Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Robert musil

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,Grigia'



Die Deutung der Novelle gibt mancherlei Schwierigkeiten auf, daher ist es unumgänglich, ihren Handlungszusammenhang genau zu klären. Er ist seltsam genug. Ein Mann mit dem nicht alltäglichen Namen Homo -in welche Richtung die Symbolik des Namens weist, soll später erörtert werden - befindet sich in einer Situation, in der er nach längerer Zeit des Sichvoneinanderentfernens die innere Loslösung von seiner Frau vollzogen hat. Grund für diese Entfremdung ist das Kind, dem die Frau, vor allem nachdem es erkrankt ist, ausschließlich ihre Liebe und Sorge zugewandt hat. Auf Anraten des Arztes will sie mit dem Kind einen Kurort aufsuchen. Der Mann dagegen bleibt zurück. Eigentümlich sind die Sätze, in denen sich Homo über die Möglichkeit der Trennung Gedanken macht. Ãœberraschend erscheinen vor allem die metaphorischen Wendungen, in denen von dieser Trennung gesprochen wird, wie überhaupt die Metaphern in der sprachlichen Gestaltung des Werkes eine entscheidende Rolle spielen: 'Es kam ihm vor, als würde er dadurch zu lange von sich getrennt, von seinen Büchern, Plänen und seinem Leben. Er empfand seinen Widerstand als eine große Selbstsucht, es war aber vielleicht eher eine Selbstauflösung, denn er war zuvor nie auch nur einen Tag lang von seiner Frau geschieden gewesen; er hatte sie sehr geliebt und liebte sie noch sehr, aber diese Liebe war durch das Kind trennbar geworden, wie ein Stein, in den Wasser gesickert ist, das ihn immer weiter auseinandertreibt."
Um diese Zeit herum empfängt Homo das Angebot eines Bekannten, als Geologe bei der Erschließung von stillgelegten Goldbergwerken mitzuwirken. Kurz entschlossen nimmt er dieses an. Er trifft den Leiter des


Unternehmens in einer in der Nähe der Alpen gelegenen norditalienischen Stadt. Von da aus soll die Expedition in eines der Seitentäler der Alpen aufbrechen, darin sich die Stollen befinden, die zu den Gruben führen. Als Ausgangspunkt des Unternehmens wird ein Dorf bestimmt, das von Bauern bewohnt wird, die auf den Almen ihre nicht sehr ergiebige Viehwirtschaft betreiben. In diesem Zusammenhang ist wichtig, daß ein Teil der Bevölkerung, durch die dürftigen Verdienstmöglichkeiten des Dorfes genötigt, in der Fremde weilt, um dort den fehlenden Lebensunterhalt zu verdienen. Für die noch im Dorfe weilende Bevölkerung eröffnet sich mit dem Unternehmen eine Chance, ihr Einkommen zu erhöhen. So werden die Neuangekommenen mit offenen Armen aufgenommen.
      Von Anfang an fühlt sich Homo in der neuen Welt in dem Maße wohl, daß seine Existenz sich zu öffnen beginnt. Vor allem das Verhältnis zu seiner Frau verändert sich, bedingt durch die neuen Eindrücke, in dem Sinn, daß anstelle der engen Bindung an ihre Person eine Beziehung zu der ihn umgebenden Welt, zur Natur wie zum Menschen tritt, die freier und fließender erscheint. Wiederum gerät man an Sätze, die in ihrer Eigenart aufhorchen lassen. Da ist von dem sympathetischen Verhältnis Homos zu der Landschaft die Rede; es heißt 'Und er erkannte jetzt erst, was er getan hatte, indem er sich für diesen Sommer absonderte und von seiner eigenen Strömung treiben ließ, die ihn erfaßt hatte. Er sank zwischen den Bäumen mit den giftgrünen Barten aufs Knie, breitete die Arme aus, was er so noch nie in seinem Leben getan hatte, und ihm war zu Mute, als hätte man ihn in diesem Augenblick sich selbst aus den Armen genommen." Offenbar muß man zum Verständnis der Novelle von dieser Wandlung Homos ausgehen, die im letzten in Richtung auf eine universale Allverbundenheit geht. Vor allem die Erde wird als jener Bereich verehrt, in dem der allseitige Zusammenhang anstelle des in die Individualität entlassenen Lebens mächtig ist. So weist alles in die gleiche Richtung: das gewandelte Verhältnis des Mannes zu der Frau, die Lockerung ihrer Partnerschaft, die offene Atmosphäre des Dorfes, die umgebende Natur, und nicht zuletzt die Aufgabe, die Homo bei der Erschließung des Bergwerkes zugewiesen ist. Auch sie ist derart, daß sie ihn auf den Elementarbereich der Erde verweist. Offenbar ist auch der Name des Mannes in dieser Hinsicht zu verstehen.
      Wenn schon davon die Rede war, wie die Männer um Homo von den Bewohnern des Dorfes mit Herzlichkeit empfangen wurden, dann giltdas vor allem von ihrer Beziehung zu den Frauen. Von Anfang an herrscht ein ungebundenes und freizügiges Verhältnis. Grund dafür ist nicht zuletzt die Trennung der Frauen von ihren Männern, die entweder als Hausierer durch das Land ziehen oder in Amerika Beschäftigung gefunden haben, jedenfalls eine Trennung, die oft so lange währt, daß sich die Frauen ihrer Männer kaum zu erinnern vermögen. Um dieses Maß der Entfremdung begreiflich zu machen, wird in der Novelle eine Art von Anekdote eingefügt, in der von einem Betrüger die Rede ist, der mit den Männern des Dorfes in dem anderen Erdteil gearbeitet, sich in Gesprächen mit ihnen eine intime Kenntnis der Häuslichkeit der verschiedenen Familien verschafft hat und diese nun ausnutzt, um sich auf den voneinander weit entfernten Gehöften jeweils als Ehemann der Besitzerin auszugeben und für einige Zeit dort zu verweilen; auch das ein Symptom dafür, in welchem Grade sich die Konturen der Person aufgelöst haben. Welche Konsequenz diese Unsicherheit in bezug auf die personale Identität des Partners hat, machen die Sätze deutlich, mit denen die Anekdote schließt. Die Polizei macht dem Treiben des Betrügers ein Ende, und man sieht ihn nicht wieder. Dann heißt es aber von den Frauen: 'Das soll allen leid getan haben, denn jede hätte ihn gern noch ein paar Tage gehabt und ihn mit ihrer Erinnerung verglichen, um sich nicht auslachen lassen zu müssen; denn jede wollte wohl gleich etwas gemerkt haben, das nicht ganz zum Gedächtnis stimmte, aber keine war dessen so sicher gewesen, daß man es hätte darauf ankommen lassen können und dem in seine Rechte wiederkehrenden Mann Schwierigkeiten machen wollte."
Zu einer solchen Unverbindlichkeit ist in vielen Fällen das Verhältnis der Geschlechter gediehen. Von daher ist auch die erotische Unbefangenheit zu begreifen, die Homo und seinen Mitarbeitern entgegengebracht wird; sie wird in der Novelle offenbar als eine Versuchung begriffen, die Homo schließlich den Tod bringt.
      Damit kommt man zu der in engerem Sinn novellistischen Handlung der ,Grigia'. Um diese zu erschließen, kann man an die letzten Hinweise anknüpfen. Auch Homo läßt sich von dem allgemeinen Klima der Offenheit und Unbefangenheit einfangen. So begegnet er auf einem Gehöft einer jungen Bauersfrau, deren Name als Titel der Novelle gewählt ist. 'Damals hatte er schon lange Grigia kennengelernt . . . Sie hieß Lene Maria Lenzi; das klang . . . nach Amethystkristallen und Blumen, er aber nannte sie noch lieber Grigia . .. nach der Kuh, die sie hatte, und Grigia, die Graue, rief." Wie sich nicht nur in Homo, sondern auch in der


Frau die Grenzen der Existenz gelockert haben, macht ein Satz deutlich, der darauf hinweist, daß die beiden das Liebesverhältnis kaum als Verstoß gegen die eheliche Bindung empfinden. Der Mann Grigias wird, obwohl er in den Diensten Homos arbeitet, zunächst überhaupt nicht erwähnt. Aber auch Grigia nimmt keinen Anstoß daran, daß ihr Geliebter gebunden ist. Eine Regung der Eifersucht scheint nicht zu existieren. Zwar hört Grigia von der Ehe Homos, aber 'sie hatte eine eigene Art, sich danach zu erkundigen: so voll Respekt wie nach etwas, das ihr anvertraut war, und ganz ohne Selbstsucht. Sie schien es in Ordnung zu finden, daß es hinter ihren Bergen Menschen gab, die er mehr liebte als sie, die er mit ganzer Seele liebte."
Bedenkt man, wie Grigia in der Novelle charakterisiert wird, gerät man noch einmal an jene Sinnrichtung, die die Gestaltung der Novelle von Anfang an bestimmt: Grigia wird als ein Wesen verstanden, das mehr durch die mythischen Mächte des Ursprungs als durch die Ordnung der Person geprägt ist. So heißt es im Zusammenhang mit ihr: 'Er konnte sich nicht verhehlen, daß sein Herz lebhafter schlug, wenn er sich der so Sitzenden aus der Ferne nahte; so schlägt es, wenn man plötzlich in Tannenduft eintritt oder in die würzige Luft, die von einem Waldboden aufsteigt, der viele Schwämme trägt." Noch ein anderes Zitat möge angeführt werden, das wiederum geeignet ist, den mythischen Bezug von Grigias Sein zu unterstreichen. Wo von dem ersten Treffen der beiden gesprochen wird, heißt es: 'Bitte, treten Sie ein, hatte auch sie gesagt, als er zum ersten Mal an ihre Tür klopfte. Sie stand am Herd und hatte einen Topf am Feuer; da sie nicht wegkonnte, wies sie bloß höflich auf die Küchenbank, später erst wischte sie die Hand lächelnd an der Schürze ab und reichte sie den Besuchern; es war eine gut geformte Hand, so samten rauh wie feinstes Sandpapier oder rieselnde Gartenerde." Noch ein letztes Zitat, um deutlich zu machen, in welcher Weise Grigia dem Leser nahegebracht wird. Es findet sich in der Endpartie der Novelle, die von dem letzten Zusammensein von Homo und Grigia berichtet. 'Der Boden unter ihren Füßen machte einen guten trockenen Eindruck, sie legten sich nieder. . . . Noch einmal rann Grigia wie weich-trockene Erde durch ihn . . ." Wenn man die Stellen vergleicht, macht es keine Mühe, die bisher erschlossene Thematik der Novelle zusammenzufassen. Wie die innere Bewegung des Werkes auf den Ãœbergang von der Individualität zur Allverbundenheit, von der Person zur Sphäre des Ursprungs verweist, so scheint auch für Grigia dieser mythische Bezug wichtig. Er ist allerdings damit noch nicht er-schöpfend dargetan. Wo immer die Mythen von dem Bereich des Ursprungs sprechen, spielt neben der Lebensseite auch die des Todes eine entscheidende Rolle. Die Erde schenkt das Leben und nimmt es wieder zurück. Ãœberblickt man die Novelle im ganzen, dann wird man gewahr, daß die Natur und die Erde zwar Fülle und Reichtum spenden, daß sich mit ihnen aber auch die Macht des Todes verbindet. Es ist deshalb kein Zufall, daß die Handlung mit dem Tode Homos endet, und zwar mit einem Sterben, das noch einmal dem Mythischen nahekommt.
      Aber nicht nur am Ende wird das Motiv des Todes wichtig, fast jede Seite der Dichtung ist mit Anspielungen und Vorausdeutungen auf den Tod durchsetzt. Vor allem ist hier die Sprache von Bedeutung, da sie konsequent mit Metaphern des Todes angereichert ist. Homo kommt auf Einladung des Freundes in jene Stadt des Südens, wo sich die Arbeitsgruppe, für die Homo verantwortlich sein soll, bereits eingefunden hat. Da liest man den Satz: 'In den Straßen war eine Luft, aus Schnee und Süden gemischt. Es war Mitte Mai. Abends waren sie von großen Bogenlampen erhellt, die an quergespannten Seilen so hoch hingen, daß die Straßen darunter wie Schluchten von dunklem Blau lagen, auf deren finsterem Grund man dahingehen mußte ... Tagsüber sah man auf Weinberg und Wald. Das hatte den Winter rot, gelb und grün überstanden; weil die Bäume das Laub nicht abwarfen, war Welk und Neu durcheinandergeflochten wie in Friedhofskränzen . . ." . Ebenso aufschlußreich ist die Partie, in der von dem herzlichen Empfang der Männer gesprochen wird: 'man fand Liebe, weil man den Segen gebracht hatte . .. Die Frauen durften das frei ausströmen lassen, aber manchmal, wenn man an einer Wiese vorbeikam, vermochte auch ein alter Bauer dort zu stehen und winkte mit der Sense wie der leibhafte Tod." Vor allem sind Tod und Eros in einer nicht zu übersehenden Weise verschränkt. Homo, davon war schon die Rede, findet sich in das Liebesverhältnis wie in die Natur so hinein, daß er alles Eigene und Persönliche aufzugeben bereit ist: 'Er fühlte die Hand seiner Geliebten in seiner, ihre Stimme im Ohr, alle Stellen seines Körpers waren wie eben erst berührt, er empfand sich selbst wie eine von einem anderen Körper gebildete Form." Dann aber heißt es - und wiederum klingt das Motiv des Todes an -: 'Dennoch stand es fest, daß er nicht umkehrte, und seltsamerweise war mit seiner Aufregung ein Bild der rings um den Wald blühenden Wiesen verbunden, und . . . das Gefühl, daß er da, zwischen Anemonen, Vergißmeinnicht, Orchideen, Enzian und dem herrlich grünbraunen Sauerampfer tot liegen werde."


In Vergleichen und Bildern dieser Art wird das Todesmotiv immer neu von Bedeutung. Um welche Auffassung des Todes es sich dabei handelt, ist unschwer zu sagen: die mögliche Tragik des Sterbens wird zurückgenommen zugunsten der Rückkehr in die präexistentielle Sphäre der Verbundenheit, darin vereinigt ist, was auf der Lebensstufe der Existenz in Spannung und Gegensatz tritt: Mensch und Natur, Gestalt und Element, die Sphäre des Mannes und die der Frau. Daß diese Todeserfahrung an romantische Dichtungen erinnert, bedarf keiner besonderen Begründung.
      Die Deutung der Novelle muß nach den letzten Ãœberlegungen mehr allgemeiner Art noch einmal zur Handlung zurückkehren, um die Aufmerksamkeit auf die Endpartie der Dichtung zu richten. Das Verhältnis zwischen Homo und Grigia wird enger. Dabei macht das selbstverständlich scheinende Klima der Unbefangenheit die Liebenden für die Gefahren, die mit ihrem Verhältnis verbunden sind, blind. Plötzlich ändert sich diese Unbekümmertheit. Grigia, die sich von Anfang an willig und ohne Widerstand dem fremden Mann hingegeben hat, wird zurückhaltender, vorsichtiger, ausweichend. Erst vom Ende her erkennt man den Grund für die Wandlung. Sie fürchtet Schwierigkeiten von Seiten ihres Mannes. Daß er von Anfang an einen mißtrauisch-tückischen Eindruck macht, hat Homo, verführt durch die allgemeine erotische Freizügigkeit, kaum zur Kenntnis genommen. In Wirklichkeit ist es so, daß dieser das Verhältnis Homos zu seiner Frau keineswegs hinzunehmen bereit war. Grigia fürchtet seine Eifersucht. Darum die Schwierigkeiten, die sie von nun an dem Geliebten von Mal zu Mal bereitet. Dann aber gelingt es ihm, sie noch ein letztes Mal zu einem Zusammensein zu bewegen. Um von niemandem gesehen zu werden, meidet sie die Ansiedlungen des Dorfes, und beide treffen sich in den Bergen in einem verlassenen Stollen. Noch einmal wird jene Symbolik, die durchgängig mit Entsprechungen des chtho-nisch-elementaren Bereiches und des Menschen spielt, nun weniger in der sprachlichen Gestaltung, als vielmehr in der pragmatischen Fügung erkennbar.
      Grigias Bedenken und Ängste waren nicht grundlos. Sie wird auf ihrem Weg zu Homo von ihrem Mann verfolgt und beobachtet. Während sich die beiden im Stollen befinden, wälzt er einen Felsblock vor den Eingang des Stollens, so schwer, daß die Kräfte Homos nicht ausreichen, ihn zu beseitigen. So scheint der Ort der Vereinigung zugleich die Stätte des Todes zu werden. Lange Zeit müssen sie in dem Stollen ver-weilen. Homos Kräfte werden schwächer. Willig, fast zu willig, gibt er sich der Müdigkeit des Sterbens hin, und der Tod nimmt von ihm Besitz. Die Aufgabe des Selbst, mit der das Geschehen begonnen, ist zu weit fortgeschritten, als daß er noch über genügend Abwehrkräfte des Lebens verfügte, um sich und Grigia aus der gefährlichen Lage zu befreien. Anders diese selbst. Plötzlich erspäht sie einen bis dahin verborgenen Ausgang aus dem Stollen. Sie selbst kann davon noch Gebrauch machen. Für Homo kommt die Möglichkeit der Befreiung zu spät. 'Aber er war" -so schließt die Novelle - 'in diesem Augenblick vielleicht schon zu schwach, um ins Leben zurückzukehren, wollte nicht oder war ohnmächtig geworden."
Die Deutung der Novelle hat versucht, den inneren Zusammenhang des Geschehens zu erschließen, ohne die Frage zu stellen, ob die Gestaltung der Novelle überzeugend erscheint. An einem vorläufigen Ende angekommen, sei es deshalb erlaubt, einige Bedenken zu äußern. Was in der Novelle dargeboten wird, scheint, wie zuvor entwickelt, ein Geschehen fast mythisch vorrationaler Art zu sein; vorausgesetzt ist die Identität des Menschen mit den Mächten des Ursprungs. Ist dies aber — so fragt man sich - auf der Bewußtseinsstufe, die die Novelle voraussetzt, noch möglich? Ein Mensch, der in einem entmythisierten Raum existiert, in einem Raum und in einer Zeit, in der nicht Mächte des Mythos, sondern die Person und die Individualität die Initiative haben; in einem Umkreis, in dem nicht die mythische Symbolik den Umgang mit den Dingen bestimmt, sondern die Gegenständlichkeit und die Dinglichkeit der Dinge; im Rahmen einer Situation also, in der nicht das Unbewußte, sondern das Bewußtsein und damit das Gegenüber den Vorrang hat, sucht ein solcher Mensch die Rückkehr zu den vorhandenen Ursprüngen. Muß sich eine solche Gestaltung nicht notwendig in Widersprüchen verfangen? Das ist das Bedenken, das man nach der Lektüre der Novelle Musils nicht unterdrük-ken kann. Ist in der Gestaltung des Werkes wirklich so etwas wie eine Synthese zwischen Gegenständlichkeit und mythischem Bezug gefunden? Bleiben die Psychologie der Personen und die pragmatische Gestaltung der Novelle nicht am Ende doch im Individuellen und Nicht-Notwendigen befangen, allen Versuchen zum Trotz, aus diesem Kreis herauszufinden? Ist vor allem der Vorgang des Sterbens überzeugend gestaltet, zumal Grigia hier anders gesehen ist als in der mythisierenden Charakterisierung zuvor. Das alles sind Fragen, die zu stellen man nicht umhin kann. Der kritische Leser bleibt sich auch unschlüssig in Hinsicht auf die Intention des Dichters selbst. Ist das Ganze als Versuchung konzipiert? Steht der Erzählerdem Geschehen kritisch gegenüber? Man wird diese Frage kaum bejahen können. Es ist vor allem dagegen einzuwenden, daß der Dichter sich mit seinem Helden allzu willig in den Prozeß des Sich-Aufgebens einläßt und darum jede Form eines kritischen Vorbehaltes vermissen läßt. Wo immer man ansetzt, man stößt auf die erwähnten Widersprüche, Widersprüche, die sich in dieser Novelle ebenso wenig unterdrücken lassen wie in jeder analogen Gestaltung.

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