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Bourgeois-Satire Heinrich Mann: »Im Schlaraffenland« Ein Roman unter feinen Leuten (I900)



Aufstieg und Fall des Hans im Glück

Ein Romantitel wie »Im Schlaraffenland«, an den Anfang einer Romanchronik des 20. Jahrhunderts gestellt, sieht sich vom Ausgang her wie ein blanker Zynismus an. Aber er wirkt heute doch auch nicht makaberer als jene tönerne Vollmundigkeit, mit der Kaiser Wilhelm

II.

versprach, das deutsche Volk glänzenden Zeiten entgegenzufuhren. Kein früheres Jahrhundert hat dieses Volk so gründlich aus allen Schlaraffenland-Träumen gerissen wie das zwanzigste, auch wenn nach dem Zweiten Weltkrieg das sogenannte Wirtschaftswunder der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Ã-sterreich etwas bescherte, was der Wohlstandssattheit der Gründerjahre und der Nachgründerzeit vor der Jahrhundertwende gleicht.

      Das Schlaraffenland ist ein weltliches Paradies, in dem Milch und Honig fließen, ein lustvolles Trugbild des Bauches. Bekannt gemacht hat die Märchenfabel vor allem Hans Sachs' Schwank »Das Schlaraffenland« . Unendlich viele Ausschmückungen erfuhr die Fabel von einem Reich, wo den Menschen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, wo die Wände aus Lebkuchen und die Zäune aus Bratwürsten bestehen, Schweinebratenbalken und Zuckererbsenhagel zum Essen, Milchrahmregen und Malvasierbrunnen zum Trinken einladen, wo Schlafen entlohnt wird. Eine arbeitsfreie, keine Standesgrenzen und keine Sünde und keine Strafe kennende, eine nur noch genießende Gesellschaft tummelt sich im Schlaraffenland. Vom »nahrhaftesten Märchen des Volkes« hat Ernst Bloch gesprochen.
      Aber vom Schlaraffenland im Roman Heinrich Manns bleibt die Masse des Volkes ausgeschlossen, denn es ist, wie der Untertitel ankündigt, ein Exklusivbereich für jene, die der Volksmund reichlich ungenau »die feinen Leute« nennt. Dieses Schlaraffenland konnte dank des Industrialisierungsschubs nach 1871 und der Liberalisierung der Wirtschaft zum System kapitalistischer Geldvermehrung emporwuchern. Es entfaltete sich, weit vom Proletariat entfernt, aber auch vom Korsett der Hofgesellschaft nicht eingeengt, inmitten der neuen, zu Reichtum gekommenen Bourgeoisie. Die
Mächtigen in diesem Schlaraffenland konnten sich Imitationen hochadliger Palais und den teuren Glanz verschwenderischer Empfänge leisten; sie umgaben sich mit einem Kreis von Vorzeigearistokraten und -künstlern, aber auch von Talmikünstlern und Salonliteraten, die einen Hauch von Boheme mitbrachten, und mit einem Troß von bloßen Schmarotzern. Die Hauptstadt dieses Schlaraffenlandes der Gründerzeit war Berlin, die Hauptstadt des neugegründeten Kaiserreichs. Heinrich Mann wird sich, als er zwischen 1898 und 1900 in Rom und Riva am Gardasee den Roman schrieb, vieler Eindrücke aus dem »Berlin der neunziger Jahre« erinnert haben, die er während der Lektoratszeit im S. Fischer Verlag in der Reichshauptstadt sammeln konnte.
      Während seines Berlin-Aufenthalts besuchte er als Gasthörer die Friedrich-Wilhelms-Universität. Als Berliner Student eröffnet auch die Hauptfigur, der dreiundzwanzigjährige Andreas Zumsee, die Romanhandlung: fleißig, aber mit der Aussicht auf eine Zukunft als Schulamts-kandidat in seiner Heimatstadt Gumplach im Rheinland nicht eben glücklich. Der Sohn eines Weinbauern hat bereits eine Novelle im »Gumplacher Anzeiger« veröffentlichen können und drängt mit seinem literarischen Ehrgeiz über die Provinz hinaus. Am Ostersonntag des Jahres 1893 bringt ihn eine »Faust«-Aufführung im Berliner Königlichen Schauspielhaus auf eine neue Fährte. Der Anblick bekannter Theaterkritiker setzt seine Phantasie in Bewegung, er sieht sich selbst bereits in der Rolle eines angesehenen Mitarbeiters der Berliner Presse.
      Und nun beginnt der unaufhaltsame Aufstieg eines unschuldig naiven Provinzkindes. Hans im Glück entsteigt dem Märchen und betritt die Romanwelt. Aber er bringt sich nicht wie im Märchen durch immer ungünstigeren Tausch seines Goldklumpens um seinen Reichtum, sondern sucht Gold zu erwerben und zu vermehren. Andreas' Nachbar auf den billigen Galerieplätzen des Theaters gibt sich als der Schriftsteller Köpf zu erkennen und verspricht, ihn in den Kreis der Literaten des »Cafe Hurra« einzuführen. Der Leser aber wird gut daran tun, die Herkunft des Glückskinds aus dem Märchen und den Beginn der Lebenswende in der Sphäre des Theaters nicht zu vergessen: Märchen und Theater bleiben vorläufig ein heimlicher Spielrahmen der Romanhandlung.
      Das »Cafe Hurra«, ein Treffpunkt für Leute der schreibenden Zunft, vor allem der Berliner Presse, wird wichtige Durchgangsstation für den Eintritt in die Welt der »feinen Leute«. Die Bezeichnung für dieses Cafe erklärt sich aus einem Richtungswechsel seiner Besucher. Folgten sie früher eher »staatsumwälzenden Grundsätzen«, so verabschiedeten sie von 1890 an sozialdemokratische Gedanken und wandten sich einem »Regierungsliberalismus und Hurrapatriotismus« zu, schwenkten ins Lager des Wilhelminismus über. Die Tafelrunde im »Cafe Hurra« wird für Andreas zugleich Schule des Erfolgsstrebens. Ein Gumplacher Freund des Chefredakteurs vom »Nachtkurier« hat ihm ein Empfehlungsschreiben mitgegeben, das ihm nun in der Zeitungsredaktion sofort Gehör und das Angebot zur Mitarbeit an der Sonntagsbeilage »Die Neuzeit« verschafft. Der »Nachtkurier« vertritt eine »gesunde liberale Wirtschaftspolitik« und schmückt sich mit dem Anspruch, ein »Organ der deutschen Geisteskultur« zu sein. Der Finanzmagnat Generalkonsul James Louis Türkheimer, den Andreas bei seiner Ankunft vorübergehen sah, hat offenbar großen Einfluß beim »Nachtkurier«. Andreas drängt auf eine Empfehlung des Chefredakteurs bei den Türkheimers und erhält sie.
      Diese Empfehlung ist das Entreebillet zur Gesellschaft der »feinen Leute«. Und von nun an springt Hans im Glück von Stufe zu Stufe. Alle, bis auf Asta, die Tochter des Hauses, mögen ihn, weil er das Rollenbild, in dem die »feinen Leute« gesehen werden möchten, so überzeugend zur Schau stellt: Er blickt unschuldig und glücklich drein. In diesem Schlaraffenland wirkt er wie der Eingeborene schlechthin.
      Türkheimer gibt gerade einer Mätresse den Laufpaß und hält Ausschau nach einer neuen. Es kommt ihm nicht ungelegen, daß seine fünfundvier-zigjährige und schon beleibte Frau Adelheid Feuer für den jungen Andreas Zumsee fängt, der, obwohl kaum ausgewiesen, schon zum hoffnungsvollen literarischen Talent hochgelobt wird. Sie läßt ihm standesgemäße Kleidung anfertigen. Wieder im Theater findet bezeichnenderweise das erste Stelldichein statt, bei der Premiere eines Proletarierdramas mit dem Titel »Rache«. In diesem frenetisch beklatschten »sozialen Drama« revoltieren hungernde Arbeiter gegen den Fabrikdirektor und seine »abscheulichsten manchesterlichen Anschauungen«. Die aufgebrachte Masse bestürmt das Herrenhaus und legt Feuer. Anspielungen auf Gerhart Hauptmanns 1893 in Berlin uraufgeführtes Drama »Die Weber« sind unüberhörbar, was aber hier der in Türkheimers Palais verkehrende Autor Klempner - man muß schon sagen - zusammengeklempnert hat, ist ein agitatorisches Schauerdrama, die Parodie eines sozialen Dramas.
      Immerhin hatte Heinrich Mann bereits einige Geschichten für den »Simplicissimus« geschrieben und sich damit seine satirischen Sporen verdient. In der Groteske der »Rache«-Aufführung geht die Satire in eine doppelte Richtung: gegen einen Typ von doppelzüngigem Autor, der »die Leute, bei denen er schmarotzte, nachher auf der Bühne von seinem Pöbel totschlagen ließ«, und gegen eine bourgeoise Gesellschaft, die ihrer eigenen Bloßstellung und Entmachtung auf der Bühne auch noch applaudiert-hier wiederholt sich die Situation der Aufführungen von Beaumarchais' Komödie »Le Mariage de Figaro« aufschloß Vaudreuil und in der Comedie Francaise , bei denen die Aristokratie ihre eigene Demontage bejubelte, wo - wie später Napoleon sagte - bereits »die Revolution in voller Aktion« war.
      In der Loge des Theaters also, in dem die turbulenten Ereignisse des »Rache«-Dramas über die Bühne rollen, hat Andreas während der Pause das etwas schwülstige erste »Schäferstündchen«. Eine Verabredung führt dann die beiden in Andreas' Zimmer zusammen, und er wird fortan ihr Geliebter sein. Aus der Unschuld des Provinzlers ist aber bereits Naivität inszenierende Berechnung, aus dem Glückskind ein Glücksritter geworden. Er macht sich in der Salongesellschaft durch eine »Marotte« interessant. Um im protestantischen Berlin hervorzustechen, trägt er die Maske des strenggläubigen Katholiken. Durch scheinbare Ãoberwindung religiöser Hemmungen sucht er den Reiz seiner sexuellen Hingabe zu steigern; er setzt auf den erotischen und, da er es mit der Frau eines Börsianers zu tun hat, auch ökonomischen Mehrwert einer religiösen Pflichten abgerungenen Liebe. So empfängt er Adelheid wie ein Einsiedler in seiner Dichterklause, nämlich in einer Mönchskutte. Die Wirkung dieses Aphrodisiakums hat er richtig eingeschätzt. Mit süßem Schauer empfängt sie die Zärtlichkeiten des in Sünden liebenden Mönchs, ihres »frommen Dichters«.
      Mit der Protektion der Bankiersgattin ist Zumsees Glück gemacht. Adelheid erspart ihm das erniedrigende Gefühl, von ihr ausgehalten zu werden, indem sie vorgibt, daß man für ihn ungemein vorteilhafte Aktiengeschäfte tätige. So wird die Börse sein Goldesel. Er residiert bald in einer luxuriösen Wohnung. Für eine Gesellschaft, in der die Kaste der Financiers mehr Einfluß besitzt als der alteingesessene Adel und die Wirtschaftsmagnaten die eigentlichen Könige sind, gilt - wenngleich hier zum Gemeinplatz geworden - die Sentenz aus Schillers »Jungfrau von Orleans«: »Drum soll der Sänger mit dem König gehen,/Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen.« So wird das Haus Türkheim auch zu Andreas' Mäzen.
      Adelheid erwartet sich, nach dem Erfolg des »Rache«-Dramas, eine ähnliche Sensation von ihm. Zwar kommt das dramatische Genie nur mit einer Zwerggeburt nieder, mit dem Monolog »Die Verkannte«, dem poeti-sehen Selbstgespräch eines Ehemanns, aber in der »Kreation« des Künstlers Kapeller, der einmal »in Leitmeritz einer Spezialitätenbühne vorstand«, erzielt das Zwergstück einen riesigen Erfolg und hebt Andreas Zumsee zur »steilen Höhe des Ruhmes«.
      Schon der erste Auftritt des rundlichen, im fettfleckigen Frack erscheinenden Kapeller verurteilt Proben und Premiere der »Verkannten« zum Farcenhaften. Die Farce ist zwar eine der legitimen Formen des Bühnenspiels, aber sie wird hier vom Publikum eben nicht als Farce aufgenommen. Sie enthüllt also hier den völlig abstrusen Geschmack der Salongesellschaft, steht im Dienst der Bourgeois-Satire. Doch geht mit dem Autor Heinrich Mann eine Neigung zum Karikaturistischen durch, die auch sonst in seinem Werk anzutreffen ist. Die Darstellung des krassen Dilettantismus in der Kulturbeflissenheit des Türkheimer-Kreises wirkt überdreht. Hier hilft dem Leser nichts anderes, als sich rechtzeitig auf die Aussageweise satirischer Ãobertreibung einzustellen.
      Den zum Snob gewordenen Andreas Zumsee schlägt der billig errungene Erfolg mit Blindheit, mit Selbstüberschätzung. Er wird der immer unterwürfigeren liebeheischenden Zärtlichkeiten und Wohltaten einer älteren Frau, der ihr Liebhaber zu entgleiten droht, überdrüssig. Mädchen umschwärmen ihn und machen ihn hungrig nach jungem Fleisch. Zum Verhängnis wird ihm, daß ihn die Jagd ausgerechnet in Türkheimers Revier treibt. Er hat Fortune bei der siebzehnjährigen »kleinen Matzke«, einer Arbeitertochter mit dem Mundwerk einer Berliner »Pflanze« - Heinrich Mann hatte sich ein umfangreiches Verzeichnis Berliner Redensarten angelegt -, die es sich als Türkheimers neue Mätresse unter dem Namen Bienaimee jetzt in einer noblen Villa wohl sein läßt. Sie glaubt in Andreas endlich ihren Märchenprinzen gefunden zu haben. Ein anonymer Brief verrät beide. Und nun kennt Türkheimer gegen den Wilderer in seinem Revier kein Erbarmen, obwohl Andreas ihn nach einem gewaltigen Spekulationshandstreich an der Börse noch als »Genie der Tat«, als »Eroberertypus« und »Renaissancemenschen« gefeiert hat. Er verfügt Andreas' Vertreibung aus dem Schlaraffenland. Er hat bei dieser Gelegenheit auch seine eigene Sprache wiedergefunden. »Man zahlt, und die Lumpen genießen.« »'n Baffze! Nee, was für'n Baffze.« »Er muß doch wissen, wer er ist, so'n Spaßmacher, so'n Bajaz, so'n magerer Zeitvertreib!« Andreas wird mit Bienaimee verheiratet und bekommt einen kleinen Posten im »Nachtkurier«. Der umworbene Günstling der »feinen Leute« ist zurückgestoßen in kleinbürgerliche Jämmerlichkeit.
      So wird der Roman am Ende zur Parabel für die blinde Selbstüberhebung des angepaßten Parvenüs und für den Zynismus und das Banausen-tum des zu Reichtum gekommenen Börsenspekulanten, der die Halbwelt der Kultur, mit der er sich umgibt und schmückt, in Wahrheit verachtet. Beide, die moderne Variante des Hofdichters und der absolute Monarch der Finanzwelt, verweisen auf die Mentalität einer Gründerzeit, in der fiebriges Erfolgsstreben und rasche Gewinnvermehrung ein Hochgefühl des Gelingens und eben eine Schlaraffenland-Atmosphäre entstehen lassen. Entzaubert werden soll nicht nur ein falscher Glanz dieser Epoche, sondern auch die fragwürdige Moral, die ihm als Feigenblatt dient.
      Das Kulissenhafte der kulturellen Talmiwelt wird deutlich. Die Salon-und Wohnräume sind überladen mit dem Zierrat von Jugendstilimitationen und mit Elementen einer sinnlich-schwülstigen Kunst im verkitschten Geschmack der Malerei eines Hans Makart. »Vor den üppigen Plauderecken, in denen sich Damen aufhielten, standen niedrige spanische Wände, mit buntbesticktem Atlas bespannt und mit geschliffenen Glasscheiben in verschnörkelten Rahmen. Sie sahen aus wie die herausgebrochenen Wände einer alten Staatskutsche.« Andreas »versuchte sich betäuben zu lassen von der verdunkelten Decke, deren vergoldete Kassetten elektrische Birnen bargen«. Bienaimee präsentiert ihr »Prunkgemach«: »Die ovale Decke wurde reich belebt von rosigen Leibern, die zwischen schwankenden Blütengewinden durch den reinen Azur schwammen, oder, aufschimmernden Muscheln gewiegt, einander in den Armen ruhten [...] Vereinzelte Schenkel glitten schwellend aus verschlungenen Gliedermassen hervor.«
Der Bankier Türkheimer ist Jude, und man hat in ihm eine Karikatur des Finanzgenies Gerson Bleichröder, des Vertrauten Bismarcks und Inhabers einer der großen europäischen Privatbanken, erkennen wollen, auch Parallelen zu anderen jüdischen Bankiers. Aufgrund allgemeiner Anspielungen, die ebensogut auf deutsch-christliche Bankiers passen, dem Roman eine antisemitische Tendenz zu unterstellen heißt aber den Bogen des Antisemitismusverdachts maßlos überspannen. Daß Türkheimer den für sein spaßiges mimisches Talent bekannten Baumeister Kokott bittet: »Machen Sie mal Ihre Judenfratze«, hält sich auf jener Ebene ironischer Selbstdistanz, auf der auch die jüdischen Judenwitze liegen. Und daß der Zionist Liebling, der Bienaimee zur Unterschrift unter den Verzichts-Vertrag nötigt, ein Tartuffe der Moral ist, denunziert noch nicht den Zionismus, der um die Jahrhundertwende gerade erst seinen politischen Aufbruch erlebt.
      Der Romanautor Heinrich Mann, Bewunderer der französischen Kultur, verdankt viel dem Vorbild der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts - Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola. Er sei der Notwendigkeit gefolgt, einen »sozialen Zeitroman« zu schreiben, hat er später gesagt. Beim Roman »Im Schlaraffenland« überwiegen Anregungen von Maupas-sants »Bei Ami« . Aber Maupassants Journalist George Duroy ist von ungleich größerer Bedenkenlosigkeit als Andreas Zumsee. Sein Kalkül, erotischen Charme zu nutzen, um sich im Zentrum der Macht festzusetzen, geht auf. Ihm eröffnet sich die Aussicht auf eine politische Zukunft als Abgeordneter und Minister. Zwar fingiert Heinrich Mann im Vorwort zur neuen Ausgabe seines Romans von 1929 einen Brief des Andreas Zumsee an den Verfasser mit der Nachricht, daß er das Weingut seines Vaters übernommen und einen Hotelbetrieb gegründet habe, aber diese Wendung der Dinge ist eben kein Bestandteil des Romans.
      Nicht angeknüpft hat Heinrich Mann an Maupassants lockere erzählerische Ironie. In einem Brief an seinen Verleger Albert Langen weist er das Lob seines Romans auf Kosten des »Bei Ami« zurück. »Der Vergleich ist meiner Meinung nach zu äußerlich. Denn aus der beobachteten Wirklichkeit hervor wächst bei mir doch sehr viel Karikatur u. Excentrizität. Soll ich das abstreifen? [...] Möglichenfalls ist es gerade das Entwicklungsfähige.« Die Antwort hat er selbst gegeben, mit den Romanen »Professor Unrat« und »Der Untertan« : beide zeigen auf je besondere Art Beispielfiguren der Wilhelminischen Zeit in satirisch zugespitzter »Excentrizität«.
      Vom unerwarteten Erfolg des Romans »Im Schlaraffenland« sehr beeindruckt war Thomas Mann. Ihm schwebte ein Münchner Seitenstück zum Berlin-Roman seines älteren Bruders vor. Es blieb aber bei der Sammlung von Material. Er hatte ja selbst zur gleichen Zeit an einem Roman geschrieben, mit dem ihm ein ähnlicher Durchbruch gelingen sollte. Und mit ihrem Erfolg sollten seine »Buddenbrooks« Heinrich Manns »Im Schlaraffenland«, sollte die Lübecker Chronik den Berlin-Roman, der Generationen- den »sozialen Zeitroman« bald in den Schatten stellen. Mit »Buddenbrooks« war im Grunde der geheime Wettkampf der Brüder zugunsten Thomas Manns entschieden, auch wenn noch 1931, zum sechzigsten Geburtstag, Gottfried Benn seine »Rede auf Heinrich Mann« einem der glanzvollsten, folgenreichsten und großartigsten Mitglieder der deutschen »Schriftstellerschaft«, ja »dem umfassendsten dichterischen Ingenium unter uns« widmete. Thomas Manns indirekte Antwort auf den »Ro-man unter feinen Leuten« ist »Königliche Hoheit« . Der Finanzmagnat dieses Romans, der amerikanische Milliardär Samuel N. Spoelman, verschafft dem an Geldnot krankenden monarchischen System eines deutschen Landes noch einmal Aufschub. Auch dort umspielen Märchenzüge das Gesellschaftsbild. Auch dort zeichnet Satire an diesem Bild mit, aber statt des Griffels benutzt sie den Silberstift der Ironie.
     

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