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Alfred Andersch: »Sansibar oder der letzte Grund« (I957) - Existentialistische Parabel



Entscheidung zur Selbstverantwortlichkeit

Die Sehnsucht nach dem Abenteuer hat das erste Wort. »Der Mississippi wäre das Richtige«. Der sechzehnjährige Schiffsjunge, der dies denkt, hat sich auf dem Speicher einer alten Gerberei in der Ostsee-Hafenstadt Rerik ein Versteck geschaffen, in dem er seinen Bücherschatz aufbewahrt: Tom Sawyer und die Schatzinsel, Moby Dick, Kapitän Scotts letzte Reise und Oliver Twist, auch ein paar Karl-May-Bände. Seine Lieblingslektüre indes ist Mark Twains Buch von den Abenteuern des Huckleberry Finn. Der Junge, dem der harte, aber eintönige Dienst in der Küstenfischerei, auf Knudsens Kutter »Pauline«, nicht mehr genügt, träumt sich in die ferne Welt, an den Mississippi und den Südpol, nach Bengalen und zumal nach der Insel Sansibar, in deren verlockendem Namen sich aller Zauber der Ferne zusammenfaßt. Er wird sein Abenteuer bekommen, aber ein gänzlich anderes, als er es sich erträumt.
      Der Schiffsjunge ist nicht die Hauptfigur des Romans »Sansibar oder der letzte Grund«. Aber mit der Naivität des Jungen schafft Alfred Andersch einen Goldhintergrund von Schiffahrts->Romantiknatürlicher< Tod gemeldet werden würde. Ins Wanken gerät Knudsens Weigerung, die Plastik nach Schweden zu bringen, nicht etwa durch Gregors allzu durchsichtigen Einwand, die neue Taktik des Zentralkomitees verlange die Zusammenarbeit mit allen oppositionellen Gruppen, deshalb erteile er ihm hiermit einen Parteibefehl. Die Kasuistik der Partei war Knudsen immer fremd geblieben, jetzt erreicht sie ihn nicht mehr. An seinem Gegenargument, sein Kutter tauge nur für die Küstenfischerei, läßt er nicht rütteln.
      Aber dann tritt eine innere Wende ein, über deren Gründe er sich keine Rechenschaft gibt. Sein Nachgeben ist wohl doch ein Akt letzter oppositioneller Solidarität. Und so erklärt er Gregor seinen Plan, mit dem Kutter in nördlicher Richtung hinauszufahren und in der Nähe der Lotseninsel, wo der Schiffsjunge auf dem Haff mit dem Ruderboot warten soll, die Holzfigur aufzunehmen. Was aber wird mit Judith geschehen? Das ernstere Ansinnen, Gregor als politischen Flüchtling außer Landes zu bringen, hat Knudsen der ungleich größeren Strafandrohung wegen bereits strikt abgelehnt. Gregor wagt keine weitergehende Frage zugunsten Judiths.

Judith bleibt unter den handelnden Figuren die Hilfloseste. Nachdem der dilettantische Versuch, sich über den Steuermann als blinder Passagier auf den schwedischen Dampfer zu schmuggeln, gescheitert und die Forderung des widerwärtigen Hotelwirts nach ihrem Paß drängender geworden ist, hängt über ihr die Drohung, als Jüdin identifiziert und der Polizei gemeldet zu werden. Alle ihre Hoffnungen richten sich jetzt auf Gregor. Und Gregor fühlt sich mit jenem Gebot der Humanität konfrontiert, vor dem »Worte wie Christ, Kommunist, Deserteur, Aktivist« verblassen. Er nimmt die Rolle des bedingungslosen Helfers, des weltlichen Schutzengels, an und macht zugleich Judith zu seiner Komplizin. Gemeinsam schrauben sie nachts in der Kirche die Holzplastik von ihrem Sockel. Die Tochter aus kultiviertem jüdischen Haus schließt sofort auf den Namen des Bildhauers, und blitzhaft durchfährt noch einmal der Klassenkampf-Gedanke Gregors Kopf, als Heiander hinzukommt und er den »tadellosen Edelmann Gottes« und die »süße Bourgeoise« in ihrer Sprache miteinander reden hört. Aber die Tat, zu der er sich entschlossen hat, läßt keine ideologischen Bedenken mehr zu. Er schultert die in eine Decke gehüllte Plastik und macht sich im Schutz der Dunkelheit mit Judith auf den Weg, über die Doberaner Landstraße zum Haff- zum vereinbarten Treffpunkt mit dem Schiffsjungen, der inzwischen begriffen hat, daß Außerordentliches auf ihn wartet, etwas, was sich mit den Abenteuern des Huckleberry Finn messen kann.
      Das Thema des Aufbruchs zur Freiheit im Akt der Desertion, das von Gregors Denken Besitz ergreift, tauchte schon, und zwar beherrschend, in einem früheren Werk von Andersch auf, in seinem Bericht »Die Kirschen der Freiheit« . Hier erzählt und reflektiert Andersch seine Desertion von der deutschen Wehrmacht in Italien am 6. Juni 1944, die ihn in amerikanische Gefangenschaft und in die USA brachte, wo er im Lager auf Hans Werner Richter traf, mit dem zusammen er später in Deutschland der »Gruppe 47« ihr erstes Profil gab. Doch spiegelt sich im Denken und Handeln des abtrünnigen kommunistischen Funktionärs Gregor auch Anderschs politische Abkehr von der marxistischen Partei, vom dialektischen Materialismus. Er war im Jahr 1933, nach dem Reichstagsbrand, und noch einmal im Herbst, als Organisationsleiter des Kommunistischen Jugendverbandes Südbayern, vorübergehend im Konzentrationslager Dachau inhaftiert gewesen.
      Zweimal hatte der Autor selbst den Denkprozeß und dann den Akt der Selbstbefreiung vollzogen, in der Loslösung vom Gehorsam des Untertanenstaates und vom Dogma der Partei. Man hat bald in seiner schriftstellerischen Behandlung des Themas die Nähe zu Jean-Paul Sartres zwischen 1945 und 1949 erschienener Romantetralogie »Les Che-mins de la Liberte« entdeckt, zumal zum ersten Roman, »L'Age de raison« . Freiheit des Menschen heißt, daß er seine Situation annehmen oder verwerfen kann; der Mensch ist nicht nur geschichtsbestimmt, er macht auch Geschichte. Selbstverantwortlichkeit, existentielles Handeln in einer bestimmten Situation erst garantiert nach Sartre menschliche Freiheit. In existentielle Entscheidungssituationen sind alle wichtigen Personen des Romans »Sansibar oder der letzte Grund« gestellt.
      Knudsen hat, als er mit dem Kutter zur Lotseninsel ausläuft, die letzte und schwerste Entscheidung noch vor sich. Als gegen zwei Uhr nachts die »Pauline« an einer Buhne auf der Seeseite der Lotseninsel festlegt, kommt ihm der Gedanke, die Holzfigur auf See einfach über Bord zu werfen. Denn die Ãoberfahrt nach dem schwedischen Skillinge würde ihn zwei Tage und zwei Nächte unterwegs sein lassen, und in Rerik würde seine Rückkehr ohne Fische auffallen und Verdacht erregen. Aber dieser letzte Versuch, im Wagnis doch noch ein Schlupfloch zu finden, droht illusorisch zu werden, als im Boot der Schiffsjunge nicht nur mit Gregor und der Plastik, sondern auch mit Judith eintrifft. Gregor redet zunächst mit gespielter Munterkeit auf ihn ein: Das jüdische Mädchen müsse unbedingt nach drüben. Knudsen antwortet mit Hohn. Es kommt zum Handgemenge; Gregor schlägt Knudsen nieder, will ohne ihn mit dem Schiffsjungen die Fahrt nach Schweden wagen, da er sich selbst mit Motoren auskennt. Aber der Schiffsjunge bietet sich an, die Holzplastik und Judith allein nach Schweden hinüberzubringen; er sieht wohl das große, das einmalige Abenteuer schon zum Greifen nahe. Nun weigert sich Judith einzusteigen; sie will nicht Anlaß für den Diebstahl des Schiffes sein. Knudsen lenkt ein, als er erkennt, daß es Gregor um die Rettung des Mädchens, nicht um seine eigene geht. So endet der Zweikampf, dessen tiefere Ursachen wohl in inneren Schwierigkeiten liegen, die beide mit der Abkehr von der Partei haben. Gregor sieht, obwohl Knudsen die Bordlichter nicht einschaltet, das Fischerboot in der Dunkelheit verschwinden.
      Die Szene auf der Lotseninsel, die in ihren Einzelmomenten darzustellen war, ist von äußerster dramatischer Zuspitzung. Auch andere Vorgänge dieser Geschichte einer Flucht, der Rettung eines verfolgten Menschen und eines bedrohten Kunstwerks, weiß Andersch spannend zu erzählen. So vollzieht sich die nächtliche Aktion unter der ständigen Gefahr, in den Lichtstrahl der Scheinwerfer zu geraten, mit dem das patrouillierende Polizeiboot das Meer und die Küste absucht. Manch anderer Schriftsteller wäre wohl der Versuchung erlegen, dem Stoff alle Möglichkeiten reißerischer Effekte abzupressen. Andersch verschmäht nicht unbedingt die fesselnden Elemente des Flucht-Romans, bindet aber die Aktionen, das Handeln an Situationen, in denen Grundbedingungen menschenwürdigen Daseins auf dem Spiel stehen und Freiheit nur durch das Wagnis gewonnen werden kann.
      Nie hat den Pfarrer, der sich nicht mehr im Schoß einer naiven Sicherheit des Glaubens weiß, so sehr das Gefühl der Gottferne heimgesucht wie in seiner letzten Nacht. Nicht mehr ist ihm Gott die »feste Burg« des Lu-therschen Kirchenlieds. Heiander beruft sich in seinem Aufbegehren auf Moses' Jähzorn, und als am Morgen vier Männer, zwei in der schwarzen Uniform der SS und zwei in schwarzen Mänteln und mit Hüten über Teiggesichtern, erscheinen, um ihn zu verhaften, handelt er gegen das biblische Gebot »Du sollst nicht töten«. Er entzieht sich der Folter, indem er den ersten der Gruppe mit seiner Pistole erschießt. Er meint ein nie gekanntes Gefühl der Befreiung zum Leben zu spüren, dann bricht er in einer tödlichen Salve zusammen.
      Sogar der Schiffsjunge gerät noch in die Prüfungssituation einer Wahl zwischen zwei Möglichkeiten des Weiterlebens. Als das Fischerboot in der Nähe des Zielorts zwischen kleineren Häfen angelegt hat und Knudsen mit Judith den Weg zum Haus des Propstes von Skillinge suchen geht, in dem das Mädchen die Holzplastik abgeben soll, stiehlt er sich davon. An einem See entdeckt er eine Blockhütte mit einem Boot davor. Er findet sie unbewohnt, aber ausgestattet mit einem Lager aus Fellen, einem Kamin und Koch- und Eßgerät. Hier winkt ihm das abenteuerliche Leben des Huckleberry Finn, von hier aus hofft er sich durchschlagen zu können, vielleicht zum Mississippi oder sogar nach Sansibar. Doch als er sich noch einmal ans Meer schleicht und den Kutter noch immer am Steg liegen sieht, überkommt ihn die Versuchung zum Guten. Er mag sich denken, daß er Knudsen nicht allein lassen, ihn nicht in größere Schwierigkeiten bringen darf, als ihn ohnehin erwarten. Aber er sagt nichts und geht auf das Boot und auf Knudsen zu, als sei nichts geschehen.
      Ganz ins Offene hinein wendet sich Gregor, als er morgens von der Lotseninsel nach Rerik zurückkehrt, aufsein Fahrrad steigt und davonfährt. Wird er, wie er schon einmal erwogen hat, über die holländische Grenze zu kommen versuchen? Er kann es selbst noch nicht wissen, denn die Begegnung mit der Holzplastik, mit dem »kritisch lesenden Klosterschüler«, hat ihm seine eigene Entfernung vom starren, dogmatischen Denken bewußt gemacht. Alles müsse neu geprüft werden - das ist die Losung, die er als »Botschaft« diesem Kunstwerk abgelesen hat.
      »Sansibar oder der letzte Grund« ist die eindringlichste gleichnishafte Darstellung eines zu neuer Freiheit vorstoßenden Denkens, die der deutsche Roman der Nachkriegszeit hervorgebracht hat. Anschaulich wird in dieser Parabel, an einem exemplarischen Fall und an Personen, die sich wie in einer Versuchsanordnung bewegen und doch Menschen mit ihren Widersprüchen sind, das Erleiden der gewaltsamen Unterdrückung und der Gängelung des Denkens und zugleich die Entscheidung zur Selbstverantwortlichkeit, zur befreienden Tat. Alfred Andersch hat solche Modelloder Parabelform noch einmal im Kriegsroman »Winterspelt« abgewandelt. Aber dieser Versuch, »Selbstbefreiung« und Geschichtsmöglichkeiten wie im »Sandkasten« durchzuspielen, bleibt hinter der formal und gedanklich schlüssigen Erzählkunst im Roman »Sansibar oder der letzte Grund« weit zurück.
     

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Alfred  Andersch:  »Sansibar  oder  der  letzte  Grund«  (I957)  -  Existentialistische  Parabel    


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