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Der erzählerische Tabubruch - Robert Musil: »Die Verwirrungen des Zöglings Törless« (I906)



Fallgruben der Internatserziehung

In demselben Jahr, in dem Musils Prosawerk »Die Verwirrungen des Zöglings Törless« herauskommt, 1906, erlebt endlich Frank Wedekind den Sprung seiner >Kindertragödie< »Frühlings Erwachen« auf die Bühnenbretter. Die Uraufführung, in Max Reinhardts Berliner Kammerspielen, hat sich um anderthalb Jahrzehnte verspätet. Als Buchausgabe war das Stück sofort ins Visier der Zensur geraten, und es braucht auch nach der Erstinszenierung noch sechs Jahre, ehe das Berliner Oberverwaltungsgericht endgültig die öffentliche Aufführung einer abgeschliffenen Bühnenfassung erlaubt. So verklammert der Kampf um die Freigabe Literatur-, Theater- und Zensurgeschichte der beiden Jahrhunderte.

      Auch Robert Musils 1902/03 entstandener »kleiner Roman« erreicht die Öffentlichkeit nicht ohne Hindernisse. Nur dank der Vermittlung des Theaterkritikers Alfred Kerr kann er 1906 erscheinen. Damit ist dem 1880 geborenen Autor der Durchbruch gelungen; allerdings bleibt dann das Buch für lange Zeit das erfolgreichste des Schriftstellers.
      Gemeinsam ist beiden Fällen der Tabubruch, das Ärgernis eines in der Öffentlichkeit unter Berührungsverbot stehenden Themas: der Nöte und Konflikte, Verwirrungen und Irrungen junger Menschen im Pubertätsalter. In »Frühlings Erwachen« führt mangelnde Aufklärung über alles Geschlechtliche im bürgerlichen Elternhaus und in der Schule zu tragischen Verwicklungen. Einen der Schüler stürzt die unvorbereitete Lektüre einer Aufklärungsschrift, die ihm ein Mitschüler zugesteckt hat, in so schwere Verstörung, daß er sich das Leben nimmt; eine in Unwissenheit gehaltene Schülerin wird nach der ersten intimen Begegnung mit dem Schüler Melchior schwanger und stirbt an der Abtreibung, durch die ihre Mutter einen Skandal zu verhindern hofft; Melchior wird für den Tod des Mitschülers verantwortlich gemacht, vom Gymnasium relegiert und von seinen Eltern einer »Korrektionsanstalt« übergeben.
      Wedekind setzt die Erziehungspraxis sowohl der Eltern wie der Schuleins Unrecht; die Gymnasiallehrer wirken wie Karikaturen aus einem satirischen Hohlspiegel. Von satirischer Bissigkeit hält Musil sich fern. Und die Verantwortlichkeit der Eltern ist in den »Verwirrungen des Zöglings Törless« allenfalls ein Randproblem. Denn Törless und seine Mitschüler sind Insassen eines österreichischen Konvikts mit großem Prestige, eines Erziehungsinstituts und Internats »weitab von der Residenz«, im Osten des Reiches.
      Die Kasernierung junger Menschen in Kadettenanstalten und Internaten, also in Erziehungshäusern barg Gefahren, denen strenge Hausordnungen und Disziplinierungsmaßnahmen vorbeugen sollten. Wie die Verfügungsgewalt der Erzieher zu sadistischer Unterdrückung führen und gewaltsame Gegenreaktionen herausfordern konnte, zeigt Peter Martin Lampeis Theaterstück »Revolte im Erziehungshaus«, dessen Uraufführung 1928 für Furore sorgte. Das »Schauspiel der Gegenwart* knüpft an Lampeis Reportagen »Jungen in Not« an und löste erregte Debatten um pädagogische Praktiken und um Reformideen aus.
      Musil kommt zwar mit seinem »kleinen Roman< einem Bedürfnis nach dem freieren Gespräch über psychische und geschlechtliche Turbulenzen und eine Gewaltneigung Jugendlicher während der Pubertätszeit entgegen, doch macht er sich weder eine moralische Anklage gegen die Erwachsenenwelt noch eine Reformidee zu eigen.
      Von den ärgerlichen hygienischen Zuständen in den Internaten, in denen er selbst fünf Jahre verbrachte , von der Erfahrung, ärger als ein Sträfling behandelt zu werden, findet sich im Roman so gut wie nichts. Der zentrale Blickwinkel erfaßt immer ein Individuum: den jungen Törless, seine Einsamkeit, seine Verstrickungen und seinen Entwicklungssprung.
      Musil entfaltet die Exposition der Handlung aus einer Bahnhofsszene. Auf der dem Konvikt nächstliegenden Station der Strecke nach Rußland wartet Törless mit einer Gruppe junger Männer auf den verspäteten Zug, um seinen Vater, den Hofrat Törless, und seine Mutter, die in die Residenz zurückkehren, nach ihrem zweitägigen Besuch zu verabschieden. Die Szene fängt ein Bild ein, das die Abschiedsstimmung, die Trostlosigkeit der Provinz und die Atmosphäre des Internatslebens zusammenfaßt. Im Dunst eines Spätnachmittags haben »Gegenstände und Menschen [...] etwas Gleichgültiges, Lebloses, Mechanisches an sich, als seien sie aus der Szene eines Puppentheaters genommen.« Von Zeit zu Zeit kommt der ungeduldige Bahnhofsvorstand aus seinem Amtszimmer, schaut und ver-schwindet kopfschüttelnd wieder: »so wie die Figuren kommen und gehen, die aus alten Turmuhren treten, wenn die Stunde voll ist.«
Nun skizziert der Erzähler die Vorgeschichte der Situation. Auf eigenen Wunsch ist Törless vor vier Jahren ins Konvikt eingetreten, von dem aus die Absolventen zur Hochschule, in den Militär- oder den Staatsdienst überzuwechseln pflegen. Zunächst erliegt Törless einem mächtigen Heimweh und sucht Erleichterung in Briefen an die Eltern, wobei ihn der Schreibvorgang in einen »anderen Zustand< erhebt . Sein Verlangen wandelt sich zu einer Sehnsucht, die »etwas viel Unbestimmteres und Zusammengesetzteres« ist und aus der sich das Bild seiner Eltern verliert. Aber diese seelische Kraft macht sich ihm erst durch ihr Versiegen fühlbar.
      Zur »Quelle eines feinen psychologischen Genusses«, einer neuen Art von Menschenkenntnis, wird der Umgang mit einem jungen Fürsten, der aus einem der ältesten und einflußreichsten Adelsgeschlechter stammt und an dem ihm auch das noch, was anderen affektiert erscheint, geschmeidig vorkommt. Es ist eine Magie des Aristokratischen, die ihn anzieht, so daß den in einem »bürgerlich-freidenkenden Hause« Aufgewachsenen selbst eine ihm fremde Religiosität des Prinzen fasziniert. Aber es kommt dann doch durch den Streit über religiöse Dinge, bei dem Törless den Prinzen »mit dem Spott des Vernünftigen« überschüttet, zum Bruch. Bald verläßt der Prinz das Konvikt.
      In eine dritte Phase tritt Törless mit dem Beginn der Geschlechtsreife. Er schließt Freundschaften mit den wildesten Mitschülern - wild trotz ihrer vornehmen Herkunft und ihres Talents. Er überläßt sich ihrem Einfluß, weil die Lektüre von Büchern und eigene kleinere Schreibversuche in ihm eine »Hilflosigkeit« ausgelöst und ihn »nicht zu sich selbst« haben finden lassen, so daß es schien, »daß er überhaupt keinen Charakter habe«. Nun aber lebt er in dem Widerspruch, den rauhen Freunden nachzueifern und zugleich innerlich gegen dieses Bestreben gleichgültig zu sein.
      Mit der Ankunft des Zuges und der Abfahrt der Eltern schwenkt die Erzählung wieder in die Ereignisgegenwart. Auf dem Heimweg ins Konvikt trennt sich Törless mit dem Freund Beineberg von den übrigen, um im Dorf noch in der Konditorei einzukehren. Beineberg beginnt, wie üblich, von Indien zu erzählen, wo sein Vater, der General, als junger Offizier in den Diensten der englischen Kolonialarmee stand. Mitgebracht hatte der Vater das Wissen von einem esoterischen Buddhismus und von einer indi-sehen Philosophie - sie haben den Sohn zum Anhänger einer nebulösen Mystik gemacht, die in den Umkreis »unheimlicher Götterbilder« gehört. In diesen Dunstkreis läßt sich Törless nicht hineinziehen. Dennoch spürt er in sich eine »hohe Anspannung, das Lauschen auf ein ernstes Geheimnis und die Verantwortung, mitten in noch unbeschriebene Beziehungen des Lebens zu blicken«. Hier deutet sich eine Fähigkeit an, »die sich später als ein Talent des Staunens« äußern wird.
      Auf dem Weg zum Konvikt kommen beide an einem verrufenen Wirtshaus vorbei, in dem die Prostituierte Bozena wohnt, der die Besuche der vornehmen Zöglinge aus dem Konvikt große Genugtuung bereiten. Mit Bozena nimmt im Roman das Geschlechtliche, der Gärstoff der Handlung, konkrete und zugleich symbolische Gestalt an. Bozena weiß, daß es gerade das Gemeine ist, was die jungen Vornehmen bei ihr suchen. Besuche bei Bozena sind zu Törless' einziger Freude geworden, und gerade das »Sicheinschleichenmüssen« hat für ihn seinen besonderen Reiz. Was ihn jedesmal neu lockt, ist das »Heraustreten aus seiner bevorzugten Stellung unter die gemeinen Leute; unter sie - tiefer als sie!« Zugleich aber erscheint ihm dieses Bedürfnis, sich selbst wegzuwerfen, als ein »grausamer Kultus der Selbstaufopferung«. So steht hier die Pubertät im Zeichen des Widerspruchs zwischen dem Sog des Geschlechtlichen und der Erkenntnis eines Widerstrebens aus Enttäuschung.
      In den folgenden Tagen tritt die Romanhandlung in eine Phase der Beschleunigung und jener Verwirrungen des Törless ein, die aus dem Zusammenprall krimineller, sadistischer und geschlechtlicher Antriebe entstehen. Nur wenige Spätherbstwochen umfaßt das folgende Geschehen. Es setzt ein mit der Entdeckung des Diebs, der aus den Schließfächern der Zöglinge, den sogenannten »Spielladen«, Geldbeträge gestohlen hat, um seine Schulden bei Mitschülern zu begleichen. Reiling und Beineberg kennen den Dieb, Basini, einen Jungen mit »weibischen Gesichtszügen« und weichen, trägen Bewegungen, der aus dem Wunsch, seine Unterlegenheit zu kompensieren, zur Eitelkeit und zum Großtun neigt. Sie beschließen, ihn zu erpressen, und weihen auch Törless ein.
      Auf dem Dachboden des Internats haben die drei eine kleine Kammer gefunden, in der sie sich zu allgemeinen, oft auch überspannten Gesprächen treffen, an denen Törless aus Kumpanei, aber mit ziemlicher Gleichgültigkeit teilnimmt. Doch wird er vom Gegensatz zur bürgerlich soliden Welt, von einer Welt des Abenteuers und des Geheimnisses angezogen. In dieser Kammer will Beineberg Reiling bei verbotenen Handlun-gen mit Basini beobachtet haben. Beineberg ist zu harter Bestrafung Basi-nis entschlossen; man müsse ihn quälen, demütigen.
      Törless hat das Gefühl, daß sich eine unsichtbare Schlinge zu einem tödlichen Knoten zusammenzieht. Er erwacht zum Ernst einer Konzentration auf sich selbst, bei dem ein Augenblick des Erschreckens zugleich zu einem Moment der Erleuchtung oder der Vision wird. Er bemerkt bei einem Spaziergang im Park, bei einem Blick durch ein kleines, aber tiefes Wolkenloch, die unerhörte Höhe des Himmels. Er hat das Erlebnis der Unendlichkeit und erinnert sich an den Begriff »das Unendliche« aus dem Mathematikunterricht, hinter dem er nie etwas gesucht hat. Nun aber entdeckt er das furchtbar Beunruhigende an diesem Wort. »Etwas über den Verstand Gehendes, Wildes, Vernichtendes schien durch die Arbeit irgendwelcher Erfinder hineingeschläfert worden zu sein und war nun plötzlich aufgewacht und wieder furchtbar geworden.« Eine »ungeheure Verwirrung« bricht über ihn herein durch die Erkenntnis, daß alle einfachen, natürlichen Erklärungen von Dingen, Vorgängen und Menschen nur eine »ganz äußere Hülle« fortreißen, »ohne das Innere bloßzulegen«. Auch wird ihm die Unvergleichbarkeit von Erleben und Erfassen deutlich.
      Als Musil am »Törless« schreibt, liegt das Studium der Philosophie, das er mit einer Dissertation über den Philosophen Ernst Mach abschließen wird , noch vor ihm; er arbeitet nach dem Ingenieursexamen als Assistent an der Technischen Hochschule Stuttgart. Mit der Entwicklung, die er im Roman seine Hauptfigur nehmen läßt, entfernt er sich von positivistischer Naturwissenschaft und vom absolut optimistischen Vertrauen in die Wissenschaft. Die »Verwirrung«, die Törless beim Anblick des unendlich entfernten Himmels und bei der Entdeckung einer Doppelsinnigkeit aller Dinge ergreift, wird sich als eine Vorwegnahme jener »Augenblicke beinahe dichterischer Inspiration« erweisen, von denen er am Ende des Romans spricht.
      Freilich stehen Törless noch andere Verwirrungen bevor. In der Nacht erwarten Beineberg, Reiling und er Basini auf dem Hausboden. Als er erscheint, beginnt das Bestrafungsritual. Beineberg und Reiling ziehen Basini die Kleider aus und peitschen ihn. Das Verlangen, den Dieb büßen zu lassen, wird zur sadistischen Leidenschaft. Eine seltsame Aufregung bemächtigt sich des zuschauenden Törless. Die »viehische Lust«, auch zuzuschlagen, wird zwar gelähmt, aber er gerät in einen Zustand geschlechtlicher Erregung.
      Bevor Törless eine neue geschlechtliche Erfahrung macht, sieht er sicheinem neuen erkenntnistheoretischen Problem gegenüber. Er versteht in der Mathematikstunde die Rechnung mit imaginären Zahlen nicht und sucht den Mathematiklehrer in seiner Wohnung auf. Der aber kommt mit seinen Erklärungen bald an einen Punkt, wo Törless für das weitere Verständnis die Voraussetzungen fehlen. Der Lehrer vertröstet ihn auf ein späteres Stadium des Unterrichts und verweist vorerst auf Kants Lehre von den Denknotwendigkeiten, die alles bestimmen, ohne daß sie ohne weiteres einzusehen wären. Törless' Versuch, am anderen Tag bei einer Reclam-ausgabe Kantscher Schriften Rat zu holen, scheitert; vor lauter Klammern und Fußnoten versteht er kein Wort. Aber nachts erscheint ihm Kant, »das kleine Männchen«, im Traum. Er fühlt sich aufgerufen, etwas über einen philosophischen Gegenstand zu schreiben. Aber über viel mehr als über den großspurigen lateinischen Titel »De natura hominem« kommt er nicht hinaus.
      Immer wieder hat Törless, zwischen den Denkbemühungen, an seinem Körper Wellen der Sinnlichkeit wahrgenommen. Und in einer Nacht viertägiger Ferien, die der Großteil der Zöglinge außerhalb des Konvikts verbringt, übermannt ihn ein Verlangen nach dem Körper Basinis. Nachdem er Basini auf dem Hausboden einem Verhör unterzogen hat, läßt ihn der Anblick des Nackten nicht mehr los, und als Basini später im Schlafsaal an sein Bett tritt und unter seine Decke schlüpft, schmilzt aller Widerstand dahin.
      Aber noch in dem Augenblick, da es ihn fortreißt, klammert sich Törless an den Gedanken: »Das bin nicht ich!... nicht ich!« Was Basini in ihm geweckt hat, ist eine auf niemanden bezogene »melancholische Sinnlichkeit des Heranreifenden«. Und der Erzähler greift schon der hinter dem Romangeschehen liegenden Zukunft vor: »Törleß wurde später [...] ein junger Mann von sehr feinem und empfindsamem Geiste.« Er zählt zu den Menschen, denen »die Gegenstände, welche nur ihre moralische Korrektheit herausfordern, höchst gleichgültig« sind.
      Als Basini ihn, nach den Quälereien Beinebergs und Reilings, um Hilfe bittet, ist sein Verlangen schon erkaltet. Aber er distanziert sich von den beiden sadistischen Mitzöglingen. Nun greift der Direktor des Konvikts ein und macht dem grausamen Spuk ein Ende; Basini ist Törless' Rat gefolgt und hat sich als Dieb gestellt. Ein Gefühl der Befreiung läßt Törless wieder zu den Aufzeichnungen greifen, in denen er das Geschehen, sein »Betroffensein vom Leben« und sein »vielfältiges Staunen« festgehalten hat. Und als er nach der übereilten Flucht aus dem Konvikt wieder aufge-griffen worden ist, legt er dem Lehrerkollegium ein Geständnis ab, das zur allgemeinen Verwunderung nicht auf den konkreten Fall eingeht, sondern auf die Erkenntnis, zu der er geführt worden ist: daß ein Denken am Faden der Kausalität entlang noch kein lebendiges Denken sein muß; daß etwas beim Anblick der Dinge dann lebt, wenn die Gedanken schweigen; daß ein geheimes zweites Leben der Dinge »nicht mit den Augen des Verstandes« wahrzunehmen ist. Das Lehrerkollegium hält nach solchen Reden eine Privaterziehung für angebracht. Törless verläßt das Institut.
      Sein Bruch mit den lichtscheuen Freunden setzt eine Zäsur. »Eine Entwicklung war abgeschlossen, die Seele hatte einen neuen Jahresring angesetzt wie ein junger Baum«. In diesem Fazit verbirgt sich die Aufforderung Musils, den Roman als einen Entwicklungsroman zu lesen. Zur »Bildungsgeschichte poetischen Geistes« erklärt Eckhard Heftrich ihn und sieht Musil hier in den Spuren von Novalis. Wie dessen Roman »Heinrich von Ofterdingen« erzählt der »Törless«-Roman vom Werden einer Dichtung. Törless wirft alte poetische Versuche ins Feuer, seine Rede vor dem Lehrerkollegium aber ist voller Worte und Gleichnisse, in denen neue dichterische Inspiration sich andeutet.
      Allerdings kann sich hier, anders als in der mittelalterlich poetischen Welt des »Heinrich von Ofterdingen«, der poetische Geist nur im Widerspruch zum Zwangsreglement der halbmilitärischen Erziehungsanstalt und zu den Erscheinungen seiner Nachtseite entfalten. Die Verwirrungen der Pubertätszeit - sexuelle Experimente, Gewaltszenen - bleiben auch ihm nicht unbekannt. Sie sind das Feuer, durch das er gehen muß. Daß Musil dieses sinnlich-seelische Purgatorium nicht mehr poetisch verbrämt, sondern konkret zur Sprache bringt, macht sein frühes Werk zu einem sehr modernen Roman; und hier hat die Psychoanalyse, deren Anhänger Musil nicht ist, zumindest geholfen, von Berührungsängsten Abschied zu nehmen.
      In seinen Bemerkungen zum »anderen Zustand«, dem im Romanfragment »Der Mann ohne Eigenschaften« erstrebten Zustand, kennzeichnet Musil diesen als »eine einzigartige Erregtheit durch das Leben«, auf die Kunst bezogen als ein Heraustreten »aus der Sphäre weltlicher Betrachtung in die des schöpferischen Verhaltens«. Dieser Weg deutet sich schon in den »Verwirrungen des Zöglings Törless« an. Aber alle Vergleiche stoßen bald an das Unvergleichbare. Jedes der beiden Werke hat seinen eigenen Reflexionshorizont, wobei der des unvollendeten Romans ohnehin offenbleiben muß.
     

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Der  erzählerische  Tabubruch  -  Robert  Musil:  »Die  Verwirrungen  Zöglings  Törless«  (I906)    





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