - Dramatisierende Erzählung



Die Weimarer Republik in der Zerreißprobe

»Es ist Berlin, Georgenkirchstraße, dritter Hinterhof, vier Treppen, Juli 1923, der Dollar steht jetzt - um 6 Uhr morgens - vorläufig noch auf 414 Tausend Mark.« Dieser Satz, mit dem der Erzähler nach kurzem Anlauf unmittelbar in die Situation springt, reißt einen Vorhang weg und gibt den Blick frei auf die zeitgeschichtliche Bühne, auf der die Handlung des Romans »Wolf unter Wölfen«, der Kampf der einzelnen »gegen alle«, abrollen wird. Ein Satz von äußerster sprachlicher Ã-konomie, ein Erzähltelegramm an den Leser, ein kleines Wunder an kondensierter Mitteilung. Wir kennen nun die Zeit des Handlungsbeginns und die soziale Lage des jungen Romanhelden Wolfgang Pagel und seiner Freundin Petra Ledig, wir kennen den Siedegrad des wirtschaftlich-politischen Schmelzprozesses, dem die junge und schwache deutsche Republik widerstehen muß.


      Der knappen Vorausinformation dient auch Falladas Technik, am Romanbeginn die wichtigsten Personen und Schauplätze kurz anzuleuchten und ihre erzählerische Verknüpfung noch im Dunkel zu lassen. Aus dem Osten des Reichs, von Gut Neulohe, reist der Rittmeister a. D. und Rittergutspächter Joachim von Prackwitz an, um in Berlin eine Schnitterkolonne anzuwerben. Bei einer zweifelhaften Gräfin im bayerischen Viertel Berlins ist Sophie, die Tochter des Neuloher Leutevogts, als Zofe angestellt. Im Zuchthaus Meienburg hat sich der Hochstapler Liebscher zum Kalfaktor emporgeschmeichelt und erhofft sich nun die Abordnung in den Ernteeinsatz und damit die Gelegenheit zur Flucht. In der Umgebung von Gut Neulohe zieht ein undurchsichtiger »Leutnant« die Männer in verschwörerische Aktivitäten. Und schon laufen in Berlin erste Linien zusammen: Drei ehemalige Regimentskameraden treffen sich, der Rittmeister, ein Oberleutnant von Studmann und ebender Fahnenjunker Pagel, der in den Nachkriegsjahren zum leidenschaftlichen Spieler geworden ist.
      Fallada »inszeniert« seinen Roman filmisch. Auch die Rückblende gehört zu seinen Techniken: Ein Ereignis wird beschrieben und dann erst die Entwicklung, deren Ergebnis es ist. Hauptschauplatz im ersten Teil des Romans bleibt Berlin - eine Stadt im Fie-ber- und Rauschzustand der Inflation, ein wahres Babel im »schillernden Sumpfzauber dieser schlimmen Zeit«.
      Fallada, im Jahre 1893 unter dem bürgerlichen Namen Rudolf Ditzen geboren, hat sie nur zu gut gekannt, alle die haltlosen Naturen, die Spieler, die Trinker, die »Fixer«, die kriminell werdenden Süchtigen - er selbst war einer von ihnen. Schon früh geriet er an Morphium und an den Alkohol, schon früh verschwand er zu Entziehungskuren im Sanatorium. Ein paarmal saß er wegen Unterschlagung im Gefängnis. Trotz einiger Phasen der Beruhigung blieb er, bis zum traurigen Lebensende in einem Pankower Krankenhaus , dem Rauschgift verfallen. Die Hölle des Deliriums beschrieb er im Roman »Der Trinker« . Seine enorme Romanproduktion ist der Sucht abgerungen; wo andere schöpferische Pausen brauchen, brauchte er die Pause des Schöpferischen; Schreiben war ihm Kompensation, eine andere Art von Rauschzustand.
      Wahrlich, er wußte, wovon er sprach, wenn er das Berlin des Jahres 1923 als einen Laufplatz der Hungernden und der Lebenshungrigen, der Schieber und der Gestrandeten beschrieb. Eine merkwürdige Faszination geht vom morbiden Glanz der Metropole aus, die er uns zeigt. Unleugbar ist ja der literarische Reiz des Verruchten, die Lust an der ästhetischen, also von den realen Folgen nicht bedrohten Teilhabe am Verbotenen - ein Vergnügen ohne Reue. Wir erfahren es auch bei den süffigen Songs im Gauner- und Dirnenmilieu der »Dreigroschenoper« , jenes Bühnenereignisses, in dem die zwanziger Jahre noch einmal Kopfstehen.
      Es gibt in Falladas Romanen etwas von dem, wovon er selbst abhängig war; Fallada kann den Leser nach Fallada süchtig machen. Denn was er in »Wolf unter Wölfen« als Köder anbietet, ist Lebensfülle mit allen Leidenschaften und Trieben, mit dem Willen zum Guten und der Schwäche des Allzumenschlichen, ist das Breitwandpanorama einer vielschichtigen Gesellschaft der Privilegierten, der skrupellosen Selbsthelfer und der Glücklosen, ist das politische Spannungsfeld der Zerreißprobe, der die deutsche Nation und die Weimarer Republik nach dem Versailler Vertrag ausgesetzt waren. Wie in keinem anderen Roman werden uns hier aus immer neuer Perspektive Blicke in den brodelnden Vulkan dieser Epoche gewährt.
      Als solch ein Beispiel erzählerischer Wiedervergegenwärtigung fesselte mich der Roman, als ich ihn zu Anfang der fünfziger Jahre zum erstenmal las. Die Lektüre war nicht ausschließlich vom literarischen Interesse bestimmt. In der Epoche der Romanhandlung geboren, war ich be-gierig, ein Stück nichterlebten eigenen Lebens kennenzulernen. Nur auf vage Erinnerungen und auf Erzählungen anderer angewiesen, aber durch die Schule im »Dritten Reich« allzu einseitig informiert, wollte ich die Wahrheit über das Leben der ersten Nachkriegszeit wissen. »Wolf unter Wölfen« schien ihr, soweit ein Roman es vermag und soll, nahezukommen. Ich verstand die Lektüre also auch als eine Möglichkeit des nachgeholten geschichtlichen Anschauungsunterrichts.
      Das war nun so selbstverständlich wiederum nicht. Denn der Roman »Wolf unter Wölfen« ist im Jahre 1937 erschienen, zu einer Zeit, in der der durch »Bauern, Bonzen und Bomben« und vor allem »Kleiner Mann - was nun?« berühmt gewordene Romanautor bereits gewisse Zugeständnisse an die Goebbelssche Kulturpolitik zu machen begann . So versah er die erste Ausgabe von »Wolf unter Wölfen« mit einem Vorwort, das den Roman als Buch einer überwundenen Epoche, als Buch für »in jedem Sinne Erwachsene« ausgab. Die Literaturpolitiker des »Dritten Reichs« trauten dieser Schutzbehauptung nicht, zu Recht - und zu Ehren des Autors. Denn Fallada hatte sich seine epische Objektivität nicht abkaufen lassen. Er setzt Helden der nationalsozialistischen Propaganda, zu Putschisten werdende Freikorpskämpfer, die Schwarze Reichswehr und die Rechtsradikalen, kurz: die Feinde der Weimarer Republik, ins gleiche Zwielicht wie die hemmungslosen Nutznießer der verwilderten Verhältnisse.
      Beim Wiederlesen, nach mehr als dreißig Jahren, galt das Interesse natürlicherweise mehr dem literarischen Charakter des Romans als seinem geschichtlichen Hintergrund . Trotz veränderter Erwartungen aber war bei der Lektüre der Sog der Erzählung von unverminderter Kraft.
      Das hat nicht nur damit zu tun, daß eine Zeit, die aus den Fugen zu geraten droht, immer dankbarere literarische Stoffe bietet als eine konfliktlose, auch nicht nur damit, daß wir uns seit der Hitlerzeit ein waches Organ für alle historischen Fälle von Gefährdung der Republik erhalten haben. Die eigentliche Faszination der Erzählung ergibt sich vielmehr daraus, daß Fallada den zeitgeschichtlichen Stoff in Personen und Handlungen eingeschmolzen hat, die auch von sich aus Folgerichtigkeit besitzen. Die Figuren des Romans »stimmen« nicht nur, weil sie einem sozialpolitischen Grundverhalten der Epoche oder gar ihrer Funktion in einem bestimmten Geschichtsbild des Autors gerecht werden, sondern sie haben ihre eigene psychologische Glaubwürdigkeit.
     
Das macht im zweiten Teil des Romans die Welt um das Gut Neulohe so abgerundet und homogen. Ein Lebenskreis von großer, in sich verflochtener Vielfalt ersteht im Erzählen. Dabei bergen die Konstellationen der Figuren Reibungen, die schließlich an den Zündpunkt kommen. Dem Besitzer des Ritterguts, dem alten Geheimrat, hat sich durch einen schändlichen Pachtvertrag der gehaßte Schwiegersohn ausgeliefert, Rittmeister von Prackwitz, dessen Unfähigkeit immer offenkundiger wird, so daß nur die ehemaligen Regimentskameraden von Studmann und Pagel die Gutswirtschaft vor dem Ruin bewahren können. Die fünfzehnjährige Violet von Prackwitz, umgetrieben von sexueller Neugier -»außen hoppheh, aber innen faul«, meint Pagel -, entwickelt sich zu einem kleinen Luder, büßt aber für ihre halb berechnende, halb naive Herausforderung männlicher Aggressivität mit völliger seelischer Zerstörung.
      Zum Opfer wird auch der gealterte Förster der Gutswälder: Der Geheimrat schikaniert ihn, die Putschisten erpressen ihn, ein Wilderer und der aus dem Erntekommando entsprungene Sträfling Liebscher üben tödliche Rache an ihm. Der nationalistische Putsch scheitert, weil man das geheime Waffenlager entdeckt; verraten wird es vom ehemaligen Feldinspektor auf Gut Neulohe, einem zynischen Schieber - die Verschwörer und der Denunziant stehen für den Erzähler moralisch auf gleicher Ebene.
      Um die Kampfplätze, an denen es um die politische Zukunft, das wirtschaftliche Ãoberleben und die persönliche Existenz geht, lagern die vielen Nebenschauplätze. Dort rivalisieren die eifersüchtigen Köchinnen und Mägde miteinander, dort treibt man Komplizenschaft mit den geflüchteten Strafgefangenen, dort ziehen zum nächtlichen Felddiebstahl die Familien von Landarbeitern, die Millionäre und doch nur Habenichtse sind.
      Ãober das Ende des Romans legt sich noch ein Hauch von Tragik und Melancholie; der Erzähler hält das Unglück der armen Violet und ihrer Familie bewußt. Im übrigen aber färbt sich die Welt ins Märchenhafte um. Als Glücksbote erscheint die neue Rentenmark; auf den faulen Zauber der astronomischen folgt nun der haltbare Zauber der niedrigen Zahlen. Der junge Pagel hat in Berlin eine Familie gegründet und studiert Medizin. »Es ist alles ganz anders geworden«, denkt Petra. Von Anfang an war der Leser angehalten, mit Petra Ledig mitzubangen, von Anfang an war sie der Hoffnungsträger des Romans; nun ist das Tor zu schöner Zukunft weit aufgestoßen.
      Der große Kollaps der Hoffnungen liegt jenseits des Romanhorizonts. Es wäre wohl auch unbillig zu erwarten, daß der Erzähler schon die Bebendes zweiten großen Zusammenbruchs der zwanziger Jahre im voraus hört. Aber vom Happy-End her wird doch unser Blick für die Konstruktion des Romans geschärft.
      Trotz seiner Wirklichkeitsdichte und trotz der psychologischen Schlüssigkeit seiner Figuren ist nicht zu übersehen, daß die Szenen nach den Regeln einer Effektdramaturgie angeordnet und die Figuren - wie auf einem Schachbrett- in bestimmte Positionen geschoben werden. Die Beschreibung der Berliner Halbwelt und der verschwörerischen Aktivitäten kommt nicht ohne Mittel der Kolportage aus. Zu auffällig werden die Ereignisse auf die »verhängnisvolle Stunde« hin arrangiert, zu deutlich die Menetekel des Schicksalsdramas bemüht. Und gleich zweimal sind Briefe die Hebel für das Spiel von »Kabale und Liebe«.
      Die Anspielung auf Schillers Theaterstück mag daran erinnern, daß auch großer Literatur reißerische Elemente nicht unbedingt fremd sind. Fallada hat seinen Platz nie unter den Göttern der Erzählkunst gesehen, und wir wollen ihn nicht zu ihnen setzen. Aber manch vielgerühmter Roman hätte aus seinem Werk eine Blutzufuhr gegen Wirklichkeitsblässe und Langeweile gut vertragen. Wir haben unter den deutschen Erzählern zu wenige Falladas.
     

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