Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Realisierungsformen des literarischen

Index
» Realisierungsformen des literarischen
» Verlag, Buchhandel, Bibliothek

Verlag, Buchhandel, Bibliothek



« Die Buchhändler sind alle des Teufels, für sie muß es eine eigne Hölle geben.» Das spannungsreiche Verhältnis zwischen Autoren, Verlegern und Buchhändlern ist selten so markant formuliert worden wie in diesem Ausspruch Goethes vom 21. Mai 1829 gegenüber Kanzler von Müller. Der Weimarer Staatsminister war freilich materiell so gestellt, daß er auf die Honorare seiner Verleger nicht unbedingt angewiesen war. Mit der zunehmenden Professionalisierung des Schriftstellerberufs wurde die Abhängigkeit vom literarischen Markt und von den Vermittlungsinstanzen später dann viel drückender empfunden.
      Die Literaturwissenschaft hat die materielle Seite der literarischen Produktion und Distribution meist ignoriert. Erst in jüngerer Zeit finden die damit zusammenhängenden kommunikativen Prozesse mehr Beachtung. Und dabei werden auch die Institutionen der Vermittlung zwischen Autor und Leser in einem neuen Licht gesehen. Wie für jede Kommunikation, so ist auch für die Literaturvermittlung der Aspekt der Selektion zentral. Die wichtigsten Stufen in diesem Prozeß stellt unser Schaubild schematisch dar.
      Verlag
Wie in allen Gesellschaftsbereichen ist auch in der Literaturvermittlung eine immer stärkere berufliche Ausdifferenzierung und Spezialisierung zu beobachten. Waren in der Frühzeit der Buchproduktion die Drucker zugleich auch Verleger und Verkäufer, so wurden die technische Herstellung und die Verbreitung im Laufe der Geschichte immer stärker voneinander getrennt.z Seit dem 18. Jahrhundert entwickelten sich der herstellende und der verbreitende Buchhandel auseinander. Eine organisatorische Klammer für beide Bereiche bildete der 1825 in Leipzig gegründete Börsenverein der Deutschen Buchhändler - und seine Nachfolgeorganisation tut dies bis heute.
      Will ein Autor mit seinem Werk die Ã-ffentlichkeit erreichen, so wendet er sich in der Regel direkt an einen Verlag. Die Prüfung des Manuskripts bedeutet die erste Hürde auf dem langen Weg zum Leser.

     
Ein großer Teil der eingereichten Arbeiten scheitert bereits hier. Wie viele es sind, darüber gibt es keine empirisch gesicherten Daten. Aber die Literaturgeschichte kennt viele Beispiele, daß selbst später als hochkarätig angesehene Dichtwerke eine Odyssee hinter sich bringen mußten, bevor sie schließlich das Licht der Bücherwelt erblickten.
      Für viele Autoren hat die persönliche Beziehung zum Verleger eine wichtige Rolle für ihre Arbeit gespielt. In ihm haben sie nicht nur den Finanzier, sondern auch den Freund und Förderer gesehen. Aber der Typ des klassischen < Kulturverlegers > ist heute eher die Ausnahme als die Regel. Die Großverlage sind längst auf dem Wege zu anonymen Produktionsapparaten, in denen die Auswahlentscheidungen nicht mehr der einzelnen Verlegerpersönlichkeit zugeschrieben werden können. Mit dem Aussterben der Programmverleger, die - wie Samuel Fischer für den Naturalismus und Kurt Wolff für den Expressionismus - Schrittmacherfunktion für neue Literaturrichtungen ausgeübt hatten, haben sich auch die Verlagsprofile geändert.
      Deshalb ist es notwendig, den Blick von der Person auf die Institution zu lenken. Wenn man in der Autoren- und Aussagenselektion, der medienspezifischen Transformation und technischen Produktion sowie in der Distribution die Hauptfunktionen des Verlags identifiziert, dann lassen sich ihnen die folgenden drei Hauptabteilungen zuordnen: Lektorat, Herstellung und Werbung/Vertrieb.
      Lektor heißt Leser, und nicht selten ist der Verlagslektor der erste Leser eines zur Publikation eingereichten Werks. Bei seiner Empfehlung, ob es in das Verlagsprogramm aufgenommen werden soll, wird er sich zum einen von der literarischen Qualität leiten lassen, zum anderen von den Absatzchancen. « Die Arbeitsintensität und Dichte der sich überschneidenden Tätigkeiten wird dann deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß ein Lektor in der Regel etwa 20, in Fachverlagen durchaus bis zu 60 Titel in verschiedenen Bearbeitungsphasen zu betreuen hat.»
Die Herstellung sorgt dafür, daß aus dem Manuskript ein Buch wird. Die Wahl der Schrifttypen und der Papierqualität, das Layout des Bandes und in kleineren Verlagen die Gestaltung des Umschlags, die Reproduktionstechnik und das Bindeverfahren, um all dies kümmert sich der Hersteller. Er holt Angebote von Graphikern, Setzereien, Papierlieferanten, Druckereien und Bindereien ein, vergibt entsprechende Aufträge und achtet auf die Koordination der verschiedenen Produktions Vorgänge. Nicht zuletzt ist er für die Kalkulation der Kosten zuständig.

     
Der Vertrieb liefert die fertigen Bücher aus. Das geschieht nur zu einem geringen Teil direkt an die Buchkäufer. In den anderen Fällen erreichen die Verlagsprodukte ihre Leser über den Buchhandel. Der wichtigste Vertriebsweg ist der Sortimentsbuchhandel , gefolgt von anderen Verkaufsstellen, etwa den Buchabteilungen in Schreibwaren- oder sonstigen Fachgeschäften , vom Reise- und Versandbuchhandel , von Waren- und Kaufhäusern sowie Buchgemeinschaften .
      Der Vertrieb arbeitet eng mit der Werbeabteilung zusammen. Wegen der Fülle der Neuerscheinungen ist die Publikumswerbung für einzelne Bücher nur eingeschränkt möglich. Die Verlage konzentrieren sich dabei auf solche Titel, die sie als < bestsellerverdächtig > besonders herausstellen wollen, oder sie weisen in Sammelanzeigen etwa auf das monatlich aktuelle Taschenbuchangebot hin. Als Erstabnehmer stehen die Händler bei den großen Publikumsverlagen im Zentrum der Werbebemühungen. Sie werden regelmäßig mit Informationen versorgt und zusätzlich über Vertreter mit den Neuerscheinungen bekannt gemacht. Public-Relations-Aktionen wie Autorenlesungen, Signierstunden und Preisausschreiben verfolgen das gleiche Ziel.
      Selbst Branchenkenner können das Buchangebot kaum noch überblicken. Seit Mitte der 80er Jahre sind in der Bundesrepublik Deutschland jedes Jahr mehr als 60000 Titel neu erschienen. 1990 kamen 61015 Titel auf den Markt, davon 44 779 als Erstauflage und 16 23 6 als Neuauflage. Mit 14,7 Prozent stellte die Belletristik die stärkste Sachgruppe. Im globalen Vergleich lag die Bundesrepublik hinter der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Amerika an dritter Stelle.
      Die Verlagslandschaft wirkt zunächst recht vielfältig: Die einschlägigen Handbücher verzeichnen etwa 2000 westdeutsche Buchverlage mit einem Jahresumsatz über 20000 DM. Die Statistik zeigt aber, daß sehr wenige viel und viele sehr wenig produzieren: So entfiel im Jahre 1988 auf 41,9 Prozent der Unternehmer ein Umsatzanteil von insgesamt 0,9 Prozent, während 4,1 Prozent der Unternehmen 60 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschafteten.
      Immer mehr mittelständische Verlage haben in den letzten Jahrzehnten ihre ökonomische Selbständigkeit verloren. Der hohe Konzentrationsgrad im Bereich der Buchproduktion ist vor allem deshalb wenig bekannt, weil die alten Verlagsnamen meist auch unter neuen Besitzern weitergeführt werden. So gehören traditionsreiche Häuser wie S. Fischer, Rowohlt, Metzler und Wunderlich neben Goverts,

Kindler, Droemer-Knaur, Stahlberg, Krüger und Schroedel inzwischen zur Holtzbrinck-Gruppe. Und der Münchner Verleger Herbert Fleissner hält neben Langen-Müller, Bechtle, Herbig, Limes und Nym-phenburger auch Anteile an weiteren Verlagshäusern.
      Die Großverlage sind immer mehr zu Multimediakonzernen expandiert. Das extremste Beispiel bietet Bertelsmann. 1835 als Verlag für volkstümliche religiöse Literatur gegründet, hat sich das Unternehmen inzwischen zum zweitgrößten Medienkonzern der Welt entwik-kelt. Er umfaßt heute:
- zahlreiche deutsche Verlage aus den Bereichen Literatur, Sachbuch, Lexikon, Kartographie, Theologie ;

- mehrere ausländische Verlage in Europa und Ãobersee;
- zahlreiche Spezialverlage für Fachbücher und Fachzeitschriften ;
- zahlreiche Buch- und Schallplattengemeinschaften in Europa, Amerika, Australien und Neuseeland;
- Musik- und Videoproduktionsfirmen in vielen Ländern;
- Film- und Fernsehbetriebe sowie Beteiligungen an diversen Rundfunksendern ;
- maßgebliche Anteile an großen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen ;
- zahlreiche Druck- und Papierfirmen sowie Dienstleistungsunternehmen.
      Die ökonomische Rationalität solcher Konzentrationsprozesse liegt vor allem in der Möglichkeit zur publizistischen Mehrfachverwertung begründet: Der Hardcover-Edition folgt, in immer kürzeren zeitlichen Abständen, zunächst die Buchklub- und dann die Taschenbuchausgabe. Vorab- und Nachdrucke in Zeitungen und Zeitschriften lenken das öffentliche Interesse auf die Neuerscheinungen, die immer häufiger durch Verfilmungen auch in anderen Medien vermarktet werden.
      Doch Quantität ist bekanntlich nicht gleich Qualität. Die wichtigsten literarischen Autoren der Nachkriegszeit haben ihre Werke nicht den Medienriesen, sondern kleinen bis mittelgroßen Verlagshäusern wie Luchterhand und Steidl , Kiepenheuer & Witsch , Hanser oder Suhrkamp anvertraut. Häufig haben gerade die kleinen Verlage als Entdecker neuer Talente und als Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen eine Pionierrolle gespielt.
      Vor allem die späten 60er und frühen 70er Jahre haben ein reiches

Spektrum an Minipressen und Alternativverlagen hervorgebracht. Manche Autoren konnten sich hier zuerst artikulieren, bevor sie dann später von etablierten Verlagen abgeworben wurden. Nach wie vor gibt es zahlreiche solcher Ein-Mann- bzw. Ein-Frau-Unternehmen, wenn auch die Szene ärmer geworden ist. «Ulcus Molle-Info», das Sprachrohr der Alternativverlage, hat Ende 1990, nach 21 Jahren, das Erscheinen eingestellt mit der Begründung, das Blatt sei «zu einem Anachronismus geworden, ein Fossil, weil es heute weder eine eigenständige Alternativ-Presse mehr gibt noch in irgendeiner Form von Underground-Literatur die Rede sein kann».

     
   Buchhandel
Die wichtigste Rolle bei der Literaturbeschaffung spielt immer noch die Sortimentsbucbhandlung, die traditionellerweise in Form eines Einzelhandelsgeschäfts geführt wird. Der Buchhändler wird, sofern er kein Spezialsortiment betreut, eine möglichst breite Palette von Buchtypen und Literatursorten ständig auf Lager halten, da das Angebot die Nachfrage stimulierend beeinflußt: Sach- und Fach-, Hobby- und Ratgeberbücher, Bildbände und Kinderbücher, Belletristik der verschiedensten Gattungen und Entstehungszeiten für unterschiedliche Erwartungen und Ansprüche. Eine Vollbuchhandlung mittlerer Größe dürfte im Durchschnitt rund 30000 Titel vorrätig haben. So groß jedoch das aktuell vorhandene Angebot auch ist, es wird immer nur einen kleinen Ausschnitt aus der mehr als 500000 lieferbare Titel umfassenden deutschsprachigen Buchproduktion ausmachen können, von der fremdsprachigen Literaturflut gar nicht zu reden.
      Der Käufer verlangt häufig ein bestimmtes Werk eines bestimmten Autors in einer bestimmten Ausgabe und Auflage - und hier beginnt eine spezifische Aufgabe des Buchhändlers: das Besorgungsgeschäft. Gemäß deutscher Buchhandelstradition, die auch im Ausland weithin als vorbildlich angesehen wird, ist der Sortimenter bestrebt, prinzipiell jedes gewünschte lieferbare Buch ohne Aufpreis für Porto- und Bearbeitungskosten zu beschaffen. Daß dies schnell und kostengünstig geschieht, ermöglicht u. a. der sogenannte Zwiscbenbuchhandel: Barsortimente und Grossisten halten eine große Anzahl gängiger Titel aus verschiedenen Verlagen bereit und liefern sie auf Anforderung umgehend an die Buchhändler aus.
      Der Zwischenbuchhandel dient vor allem der Rationalisierung des

Bestell- und Lieferverkehrs: Die Sammelbestellung erleichtert dem Buchhändler, die Sammelauslieferung dem Verleger die Arbeit. Den Nutzen hat der Buchkäufer. Als Konsequenz eines ausgeklügelten Verteilersystems kann er den gewünschten Band, falls es sich nicht um ein ausgefallenes Fachbuch handelt, bereits nach 24, spätestens 48 Stunden in Empfang nehmen. Ein großes Barsortiment hat rund 150000 Titel ständig vorrätig und unterhält ganze Konvois von Lieferwagen, um die Buchverkaufsstellen regelmäßig anzusteuern. Der im Verlagswesen und generell im Medienbereich zu beobachtende Konzentrationsprozeß hat vor dem Zwischenbuchhandel, über den gut ein Viertel des gesamten Buchverkaufs abgewickelt wird, nicht haltgemacht: Der Löwenanteil am Grossogeschäft entfällt auf die Branchenführer Koch, Neff & Oetinger, Koehler & Volckmar sowie Lingenbrink.
      Voller Stolz - und wohl nicht zu Unrecht - resümiert eines der führenden Branchenmagazine: «Die Bundesrepublik Deutschland hat das dichteste und beste Distributionsnetz für Bücher in der Welt.» Diesem Superlativ folgt freilich ein anderer auf dem Fuße: «Mittlerweile sind deutsche Bücher fast die teuersten auf der Welt.» Als einzige Ausnahme von der Wettbewerbsregel ermöglicht das Kartellgesetz hierzulande feste Buch-Abgabepreise, die für alle Verkaufsstellen verbindlich sind. Diese vertikale Preisbindung geht zurück auf die Buchhändlerische Verkehrs- und Verkaufsordnung von 1888 und soll vor allem die Vielfalt des Angebots garantieren. Auf Dumpingofferten, wie sie etwa Supermarktketten oder die Filialen der Kaffeegroßröster von Zeit zu Zeit feilbieten, reagiert der durch ein kompliziertes Vertragssystem fest untereinander verbundene Buchmarkt entsprechend allergisch.
      Die Kritik der Buchhändler an < neuen > Vertriebswegen ist alt. Sie hat schon im vergangenen Jahrhundert die Diskussionen innerhalb der Standesorganisation bestimmt. In einem vertraulichen Gutachten des Vereinsausschusses an den Vorstand des Börsenvereins von 1901 heißt es: « Der Vereinsausschuß erkennt einstimmig in den Warenhäusern eine große Gefahr für den Buchhandel und würde es für das Wünschenswerteste ansehen, wenn ein Warenhaus-Buchhandel völlig ausgeschlossen sein könnte.» Der Nationalökonom Karl Bücher setzt zwei Jahre später in einer Streitschrift dagegen: « wenn man gute und billige Bücher unter das Volk bringen will, so liegt nichts näher, als sich der Läden zu bedienen, die das Volk ohnehin regelmäßig besucht; den vornehmen Buchladen aber betritt es, wie die Apotheke, nur im äußersten Notfalle.» Diverse empirische Erhebungen habenseither diese These erhärtet. Die sog. Schwellenangst des Käufers kann man als die Kehrseite jenes elitären Nimbus ansehen, mit dem sich das Buchgewerbe in der Vergangenheit gerne umgeben hat. Zwar hat seit gut zwei Jahrzehnten bei den « Fürsten unter den Organwaltern des Geistes» ein Umdenken eingesetzt; aber der klassische Sortimentsbuchhandel ist bis heute ein schichtspezifischer Distributionsort geblieben.
      So dicht das Buchvertriebsnetz in der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern auch ist, es weist doch etliche regionale Lücken auf. Nicht einmal in jedem zweiten Ort zwischen 5000 und 10 000 Einwohnern gibt es eine Buchhandlung; vor allem die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind relativ schlecht versorgt.

     
   Nicht zufällig nennen die Buchkäufer bei der Frage nach den Haupteinkaufsquellen das Warenhaus bereits an zweiter Stelle. Seit der Berliner Großkaufmann Wertheim 189z als erster in seinem Warenhaus in der Leipziger Straße eine eigene Buchabteilung einrichtete, hat sich diese Vertriebsform stark ausgebreitet. In mehr als 330 Filialen präsentieren allein die vier größten Kaufhauskonzerne im Bundesgebiet ihre Bücher: vor allem verbilligte Restauflagen und warenhauseigene Sonderausgaben, Belletristik- und Sachbuchbestseller, Taschenbücher und Jugendliteratur, daneben Lexika, Kunst- und Bildbände, Reise- und Sprachführer. Nur in Ausnahmefällen ist das Verkaufspersonal buchhändlerisch geschult; das Angebot zielt vor allem auf den < Impulskunden >, der im Vorübergehen per Selbstbedienung ein Buch erwirbt.
      Während das Warenhaussortiment normalerweise nur zwischen 2000 und 4000 Titel umfaßt, ist das Angebot im Bahnbofsbuchbandel noch weiter reduziert. Seine Verkaufsstellen offerieren neben aktuellen Bestsellern vor allem Taschenbücher. Den größten Umsatz machen sie jedoch mit Periodika, mit Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Eine Bahnfahrt bietet ideale Gelegenheiten zum Lesen, und so nimmt es nicht wunder, daß es Verkaufsstellen für < Reiseliterarien > fast schon so lange gibt wie das Verkehrsmittel Eisenbahn.
      Auf einen noch längeren Stammbaum kann der Reise- und Versandbuchhandel verweisen: Sowohl die des 15. und 16. Jahrhunderts als auch die wandernden des 18. und 19. Jahrhunderts sind diesem Vertriebszweig zuzurechnen. Wichtigstes Merkmal des Reisebuchhandels: Haupt- oder nebenberufliche Vertre-ter suchen den potentiellen Kunden zu Hause auf und führen ihm Muster aus ihrem Angebot vor, meist Reihenwerke wie Lexika oder Handbücher, die teilweise in Fortsetzung, gelegentlich auch als Loseblattsammlung geliefert werden. Der Versandbuchhandel gewinnt seine Kunden durch Anzeigen, Kataloge, Werbedrucksachen; das Angebot entspricht im allgemeinen dem des Reisebuchhandels, und beide Formen treten betriebsmäßig fast immer gemeinsam auf. Die Möglichkeit der Ratenzahlung macht teure Fachbücher und Nachschlagewerke einem größeren Kreis von Interessenten erschwinglich und ermöglicht zugleich den Händlern eine kostengünstige Kalkulation.
      Das Drwgstore-Vertriebssystem, bei dem Bücher in Supermärkten, Tankstellen, Friseurläden usw. feilgeboten werden, hat sich im deutschen Sprachraum, nicht zuletzt aufgrund der geschilderten differenzierten Infrastruktur, bisher nicht durchsetzen können, ist aber auf dem Vormarsch.
      Wichtiger als die Frage, woher er seine Lesestoffe bezieht, ist für den Buchkäufer die Tatsache, daß er aus dem ständig anschwellenden Büchermeer genau jene Titel herausfindet, die seinen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen. Dazu sind bibliographische Hilfestellungen und Beratung nötig, wie man sie am ehesten von einem fachkundigen Buchhändler erwarten kann. Daß diejenigen Gruppen der Bevölkerung, die dieser Hilfen am meisten bedürfen, von diesem Angebot am wenigsten Gebrauch machen, bleibt ein Problem - nicht nur für den Buchhandel.

      Buchgemeinschaft
Das Buch ist - anders als die Zeitung, das Radio- und das Fernsehprogramm, die ins Haus geliefert werden - ein Abholmedium. Schon die Beschaffung verlangt beträchtliche Aktivität. Diese Distributionsbarriere versuchen die Buchgemeinschaften zu überwinden: Sie liefern Literatur im Abonnement.
      Die Auswahl wird den Mitgliedern, die gemäß Abnahmeverpflichtung normalerweise eine Bestellung pro Quartal aufgeben, leicht gemacht: Das riesige Angebot der Verlage schrumpft in den Buchklubs auf eine übersichtliche Zahl zwischen 300 und 600 Titeln. Die Buchgemeinschaften selektieren Selektiertes, von den ganz wenigen Eigenproduktionen einmal abgesehen . Bei der Zusammenstellung der Vierteljahresprogramme können sie die Publizi-tätskarriere der Originalausgaben und die Publikumsresonanz in Form von Verkaufszahlen bereits ins Kalkül ziehen. Auffallend das Kumulationsprinzip: Goodseller, die eine gute Chance haben, gewählt zu werden, werden durch eben diese Wahl zu Bestsellern, Bestseller zu Supersellern.
      Neben der rigiden Selektion liegt eine der Ursachen für den Erfolg in der Art der Präsentation. Die Klubkataloge sind attraktiv aufgemacht; vielfarbig und bilderreich, erinnern sie an die Programmzeitschriften für den Rundfunk. Durch die Beschränkung auf handlungs-bezogene Informationshäppchen wird in den Programmillustrierten die prinzipielle Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit der angebotenen Lesestoffe suggeriert.

     
   Die Angebotsillustrierten der großen Buchklubs reduzieren die Komplexität literarischer Texte beinahe ausnahmslos nach demselben Rezept: Sie begnügen sich mit inhaltsbezogenen Hinweisen, und zwar im allgemeinen auf Person und < Schicksal > der Handlungsprotagonisten. Meist wird ein Konflikt angedeutet, dessen Auflösung offenbleibt. Gelegentlich folgt ein Verweis auf die Verkaufskarriere des betreffenden Buches oder auf die multimediale Verwertung als Gütesiegel. Kaum einmal ein Wort zu Form, Gattung, Stil oder zum Entstehungskontext. Kaum auch helfende Hinweise für den Erwartungshorizont des Lesers im Hinblick auf Schwierigkeitsgrad und Anspruchsniveau -mit Ausnahme der Kinderliteratur und eines ganz bestimmten Genres: « für reife Leser ».
      Als Vorläufer der Buchgemeinschaften stellten sich die Volksschriftenvereine des 19. Jahrhunderts die Aufgabe, «gute und gemeinnützige Bücher unter dem Volke zu verbreiten, und zu diesem Zweck schon vorhandene Volksschriften in Masse aufkaufen, die Herausgabe neuer und Wiederauflegung älterer veranstalten, und diese Schriften in möglichst wohlfeilen Preisen unter das Volk bringen» . Was «gute » Bücher sind, das bestimmten jeweils die Träger dieser Institutionen - normative Organisationen unterschiedlicher Provenienz, vor allem Kirchen, Arbeiter- und Bürgervereinigungen. Seit der Jahrhundertwende gibt es erwerbswirtschaftlich ausgerichtete Buchgemeinschaften, und dieser Typ hat sich durchgesetzt. Heute betreuen sie in der Bundesrepublik etwa sieben Millionen Mitglieder, ungefähr eine Million davon in den neuen Bundesländern. Der weitaus größte Teil der Mitgliedschaften entfällt auf die Buchklubs von Bertelsmann.

     
Auch wenn die Buchgemeinschaften es als ihre Aufgabe bezeichnen, « die Gewohnheit des Lesens zu verkaufen »ZI - das Angebot wurde in den letzten Jahren hauptsächlich in eine andere Richtung erweitert: In den Katalogen nehmen nicht nur Medienprodukte wie Schallplatten und Tonkassetten, sondern auch Radio-, Phono-, Fernsehgeräte, Foto-und Filmapparate, Graphiken und andere Kunstgegenstände, Spiele, Bastelmaterial, Hobby- und Geschenkartikel einen immer größeren Raum ein. Die Entwicklung zum Freizeitklub zeigt sich auch im Angebot von Reisen, Fotodiensten und verbilligten Kinokarten. Bertelsmann hat seine Ladengeschäfte « Club-Center » getauft - vom Buch ist da gar nicht mehr die Rede. «France Loisirs», der französische Ableger des Konzerns, führt nur noch die Freizeit in seinem Firmenschild.
      Die Umsatz- und Ertragssteigerung resultiert, wie der Leiter der Abteilung Ã-ffentlichkeitsarbeit von Bertelsmann berichtet, «wesentlich auch aus dem Non-book-Geschäft der Buchklubs»22. Da die Programme der Gravitation der Ã-konomie folgen, ist eine weitere Expansion dieser Angebotssparten zu erwarten. Die Klubs werden sich vor allem ihren Anteil am audiovisuellen Markt sichern wollen und das Geschäft mit Videobändern noch weiter forcieren.

      Bibliothek
Heute, wo ein Taschenbuch weniger als eine Kinokarte kostet, stellt der Preis objektiv kaum noch eine Barriere zum Bucherwerb dar. Das war bis weit ins 19., ja bis ins 20. Jahrhundert hinein anders, und nicht zuletzt deshalb wurden schon früh Institutionen gegründet, die literarische Texte sammeln, aufbewahren und - zunächst nur einem stark eingegrenzten Benutzerkreis - zugänglich machen sollten. Sieht man von Vor- und Frühformen - den assyrischen Tontafel-, den griechischen Papyri-, den mittelalterlichen Pergament-Handschriftensammlungen - ab, so kann man in den humanistisch-reformatorischen Gelehrtenbüchereien und in den wissenschaftlichen Bibliotheken der Aufklärungszeit die Wurzeln unseres modernen Bibliothekswesens erblicken. Die jedermann zugängliche Ã-ffentliche Bibliothek ist erst eine Frucht der Volksbildungsbewegung des vergangenen Jahrhunderts. Neben diesen beiden Haupttypen, den Wissenschaftlichen und den Ã-ffentlichen Bibliotheken, existiert heute noch eine bunte Mischung von Spezialbüchereien, die sich entweder auf bestimmte Sammelgebiete oder auf spezielle Zielgruppen konzentrieren.

     
Die Wissenschaftlichen Bibliotheken lassen sich einmal nach ihren sachlichen Aufgaben, zum anderen nach ihrer regionalen Reichweite gruppieren. Den umfangreichsten Sammelauftrag haben die Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main und die Deutsche Bücherei in Leipzig. Alle im Inland erscheinenden Schriften, die deutschsprachigen Veröffentlichungen des Auslands sowie die Ãobersetzungen deutscher Literatur in fremde Sprachen werden dort gesammelt und bibliographisch erfaßt. Die Landes- oder Staatsbibliotheken sind ebenfalls Archivbüchereien, allerdings eingeschränkt auf einen bestimmten regionalen Raum; darüber hinaus stehen sie der Bevölkerung ihres Gebiets als Gebrauchsbibliotheken für den Leihverkehr zur Verfügung. Die Bibliotheken der Universitäten und Hochschulen sind im allgemeinen als Universalbibliotheken konzipiert, die alle dort vertretenen Fachgebiete mit Literatur versorgen. Institutsbibliotheken schließlich enthalten ebenso wie die Büchereien von Forschungsanstalten, Parlamenten, Behörden etc. nur die jeweilige Spezialliteratur.
      Anders als die Wissenschaftliche Bibliothek, die vorwiegend für den fachlich Interessierten Lesestoffe bereitstellt, ist die Ã-ffentliche Bibliothek ein «Bücherschrank für jedermann»24. Die Bestände sind entsprechend gemischt; sie umfassen Sach- und Fachbücher, Nachschlagewerke, Belletristik und Unterhaltungsliteratur, zum Teil auch Zeitungen und Zeitschriften sowie audiovisuelle Medien: Schallplatten, Diareihen, Bild- und Tonkassetten.
      Während die bisher genannten Bibliotheksformen ohne Ausnahme von der öffentlichen Hand, von Bund, Ländern und Gemeinden, unterhalten werden, haben die Spezialbibliotheken sehr unterschiedliche Träger, etwa gesellschaftliche Gruppen, Vereine, Wirtschaftsunternehmen. Die von den Kirchen eingerichteten Pfarr- und Gemeindebüchereien spielen vor allem in kleineren Orten eine wichtige Rolle. Andere Büchersammlungen sind an bestimmte Institutionen gebunden: Schulbibliotheken , Werksbibliotheken, Bibliotheken in Altersheimen, Krankenhäusern, Kasernen und Strafanstalten.
      Nach einer bibliothekarischen Faustregel oder besser: Wunschformel soll die Zahl der öffentlich zugänglichen Bücher doppelt so groß sein wie die Einwohnerzahl; die Bibliothek einer Stadt mit 15 000 Einwohnern sollte also mindestens 30000 Bände umfassen. Dieses Richtmaß bleibt in der Bundesrepublik noch ein Zukunftstraum. Nach der offiziellen Statistik gab es 1989 in den alten Bundesländern insgesamt 10929 Bibliotheken, darunter 4988 öffentliche, 4666 katholische,

1078 evangelische und 197 sonstige Bibliotheken. Die Bestände summieren sich auf 99 311 664 Medien, das sind 1,61 pro Einwohner. Zwar ist die Zahl der Entleihungen im vergangenen Jahrzehnt angestiegen , die Erwerbungsetats sind jedoch deutlich gesunken. Nach wie vor gilt: «Das Literaturangebot in unseren Ã-ffentlichen Bibliotheken ist noch durchaus unzureichend.»

   Während Medien wie Hörfunk und Fernsehen und Kultureinrichtungen wie Opernhäuser, Theater und Museen zum Teil massive gesellschaftliche Stützung erfahren, ist dies beim Medium Buch und bei der Kulturinstitution Bibliothek nur in bescheidenem Maße der Fall. Die politischen Entscheidungsgremien wenden sich mit Vorliebe den repräsentativen und publizitätsträchtigen Objekten zu, eine stille Institution wie die Bibliothek erfährt kaum öffentliche Aufmerksamkeit. «Bibliotheken sind unverzichtbare Bestandteile der kommunalen Kultur» - die Anschaffungsetats, die in der Bundesrepublik pro Kopf der Bevölkerung um vieles hinter vergleichbaren Ländern zurückliegen, dokumentieren allerdings, daß den großen Postu-laten bisher nur bescheidene Taten gefolgt sind.
      Vor allem der ländliche Raum ist stark benachteiligt. Mobile Bibliothekssysteme, die das Buch zum Leser bringen, könnten in dünn besiedelten Regionen die Literaturversorgung garantieren. Die meisten Bücherbusse und Fahrbibliotheken sind bisher indes dort eingesetzt, wo am wenigsten Mangel besteht: in den Großstädten. Das Kumulationsprinzip gilt offensichtlich auch im Bereich der Kultur.
      Die politischen Umwälzungen zu Beginn der 90er Jahre haben auch Auswirkungen auf das Medienverhalten gehabt. Nach dem Wegfall staatlicher und gesellschaftlicher Stützen beginnt der Mythos vom «Leseland DDR» zu wanken. Nicht nur manche Buchverlage, sondern vor allem auch die Bibliotheken in den neuen Bundesländern, die im Vergleich besser ausgestattet waren und stärker genutzt wurden, kämpfen ums Ãoberleben. Indizien sprechen dafür, daß die gesellschaftliche Neuorientierung manche erreichte Standards der Lesekultur durchaus gefährden kann.
     

 Tags:
Verlag,  Buchhandel,  Bibliothek    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com