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Die Doppelchronik: Roman und Geschichte



Dieser Band trägt den Titel »Roman-Chronik« aus zweierlei Gründen. Er bietet, nach den Erscheinungsdaten der Romane geordnet, Interpretationen von 37 repräsentativen erzählenden Werken der deutschsprachigen Literatur im 20. Jahrhundert. Die Auswahl ist so getroffen, daß Grundlinien der Geschichte des 20. Jahrhunderts erkennbar werden, die Romanchronik also eine Geschichtschronik durchscheinen läßt. Nicht um »Geschichtsdichtung« im engeren Sinne geht es dabei. Das Interesse für die erzählerisch-künstlerische Darstellung hat den Vorrang. Aufgesucht werden aber Schnittpunkte, an denen Literatur und Realgeschichte des 20. Jahrhunderts sich berühren und ein Widerschein geschichtlicher Abläufe und Prozesse in die Romane fällt. Besondere Aufmerksamkeit richtet sich also auf Romane, in denen der Gang der politischen und der Sozialgeschichte, der Kultur-, der Alltags- und der Mentalitätsgeschichte seinen Fußabdruck in der Erzählung hinterlassen hat. Als Grundsatz gilt: Die erzählerische An-verwandlung des historischen Stoffes ist keine plane Aneignung; es sind ausgefeilte künstlerische Mittel, mit denen Geschichtliches absorbiert wird. Nicht berücksichtigt werden konnten Autobiographien und autobiographische Romane .


      Dieser Band erhebt nicht den Anspruch eines Kanons. Vorausgesetzt wird aber, daß die Autoren und die Romane von besonderem literarischen Gewicht sind. Jeder Autor sollte mehr als ein einziges nennenswertes Werk geschrieben haben. Keine Aufnahme fanden - mit der gerechtfertigten Ausnahme der »Schlafwandler« von Hermann Broch - Romantrilogien oder -tetralogien, die den Umfang des Bandes ungebührlich erweitert hätten. Auf eine »schlanke«, weder ausschweifende noch fußnotenträchtige Darstellung für ein breites literarisch interessiertes Publikum kam es dem Verfasser an.
      Die besondere Perspektive dieser Sammlung von Romanporträts bringt es mit sich, daß nicht immer von einem Autor auch sein bekanntestes Werk ausgewählt wurde. Den Vorzug bekamen »Die Verwirrungen des Zöglings Törless« vor Robert Musils großem, aber Fragment gebliebenen Roman »Der Mann ohne Eigenschaften«, Thomas Manns »Königliche Hoheit« vor dem »Zauberberg«, »Der Verschollene« vor Franz Kafkas »Der Prozeß« und »Das Schloß«, »Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende« vor Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz«, Uwe Johnsons Muster moderner Unbestimmtheitspoetik, »Mutmassungen über Jakob«, vor dem >Breitwandepos< »Jahrestage«. An diesen Beispielen wird der Grundsatz, sich vor einem Kanon nicht unbedingt zu verbeugen, vielleicht am deutlichsten. Doch gebrach es auch an der Lust, Hunderte von Auslegungen und Spekulationen wiederzukäuen, die etwa den »Mann ohne Eigenschaften«, den »Zauberberg« und zumal den »Prozeß« und das »Schloß« erhellen, aber zugleich auch zudecken. Mit »Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende« wird der Großstadt-Saga ein Roman Döblins vorgezogen, in dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg unerbittlich die Frage nach persönlicher Schuld meldet. Im übrigen müssen die Kommentare oder Interpretationen selbst die Auswahl der Romane rechtfertigen.
      Die Formmuster reichen von dem der Groteske sich zuneigenden Roman von Heinrich Mann bis zu dem Philosophie und Essay sich öffnenden Roman Hermann Brochs, vom psychologischen Roman Arthur Schnitzlers und den Tagebuch-Romanen Robert Walsers und Rainer Maria Rilkes zum dramatisierenden Zeitroman Hans Falladas, vom ironisch-komödienhaften modernen Märchen Thomas Manns zur tragischen »Kas-sandra« Christa Wolfs, von Joseph Roths epischem Abgesang auf das Habsburgerreich zur erzählerischen Wien-Apotheose Heimito von Dode-rers, von der dynamischen Realitätsreportage Wolfgang Koeppens zum utopischen Roman Ernst Jüngers, von der Romanparabel Alfred An-derschs zu Günter Grass' ironischer Beleuchtung einer historischen »Wende« im Feuerwerk literarischer Anspielungen.
      Die Anordnung der Romane nach der Chronologie ihres Erscheinens sollte nicht preisgegeben werden. Es ist die Situation der jeweiligen Entstehung eines Kunstwerks, die den Blick auf Vorgänge in der Geschichte des 20. Jahrhunderts mitbestimmt. Und manche künstlerische Antwort auf Erfahrungen und Beobachtungen meldet sich unmittelbar, manche braucht - meistens nicht zu ihrem Schaden - eine längere Inkubationszeit. Auch die zukunftgerichteten utopischen Entwürfe und die »Kassandrarufe» sind Reflexe auf vorgefundene Wirklichkeit. Erfahrung und Erinnerung bleiben die überwiegenden Antriebe für die Entstehung der hier ausgewählten Romane.

     
Literarische Werke können das Geschichtsbild von Völkern und Gruppen mitprägen. Schillers dramatische »Wallenstein«-Trilogie hat das öffentliche Bewußtsein vom Dreißigjährigen Krieg mehr bestimmt als seine historische Abhandlung »Geschichte des Dreißigjährigen Krieges«. Stärker als durch die Geschichtsschreibung ist das Bild der Russen von den napoleonischen Kriegen durch Leo Tolstois Romanepos »Krieg und Frieden« geprägt worden. Und sicherlich vermögen die Leser Joseph Roths den Nieder- und Untergang des Habsburgerreiches nicht mehr zu denken ohne die Anschauung, die sein Roman »Radetzkymarsch« am Beispiel der Lebensgeschichte des Leutnants von Trotta vermittelt. Nicht von ungefähr hat der große Historiker des 19. Jahrhunderts Leopold von Ranke den historischen Roman und das Geschichtsdrama um ihre darstellerischen Möglichkeiten beneidet.
      Aber noch einmal: Nicht Zeugnisse von Geschichtsdichtung im engeren Sinne werden hier kommentiert, auch wenn Siegfried Lenz den Hilfsbegriff der »imaginären Geschichtsschreibung« ins Gespräch bringt. Zu stark ist der Anteil der dichterischen Erfindung, der Fiktion. Zusätzlich gerechtfertigt werden jedoch die Romane durch jene Argumente in der theoretischen Diskussion der Geschichtswissenschaft während der letzten Jahrzehnte, die zumindest eine Brücke zur Romankunst schlagen: Sie räumen den starken Anteil der Fiktion in der Geschichtsschreibung, deren Muse die Göttin Klio war, ein und finden ihren bündigsten Ausdruck in Hayden Whites Formel »Auch Klio dichtet«. Was der historischen Darstellung recht ist, ist dem Roman allemal zuzubilligen.
      Durchs Jahrhundert geistert die Klage von der Krise des Romans. Doch ist sie zumeist nur Vorwand oder Auslöser für einen neuen theoretischen Entwurf. Das mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds verstärkte Interesse an der psychologischen Feincharakterisierung der Romanfiguren, das bei Arthur Schnitzler erste Triumphe feiert, wird von Alfred Döblin in seinem »Sturm«-Aufsatz »An Romanautoren und ihre Kritiker. Berliner Programm« verworfen. Aber der Arzt für Neurologie möchte die Psychologie im Roman nur durch die Psychiatrie ersetzt sehen. Allerdings geht Döblin mit seinem »Berliner Programm«, mit der Verkündung eines »steinernen Stils« darüber hinaus: Als Autor bin ich »nicht ich, sondern die Straße, die Laternen, dies und dies Ereignis, weiter nichts«. Das ist die klare Absage an den traditionellen allwissenden, »auktorialen« Erzähler. Angesichts der »ungeheuren Menge des Geformten« fordert Döblin einen »Kinostil« der Darstellung, der die »Fülle der Gesichte« in »Gedrängtheitund Präzision« vorbeiziehen läßt. Auch Bertolt Brecht ruft gegen die »psychologische Manier« die Technik einer anderen Kunstgattung zu Hilfe, die »filmische Optik«, das Von-außen-Sehen, die Beobachtung der Verhaltensweisen .
      Brechts Argument, der Film ziehe Konsequenzen daraus, daß die Welt »längst nicht mehr im Totalen« erlebbar sei, ist auch ein versteckter Angriff auf Georg Lukäcs' »Theorie des Romans« , die dem Roman eine kaum lösbare Aufgabe aufbürdet: »Der Roman ist die Epopöe eines Zeitalters, für das die extensive Totalität des Lebens nicht mehr sinnfällig gegeben ist [...] und das dennoch die Gesinnung zur Totalität hat.« Die Autorität der späteren marxistischen Ästhetik von Lukäcs mit ihrem Gebot der Darstellung typischer, menschlich-bedeutsamer Züge der gesellschaftlichen Praxis und mit ihrem Formalismus-Vorwurf gegen die westliche Moderne hat die freie Romanproduktion in der DDR stark behindert. Gegen sie legt Peter Weiss im Roman »Die Ästhetik des Widerstands« scharfen Einspruch ein. Gerade die vom Dogma des »sozialistischen Realismus« geächteten Schriftsteller der europäischen Avantgarde wie Joyce, Kafka oder Majakowski werden als Wegweiser gewählt. Daß Weiss von seinem Plädoyer den »nouveau roman« ausnimmt, erklärt sich aus dessen Auflösung der Ich- und Figurengrenzen und des Zusammenhangs von Erscheinung und Sinn. Diese Poetik war nicht offen genug für den Widerschein von Geschichte im Roman, doch findet sie ein schwaches, dafür produktives Echo in Uwe Johnsons »Mutmassungen über Jakob«.
      Helmut Heissenbüttels »Theorie der Erzählung« bezweifelt mit Recht, daß der gesellschaftliche Status in Romanen noch gespiegelt werden könne wie zu Lebzeiten von Karl Marx, aber dann führt er die Erzählung zurück »auf die Ausbreitung des sprachlichen Repertoires«, läßt sie also verschwinden in »Sprachreproduktion und Sprachkombinatorik«. Solchem Modell nähern sich zwar Arno Schmidt und im allgemeinen Sinne auch Marcel Beyer an, doch verzichten beide nicht auf die Entfaltung von Geschehens- und Handlungszusammenhängen . Geradezu Vorbedingung sind sie in Dieter Wellershoffs Theorie von der Literatur als einer Simulationstechnik . Die gestochen scharfe Wahrnehmung isolierter Gegenstände im »nouveau roman« stoße den Leser in einen Fiktionsraum, in dem ihm eine übergreifende Orientierung verlorengehe. Umden Zusammenhang zwischen Lebenspraxis und Literatur zu erhalten und zugleich einem Prinzip neuerer Literatur, dem der »Veränderung«, zu entsprechen, schlägt Wellershoff vor, mit Literatur ein Spielfeld für fiktives Handeln zu schaffen, das - wie der Simulationsraum in der Raumfahrt -das Durchspielen neuer Situationen erlaube. Erzählliteratur solcher Art könne zur Entdeckung neuer Realitätsbereiche beitragen und auch zum »Probierfeld der Zukunft« werden. So ist Wellershoffs Entwurf auf Erfahrung und Welterweiterung angelegt und liefert zugleich Bausteine für eine Theorie des utopischen Romans.
      Zum Schlagwort drohte der Begriff der »postmodernen Literatur« zu werden. Doch lassen sich Züge des Spiels mit überlieferten Formen und der »Intertextualität«, des geheimen oder offenen Bezugs auf andere Texte, sehr wohl in Günter Grass' Roman »Ein weites Feld« beobachten. Theorie ins Erzählen selbst einzuschmelzen gelingt Marcel Beyer im Roman »Flughunde«. Verfahren der Sprach- und Lautforschung sind Gegenstand des Erzählens und zugleich Mittel der erzählerischen Enthüllung eines verheerenden politischen Mißbrauchs von Sprache. Daß sich Beyer in der Dankesrede für den Kölner Heinrich-Böll-Preis abgrenzt vom Schriftsteller, der seine kreative Kraft in ständigen Zwischenrufen zur tagespolitischen Diskussion verzettelt, und daß ihm die eigene künstlerische Formensprache bestimmend bleibt für seine Durchdringung geschichtlicher Abläufe, kommt einem geheimen Motto der Auswahl von Autoren und Romanen in diesem Band nahe.
      Wie kein Säkulum zuvor ist das zwanzigste ein Jahrhundert der politischen, sozialen und geistigen Umbrüche, durchzogen von Feldzügen der Rebarbarisierung, von Katastrophen und den Anstrengungen der Erneuerung. Reiche, Staatsformen, politische und soziale Systeme zerfallen; philosophische und politische Ideen erleiden Schiffbruch, nicht immer bewähren sich neue; die segensreichen Ergebnisse der Naturwissenschaft und Technik verwandeln sich in tödliche Bedrohungen. Die hier kommentierend vorgestellten Romane helfen die Umbrüche bewußter zu machen. Anders aber als Dokumente und historische Darstellungen lassen sie in erfundenen Geschichten und Personen historische Situationen und Konflikte gegenwärtig werden, erteilen ihnen die Anschaulichkeit des Lebens selbst. Anschaulichkeit glaubte auch der Verfasser dem Leser schuldig zu sein; Handlungsskizzen mögen die Orientierung erleichtern und Lust auf die Lektüre der Romane selber machen.
     

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Die  Doppelchronik:  Roman  Geschichte    





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