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Günter Grass: »Ein weites Feld« (I995) - Die Vernetzung literarischer und zeitgeschichtlicher Anspielungen



Fontane redivivus

Die Romanautoren Theodor Fontane und Günter Grass sind nicht nach demselben ästhetischen Gesetz angetreten. Nichts deutete auf Wahlverwandtschaft, als dem Autor des Romans »Die Blechtrommel« sozusagen aus dem Stand der Sprung in die Weltliteratur gelang. Kaum ein Ohr haben konnte Grass für Fontanes Realismus-Verständnis, für die Ansicht, der »Realismus« könne »erst ganz echt sein, wenn er sich [...] mit der Schönheit vermählt und das nebenherlaufende Häßliche, das nun mal zum Leben gehört, verklärt hat [...] Der beste Weg ist der des Humors«. Nicht Verklärung war Grass' Sache, sondern Enthüllung, nicht der Humor, sondern das Groteske. Das ist nicht anders im Roman »Hundejahre« . Und wie mit dem Grotesken das Phantastische verschwistert sein kann, zeigten die Romane »Der Butt« und »Die Rättin« . Aber es gab doch auch eine Annäherung an das, was wir bei Fontane als das unpathetische Humane ausmachen, und zwar in Grass' »Unkenrufen« . Diese Erzählung entwickelt neben der Satire, kritisch und appellierend zugleich, eine jener maßvollen Utopien, die nach dem Zusammenbruch der Alles-oder-nichts-Utopien so wohltuend waren. In einer Senioren-Liebesgeschichte taucht in wunderbarer Verwandlung die alte Philemon-und-Baucis-Sage wieder auf. Und alles ist temperiert durch eine subtile Ironie.
      Als eine Wegstation zum Roman »Ein weites Feld«, als ein Vorgriff auf den Raketenzauber literarischer Anspielungen, erscheint im Rückblick »Das Treffen in Telgte« , geschrieben zum siebzigsten Geburtstag von Hans Werner Richter, eine Schlüsselerzählung. Zu einem Gruppentreffen in Telgte, einem Ort zwischen Münster und Osnabrück, den Städten der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden von 1648, lädt Simon Dach die Barockdichter. Hinter dem Personal der historischen Maskerade ist unschwer die »Gruppe 47« zu erkennen.
      Es soll hier im Roman »Ein weites Feld« nicht mit der philologischen Lupe nach Abhängigkeiten und Verweisen gesucht, nicht ein Register aller »intertextuellen« Ãoberschneidungen verfertigt, es soll nicht das ganze Netz der Bezüge zum Werk Theodor Fontanes sichtbar gemacht und es sollen keine ungenauen oder falschen Fontane-Zitate gesammelt werden. Nicht um kriminologische Indiziensuche geht es, vielmehr um den Versuch, etwas von der Faszination Fontanescher Gestalten und Fontanescher Schreibweisen, sofern sie ihre Spuren in Grass' Roman hinterlassen hat, deutlich zu machen. Es ist dies keine Faszination, die Grass betört, in die historisch-fiktionale Welt der Romane Fontanes hineinzieht und ihn von seiner eigenen Gegenwart ablenkt. Faszination ist hier immer zugleich Reibung an der Differenz. Grass hat sich ein wundersames Medium des Dialogs mit Fontane in der Gestalt des Fonty geschaffen, eine fiktive Brücke zwischen der Welt Fontanes, des Zeitgenossen Bismarcks, und der Welt des Zeitgenossen Helmut Kohls, der sogenannten »Wendezeit« um 1989/90.
      Theodor Wuttke, genannt Fonty, ist zunächst einmal die überdimensionale Verkörperung eines - wie man heute sagen würde - Fontane-Fans, eines Besessenen, der sich in allem an seinem Vorbild orientiert, bis hin zum »strähnig hängenden Schnauz« . Grass räumt ihm dafür die nötigen Vorgaben ein: Theo Wuttke ist auf den Tag genau hundert Jahre nach Fontane in demselben Ort wie Fontane, Neuruppin, geboren. Er schlüpft, wo er nur kann, in die Rolle Fontanes und hat immer ein - ob nun authentisches oder gezinktes - Wort des Meisters bereit. Man möchte ihm Verse Schillers aus »Wal-lensteins Lager« zurufen: »Wie er räuspert und wie er spuckt,/Das habt Ihr ihm glücklich abgeguckt«. Das Verhaltens-, ja Lebensprinzip dieses wiedergeborenen Fontane ist die Nachahmung, rundheraus gesagt: Die Figur Fontys hat etwas Ã"ffisches. Und jeder penetranten Nachahmung haftet Komik an. Diesen Zug einer komischen Relativierung muß man sich bewußt halten, schon um das Mißverständnis zu vermeiden, Fonty sei das Alter ego des Autors Grass.
      Immer wieder wird von Fontane als dem »Unsterblichen« gesprochen. Aber Fonty bewegt sich nicht nur im Bannkreis, im Schatten dieses Unsterblichen. Eine Unsterblichkeit anderer Art kommt der Figur zu, die Fonty seinen »Tag- und Nachtschatten« nennt, dem Stasi-Spitzel Hoftal-ler. Grass hat hier - und er deutet es im Roman oft genug an - unter etwas abgewandeltem Namen die Hauptfigur aus Hans Joachim Schädlichs Roman »Tallhover« übernommen und weiterentwickelt. Damit hat er sich ein Dilemma eingehandelt.
      Schädlich, der 1977 aus Ost-Berlin in den Westen übersiedelte, bringt in seinem Roman eine Grunderfahrung seines Lebens in der DDR, die Allgegenwärtigkeit des Ãoberwachungsstaats, in einen historischen Zusammenhang. Er verfolgt die Geschichte der politischen »Observierung« von der Epoche der Metternichschen Restauration im 19. Jahrhundert bis in die DDR des Jahres 1955. Er demonstriert die Kontinuität dieser Ãoberwachung an einer die Epochen überdauernden, sozusagen unsterblichen Spitzelfigur, eben an Tallhover. Schädlich zeigt aber auch die übermäßige Zuspitzung einer geschichtlichen Konstanten, so daß er am Ende Tallhover zu einer grotesken Selbstverurteilung und Selbstvernichtung schreiten läßt. Zugleich macht er deutlich, wie die Praxis der Bespitzelung, der Verhöre und Verurteilungen die sozialistische Utopie von der Befreiung des Menschen verraten hat.
      Grass verharmlost die Staatssicherheit nicht. Aber er stattet Hoftaller mit ebenjener Biederkeit aus, unter der sich die Geheimdienstler tarnten. Allerdings hat die Wiedererweckung Tallhovers zu einer überdauernden Figur einen hohen Preis. Grass läßt nun nach dem Fall der Berliner Mauer Hoftaller weiteragieren, als habe es keinen >Sturm auf die Bastille

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