Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Roman chronik

Index
» Roman chronik
» Elias Canetti: »Die Blendung« (I935) - Der Roman als Marionettenspiel

Elias Canetti: »Die Blendung« (I935) - Der Roman als Marionettenspiel



Weltblinder Büchermensch

Im zweiten seiner autobiographischen Bücher, »Die Fackel im Ohr« , berichtet Elias Canetti von künstlerischen Plänen aus der Wiener Zeit zwischen 1929 und 1931, von Plänen zu einer »Comedie humaine an Irren«. Acht Figuren schweben ihm vor: der Wahrheitsmensch, der Phantast, der Fanatiker, der Sammler, der Verschwender, der Tod-Feind, der Schauspieler und der Büchermensch. Für jede dieser Figuren hatte er einen Roman vorgesehen. Aber es kommt nicht zur Ausführung; was vom Plan übrig bleibt und realisiert wird, ist der Roman »Die Blendung«, erschienen in Wien 1935 . In Deutschland bleibt das Buch des 1905 im bulgarischen Rustschuk geborenen Juden spanischer Herkunft anderthalb Jahrzehnte lang so gut wie unbekannt. Erst als es sich längst in tschechischer, englischer und französischer Sprache, in Europa und Amerika durchgesetzt hat, bricht im Jahr 1963 die dritte deutsche Ausgabe endlich den Bann.
      Der vom Autor gelegten Spur darf man folgen, aber nicht zu weit. Denn weder erzählt Canetti im Roman einen Beispielfall für die tief pessimistische Vorstellung von der Welt als einem Irrenhaus, noch erspart er dem Leser über weite Strecken diesen Eindruck. Er siedelt das Geschehen in jener Sphäre des Grotesken an, wo das Ungeheuerliche als das Normale erscheint und doch immer auf die künstlerische Ãobersteigerung hin durchschaubar bleibt. Die wissenschaftliche Instanz für das Thema ist im Roman nicht die Hauptfigur, der Privatgelehrte Dr. Peter Kien, ein berühmter Chinakundiger, sondern sein Bruder Georges, der Leiter einer psychiatrischen Anstalt in Paris.
      In drei Bücher gliedert sich der Roman: »Ein Kopf ohne Welt«, »Kopflose Welt« und »Welt im Kopf«; und erst im dritten stellt der Erzähler den Psychiater, der seine Laufbahn als umschwärmter Frauenarzt begann, genauer vor. Georges' Methode besteht darin, sich ganz von der Doktrin seines Vorgängers, der Irrsinn sei Strafe für Egoismus, zu lösen und seine Patienten wie »Menschen« zu behandeln, sich auf ihre Wahnvorstellungen einzustellen und so »in einer Unzahl von Welten zugleich« zu leben. Ja, ererlernt sogar eine Sprache, die sich ein Irrer selbst geschaffen hat. In geradezu poetischer Weise beschreibt er seinen Assistenten einen »genialen Paranoiker«: »Er treibt mutterseelenallein, wie die Erde, durch seinen Weltraum.« Am liebsten hätte Georges Mitarbeiter um sich geschart, »die Künstler genug« sind, »ihm zu helfen«.
      Zu einem »genialen Paranoiker« entwickelt sich mehr und mehr auch sein Bruder, der in einer deutschsprachigen Stadt lebt und der als der »erste Sinologe seiner Zeit« gilt. Die Welt, in der Peter Kien lebt, ist seine Bibliothek mit 25000 Bänden, eine einmalige Büchersammlung. Selbst wenn er sich in die Straßen der Stadt begibt, trägt er immer einen symbolischen Teil davon in seiner Tasche mit. Seine Bibliothek wird zur Höhle, in die sich der Einsiedler der Wissenschaft zurückzieht, immer weniger an menschlicher Geselligkeit und an der Befriedigung leiblicher Bedürfnisse interessiert. Seine Bücher ersetzen ihm auch die Frau; in einer großen Ansprache huldigt er seiner Geliebten. Medizinische Bücher freilich sind ihm »praktisches Gesindel«. Solche Vereinseitigung trifft der Titel des ersten Buches: »Ein Kopf ohne Welt«. Peter Kien ist der »Büchermensch« aus Canettis »Comedie hu-maine an Irren«.
      Seine Wirklichkeitsblindheit lädt zum Mißbrauch seiner Leichtgläubigkeit ein; er ist jedem Täuschungs- und Betrugsversuch hilflos ausgeliefert. Vor acht Jahren hat er die Haushälterin Therese Krumbholz eingestellt, die ihm das - lustlos eingenommene - Essen kocht und im Viertagesrhythmus die Bücher entstaubt. Kien nimmt die sechzehn Jahre ältere Frau nur in ihrer Dienstfunktion wahr, und tatsächlich gibt die stupide Person, die keiner logischen Antwort fähig ist und deren Rede sich auf sprachliche Versatzstücke und Allgemeinplätze beschränkt, keinen Anlaß zum Gespräch. Aber so dumm ist die Mittfünfzigerin nicht, daß sie nicht ihre Chance gewittert hätte. Sie strebt nach Höherem als dem Stand der Wirtschafterin.
      So schleicht sie sich in sein Vertrauen ein, indem sie seiner abgöttischen Liebe zu den Büchern schmeichelt. Sie erbittet sich eines zur Lektüre; er gibt ihr für den Anfang einen der Romane, von denen ohnehin »kein Geist fett« wird. Sie schlägt das Buch sogleich in Packpapier, um es auch vor geringster Beschmutzung zu schützen, legt es auf ein gesticktes Samtkissen und zieht zur Lektüre stets weiße Glacehandschuhe an. Er wundert sich, daß sie nach einiger Zeit erst auf Seite 20 angelangt ist; sieentwaffnet sein Mißtrauen mit dem Satz, daß sie jede Seite ein Dutzend Mal lese, um etwas davon zu haben, rühmt den Wert eines Buches. Er eilt aufgewühlt zu seinen Büchern und holt sich Rat in den Schriften des Konfuzius. Er bittet um ihre Hand; als sie den Ernst des Antrags begriffen hat, antwortet sie mit Stolz, aber schlicht: »Ich bin so frei!« Der Büchermensch ist in die Falle gegangen.
      Mit der Heirat beginnt das Martyrium des Doktor Kien. Therese macht ihr Jawort »Ich bin so frei« buchstäblich wahr und nimmt sich jede Freiheit, ergreift Besitz von der Wohnung, auch der Bibliothek, drangsaliert ihn mit ihrer Robustheit, sucht besessen nach Kiens Bankbuch und Testament, bändelt, da sie die Ehe mit einem geschlechtslosen Wesen eingegangen ist, mit einem Möbelverkäufer an. Daheim verwandelt sie sich in eine Megäre und setzt den entkräfteten Ehemann schließlich vor die Tür. Zu einem Leitmotiv des Romans wird der um breite Hüften sich wölbende, immer frisch gestärkte Rock Thereses: Zeichen und Inbegriff ihrer Borniertheit, Härte und Brünstigkeit.
      Gegen Ende des ersten Teils klagt Kien: »Ich bin in einer Irrenanstalt!« Zu diesem Urteil neigt auch der Leser, aber in einem umfassenderen Sinne, als es der Stoßseufzer andeutet. Nicht nur die Megäre Therese, sondern auch der gewalttätige Hausbesorger Benedikt Pfaff und auch Kien selbst - sie bewegen sich in einer exzessiven Gefühls- und Geistesverfassung, die schon an die Grenzen der Tollheit stößt. Zu Mundstücken solcher Tollheit werden die inneren Monologe der Figuren, bei Kien weniger die Träume - die Bilder seines Unterbewußtseins - als seine Ich-Gespaltenheit im Wachzustand.
      Kiens Welt gerät, seitdem er aus seiner eigenen Wohnung ausgesperrt ist, völlig aus den Fugen. Er muß in Hotels übernachten. Eines Tages betritt er das Lokal »Zum idealen Engel«, das eher einem Ort der Unterwelt gleicht, bevölkert von verwahrlosten Gestalten. Fischele, ein buckliger Zwerg, der von dem spleenigen Wunsch besessen ist, in Amerika um die Schachweltmeisterschaft zu kämpfen, bietet ihm seine Dienste an und erkennt bald seine Chance für ein Betrugsunternehmen. Der Büchernarr Kien fängt nämlich in einer großen Pfandleihanstalt jeden ab, der seine Bücher als Pfand hinterlegen will, und schickt ihn sowohl mit Geld wie mit Büchern wieder nach Haus. Fischele organisiert eine kleine Betrügerbande; sie erinnert entfernt an die größere des Bettlerkönigs Peachum in der »Dreigroschenoper« von Brecht, den Canetti 1928, zur Zeit der Uraufführung, in Berlin kennenlernte. Mit gefälschten Bücherpaketen dezimiert die Bande das ohnehin geschmolzene Vermögen Kiens. Die Wende tritt ein, als Therese, die Kiens Bibliothek zu Geld machen will, und ihr Komplize mit Bücherpaketen in der Pfandleihanstalt auftauchen und von Kien erkannt werden.
      Thereses Kumpan ist der Hausbesorger Pfaff. Polizeibeamter in Pension, liegt er in seinem Portier-Kabinett wie ein Wachhund auf der Lauer, um unerwünschte Subjekte aus dem Haus fernzuhalten. Er würgt an seiner Vergangenheit, er hat seine Tochter mißbraucht und ist für ihren Tod verantwortlich; er überdeckt seine Schuldgefühle durch doppelte Gewaltbereitschaft. Der Trink- und Bettgenosse Thereses vollzieht nach der Entdeckungsszene eine halbe Kehrtwendung und überläßt Kien sein Hausbesorger-Kabinett und sein Amt.
      Nun erscheint wie ein Deus ex machina Dr. Georges Kien aus Paris, um dem Wahnwitz ein Ende zu machen. Er bringt mit Drohungen Therese und Pfaff aus dem Haus und findet sie - generös genug- mit einem Milchgeschäft und einer Tierhandlung ab; Kien kann seine Wohnung wieder beziehen. Nichts mehr tun kann der Psychiater Georges gegen den Wahnsinn seines Bruders, der seine Bücher um Hilfe schreien hört. Feuer entsteht, vernichtet die Bibliothek; als die Flammen Kien selbst erreichen, bricht er in lautes Gelächter aus.
      Vorwiegend ermutigend sind die Urteile berühmter Kollegen über Ca-nettis Roman. An Thomas Mann hatte der junge Autor das dreibändige Manuskript geschickt; der Nobelpreisträger ließ es vier Jahre ungelesen liegen. Das fertige Buch aber löst die Zunge des - bekanntlich bei Dankschreiben außerordentlich wohlwollenden - Empfängers. Thomas Mann ist angetan vom »Debordierenden seiner Phantasie« und der »gewissen erbitterten Großartigkeit seines Wurfs«. Auch Robert Musil antwortet zustimmend und geht erst auf Distanz, als er vom Lob seines großen Rivalen erfährt. Der befreundete Hermann Broch spricht vorsichtig einschränkend von einer »abstrakten Seelenlandschaft«.
      Sowohl Thomas Manns wie Brochs Formeln treffen auch heute noch einen wesentlichen Lektüreeindruck, wobei allerdings Brochs Urteil als das genauere erscheint. Die Figurenkonstellationen wirken wie auf einem Reißbrett vorgezeichnet, die Phantasieexzesse wie im Labor erzeugt. Ca-nettis Mutter hat ihren Sohn tadelnd einen »Vielleser« genannt, und so erscheint die Geschichte vom Büchermenschen auch als das Werk eines Buch-Menschen und ein wenig als ein - freilich verfremdetes - Selbstporträt des Autors.

     
Gerade der Hang des Erzählers zur Abstraktion, den Broch bemerkt, ermöglicht den turbulenten Ehe- und Kleinkrieg mit seinem Aufeinandertreffen von Tücke und Realitätsblindheit. Das Modell der alten Typenkomödie scheint durch, in Dr. Peter Kien der verstiegene, blutleere, fürs Leben untaugliche Gelehrte, in Therese das böse Weib, die Xanthippe. Und wie schon in den antiken »Ethischen Charakteren« des Theophrast nähert sich die Zuspitzung des Skurrilen der Karikatur. Nicht nur zeitlich in den Umkreis des Romans »Die Blendung« gehört das Drama »Hochzeit« : Wie zu einem Reigen tritt ein groteskes Ensemble von Figuren an, Hohlspiegel-Abbild der Wiener bürgerlichen Gesellschaft, getrieben von entfesselter Besitz- und sexueller Gier und hintreibend ins Verderben - der Einsturz des Hauses gleicht dem Untergangsfinale im Roman, der Feuerkatastrophe.
      In die dramatische Form umgesetzt, hätte »Die Blendung« am ehesten Eignung für das Marionettentheater. Die Figuren sind ins Stereotype stilisiert, ihr Bewegungsspielraum ist begrenzt, denn sie hängen an den Fäden des Marionettenspielers, weshalb sie auch wirklicher Eleganz nicht fähig sind - auf der Marionettenbühne wirkt selbst die anmutigste Prinzessin eckig, hölzern. Die mimische Regungslosigkeit der Marionette kann nur jene »abstrakte Seelenlandschaft« widerspiegeln, von der Broch spricht.
      Zur Gruppe des weltfremden Büchermenschen, des geistlosen Raffgierigen, des gewissenlosen Expolizisten und zur Schar des buckligen Zwergs, die der Unterwelt des »Idealen Himmels« entsteigt, tritt als einziger Mensch der praktischen Vernunft im dritten Teil des Romans, der bezeichnenderweise den Titel »Welt im Kopf« trägt, der Bruder Kiens, der Arzt und Psychiater, der die Objektivität der durchschauenden Beobachtung und des vernünftigen Handelns besitzt. Wie er die Machenschaften entlarvt und ihre Urheber mattsetzt, ist eine Quelle des Lesevergnügens, auch wenn dann doch jede Hilfe für den Bruder zu spät kommt.
      Zum poetischsten Teil des Romans wird das vorletzte Kapitel, überschrieben »Literarischer Odysseus«. George bringt den kranken, sein Inneres verschließenden Bruder dazu, im Medium überlieferter mythischer und literarischer Muster Auskunft über sich selbst zu geben. Den Versuch Georges', seine Verschlossenheit durch Schmeicheleien aufzubrechen, weist Peter Kien zurück, der Verlockung, mit seinem Bildungswissen zu brillieren, kann aber der Büchermensch nicht widerstehen. Und so enthüllt er sein Inneres in philosophischen und literarischen Beispielfällen. Eine tiefe Frauenfeindschaft tritt zutage, als ihn George mit der Bemerkung reizt, er überschätze die Bedeutung der Frauen. Beispiele mörderischer Weiblichkeit aus dem Tierreich, aus dem Termitenstock, in dem wenige Mütter den ganzen Stock hervorbringen und die Geschlechtlichkeit der übrigen Tiere zurückgebildet ist, oder aus der Verhaltenspraxis von Spinnenweibchen, ihren männlichen Partnern nach dem Begattungsakt den Kopf abzubeißen, übergeht er rasch. In sein Element aber gerät er, wenn er von den großen Denkern und Religionsstiftern berichtet, die »vom Unwert der Frau überzeugt« waren: von Konfuzius, der in seinen Gesprächen nicht einen Satz über die Frauen verliert, von Buddha, der die Frauen eifersüchtig, neidisch, dumm nennt und erst nach langer Weigerung ihre Aufnahme in Nonnenorden zuläßt, aber unter der Bedingung, daß sie jedem Mönch ehrfurchtsvoll begegnen. Auch um einen frauenfeindlichen indischen Spruch ist der Büchermensch nicht verlegen. Und George erinnert sich an Peters frühere Vorliebe für einen Ausspruch des Griechen Antisthenes, daß er, könnte er sie treffen, Aphrodite töten würde.
      Dem Verdacht Georges', die Beispiele beschränkten sich vornehmlich auf sinologisches Wissen, hält Peter die großen Volksepen der Griechen und Deutschen, deren Gegenstand Weiberwirren seien, hält er Helena als Anlaß des Trojanischen Krieges und Kriemhilds grausige Rache und schließlich Aphrodites Ehebruch mit Ares, dem »Gott der griechischen Landsknechte«, entgegen, worin Georges nun einen mythischen Vorwurf für den Ehebruch Thereses mit dem Hausbesorger und Expolizisten sieht. Die Beispielreihe endet mit einer biblischen Episode, ausgehend von Michelangelos Bild an der Decke der Sixtinischen Kapelle, das die Erschaffung Evas aus der Rippe Adams darstellt, einen Vorgang, der für Peter Kien »aus der eben begonnenen Besten die Schlechteste aller Welten macht«. Die obsessive Beschwörung der Beispiele für die Minderwertigkeit des Weibes läßt den Psychiater fündig werden. Nicht nur die allzu teuer bezahlte Lebensuntauglichkeit, sondern auch die Besessenheit von Frauenhaß treibt Peter Kien in den Wahnsinn.
      Im Kapitel »Listenreicher Odysseus« bleibt der Büchermensch nicht nur der bloße Sammler und wissenschaftliche Verwerter von Wissen, von einem in der Bibliothek eingesargten Wissen. Er bringt unbewußt die aus Philosophie, Mythos und Literatur geschöpften Erkenntnisse in den Zusammenhang seines eigenen Lebens. Hier verläßt der Roman für einen Au-genblick die Maskenwelt des Marionettenspiels, hier enthüllt sich die Psyche Kiens im Zurückrufen von Bildern, die Denken, Kunst und Dichtung bereitstellen.
      Im Ganzen einer Auswahl von erzählenden Werken des 20. Jahrhunderts, in die Geschichte ihren Widerschein wirft, findet jedoch der Roman des Nobelpreisträgers von 1981 seinen Platz nur als warnende Exempelge-schichte. Die enorme Beschlagenheit des Sinologen Kien in den Traditionen der Kulturen hat ihn vor der Welt- und Geschichtslosigkeit nicht bewahrt. Ein Leben außerhalb der geschichtlichen Jetztzeit führt in die Desorientierung des Geistes, in seine »Blendung«.
     

 Tags:
Elias  Canetti:  »Die  Blendung«  (I935)  -  Der  Roman  als  Marionettenspiel    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com