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Die Verführung zur Redlichkeit - Schweizerkas



Außer dem 'kühnen" hat die Courage einen 'redlichen" Sohn. Aber auch die Tugend der Redlichkeit ist im Krieg verderblich: 'Beneidenswert, wer frei davon" .
      Die Empfehlung der Courage an ihren Sohn Fejos, genannt Schweizerkas, redlich zu sein, ist fürsorglich gemeint: Sie hält ihn für dumm. Die Verschlagenheit, mit der sie selbst die willkürlichen Ordnungsnormen des Krieges umgeht oder zu ihrem Vorteil ausnutzt, würde dem schlicht und rechtlich denkenden Sohn zum Verhängnis werden, wenn er sich darin versuchte. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich an die Gesetze zu halten, so lautet der moralische Pragmatismus der Courage.

      Sie verspottet launig die Vererbungsgesetze, als sie dem Feldwebel erklärt, Fejos sei nach seinem Ziehvater geraten, einem abstinenten und nierenkranken Ungarn, nicht nach dem versoffenen Schweizer Festungsbaumeister, seinem leiblichen Erzeuger. Ihr Irrtum ist, daß sie um den einfältigen und redlichen Sohn weniger Furcht haben müsse als um den intelligenten und kühnen. Alle menschlichen Eigenschaften sind todbringend im Krieg.
      Als Fejos im schwedischen Feldlager Zahlmeister geworden ist, beruhigt sich die Courage: 'Da kommt er mir wenigstens nicht ins Gefecht" . Gerade seine Dummheit, so meint sie, qualifiziere ihn zum Umgang mit Geld: 'Vergiß nicht, daß sie dich zum Zahlmeister gemacht haben [.. .], vor allem weil du so einfältig bist" . Unter Umständen ist auch für die mit allen Wasser gewaschene Händlerin Korrektheit in Geldangelegenheiten empfehlenswert; zum Betrügen gehört Intelligenz. 'Deine Regimentskasse muß stimmen, wies auch kommt" .
      Schweizerkas aber setzt den Rat zur Redlichkeit in seiner moralischen Gradlinigkeit absolut, zum Entsetzen seiner Mutter: 'Deine Gewissenhaftigkeit macht mir fast Angst [.. .] Es muß seine Grenzen haben" . Seine Korrektheit, die sein Leben sichern wollte, wird ihm zum Verhängnis. Der redliche Schweizerkas ist zu naiv, um zu erkennen, daß er sich veränderten Machtverhältnissen anpassen muß, dem Recht des Stärkeren . Als die katholischen Truppen das Feldlager der Schweden überrannt haben, gilt seine einzige Sorge der Kassette mit der Re-gimentskasse: 'Die ist anvertraut" . Der Gedanke, daß sein Feldwebel jetzt den Sold nicht auszahlen kann, verdirbt ihm den Appetit . 'Der Herr Feldwebel möcht langsam fragen: Wo ist denn der Schweizerkas mit der Soldschatuli?" In seiner rührenden, törichten Gewissenhaftigkeit fühlt er sich sogar noch für die Flucht der Soldaten verantwortlich: 'Ohne Sold brauchen sie nicht flüchten. Sie müssen keinen Schritt machen" . Wie ein bis zur Selbstverleugnung pflichtbewußter kleiner Beamter memoriert er noch in der Katastrophe seine Dienstanweisung. Seine Dummheit heißt Gläubigkeit. Brecht hatte dabei sicher auch den bis in den Untergang funktionierenden deutschen Beamtenapparat im Sinn, der mit seinem unreflektierten preußischen Pflichtethos die Nazis bewußt oder unbewußt begünstigt hat.
      Schweizerkas hat seine Rolle als Redlicher so wehr verinnerlicht, daß er davon träumt. 'Der Herr Feldwebel wird Augen machen. Du hast mich angenehm enttäuscht, Schweizerkas, wird er sagen, ich vertrau dir die Kass an, und du bringst sie zurück" . Die Formulierung verrät, daß er sich dabei wohl bewußt ist, nicht nach der Norm zu handeln. Er möchte eine Ausnahme sein, ein selbstlos Handelnder.
      In seiner sensiblen Rücksichtnahme ist Fejos aber auch darauf bedacht, seine Familie nicht in Bedrängnis zu bringen. Dabei macht er in seiner Ungeschicklichkeit Schlimmes schlimmer. 'Ich denk nach" , aber er denkt zu kurz. Er hat noch den entsetzten Protest seiner Mutter im Ohr, als er die Regimentskasse im Marketenderwagen verstecken wollte: 'Was, in meinem Wagen? So eine gottsträfliche Dummheit" . Jetzt, drei Tage später , macht er sich darüber Gedanken: 'Sie schläft schlecht" . Er hat gar nicht gemerkt, daß die Mutter nach Beruhigung der Lage darauf spekuliert, das Geld zu behalten. 'Ich sollt die Schatull doch wegbringen" . Mit ihr ist aber auch das Bestechungsgeld verloren, das ihm das Leben retten könnte. 'Er hat sie in den Fluß geschmissen, wie er merkte, daß sie hinter ihm her sind" .
      Ein Beispiel echter und diesmal sinnvoller Selbstverleugnung gibt er, als er jede Beziehung zu seiner Familie abstreitet: 'Ich kenn sie nicht. Wer weiß, wer das ist, ich hab nix mit ihnen zu schaffen" . Er rettet damit Mutter und Schwester das Leben. Das Horen-lied des Feldpredigers setzt seinen Tod mit der Passion Christi gleich. 'Solche Fäll, wos einen erwischt, sind in der Religionsge-schicht nicht unbekannt" . Grundsätzlich aber soll die Opferhaltung des Fejos als verfehlt erscheinen. Das Horenlied wirkt als zynische Verfremdung; dieser Opfertod hat keinen erlösenden Sinn. Es sind zwei Feldwebel, die Anspruch auf Auslieferung der Kriegskasse erheben, ein schwedischer und ein kaiserlicher. Ihre Ranggleichheit bezeichnet ihre Austauschbarkeit. Für den kleinen Mann ist es gleich, welcher der kriegführenden Gewalten er unterworfen ist; er soll sich ihnen nicht ausliefern. Die Courage mit ihrem geschäftstüchtigen Realismus beherrscht die Kunst der Umstellung und Anpassung. Sie weiß, daß 'die Sieg und Niederlagen der Großkopfigen oben und der von unten" nicht immer zusammenfallen. 'Ein Händler wird nicht nach dem Glauben gefragt" . Bedingungslose Treue ist töricht, der Glaubensverrat eine Sache der Vernunft. Aber die Mutter versucht, den Sohn vergeblich zum Verrat zu überreden. 'Red doch, du dummer Hund, der Herr Feldwebel gibt dir eine Gelegenheit" . Fejos opfert sein Leben, weil er redlich ist gegen die Unredlichen. Brecht in seinem sozialutopischen Optimismus stellt damit die Frage, wie eine Ordnung beschaffen sein muß, die Redlichkeit unter Redlichen ermöglicht.
     

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