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Arno Schmidt: »Aus dem Leben eines Fauns« (I953) - Der Sprachartist



Deserteur im Geiste

Der Titel des Kurzromans kann falsche Erwartungen begünstigen. Weder erzählt Arno Schmidt hier eine mythologische Geschichte vom altitalischen Gott Faunus oder von bocksartigen, wein- und weibgierigen Satyrn griechischer Herkunft, noch die Biographie eines faunartigen, lüsternen Lebemanns der Moderne. Der Zeitraum des Geschehens umfaßt die Kriegsjahre 1939 bis 1944, genauer die drei Abschnitte »Februar 1939«, »Mai/August 39« und »August/September 1944«. Der Ich-Erzähler Heinrich Düring, um die fünfzig Jahre alt, ist Beamter im Landratsamt Falling-bostel in der Lüneburger Heide. Das bürgerlich-kleinbürgerliche Leben, das er in einer Siedlung des Ortes Cordingen führt, steht in merkwürdiger Spannung zu seinem hohen literarischen und kunstgeschichtlichen Bildungsstand. In seiner bürokratischen Arbeit im Landratsamt fühlt er sich wie an einen »Prometheusfelsen« gefesselt.


      Erkennbar werden bereits zu Beginn die wichtigsten Erzählansätze, mit denen Schmidt Romantechniken von James Joyce weiterführt, und Sprachschöpfungen, mit denen er an die expressionistische »Wortkunst« und die Sprachexperimente des »Sturm«-Kreises, zumal August Stramms, anknüpft. »Mein Leben?! ist kein Kontinuum! konstruiert werden.
      Leben und Erinnerungen »rennen« vorbei, als ob »ein Zuckender ein Nachtgewitter sieht«. »Flamme: da fletscht ein nacktes Siedlungshaus in giftgrünem Gesträuch: Nacht.« »Flamme: gaffen weiße Sichter, Zungen klöppeln, Finger zahnen [...] stehen Baumglieder; treiben Knabenreifen: Frauen kocken; Mädchen schelmen blusenauf«. Satzgebilde bleiben unvollständig, elliptisch, telegrammstilhaft. Der Sinn kann sich in einem einzigen Wort ballen. Im »Frauen kocken« ziehen sich »kochen« und das »hocken« zusammen. »Finger zahnen«, »büchern« und »schelmen« überführen Hauptwörter in Tätigkeitswörter. Unter späteren Beispielen prägen sich »wir bürgerten hauswärts« oder »heute, wo Alles kolbenhey-ert« ein. Eigennamen mutieren zu Eigenschafts- oder Umstandswörtern: Landrat von der Decken ist und spricht »hindenburgig«. Manchmal ergeht sich die Sprache in Orgien von Neubildungen; so fördert Schlaflosigkeit katzenschnelle Gedankensprünge: »Akten zeihen ehrenhaft; Schuljunges matrosenkrägelte; rüpelte picklig Militär; [...] weißgestrichene Zahlen kilometerten gefällig«.
      Solche Erzählsprache bricht aus der Tradition der Romankunst aus und entwickelt ganz neue Sprachlegierungen. Dürings Bekenntnis, daß ihm die Dichtung August Stramms zum großen »Formerlebnis« geworden sei, und sein Ausruf »es lebe unser großer heiliger Expressionismus!!« sind zugleich Signale des Autors Arno Schmidt, die zeigen, wie sehr ihm als historische Vorgabe für seine Sprachlegierungen die Formexperimente des Expressionismus wichtig waren. Den Ich-Erzähler Düring kennzeichnet seine Huldigung als einen Literatur- und Kunstverständigen, der zur Hit-ler-Goebelsschen Kulturdoktrin in Opposition steht. Indizien seiner Verachtung des Nationalsozialismus sind die Ironie und der Sarkasmus, womit er in seinen Gedankenmonologen gegen SA, SS, Hitlerjugend und Parteifunktionäre zu Felde zieht.
      Sein eigener Sohn Paul, Hitlerjunge mit schwachen Schulleistungen, schwärmt und träumt von der Ordensschule Vogelsang, will mit siebzehn Jahren von der Höheren Schule abgehen und sich - als Offiziersanwärter -freiwillig zur Wehrmacht melden. Die Mutter übernimmt die Rolle der Fürsprecherin: »»Wenn er doch Offizier wird, Heinrich! [...] denk ma, wie neidisch Alsfleths sein werden!!« >Das gibt natürlich den Ausschlag«, sagte ich bitter: und: »von mir aus!

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