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Der »psychologische Tiefenforscher« - Arthur Schnitzler: »Der Weg ins Freie« (I908)



Spätzeit des Habsburgerreichs

Aus der Schriftstellergruppe, die sich 1892 unter dem Namen »Jung Wien« eine Zeitlang zu einem friedlichen Wettbewerb zusammenschloß, gehen zwei überragende Autoren hervor: Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal. Mehr als die anderen repräsentieren sie die wienerisch-österreichische Literatur um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. In ihrer Freundschaft wahren beide eine liebenswürdig-kühle Distanz. Man baut sich immer wieder goldene Brücken, ist sich aber im Innersten nicht grün. Doch einmal verbindet die Parallelität einer äußersten seelischen Erschütterung sie aufs engste. Im Juli 1928 nimmt sich Schnitzlers Tochter Lili das Leben, im Juli 1929 Hofmannsthals Sohn Franz. Hofmannsthal überlebt den Schock nur um zwei Tage und erliegt einem Herzschlag. Schnitzler leidet noch mehr als drei Jahre, bis zu seinem Tod, an der unheilbaren Wunde.

      Im »Dritten Reich« sind die Werke der beiden Autoren jüdischer oder doch teilweise jüdischer Abkunft nicht in demselben Maße tabu. Hofmannsthals Texte für den Komponisten Richard Strauss ließen sich nicht einfach auf den Index setzen. Nach den zwölf Jahren des Verschweigens zunächst noch behindert durch eine Hofmannsthal-Woge, hat sich Schnitzler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als einer der Großen unserer Literatur zurückgemeldet, zumal auf der Bühne.
      Schnitzlers zwischen 1905 und 1908 entstandener, in der ersten Hälfte des Jahres 1908 in der »Neuen Rundschau« vorabgedruckter und im selben Jahr noch als Buch erschienener Roman »Der Weg ins Freie« wird, bevor die Zeit des Boykotts beginnt, zum erfolgreichsten seiner Prosawerke; 1929 druckt S. Fischer die 136. Auflage. Gerade dieser Roman aber läßt das Angestrengte in der Freundschaft zwischen Schnitzler und Hofmannsthal deutlich werden; Hofmannsthal findet ihn ärgerlich. Es sind der konkrete Wirklichkeitsbezug, die Zeitanalyse Flaubertscher Prägung, und die Verbindung des Künstlerromanns mit dem Gesellschaftsroman, die der Kunstauffassung Hofmannthals widerstreben.
      Nicht zuletzt ist es ein psychologisches Interesse, das Hofmannsthalmit Schnitzler nicht teilen kann. Zwar zeigen beide Symptome einer moralisch-seelischen Ãoberreiztheit, wie sie um die Jahrhundertwende gerade in Wien gedeihen kann, so daß nicht zufällig die Methode, die sich zu ihrer Heilung anbietet, die Psychoanalyse, ein Wiener Gewächs ist. Doch muß schon sein ursprünglicher Beruf Schnitzler zu dieser Methode in ein anderes Verhältnis setzen. Als Arzt vorübergehend einem der Lehrer Sigmund Freuds zugeteilt, erkennt er in ihr eine Blickweise, die ihm die Psyche und die gesellschaftliche Rolle des Menschen zu durchschauen und dichterisch zu beschreiben erlaubt - auch die eigene. Nach einer Lesung Hofmannsthals im Oktober 1891 notiert er in seinem Tagebuch: »Man bekam eine neue Zärtlichkeit für seine eigene Neurose.« Im Februar 1903 lautet die Eigendiagnose: »Chronische psychische Depression.«
Einen »psychologischen Tiefenforscher« wird Sigmund Freud 1922 in seinem Glückwunsch zum 60. Geburtstag Schnitzlers den »verehrten Herrn Doctor« nennen. »So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition - eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmungen -alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit am anderen Menschen aufgedeckt habe.« Auch das beglückende Lob räumt Schnitzlers Vorbehalte gegen Pfeiler der Freudschen Theorie wie den Ã-dipus- und Kastrationskomplex, den Begriff des Unbewußten und die Traumentschlüsselung nicht aus. Zwischen das Unterbewußtsein und das Bewußtsein setzt Schnitzlers Theorie das Halbbewußte, ein »Mittelbewußtsein«.
      Schnitzlers psychologische Kunst zeigt sich vor allem in der Beobachtung und der dichterischen Darstellung der Liebenden. So auch im Roman »Der Weg ins Freie«. Liebesaffären pflegen sich hier in nichts aufzulösen oder mit dem Selbstmord der Geliebten zu enden; die wenigsten führen in die Ehe. Insofern wird die zentrale Liebesbeziehung in vielfältiger Brechung gespiegelt. Zwischen dem Komponisten Georg Freiherr von Wergenthin und der musikalischen Anna Rosner, die auch einige seiner Lieder singt, bahnt sich ein Verhältnis an. Georg und sein Bruder Felician, der in die diplomatische Laufbahn geht, entstammen einer Familie, die vor einigen Generationen aus dem Rheinland nach Ã-sterreich kam. Im Elternhaus trafen sich drei Bedingungen einer kultivierten Atmosphäre: adlige Herkunft, wissenschaftliche Neigungen des Vaters, des Ehrenpräsidenten der Botanischen Gesellschaft, und künstlerische Tätigkeit der Mutter, einer Sängerin; das Vermögen der Familie ermöglichte ausgedehnte Erholungsund Bildungsreisen in die mediterranen Länder. Anna Rosner dagegen istim grauen Alltag einer kleinbürgerlichen Familie daheim. In wienerischer Prägung taucht das im bürgerlichen Tauerspiel so wesentliche Motiv des Standesgegensatzes wieder auf.
      Der Gedanke an die Figur des »süßen Mädels«, an ihre klassische Gestalt in Schnitzlers tragischem Schauspiel »Liebelei« , in der Dur-Variante der Mizi und der Moll-Variante der Christine, könnte hier eher in die Irre führen. Denn von der herzig-naiven Christine, der Tochter eines städtischen Orchestermusikers, die in eine ausweglose, tödliche Verzweiflung stürzt, nachdem der geliebte Freund Fritz Lobheimer im Duell getötet wurde, entfernt sich Anna Rosner weit durch ihre Entwicklung zu einer illusionslosen Frau, die nicht den voraussehbaren Verzicht als Tragödie erlebt, sondern den Schmerz durch die eigene Entscheidung abfängt. Wenn überhaupt, so wäre Anna ein emanzipiertes »süßes Mädek
Die Romanhandlung wird im wesentlichen aus der Perspektive Georgs erzählt. Gewisse Stimmungen lösen Erinnerungen an frühere erotische Episoden aus, etwa an die Verführung eines Florentiner Mädchens, das er später an der Hand ihres Bräutigams zum Altar schreiten sieht, an die melancholische und etwas langweilige Abschiedsreise durch Sizilien mit Grace vor der endgültigen Rückkehr der Geliebten nach Amerika. Von der Beziehung zu Anna, der in sich ruhenden musischen Bürgertochter, erhofft er sich wohltätige Wirkung auf sich selbst, Heilung vom Hang zur Verspieltheit, Anregung zu größerer Zielgerichtetheit seines Handelns, Stärkung des Antriebs zu berufsmäßiger Tätigkeit als Musiker. So erliegt er vorübergehend einer Selbsttäuschung, unterschätzt sein Bedürfnis nach Alleinsein und eine Bindungsscheu, die er mit dem Clavigo des Goethe-schen Schauspiels teilt.
      Zwischen Georg und Anna entwickelt sich eine heimliche Liaison, aber schon nach der ersten gemeinsamen Nacht ergreift ihn die Sehnsucht nach »blauen Fernen, Ungebundensein und Alleinsein«, und er ordnet auch diese Liebe schon wieder den Beziehungen zu, die »zu einem Ende bestimmt« sind. Doch dann bringt eine Wende ihn in eine ernste Situation: Anna ist schwanger. Eine »gerührte Zärtlichkeit« bemächtigt sich seiner. Sie machen erste Pläne, wie sie durch eine Reise in den Süden und später durch Anmieten eines Hauses in der Umgebung Wiens Annas Zustand vor der Ã-ffentlichkeit verbergen können. Aber sobald er allein ist, graut ihm schon wieder vor der Möglichkeit des Gebundenseins: »Vater! ... Schwer, beinahe düster sank das Wort in seine Seele.«

Georg von Wergenthin entspricht weder dem Klischee vom adligen Verführer noch dem vom triebhaften Liebesabenteurer, er läßt sich weder von der Anmaßung des Standesstolzes noch von der Libido hinreißen. Ebenso groß wie die Scheu vor der dauerhaften Bindung ist seine Angst, einen anderen Menschen zu verletzen. Der Gedanke, Anna die Heirat zu versprechen, und die Absicht, sie »sitzen zu lassen«, liegen ihm gleich fern. Ãober keinen Mangel an Liebe und Fürsorge während der italienischen Reise und später vor der Geburt des Kindes im Landhaus der Wiener Umgebung kann Anna klagen. Und doch fühlt er selbst, »wie er Anna zuweilen in einer ihm selbst nicht unangenehmen Weise« entgleitet. Mit unvergleichlichem Blick für psychologische Nuancen - hierin hat das Lob Sigmund Freuds seinen Grund - entwirft Schnitzler das Bild der seelischen Schwankungen seiner Hauptfigur.
      Das Kind wird, im Mutterleib erdrosselt durch die Nabelschnur, nach scheinbar nicht endenden qualvollen Wehen geboren. Georg, eben noch in der Gewißheit, mit Anna nun für alle Zeit verbunden zu sein, betrachtet den toten Sohn und glaubt im Säuglingsgesicht seine eigenen Züge wiederzuerkennen. Aber er stellt sich später die verräterische Frage, ob ein ungeborenes Kind vielleicht auch daran sterben könne, daß man es zu wenig herbeisehnt. Im Widerstreit zwischen Schuldgefühl und Erleichterung neigt sich bald die Waage zugunsten der Verlockung, frei zu sein.
      Die Psychologie Schnitzlers meidet die moralische Bewertung. Doch setzt er die Seelenkraft Annas so ins Bild, daß sie Georg beschämen müßte. Schon zur Stunde der Geburt des toten Kindes weiß sie, daß »alles zu Ende« ist, daß seine Liebesbeteuerungen dem Wunsch, »anständig« zu bleiben, nicht den innersten Empfindungen entspringen werden. Dieses Bürgermädchen ist keine Heroine, wohl aber eine Realistin. Sie klammert sich nicht an etwas, was nicht zu halten ist. Und sie sieht sich nicht als Opfer von überlebenden Normen der alten Ständegesellschaft, weil sie begreift, daß ihr Unglück seine Ursachen nur zum Teil in der sozialen Ungleichheit und mehr in Georgs Psyche hat. Wohin der »Weg in die Freiheit« führt, welcher »Freiheit« sie ihren Partner überläßt, steht auf einem anderen Batt. Ob die freudige tneigie, mit der Georg nun den Ptichten seines Amts als Kapellmeister einer Oper entgegengeht, vorhalten, ob sein Talent als Komponist für einen künstlerischen Durchbruch ausreichen wird, bleibt offen. Das Theater in Detmold, der Hauptstadt eines deutschen Duodezfürstentums, kann zwar Durchgangs-, aber auch Endstation sein. Die Muster zweier Gattungen des deutschen Romans scheinen durch.

     
Doch sowohl der Bildungs- wie der Künstlerroman behaupten sich hier nur in Varianten, die von Skepsis unterwandert sind.
      Ein wesentliches Element für Schnitzlers Darstellung psychischer Vorgänge ist der Traum. Das erscheint folgerichtig angesichts der erhaltenen umfangreichen Aufzeichnungen eigener Träume und ihrer Deutung. In vielfacher Funktion können Träume in die Handlung literarischer Werke Schnitzlers eingebunden werden: als direkter Spiegel eines seelischen Zu-stands, als bildhafte Darstellung von Wünschen und von Wunscherfüllung oder von Schuldgefühlen und Ã"ngsten, als Mittel der Aufdeckung und Lösung seelischer Krisen oder als Mittel der Verdrängung zur Erhaltung des Selbstbildes. Schlafträume wie Wachträume, naturgetreue wie »poetische« Träume kommen vor. Oft greifen die »Bühne des Lebens« und die »Bühne der Seele« ineinander. Ich verdanke viele Einsichten der medizinhistorischen Arbeit meiner Tochter .
      Aus der Vorliebe für Traumsequenzen versteht sich auch Schnitzlers Interesse am Film, der seine stürmische Laufbahn um die Jahrhundertwende antritt - Schnitzler wird zum ständigen Besucher der Wiener Lichtspieltheater. Nicht nur sind viele seiner Werke verfilmt worden . In seinem Nachlaß fand man unvollendete Entwürfe sowohl zu Filmen wie zur Verfilmung eigener Werke. Eine der Ã"hnlichkeiten zwischen Traum und Film, zumal dem Stummfilm, besteht in der raschen Abfolge optischer Eindrücke. So kann der Traum zum Film werden, der in der Seele abläuft, zum »Seelenfilm«.
      »Schlüsseltraum« für Georg von Wergenthins Künstler- und Lebensproblematik ist der große, immer wieder durch Momente des Wachens unterbrochene Traum von einer Schiffsfahrt, der Georg während einer Eisenbahnfahrt nicht losläßt . In diesem »seltsam wirren Traum« erscheint ihm seine eigene Gestalt als »gespenstisch«. Der Vorwurf seines Bruders, daß es ihm am »Programm« in »wichtigen Lebensdingen« fehle, hallt vielfach nach in Vorstellungen des Ungenügens und der Rechtfertigung. Der Traum wirbelt Vergangenheit und Gegenwart durcheinander, »selbstgerufene Bilder« jagen Georg und werden so zu Indizien unbewäl-tigter Fremdansprüche und Selbstanforderungen.
      Wie der Traum Wünsche verrät und verfestigt, zeigt Annas Traum vom Kind. Ausgemacht ist, daß sie den Säugling in Pflege gibt und zu ihren Eltern nach Wien zurückkehrt. Im Traum sieht sie sich auf dem Balkon sitzen, das Kind im Arm und an der Brust. Als sie, wieder erwacht, von Georg ausgeforscht wird, kann sie das Kind nicht näher beschreiben, aber sie weiß: »Nein, ich geb's nicht her«. Der Traum enthüllt das zum Schweigen gebrachte elementare Gefühl, wird zum Gegenspieler der aus rationalen und gesellschaftlichen Gründen getroffenen Ãobereinkunft. Das Verdrängte kehrt in die Lebenswelt der Willensäußerungen und Entschlüsse zurück.
      Weder die Liebeshandlung des Romans noch Schnitzlers Darstellung der Hauptfiguren und sein souveräner literarischer Gebrauch der Psychologie konnten Hofmannsthal erzürnen. Aber gerade das, was ihm mißfällt, zählt zu den Vorzügen des erzählerischen Werks. Schnitzler nimmt das soziale Klima wahr, in dem die Wiener ästhetische Kultur der Jahrhundertwende nicht nur gedeiht, sondern auch sich behaupten muß; er fängt Stimmungen ein, die anzeigen, daß das Habsburgerreich in seine Spätzeit eingetreten ist, daß Widersprüche entstanden sind, die sich in der Vielvölker-Monarchie nicht mehr werden ausgleichen lassen, aber auch Spannungen, die selbst ein republikanisches Staatswesen untergraben müssen.
      Schnitzler führt die Repräsentanten der Wiener Gesellschaft aus einer breiten Mittel- und Oberschicht immer wieder wie auf einer Bühne zusammen. Und diese Bühne stellen vor allem der Salon, die Soireen und »Jours« der Frau des millionenreichen jüdischen Patronenfabrikanten Ehrenberg bereit. In den Gesprächen, die sich zwischen den Besuchern des Hauses entwickeln, in der Dialogführung bewähren sich glänzend die Erfahrungen des Theaterautors.
      Vertreter der verschiedensten Gesellschaftsgruppen holen, sei es bei den Einladungen und Besuchen oder auf gemeinsamen Spaziergängen und Ausflügen, die wichtigen Streitfragen der Zeit ins Gespräch: Angehörige der Aristokratie, des Offizierskorps und der Ministerialbeamtenschaft, Vertreter der parlamentarischen Parteien, der Industrie und der Wissenschaft, Künstler und Schriftsteller. Ein angemessener Grad von Bildung verbürgt das Niveau der Auseinandersetzung.
      Die geheime Sympathie des Erzählers gilt wohl dem alten Arzt Doktor Stauber, der noch auf dem Boden des liberalen jüdischen Großbürgertums steht, während sein Sohn Berthold, schwankend zwischen Politik und Wissenschaft, radikaleren Ideen anhängt. Protagonistin der Sozialdemokratie ist die Jüdin Therese Golowski, die beim Kohlestreik in Böhmen agitiert hat, wegen »Majestätsbeleidigung« zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt wurde und gerade aus der Haft zurückgekehrt ist. Annas Bruder, Josef Rosner, wendet sich den Christlichsozialen zu.
Die Moral- und Ehrenvorstellungen der verschiedenen Gruppen stoßen zusammen oder vermischen sich. Der Zionist Leo Golowski, The-reses Bruder, hat nach seiner Dienstzeit als Einjährig-Freiwilliger, als Reserveoffizier, den Oberleutnant, unter dessen Schikanen er litt, im Duell getötet; da das Ehrenduell in Ã-sterreich geduldet wird, begnadigt ihn der Kaiser. Der Sohn des Patronenfabrikanten, Oskar Ehrenberg, der durch eine übertriebene Assimilationshaltung den Zorn des Vaters erregt und von ihm öffentlich geohrfeigt wird, sucht seine Ehre durch einen Selbstmordversuch zu retten. Von seiner Wunde geheilt, geht der beflissene Nachahmer adliger Lebensformen mit dem Prinzen von Guastalla auf eine Indienreise.
      Die Gesprächsthemen Georgs und der jüdischen Schriftsteller Edmund Nürnberger und Heinrich Bermann kreisen um die Künstler- und Lebensprobleme der Wiener Literatur des Fin de siecle oder um Fragen der Anpassung und der Identität jüdischer Ã-sterreicher. Aber auf der Bühne der »Jours« und Soireen steuern die Dialoge mit großer Regelmäßigkeit auf die politischen Veränderungen in der Donaumonarchie zu, auf die Feindschaft der nationalen und christlichen Bewegung gegen die jüdische Minderheit, gegen ihre finanzielle und intellektuelle Macht, also auf den wachsenden Antisemitismus. Und so werden unbewußt prophetische Sätze möglich wie die Frage von Leo Golowski: »aber wenn die Scheiterhaufen wieder angezündet werden...?« Gegen diesen frappierenden Verdacht setzt Georg seine ehrliche Ãoberzeugung: »diese Zeiten kommen doch nicht mehr wieder.« Der Autor Arthur Schnitzler konnte kaum schon ahnen, in welchem Maße die Wirklichkeit nur einige Jahrzehnte später die Versicherung seiner Romanfigur widerlegen sollte.
      Aber die Gespräche offenbaren auch die Gegensätze innerhalb des Judentums selbst. Der 6. Zionistenkongreß in Basel wirft seine Spiegelungen ins Romangeschehen hinein. Der Riß zwischen Zionisten und assimilationswilligen Juden wird sichtbar. Gefühlsgebunden bleibt der Zionismus des Fabrikanten Ehrenberg, politisch bewußter ist er bei Leo Golowski, einem Teilnehmer des Basler Kongresses. Heinrich Bermann dagegen, obwohl Verächter der Assimilation, hält den Zionismus für die »schlimmste Heimsuchung« der Juden. Jüdischer Selbsthaß macht Ber-mann, so jedenfalls formuliert es von Wergenthin, zu einem noch »ärgeren Antisemiten« als die judenfeindlichen Christen.
      Die Dialoge geben den Durchblick auf ein breites gesellschaftliches Panorama Wiens; der Erzähler präzisiert den Bewegungsraum der Figuren durch geographische Details der Stadt und ihrer Umgebung und durch die Beschreibung der Verkehrsmittel . So sind die Liebeshandlung und die Psychologie der Hauptfiguren eingebettet in eine umfassende Bewußtsseinswelt und Erfahrungswirklichkeit. Das macht diesen Roman zu einem exemplarischen Werk der erzählenden Wiener Literatur am Jahrhundertbeginn.
     

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Der  »psychologische  Tiefenforscher«  -  Arthur  Schnitzler:  »Der  Weg  ins  Freie«  (I908)    




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