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Dieter Wellershoff: »Der Liebeswunsch« (2000) - Der Liebesroman an der Jahrhundertwende



Im Konflikt mit der gesetzestreuen Ehemoral

Mythologie und Geschichte haben die Stoffe der großen Liebesgeschichten überliefert, die Literatur hat die archetypischen Liebespaare unsterblich gemacht: Dido und Ã"neas, Hero und Leander, Tristan und Isolde, Abälard und Heloise, Romeo und Julia. Und immer bricht über die großen Liebenden das Verhängnis oder doch die Trennung herein. Liebe und Ehe reiben sich tödlich aneinander in der Dreierbeziehung berühmter Romane wie »Die Leiden des jungen Werthers«, »Madame Bovary«, »Anna Karenina« und »Effi Briest«. Auf dem Grundriß einer Viererkonstellation entfaltet sich die Tragik in Goethes Roman »Die Wahlverwandtschaften«. Gegen die Folie dieser imponierenden Reihe stellt sich Dieter Wellershoffs Roman »Der Liebeswunsch«.

      Wie in den »Wahlverwandtschaften« rochieren vier Personen in wechselnde Partnerschaftsverhältnisse. Bei Marlene, der Ã"rztin für Innere Medizin, ist Leonhard, Vorsitzender Richter am Landgericht, zum Verlierer geworden; sie hat sich für Paul, den Chirurgen, entschieden, der ihretwegen seine erste Frau und die beiden Kinder verläßt. Erhalten geblieben ist eine Freundschaft zu dritt. Während einer Asien-Reise des Ã"rztepaars lernt Leonhard die neunundzwanzigjährige Anja, eine Studentin der Literatur und der Sprachen, kennen, die für diese Zeit das große, von Marlene geerbte Haus in einem vornehmen Kölner Villenviertel bewohnt. Da Anja mit ihrer Magisterarbeit nicht zurechtkommt, läßt sie sich von Leonhard verhältnismäßig leicht zur Heirat überreden. Aber für sie bleibt diese Ehe mit dem wesentlich älteren Mann unbefriedigend, trotz der Liebe zum gemeinsamen Sohn Daniel. Sie fühlt sich zu Paul hingezogen, der ihrem Angebot zur Verführung nur zu gern entgegenkommt. Ein von Paul heimlich gemietetes kleines Apartment wird zu ihrem >LiebesnestSpurensuche< gehen läßt. Das Romanende ist also schon am Anfang vorweggenommen; immer schon folgt der Leser der erzählten Handlung mit der Gewißheit des unausweichlichen Ausgangs. Und es ist die Figur Pauls, die eine Vorgabe an Sympathie erhält. Denn er glaubt unter Fußgängern plötzlich in einer fremden Frau Anja wiederzuerkennen, und von nun an weicht ihr Bild nicht mehr aus seiner Erinnerung. Er fährt an die See, läßt sich im Wohnturm hinter dem Deich ein Zimmer im 14. Stock geben und beginnt in Gedanken ein Gespräch mit Anja. »Manchmal aber, wenn ich im Sessel am Fenster sitze oder nebenan auf dem Bett liege, streift mich das Gefühl, sie sei anwesend.« »Seit ich hier bin, sehe ich oft ihren Sturz, die erste Sekunde, in der sie sich überschlägt«. Der verführte Verführer, der die Gunst des Augenblicks nutzte, bewahrte ihr Bild am dauerhaftesten.
      Zugleich mit der vorauseilenden »Rehabilitierung« Pauls sichert aber Wellershoff Anja durch die erzählerische Vorwegnahme ihrer Verzweiflungstat einen Vorschuß an Verstehen auch für jene Situationen, in denen sie dem Leser in ihrer Ãoberspanntheit abnorm erscheinen wird. Das Ende, ihr Absturz vom Balkon, ist vorgegeben, dann läßt der Roman den Leser die Stationen ihres Falls bis hin zum Selbstmord mitgehen. Nie zuvor sind in Wellershoffs Erzählwerk Liebe und eine Liebende mit solcher Unausweichlichkeit ihrem Ende entgegengegangen.
      In der Literatur, auch des 20. Jahrhunderts, sind Geschichten der Liebe immer zugleich Geschichten der Hindernisse, der fatalen oder der schließlich ausgeräumten Hindernisse. Heinrich Manns Roman »Im Schlaraffenland« zeigt den Bourgeois, der seinen ganzen Ehrgeiz daransetzt, den Lebensstil der Aristokratie nachzuahmen, also auch seine Begierde zu Mätressen zu tragen, dessen Rache aber den ausgehaltenen Liebhaber seiner Frau trifft. Anna Rosner in Schnitzlers »Der Weg ins Freie« stößt noch auf die letzten Beschränkungen der Liebesehe durch den Standesvorbehalt: des Adligen gegen die Bürgerliche. Doch begründet Schnitzlers Erzählkunst die Bindungsscheu des Freiherrn von Wergenthin auf subtile Weise vor allem psychologisch. Der Weg der bürgerlichen Anna Rosner in die Freiheit führt weit aus dem Modellrahmen des »bürgerlichen Trauerspiels« hinaus: Sie beklagt sich nicht als das Opfer, sondern reagiert als eine ihres Selbstwerts sich bewußte Person.
      Thomas Manns »Königliche Hoheit« läutet, mit Prinz Heinrichs und Imma Spoelmanns Heirat, romanhaft ein demokratisches Zeitalter ein, das den Begriff der »Mesalliance« verabschiedet. Tatsächlich sehen wir heute in den noch bestehenden Monarchien Prinzen bürgerliche Frauen, Prinzessinnen bürgerliche Männer heiraten. In Wolfgang Koeppens »Tauben im Gras« beginnt, wenn auch noch unter Schmähungen, ein anderes Tabu zu fallen. Für die Liebe, ja die Ehe ist die unterschiedliche Hautfarbe der Partner kein unüberwindliches Hindernis mehr. Vielleicht haben gerade Folgen der unseligen Rassenpolitik im »Dritten Reich« das Bewußtsein vom Unrechtscharakter der Vorurteile geschärft und mitgeholfen, Barrieren im Kopf wegzuräumen. Die das Weltgeschehen verfolgenden »weißen« Zeitgenossen haben sich längst an die Bilder von UNO-Vollversammlungen gewöhnt, in denen die Vertreter »farbiger« Völker das Ãobergewicht haben. Stärker als Standesvorbehalte und irrationale Vorurteile können soziale Verwerfungen Liebe und Ehe gefährden. In Heinrich Bölls »Und sagte kein einziges Wort« droht kriegsbedingte Verelendung sogar die Bindekraft des Religiösen auszuhebein.
      Auf dem Hintergund dieser Beispielreihe wirken auf den ersten Blick die Liebes- und Ehekonflikte in Dieter Wellershoffs »Liebeswunsch« eher literarisch traditionell. Sie kommen zustande in einer verhältnismäßig homogenen gesellschaftlichen Schicht: der des wohletablierten Akademiker-tums. Keine Standes-, »Rassen«- oder religiösen Vorbehalte bauen sich als Hindernisse auf. Was als Störelement in die ehelichen Beziehungen eingreift, fällt aber auch nicht einfach unter das Muster der Casanova-Gestalt. Vielmehr handelt Paul von der Bewußtseinslage einer Gesellschaft her, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg die alten Formen der Liebes- und Ehebeziehungen fortschreitend gelockert haben. Der Richter Leonhard versucht, mit der Unerbittlichkeit dessen, dem die Liebe als Leidenschaft fremd geblieben ist, in seinem Lebenskreis die alten Gesetzestafeln der Ehe- und Sexualmoral wiederaufzurichten. Unter welchem Preis es geschieht, erzählt Wellershoffs Roman mit psychologischer Feinnervigkeit.
     

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Dieter  Wellershoff:  »Der  Liebeswunsch«  (2000)  -  Der  Liebesroman  der  Jahrhundertwende    




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