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Ernst Jünger: »Eumeswil« (I977) - Utopischer Roman als Denkspiel



Der Anarch

»Wir finden und vergessen uns im anderen; wir sind nicht mehr allein.« Mit diesem Satz schließt Ernst Jüngers Roman »Die Zwille« von 1973. Wem bis dahin die kristallinen Welten Jüngers fremd geblieben waren, der mochte in dem Roman - einer Jugendgeschichte - zum erstenmal etwas wie zwischenmenschliche Wärme entdeckt haben. Wer aber den Satz als Signal für eine Wende las, dessen Erwartung wurde vom vier Jahre später erschienenen Roman »Eumeswil« nicht erfüllt. Der Held dieses Romans ist wieder auf sich gestellt. Der Satz war kein Widerruf.

      Jüngers Bewunderer konnten durch »Eumeswil« seine Geradlinigkeit und die Gegner seine Einseitigkeit bestätigt sehen, allen mußte der Roman des Zweiundachtzigjährigen Respekt abnötigen - Respekt einem Autor gegenüber, den gerade seine Umstrittenheit zu einer der bedeutenden Gestalten in der Literatur- und Geistesgeschichte des Jahrhunderts macht, weil in der Auseinandersetzung um ihn gegensätzliche Positionen klarere Umrisse erhalten.
      Jüngers Anhängern bot »Eumeswil« keine grundsätzlich neuen Offenbarungen, aber der Roman gleitet auch nirgendwo in jene etwas unkontrollierte Redseligkeit, die so manches literarische Alterswerk kennzeichnet. Der paradierende Intellekt Jüngers, das spielerische Verfügen über eine immense kultur- und naturgeschichtliche Bildung, die griffige, nie abstrakt werdende Sachlichkeit seiner Sätze, die funkelnden Einschübe bilder- und metaphernreicher Perioden, die Salven der Antithesen , die reichlich verstreuten Maximen und Sentenzen fesseln den Leser wie eh und je. Der Sprach- und Gedankenzauberer war noch immer der alte.
      An Ernst Jünger die Elle des Mittelmaßes legen hieße seinem Selbstverständnis widersprechen. Die offenen und verhüllten Appelle seiner Schriften - der Tagebücher, der Essays oder der Romane - sind an Eliten gerichtet, und seine Identifikationsfiguren haben durchaus das Sendungsbewußtsein des Auserlesenen. Sucht man nach literarischen Entsprechungen, so scheint mir - so verwegen der Vergleich auch sein mag - Ernst Jünger in die Nähe Stefan Georges zu gehören; er übt eine ähnliche Anziehung und löst ähnliche Abwehrreaktionen aus. Freilich stand George als »Meister« im Kreis seiner Schüler, und daß Ernst Jünger keine Satelliten um sich geschart hat, ist bezeichnend für das Solitäre seines Persönlichkeitsentwurfs.
      Jünger will nach literarischem Gardemaß beurteilt werden. Das heißt nicht, daß es keine andere Möglichkeit gäbe, als zu ihm aufzuschauen. Und so wäre zunächst festzustellen, daß er in »Eumeswil« den drei Konzeptionen des Kriegers, des Arbeiters und des Waldgängers keine eigentlich neue hinzufügt. Der Anarch, dessen Umrisse »Eumeswil« entwirft, ist ein Zwillingsbruder des Waldgängers. Der Roman liest sich wie eine erweiterte erzählerische Version des Essays »Der Waldgang« ; in seinem utopischen Grundriß erinnert er am ehesten an »Heliopolis« , so daß wir in »Eumeswil« eine Synthese zweier Schriften der frühen Nachkriegszeit hätten, wobei jedoch die Entwicklung der Zwischenzeit dieser Synthese ihren Horizont setzt.
      Eumeswil ist ein Stadtstaat, dessen Gebiet im Norden ans Meer grenzt und sich nach Süden hin in der Wüste verliert. Die Staatsform ist die einer gemäßigten Tyrannis, deren Machtzentrum sich in der oberhalb der Stadt gelegenen Kasbah befindet. Seinen Namen hat Eumeswil von Eumenes, einem der Diadochen, die das Reich Alexanders des Großen unter sich aufteilten. Eumenes, dem Griechen, wird eine geringere Verruchtheitals den übrigen Diadochen nachgesagt, und darin gleicht ihm der Tyrann von Eumeswil, der Condor, dem die Grausamkeit des Despoten zuwider ist.
      Die Parallelität zur nachalexanderschen Zeit, auf die der Stadtname anspielt, besteht darin, daß die Siedlung - als »fellachoide Versumpfung auf alexandrinischer Grundlage« - eine Spätphase des Verfalls erreicht hat. Diese »Stadt der Epigonen« ist ein »Mischkessel« aus den Abkömmlingen der verschiedensten Nationen, ein Handelsplatz mit Zügen der Profitgesellschaft. Die Utopie, in einer Zeit nach dem 21. Jahrhundert anzusetzen, steckt voller geheimer Analogien zu Jüngers Bild seiner Gegenwart.
      Der Ich-Erzähler beziehungsweise Tagebuchschreiber Martin Venator geht zwei Berufen nach, dem des Dozenten für Geschichte und dem des Nachtstewards in der Bar der Kasbah. Jüngers Vorliebe für die ausgefallene, gesuchte Kombination schafft sich auch hier, in der Paarung des Wissenschaftlers mit dem Kellner, der das Ohr an den Gesprächen der Mächtigen hat, ihr Spielfeld. Doch sind Jüngers utopische Romane - wie auch seine Essays - eben Denkspiele. Einen Denkspieler nannte man den Dramatiker Georg Kaiser. Keiner hat nach Kaiser das Denkspiel so sehr zu seiner künstlerisch-essayistischen Form gemacht wie Ernst Jünger.
      Gegenstand des Denkspiels in »Eumeswil« ist der Anarch. Ãober die Konturen des Anarchen schieben sich aber die des Historikers . In den Selbstdefinitionen des Historikers kehren Vorstellungen und Grundsätze wieder, die von Anfang an bei Jünger anzutreffen sind: die Metaphorik der Bühne und die wertfreie Beobachtung des Lebens.
      Der Historiker, so meint Venator, wiegt als »Totenrichter« die geschichtliche Tat nicht nur jenseits von Gut und Böse, er steht auch zu seinem Objekt wie der Schauspieler zu seiner Rolle: er identifiziert sich. Selbst eher Künstler als Wissenschaftler, bewegt er sich »in der Geschichte wie in einem Bildersaal«. Er begegnet also der Geschichte mit einer Art ästhetischem Interesse.
      Dem dient das sogenannte Luminar, eine Apparatur, die es erlaubt, ein gespeichertes enzyklopädisches Wissen nach Computerart abzurufen und zugleich zu versinnlichen: Personen und Vorgänge der Geschichte werden konkret vergegenwärtigt. Diese »Zeitmaschine, die zugleich die Zeit aufhebt«, läßt Geschichte wie ein Schauspiel erstehen.
      Es scheint, als wolle Jünger mit diesem Luminar den Satz Nietzsches illustrieren, daß Dasein und Welt nur als ästhetische Phänomene ewig gerechtfertigt seien. Zur ganzen Botschaft Nietzsches freilich, die vergessen würde im Wunsch nach immer anderen Figuren und Phasen der Geschichte, gehört auch der Satz, daß ein Ãobermaß an Historie dem Lebendigen schade. Doch stimmt das ästhetische Genießen der Geschichte mit der Absicht des Anarchen überein, sich einer verachteten Gegenwartswirklichkeit zu entziehen. Der Mythos des Anarchen, den Jünger seinen Tagebuchschreiber Venator entwickeln läßt, gründet in der Annahme, daß die Weltgeschichte durch die Anarchie bewegt werde. Jüngers Neuinterpretation des berühmten Heraklit-Wortes lautet: »Wie der Krieg der Vater der Dinge, so ist die Anarchie ihre Mutter.«
Der Anarch - und hier wird ein unmittelbarer Bezug zur Zeitgeschichte deutlich - grenzt sich gegen den Anarchisten ab, der bei aller Gesellschaftsfeindlichkeit doch Gruppenwesen sei. Der Anarch bleibt einsam, überzeugt von der »ungeheuren Macht des einzelnen«. Nicht von ungefähr steht in Venators Studien zum Anarchismus Max Stirners »Der Einzige und sein Eigentum« von 1845 im Zentrum: dem Anarchen ist Stirners Einziger schon ganz nahe. Der Anarch will sich die Gesellschaft vom Leib halten.
      Deshalb baut sich Venator inmitten eines schwer zugänglichen Schilfgebiets einen verlassenen Bunker als Fluchtburg aus. Er bereitet alles für den Waldgang vor. Im Unterschied aber zum Waldgänger des Essays von 1951, dem der Wald »Lebenshort« war, ist dem Anarchen der Wald nur der letzte Zufluchtsort. Wurde der Waldgänger aus der Gesellschaft herausgedrängt, so hat der Anarch »die Gesellschaft aus sich verdrängt«. Er kämpft allein, als Freier; »er fühlt sich als Gleicher auch unter Königen«. Sein Frei-heitsbegriff schließt aber den Dienst unter einer Herrschaft nicht aus. »Nur von dem Schwur, dem Opfer, der letzten Hingabe hält er sich zurück.« Solche Theorie vom Dienen unter innerem Vorbehalt ist nun freilich auch als eine subtile Ideologie des Mitläufertums benutzbar.
      Der Anarch, der sich gegenüber der Geschichte ästhetisch verhält und sich - allergisch gegen »soziale und ökonomische Plattheiten« - der Gesellschaft verweigert, liefert sich den geschichtlichen Kräften seiner Zeit zu Handdiensten aus. Hier kommt im Werk noch einmal eine Neigung zum modernen Landsknechtstum zum Vorschein, aus der heraus sich Ernst Jünger selbst, als Gymnasiast, 1913 von der französischen Fremdenlegion nach Afrika anwerben ließ . Sieht man schärfer hin, so besteht die einzige Freiheit, die der Anarch dem verachteten »Epigonen« und »Fellachen« wirklich voraus hat, in der inneren Distanzierung von den Parteiungen innerhalb der Gesellschaft.
      Ob sich Anarchentum auch daneben realisieren kann, läßt Jünger offen. Wie auch sonst rückt er seinen Helden in die Nähe tragischen Scheiterns. Zum Rückzug in die Fluchtburg kommt es nicht mehr; im Bunker findet man lediglich Venators Aufzeichnungen, die dann sein Bruder mit einem relativierenden Kommentar herausgibt. Der Anarch hat sich mit dem Condor und seinem Gefolge auf die »Große Jagd« begeben und bleibt mit ihnen verschollen.
      Jüngers Neutralität gegenüber dem Problem des Tötens wird bereits in den »Stahlgewittern« von 1920 deutlich. So ist auch der Leser dieses Romans von ihr nicht überrascht. Der Kampf des Anarchen ist ein »Privatkrieg«, in dem er sich selbst als letzte verantwortliche Instanz sieht. Dennoch enthüllend der Satz, mit dem Venator seine Entschlossenheit bekundet, sich eines Mannes zu entledigen, der ihm »in die Quere kommen« und mit dem es »Scherereien geben« könnte: »Dann würde er umgelegt.«

Zu solchem Zynismus in »Eumeswil« steht im Gegensatz, was man am erzählerischen Werk des späteren Jünger als »Grazie sehr männlicher Prägung« gerühmt hat. Zu fragen bleibt, welcher Preis für diese Art von männlicher Anmut gezahlt wird. Jüngers Konzeptionen des Kriegers, des Arbeiters sowie des Waldgängers und des Anarchen sind Persönlichkeits- und damit auch Weltentwürfe, in denen Frauen als bloße Akzidenzien, zwar als unentbehrlich, aber letztlich störend gedacht werden. Das wirkt in »Eumeswil« bis in die Anordnungen des Condors hinein: keine Frau - nicht einmal Wäscherin oder Küchenhilfe - wird auf der Kasbah geduldet, weil sie Kabalen begünstigen könnte. Venator betrachtet die Dirne Latifah, die ihm als »Blitzableiter« dient, beim ersten Besuch »wie ein Sklavenhändler vor dem Zuschlag: da webt noch etwas von der Altzeit, vom frühen Perse-polis«. Er steht aber auch zur Historikerin Ingrid, einer Kollegin, in engem Verhältnis. Ihre intime Beziehung beginnt mit einer ungewöhnlichen sexuellen Aufforderung. Ingrid überreicht ihm einen Zettel: »Bitte machen Sie keine Umstände.« Das Bett der ersten Vereinigung ist der Marmorflur. Dieses Geschlechterverhältnis hat wirklich die Marmorkühle des Denkspiels.
      Selbstverständlich weiht Venator Ingrid nicht in das Geheimnis seiner Fluchtburg ein. Dem Waldgänger könnte »die Frau zum Verhängnis« werden. Aber es gibt auch keinen Freund, dem er sich anvertrauen könnte. Der Anarch erlangt Freiheit nur in einem mitmenschlichen Vakuum.
      Der utopische Roman über Staat und Gesellschaft in einer Spät- und Verfallszeit ist zu einem guten Teil aus der Beobachtung der Gegenwart hervorgegangen. Einen Gegenentwurf führt Jünger nicht aus. Doch wird eine Antwort mit der Gestalt des Anarchen gegeben. Den Schlüssel bietet eines der in sich geschlossenen erzählerischen Stücke des Romans: die Parabel vom »Totemtier« des jungen Venator, der Haselmaus, die sich ihre Höhle für die öde und kalte Jahreszeit baut. Was diese kleine Erzählung demonstriert, ist die Kunst des Ãoberwinterns. Versteht man sie als geschichtliche Parabel, so heißt Ãoberwintern soviel wie das Ãoberleben einer Zeit des Verfalls in Erwartung des Anbruchs einer neuen geschichtlichen Zeit. Aber für den verschollenen Venator, den Anarchen, wird sie zu spät kommen. Und Jünger war klug genug, den Roman hier abzubrechen. Denn den idealen und utopischen Staatsentwürfen seit Piatons »Politeia« und Thomas Morus' »Utopia« ist gemeinsam, daß ihre Realisierung gar nicht zu wünschen wäre.

     

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