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Christa Wolf: »Kassandra« (I983) - Der innere Monolog der Seherin



Viele Botschaften

Aus der vagen Idee eines Lehrstücks schälte sich die Gestalt eines Erzähltextes heraus, den man aus gutem Grund einen Roman nennen kann. Am Anfang stand, vor Christa Wolfs Griechenlandreise im Frühling 1980, beim Aufbruch aus Ost-Berlin, die Lektüre der »Orestie« des Aischylos, das Gebanntsein von der Figur der Kassandra, der Seherin und Priesterin, Tochter des unglücklichen Königs von Troja. Unauslöschlich dann beim Besuch von Mykene der Anblick der beiden mächtigen Löwen des Burgtors, auf die auch Kassandra geschaut haben muß, zunächst bei ihrem Einzug als Gefangene, als Beutegut Aga-memnons, später in den Minuten vor der Ermordung durch die Schergen Klytemnestras. Mit dem Blick auf die steinernen Löwen beginnt die Erzählung »Kassandra«, mit ihm endet sie auch.

      »Schrecklich ist es, deiner Wahrheit/Sterbliches Gefäß zu sein«, klagt in Schillers Gedicht »Kassandra« die Priesterin, die ihrer Vaterstadt Troja den Untergang vorhergesagt, jedoch kein Gehör gefunden hat. Als schrecklich empfindet auch die Kassandra Christa Wolfs ihr Amt. Aber den Wunsch der Schillerschen Seherin: »Meine Blindheit gib mir wieder«, teilt sie nicht. Ihrer inneren Erfahrung nach decken sich Mission und Zeremoniell nicht mehr: »Ich wirkte an den Ritualen mit, wie es mein Amt gebot, Handreichungen, Gebärden, Worte ohne Sinn.« Diese Seherin ist in ganz anderer Bedeutung des Wortes »sehend«, sie ist zur Zweiflerin geworden.
      Was hat Christa Wolf an der durch Homers »Ilias« und andere antike Schriften überlieferten Gestalt interessiert? Nur ihre Symbolkraft in einer Zeit der düsteren Zukunftsprognosen, der »Kassandrarufe«? Zwar erscheint der heillose Kampf um Troja als warnendes Exempel für eine von Waffen starrende Welt, doch Geschehen und Figuren sollen mehr hergeben: eine »innere Geschichte«, den Bewußtseinsprozeß einer zu sich selbst kommenden Frau, das Ringen um »Autonomie«.
      Aber solche »innere Geschichte« gewinnt nicht schon dadurch an Tiefe, daß man sie in die Vergangenheit, in die nicht nur geschichtliche, sondern mythische Ferne projiziert. Bereits in »Kein Ort. Nirgends« , in der erzählerischen Rückspiegelung von Leiden der weiblichen Emanzipation in die Figur der Dichterin Karoline von Günderode , konnte man Anzeichen des Rückzugs aus der »sozialistischen Gegenwart« entdecken. Immerhin: Gegen die homerische Welt ist die Romantik geradezu eine Fundgrube für Beispiele weiblicher Emanzipationspsychologie.
      Ãober ihre Auseinandersetzung mit der überlieferten Figur und über die Veränderung ihres »Seh-Rasters« während der Griechenlandreise und des Arbeitsvorgangs gibt die Autorin Rechenschaft mit dem Band »Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra« . Vorgetragen hat sie die vielfältigen Erläuterungen und Reflexionen an der Frankfurter Universität. Diese Poetik-Vorlesungen waren freilich Vorlesungen »gegen den Strich«, gegen die gewohnten Vorstellungen von »Ã"sthetik« - eine Verbindung aus Reise- und Werkstattberichten. So hat auch der Kommentarband einen erzählerischen Grundriß.
      Die »Voraussetzungen« sind Voraussetzungen in dem wörtlichen Sinne, daß sie zur Erzählung die notwendige Ergänzung bilden - als Verständnishilfen, die auch ein gutes Allgemeinwissen des Lesers nicht überflüssig macht. Hinzusetzungen werden sie, sobald sie die Erzählung auf Bedeutungen hin entschlüsseln, für die es in ihr selbst kaum Signale gibt.
      Troja »ein Modell für eine Art Utopie?« Gewiß, Kassandra versucht auf beispielhafte Weise den Krieg wenigstens halbwegs zu humanisieren. Sie verhindert, als Achill nach dem Tod seines Freundes Patroklos trojanische Kriegsgefangene hat hinschlachten lassen, die Rache an griechischen Gefangenen; sie durchbricht für dieses Mal das Gesetz der unaufhörlichen Vergeltung. Auch verweigert sie später der Täuschung und hinterhältigen Ermordung Achills im Tempel ihre Zustimmung; aber ändern kann sie nichts. Als Rebell, als Vorkämpferin ist sie am Ende gescheitert. Bleibt nur die Möglichkeit der negativen Utopie: Troja als mythisches Gleichnis für die »Barbarei der Neuzeit«, die Raketenproduktion »auf beiden Seiten« und das Vernichtungswerk der modernen Industriegesellschaft .
      Was Marie-Luise Fleißer in »Avantgarde« als unmittelbar gegenwärtig beschreibt, sieht Christa Wolf schon in Troja: eine »Männergesellschaft im Rohzustand«. Und ohne besonderes Kombinationsvermögen läßt sich in Eumelos und seiner Truppe der Geheimdienst eines totalitären Regimeswiedererkennen. So macht Christa Wolf Troja zum Umschlagplatz für Fatalitäten, die erst unser Zeitalter hervorgebracht hat.
      Das Thema der weiblichen Emanzipation kristallisiert sich am Verhältnis und am Gegensatz der beiden Figuren Penthesilea und Kassandra. »Schauder des gemeinen Volkes vor ihrer Unbedingtheit« umgibt die Amazonenkönigin; sie kämpft nicht nur gegen die Griechen, sondern gegen alle Männer. Penthesilea erscheint als die militante Feministin der Antike. Mehr noch: sie ist todes-, untergangssüchtig; sie will, »daß alles aufhört«, weil sich nur so erreichen läßt, »daß die Männer aufhören«. Penthesilea setzt nur an die Stelle des »Männlichkeitswahns« den »Weiblichkeitswahn«.
      Christa Wolf hat im Kommentarband ihre eigene besonnene Position verdeutlicht: sowohl ihren uneingeschränkten Protest gegen eine Entwürdigung der Frau zum Objekt wie ihre Warnung vor sektiererischem Feminismus. »Weibliches Schreiben«, so folgert sie, gibt es, »insoweit Frauen aus historischen und biologischen Gründen eine andere Wirklichkeit erleben als Männer« und »insoweit sie aufhören, sich an dem Versuch abzuarbeiten, sich in die herrschenden Wahnsysteme zu integrieren«. Aber einen »wahren Horror« empfindet sie »vor jener Rationalismuskritik, die selbst in hemmungslosem Irrationalismus endet«.
      Damit ist auch ihr Verhältnis zum Mythos bestimmt, nämlich als ein sehr distanziertes Verhältnis. Warum überhaupt greift sie zu den antiken Vorlagen? Ihr Kommentar zum Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Karl Kerenyi, die beide an der »tieferen seelischen Realität« hinter dem Mythos interessiert sind, stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt. Kann es heute um eine Psychologisierung des Mythos gehen? Immerhin: In der Erzählung wird auf jener Ãoberlieferung weitergebaut, nach der Kassandra weder aus den Innereien der Opfertiere noch aus dem Vogelflug die Zukunft vorhersagte, sondern aus den Träumen der Menschen. In der Traumdeutung liegt ein Punkt des Ãobereinstimmens mit der Psychoanalyse.
      Aber die besondere Fähigkeit der Kassandra Christa Wolfs beruht auf ihrem untrüglichen Wirklichkeitssinn. Sie sieht die Zukunft durch die Gegenwart hindurch, das Morgen als ein Ergebnis des Heute. So ist sie als Seherin keine Erleuchtete, sondern eine Beobachterin. Das läßt selbstverständlich die mythische Ãoberlieferung in sich brüchig werden, läuft auf eine Entmythisierung hinaus.
     
Ja, die mythische Geschichte wird sogar durch die irreführende »Legende« unterhöhlt. Als ein falscher Mythos erweist sich in der Erzählung die Entführung Helenas: Es ist dem jungen Paris gar nicht gelungen, Helena nach Troja zu bringen; der König von Ã"gypten hat sie ihm abgejagt. So wird der Trojanische Krieg um ein Phantom geführt.
      Daß der Mythos für ihre künstlerischen Pläne letztlich ein untaugliches Medium war, muß Christa Wolf geahnt haben. Sie wolle den Mythos zurückführen »in die sozialen und historischen Koordinaten«, schreibt sie. Wenn aber der Kommentarband irgendwo nicht nur die Absichten der Erzählerin, sondern auch den Abstand zwischen Vorhaben und Verwirklichung verdeutlicht, so hier. Die Griechen, so läßt sie den König Priamos sagen, »wollen unser Gold. Und freien Zugang zu den Dardanellen«, aber dieses wirtschaftliche Motiv bleibt ganz unausgeführt.
      Die wirklichen Aktualisierungen überläßt Christa Wolf- und das nun freilich zum Vorteil der epischen Geschlossenheit - dem Kommentarband. Die Erzählung selbst steht in einer starken zeitlichen Spannung, nämlich als innerer Monolog, als Lebensrückschau Kassandras vor dem gewaltsamen Tod in Mykene. Allerdings ziehen die Jahre nicht in biographischer Geradlinigkeit vorbei, vielmehr tauchen Daseinssituationen bruchstückhaft, inselhaft auf, und fast unmerklich springen Erinnerung und Reflexion von der einen zur anderen.
      Die Leseeindrücke widersprechen den Selbstaussagen der Autorin über ihr Verhältnis zur Figur Kassandra: daß nämlich das Heroische und Tragische immer mehr schwinde und sie die Figur mit Ironie und Humor sehe, daß sie sie durchschaue. Mir scheint, daß umgekehrt die den männlichen »Wahn« durchschauende Kassandra, also die Gegenkonzeption zur antiken Figur, für Christa Wolf immer mehr zu einer Identifikationsfigur geworden ist. Zum anderen aber konnte sie sich offenbar der unaufhaltsamen Gewalt, mit der in den antiken Vorlagen die Ereignisse über Kassandra hereinbrechen, nicht entziehen. Der Stoff behauptete seine eigene Schwerkraft; am Ende ist die Seherin eine Heroine, die ohnmächtig in den Tod geht. So überläßt Christa Wolf die Figur wieder der Tragödie.
      Nicht alles, was ihm der Kommentarband an Verweisungen auf die Gegenwart zumutet, nimmt der Erzählstoff an. Als Parabel für die Blindheit, mit der eine Welt in den Untergang treibt, und als gleichzeitige »innere Geschichte« einer in der gegebenen Geschlechterordnung verfrühten weiblichen Selbstbestimmung muß die Erzählung Risse aushalten. Aber keine unter den zeitgenössischen Schriftstellerinnen schreibt eine so nüchternpoetische, Gefühl und Reflexion ins Gleichgewicht bringende Prosa wie Christa Wolf. Und wir finden auch hier, in Kassandras Erinnerungen an nächtliche Liebesbegegnungen, Abschnitte von verhaltener Schönheit.
      »Bei Neumond kam Aineas. Merkwürdig, daß Marpessa nicht, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, im Vorraum schlief. Nur einen Augenblick lang sah ich sein Gesicht, als er das Licht ausblies, das neben der Tür in einem Ã-lbad schwamm. Unser Erkennungszeichen war und blieb seine Hand an meiner Wange, meine Wange in seiner Hand. Wir sagten uns kaum mehr als unsere Namen, ein schöneres Liebesgedicht hatte ich nie gehört. Aineas Kassandra, Kassandra Aineas. Als meine Keuschheit seiner Scheu begegnete, wurden unsre Körper toll. Was meinen Gliedern einfiel auf die Fragen seiner Lippen, welch unbekannte Sinne sein Geruch mir schenken würde, hatte ich nicht ahnen können. Und welcher Stimme meine Kehle fähig war. Doch Trojas Seele sollte nicht in Troja sein. Sehr früh am nächsten Morgen ging er mit einer Schar Bewaffneter [...] aufs Schiff, welches für lange Zeit die letzten Waren an die Schwarzmeerküste brachte.«
Christa Wolf hat mit ihrer Ãoberwindung steriler Muster des »sozialistischen Realismus« und mit der Aufnahme artifizieller Mittel, ohne die Leser in der DDR aus den Augen zu verlieren, auch das Publikum im Westen erreicht, ist noch vor dem Dramatiker Heiner Müller als Erzählerin eine »gesamtdeutsche« Autorin geworden. Ihre Autobiographie »Kindheitsmuster« zählt zu den - in Bericht und Reflexion - facettenreichsten Beispielen der Gattung. Vielleicht sind zu viele Botschaften der Erzählung und der Seherin Kassandra aufgetragen. Darin unterscheidet sich »Kassandra« vom späteren Erzähltext »Medea. Stimmen« , an dessen Ende Resignation steht.
     

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Christa  Wolf:  »Kassandra«  (I983)  -  Der  innere  Monolog  der  Seherin    




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