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Elfriede Jelinek: »Die Ausgesperrten« (I980) - Eine erzählerische Moritat



Jugendrevolte

Der Auftakt könnte Anfang eines Kriminalromans sein. Gegen Ende der fünfziger Jahre wird bei einem Ãoberfall im Wiener Stadtpark ein Spaziergänger beraubt und schwer mißhandelt; die Täter können in der Unübersichtlichkeit der belebten Straßen untertauchen. Die Aufklärung des Kriminalfalls wäre zu erwarten, zumal der Kommentar des Verlags darauf verweist, daß es sich um einen »authentischen Fall« handelt. Aber weder gelingt es hier der Polizei, die Täter dieses Raubüberfalls ausfindig zu machen, noch sucht die Erzählerin überhaupt Kapital aus der Spannung detektivischer Ermittlungen zu schlagen. Nicht am Kriminalfall selbst ist Elfriede Jelinek interessiert, sondern an einem literarischen Sozio- und Psychogramm der Tätergruppe, das erklären hilft, wie es dann - am Ende des Romans - zu einem geradezu monströsen Verbrechen kommen kann.


      Nicht Berufsverbrecher nämlich, auch keine Zukurzgekommenen des erblühenden österreichischen Wirtschaftswunders sind hier am Werk, sondern Halbwüchsige. Was hier explodiert, ist eine gefährliche Legierung aus Haß gegen die Eltern und deren Generation, aus dem Zündstoff halbverdauter philosophischer Lektüre, aus Geltungssucht und Selbstermächtigung, aus Ableitung der drangvollen Sexualität in Aggressivität, aus anarchistischem Trieb und allgemeiner Menschenverachtung. Aber auch wenn der Anführer gesteht: »Wir sind monströs«, so erscheinen die Mitglieder der Gruppe doch nicht wie Ungeheuer aus einer anderen Welt, sondern wie überspannte, aus dem Gleis geratene Kinder ihrer Zeit: der Nachkriegsjahrzehnte im Vergangenheitsschatten nationaler Verbrechen, des unerwarteten und deshalb geistig unbewältigten Wirtschaftsaufschwungs, der Suche nach philosophischer Rechtfertigung eigenen Begehrens und Handelns.
      Drei der Täter besuchen das Gymnasium und stehen vor der Reifeprüfung, der Matura, nur einer entstammt einer Arbeiterfamilie. Der selbsternannte »Führer« der Gruppe, Rainer Maria Witkowski, und seine Zwillingsschwester Anna sind Kinder eines früheren SS-Offiziers, der einbeinig aus dem Krieg zurückgekommen ist und seinen gedrosselten Gewalttrieb nun an den Kindern und vor allem an der Frau ausläßt, die er auch zum Modell seines »Hobbys«, der »Pornofotografie«, erniedrigt. Die Zwillingsgeschwister streben aus dem kleinbürgerlichen und tristen Milieu der Wohnung verständlicherweise heraus. Rainer Maria schreibt, wie der Vorname schon befürchten läßt, Gedichte; er liest Camus und erleidet in seinen Annäherungsversuchen an die Mitschülerin Sophie die Qualen eines Sisyphos, der nicht einmal halb den Berg hinaufgelangt. In seiner Schwester züchtet der Familien-»Mief« Haß auf alle Menschen und eine zugreifende Halbwüchsigen-Sexualität, aber Anna ist zugleich eine blendende Schülerin, nicht nur auf dem Gymnasium; sie vervollkommnet ihr Klavierspiel am Konservatorium der Stadt Wien.
Die anderen beiden Mitglieder der Gruppe heben sich nicht nur vom Zwillingspaar, sondern auch voneinander durch ihre gegensätzliche Herkunft ab. Hans Sepp, Starkstrommonteur und Sohn eines Arbeiters, der seine Treue zur Arbeiterbewegung mit dem Tod im Konzentrationslager Mauthausen bezahlte, und einer Mutter, die nun vom Adressenschreiben lebt, verspottet den toten Vater als »krankhaften Altruisten«; auch ihn drängt es zur Sonne und zur Freiheit, aber nicht im Sinne des Arbeiterlieds. Auf der Sonnenseite des Lebens sieht er Sophie. Und obwohl er sexuelle Hausmannskost in Annas Bett genießt, schielt er begehrlich nach der Feinkost in den Biedermeier-Zimmern der Sophie Pachhofen, »vormals von Pachhofen«, deren Mutter eine Bank besitzt. Als »eine Art Voyeurin« stellt die Erzählerin zu Anfang die Tochter aus reichem Hause vor, und was der Leser zunächst als allgemeines Bild für eine außenstehende Beobachterin nehmen mag, lädt sich mit sehr konkreter Bedeutung auf, als Sophie Hans die Zurschaustellung einer Masturbation abpreßt. Warum schließt sich diese sportliche, nichts entbehrende, durch Bedienstete und Verehrer verwöhnte Gymnasiastin der Gruppe an? Bei einer Party fragt sie Hans, was er von Verbrechen halte. »Rainer will Verbrechen begehen, und sie glaubt, daß sie das jetzt endgültig auch will. Diese Kinder hier öden mich tödlich an.« Langeweile und menschenverächterische Anmaßung suchen nach einem Ventil.
      Die Romanhandlung ist so erzählt, daß dem Leser im Vorgriff zunächstdas Ergebnis und dann erst das allmähliche Zustandekommen des Plans zum Raubüberfall vorgestellt wird. Solch erzählerisches Verfahren pflegt man analytisch zu nennen. Doch ist der zeitliche Ort des ersten Raubüberfalls im Handlungsganzen nicht genau bestimmt. Noch meint der Leser sich im Vorfeld der ersten Tat zu befinden, da geschieht schon ein neuer Ãoberfall. Anna tarnt sich als hilfloses Mädchen, dann als Prostituierte und lockt einen »Onkel aus der Provinz« in eine Hauseinfahrt, die sich als eine Falle entpuppt, in der es »statt Liebe jetzt Hiebe« gibt. Und Sophie plant schon eine noch spektakulärere Tat. Diese zeitliche Unbestimmtheit gibt den allgemeinen Argumenten der Ichüberhebung Vorrang vor der verbrecherischen Einzeltat. Auffallend sind aber eine zunehmende Abgefeimtheit der Selbstrechtfertigung und die sich steigernde Bedenkenlosigkeit des Handelns.
      Die erzählerische Konzeption dieser Halbwüchsigen-Gruppe entwickelt sich am unsichtbaren Faden literarischer Anspielungen und Korrespondenzen; Elfriede Jelinek stellt den Roman, in dem sich auch ein negativer Bildungsroman abzeichnet, auf den Hintergrund eines relativ breiten Bildungs- und Wissensstandes. Immer wieder fällt der Name von Albert Camus, und es ist daran zu erinnern, daß es Dostojewski war, dem Camus die eindringlichsten Bilder einer absurden Welt zuschrieb. Erstaunlich nahe der Devise Ivan Karamazovs in Dostojewskis »Die Brüder Karama-zov«, die der Epileptiker Smerdjakov in die Tat umsetzt: »Alles ist erlaubt«, steht der Zynismus, mit dem im Roman die Jugendlichen alle Gesetzesschranken für nichtig erklären. Zumindest die anfängliche Ansicht des Mörders Raskolnikov , »unwertes« Leben sei vernichtenswert, teilen die kleinen Propheten der Gewalt in Jelineks Roman. Ein Moment des Zö-gerns finden wir in Camus' Drama »Die Gerechten« vorgeprägt. Als einer aus der Gruppe der Terroristen, Kaliajev, die Bombe auf den Großfürsten Sergej werfen will, schreckt er zurück, weil sie auch zwei Kinder zerrissen hätte. In ähnlicher Weise gibt der gnadenlose Theoretiker Rainer, als Sophie ein Bombenattentat ankündigt, zu bedenken, daß es auch Unschuldige treffen könne. Wie freilich im Drama Camus' ein zweiter Attentatsversuch folgt und tödlich ausgeht, so wirft auch Rainer in einer Wahnsinnstat den Rest humaner Bedenken von sich.
      Was die Gruppe zur Rechtfertigung ihres Handelns vorbringt, ist angelesen. Isolierte, aus dem Zusammenhang gerissene Sätze werden zu willkommenen Losungen. Es scheint, als stünden über allem die >Verheißungeru aus Camus' Essays »L'Homme revolte« : »Ich revoltiere, also bin ich« und - auf die solidarische Gruppe bezogen - »Ich empöre mich, also sind wir«. »Daß unsere Existenz Null wert« ist, darüber belehren die Zwillingsgeschwister ihre Mutter, die sie bei der Lektüre von Jean-Paul Sartres »L'Etre et le Neant« antrifft, und rufen der Erschrockenen das existentia-listische Kredo »Wir sind zur Freiheit verurteilt« entgegen. Auch der Marquis de Sade wird als Autorität herbeizitiert. Anna doziert: »De Sade sagt, man muß Verbrechen begehen. Dafür benutzt man das Wort Verbrechen, um sich nach der allgemeinen Ãobereinkunft zu richten, aber unter uns würden wir keine unserer Handlungen so bezeichnen.« Nur die unnahbare, sportgestählte Sophie braucht - wie selbstverständlich der reine »Tatmensch« Hans Sepp - keine philosophischen Gewährsmänner, ihr genügt die Versicherung der Freunde, daß man »nur um des Aktes der Gewalt willen« Verbrechen verüben dürfe.
      Man mag einwenden, diese Anhäufung angelesener Argumente wirke konstruiert, und tatsächlich gehört ja ein Zug der übertreibenden Zuspitzung, der durch das Stilprinzip des Grotesken allein nicht gedeckt ist, zu den Gestaltungsmitteln der Dramen und Romane Elfriede Jelineks. Aber der Roman »Die Ausgesperrten« ist eben auch ein Lehrstück über die Verführungskraft philosophischer Ideen, über die Verführbarkeit unreifer Köpfe und über katastrophale Folgen der rücksichtslosen Umsetzung dessen, was allenfalls gedacht werden darf, in die Wirklichkeit. Diese Jugend, die mit ihrer Elterngeneration abrechnet, hat für sich selbst nichts gelernt. Den Kindern des SS-Offiziers, der Menschen in den Tod getrieben hat, versucht die Mutter nun »Menschlichkeit beizubringen«, aber sie gibt bald auf, weil »die Kinder unmenschlich sein wollen und alles tun, um auch so auszusehen«.
      Dichtung und Musik vermögen hier der Gewaltbereitschaft nicht vorzubeugen. Rainer Marias unablässiger Drang, Verse zu Papier zu bringen, sein Gerede vom Gedicht, »das den ganzen Menschen einschließt und mythisch sein soll«, hat selbstparodistische Züge und läßt sein Propheten-und Führergehabe eher komisch erscheinen. Aber Annas Musikstudium bewegt sich auf einer anderen Ebene. Bei einem Ausflug der Gruppe in den Wienerwald beginnt sie plötzlich am hellichten Tag von Arnold Schönbergs »Verklärter Nacht« zu schwärmen. Stolz darauf, »jetzt am Klavier die Berg-Sonate« zu studieren, verteidigt sie die moderne Musik gegen »reaktionäres Zeugs wie Schubert, Mozart und Beethoven«. Es ist dieser gei-fernde Ton, der ihre Radikalität verrät. Annehmen sollte man, daß es eine Brücke zwischen Musik- und Gewaltbegeisterung nicht gibt. Doch lehren Erfahrungen etwas anderes, und man muß nicht gleich an Reinhard Hey-drich denken, an das Beispiel des wohl skrupellosesten SS-Führers im »Dritten Reich«, der die Musik, ausgerechnet die Musik Mozarts so sehr liebte. Elfriede Jelinek nimmt solche Erfahrung auf in ihrer Skepsis gegen die Zuversicht, daß Kunst den Menschen unbedingt veredelt.
      Nach einer der Thesen des militanten Feminismus ist in der Menschheitsgeschichte Gewalt die Domäne des Mannes. Obwohl es in Elfriede Je-lineks Werk an Enthüllungen männlicher Aggressivität nicht mangelt, entkräftet sie doch im Roman »Die Ausgesperrten« diese feministische These : Sie schreibt radikale Gewalt auch den beiden weiblichen Figuren zu. Gerade die Tat, mit der sich Sophie endgültig aus dem Regelsystem ihrer begüterten Familie hinauskatapultiert, ist ein Beispiel unprovo-zierter Gewalt.
      Der Roman »Die Ausgesperrten« ist keine Programmliteratur, er zeigt gerade die Brüchigkeit und, bei ihrer Vereinseitigung, die mögliche Gefährlichkeit von Programmen. Die Distanz der Erzählerin zum Treiben der Gruppe bleibt immer gewahrt. Doch sorgt der häufige, oft ganz unvermittelte Wechsel in die »erlebte Rede«, in eine Sprache aus der Figuren-Perspektive, für psychologische Durchsichtigkeit der Sprache. Nicht übersehen wird der Abstand, den die Hochsprache zur gesprochenen Sprache der meisten einhält. »Im Ã-sterreichischen klafft zwischen diesen beiden Sprachebenen ein tiefer Riß.« Die Erzählerin läßt sich auf die verschiedensten Sprechweisen ein, auf den Ton hinterhältiger Gemütlichkeit der Kleinbürgersprache , auf das pseudophilosophische Gefasel, auf den Sexualjargon, auf die Verrohung der Sprache, auf die Beschönigungsformel hemmungsloser Absichten.
      Doch hütet sie sich, die Verbissenheit der jugendlichen Absichtserklärungen zum Grundton des Romans zu machen. Distanz schaffen die parodistischen Einlagen, etwa die Persiflage der Lieblingsfilme aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten, deren »Hochglanzleute« das Wirtschaftswunder mit schönen Märchen umranken. Der Verführung Hans Sepps, der eigentlich zum Höheren strebt, durch Anna wird die bestmögliche Seite abgewonnen durch die anzüglich-witzige, auch ein bißchen kalauernde Verballhornung des bekannten Sprichworts: »Besser den Spatzen in der Annahand, als die Sophie auf dem Dach.« Nicht versagt sich die Erzählerin spöttische Seitenhiebe auf die sogenannten besseren Kreise. Bei einer Abendgesellschaft in der Villa Pachthofer bietet Sophie eine kleine interne Modenschau, und die Satire greift zur verwegenen Umwandlung eines Hauptworts ins Verb: »Sophie knickt in den Knien ein und pfauenradet ihren weißen Tüllrock um sich her.«
Um so greller dann die Verwandlung der »höheren Tochter« in die Terroristin. Sophie will »endlich eine Ekstase erreichen«, sie bastelt eine Wurfbombe, deren Geheimnis sie aus ihrer mit der Chemie vertrauten Mutter herausgefragt hat, und bringt sie eines Morgens unentdeckt in ihrer Tennistasche in die Schule mit. Die Bombe explodiert im Ankleideraum am Turnsaal. Obwohl Sophie eine Zeit gewählt hat, in der kein Schüler zerrissen werden kann, ist der Schaden groß. »Viele neumoderne Träume der Nachkriegsgeneration werden total vernichtet.«
Es bleibt aber dem Anführer der Gruppe vorbehalten, den beschritte-nen Weg in die schrankenlose Freiheit bis zum absurden Ende zu gehen. So kommt es im Finale des Romans zu einer grauenvoll-blutigen Demonstration. In seiner »narzißtischen« Verblendung glaubt Rainer, das »Außergewöhnliche« im »Begehen des Sinnlosen« vollbringen zu können. In der Frühe entwendet er aus einem Kasten die Pistole des Vaters, geht zu seiner schlafenden Schwester, zielt und schießtauf den Kopf, zerschmettert dann mit einem Schuß den Oberkiefer der Mutter, holt eine scharf geschliffene Axt herbei und zerhaut den Körper des Vaters. Auch Mutter und Schwester, die noch leben, werden auf gleiche Weise totgehackt. Der Amoklauf, das Massaker, scheint den Schlußpunkt erreicht zu haben. Aber nun muß auch das völlig Ãoberflüssige noch getan werden. Rainer entnimmt einem Koffer mit altem Krempel ein Bajonett und sticht in ganz methodischer Weise auf die Leichen ein. Alles dies geschieht nicht im Blutrausch, sondern aus dem Kalkül des Hirns. Die Mordwaffen und seinen blutgetränkten Pyjama versteckt Rainer im Kofferraum des Wagens. Dort stellt am Ende die Polizei die Tatbeweise sicher.
      So läuft die Handlung in einer schaurigen Moritat aus. Es ist die Moritat von den Verwirrungen Halbwüchsiger, die in der Empörung gegen eine von Hitlers Ideologie verführte Elterngeneration die Sinnleere durch Versatzstücke aus den Philosophien des Absurden und des Existentialismus zu füllen versuchen, aber damit nur wieder auf Abwege der verhaßten »Täter« der Vätergeneration geraten. Nicht läßt sich vom Erscheinungsjahr des Romans, 1980, auf verschlüsselte Ãobereinstimmungen mit dem Terroris mus im Umkreis der Baader-Meinhof-Gruppe schließen. Mit deren ursprünglich Sozialrevolutionären Zielvorstellungen haben die Tatantriebe der Halbwüchsigengruppe wenig gemein. Wohl aber vibriert im Romat etwas von jener Gewaltbereitschaft, die im Schoß der Wohlstandsgesellschaft entstehen konnte und durch ein Werte- und Sinn-Vakuum begünstigt wird. Elfriede Jelineks Text »Die Ausgeschlossenen« ist auch ein Roman über die fehlgeleitete Wirkung von Literatur.
     

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