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Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Hoch- und Spätmittelalter



Aus den vielen Wandlungen, die der kulturellen Renaissance des iz. Jahrhunderts zugrunde liegen, greife ich drei heraus, die zusammengenommen einer Revolution der Schriftlichkeit gleichkommen. Von grundsätzlicher Bedeutung ist die Bildungsrevolution: die Entstehung städtischer Kathedralschulen eines neuen Gepräges, die den Klosterschulen den Rang streitig machten und aus denen später die Universitäten als gleichfalls neuartige Bildungseinrichtungen hervorgegangen sind. Zweitens wurde durch diese Wandlung die Buchrevolution des 12. Jahrhunderts hervorgerufen. Darunter versteht man normalerweise das sog. pecia-Veriahren . Man darf sie aber auch als neue Einstellung zum Buch als Arbeitsinstrument auffassen: An Stelle von Mönchen, die einen Text als Bußleistung abschreiben, um überihn in Andacht versunken zu grübeln, haben wir es jetzt mit einer Ent-sakralisierung des Wissens zu tun. Berufliche stationarii entsprechen nicht nur Massenbedürfnissen durch eine neue Produktionsweise, sondern auch neuartigen Bedürfnissen, indem sie Rubriken, Register, Querverweise und alphabetische Hinweise einführen, um das Nachschlagen zu erleichtern. Diesen beiden Wandlungen liegt drittens eine Revolution des Schreibens zugrunde: Zuvor waren die Skriptorien weitgehend auf Klöster und Bischofssitze beschränkt, jetzt aber verschiebt sich ihr Schwerpunkt in die Städte und Kanzleien der Territorialfürsten, was einen enormen Zuwachs an Schreibzentren mit sich brachte. Wenn diese drei Wandlungen eine Revolution der Schriftlichkeit bedeuten, so erhebt sich die Frage, ob sie etwa mit der gleichzeitigen Entstehung der Hofkultur in Verbindung steht und, wenn ja, wie sich diese Schriftlichkeit der in der Laiengesellschaft vorherrschenden Mündlichkeit anpaßte.
      Entstehung eines geregelten Schriftbetriebs
Daß die Stadt des Mittelalters auf die Schriftlichkeit angewiesen war, unterliegt keinem Zweifel, vor allem im Falle des Fernhändlers, der von einem festen Ort aus seine Geschäfte am besten schriftlich abwik-kelte. Das hat mit der Zeit auch zur Entstehung städtischer Laienschulen und einer schriftlich geführten Stadtverwaltung beigetragen, so daß man sogar behauptet hat, der Einbruch der Laien in den klerikalen Bereich der Schriftlichkeit sei genauso sehr auf Stadteinwohner wie auf den Hof zurückzuführen. Auch an den Höfen bestand ein Bedarf an litterati bei der Durchführung ihrer immer komplexer werdenden Verwaltungsaufgaben. Das ist an der Entstehung fürstlicher Kanzleien abzulesen , aber auch daran, daß die Hofverwaltung der englischen und französischen Könige den Intellektuellen eine Reihe von einträglichen Stellen anbieten konnte. Auch andere Herrscher, die es den Königen gleichtun wollten, wie etwa Heinrich der Löwe, sahen die Vorteile der Schriftlichkeit und des Kanzleiwesens ein. Vor allem in Rechtsfragen konnten die Höfe deren Verhältnisse zum Papsttum gespannt waren , nicht auf diejenigen verzichten, die im römischen Recht bewandert waren, so daß auch in dieser Beziehung Beschäftigungsmöglichkeiten für Kleriker an weltlichen Höfen bereitstanden.

     
Diesen am Hof beschäftigten Klerikern verdanken wir die Anfänge der Hofliteratur, denn mit wenigen Ausnahmen gehen die frühesten Erzählwerke in Frankreich und Deutschland auf klerikale Verfasser zurück. Hier geht die Aufnahme der Schriftlichkeit über pragmatische Verwaltungszwecke hinaus und erfaßt den kulturellen Bereich. In Frankreich und im normannischen England steht die Entwicklung einer modernen Hofliteratur in engstem Zusammenhang mit der Ausbreitung der Lesefähigkeit in den Fürstenhäusern, die diese Literatur fördern, während Deutschland die Bühne der Hofliteratur nicht zuletzt deshalb später betreten hat, weil hier die Adelsbildung weniger entwickelt war. Im Westen wird der Ritter wie auch der Fürst dazu angehalten, sich mit der Schriftlichkeit zu beschäftigen, ihm bietet sich das Nebeneinander von Rittertum und Wissen als erstrebenswertes Ideal. Damit hat sich das Bedürfnis, als litteratus ausgebildet zu werden, auch am Hof des Laienadels eingenistet: Prinzipiell erfaßt es den Herrscher, aber auch die adlige Dame und den Ritter. In manchen Fällen mag der Zugang zur Schriftlichkeit nur ein indirekter gewesen sein: Graf Balduin

II.

von Guines konnte nicht lesen, ließ sich aber lateinische Werke übersetzen und laut vortragen, so daß er als quasi litteratus bezeichnet werden konnte. Als die Hofliteratur dazu überging, volkssprachliche Werke hervorzubringen, die zum Vortrag vor Hörern bestimmt waren, brachte es ihre schriftliche Form mit sich, daß sie auch Laien zugänglich waren, die lesen konnten, ohne aber lateinisch lesen zu können. Der miles litteratus als potentieller Leser tritt zunächst häufiger in England und Frankreich als in Deutschland auf; doch auch hier spielte die lesekundige Adlige eine bedeutende Rolle im Literaturbetrieb.

      Der Begriff
Diese historischen Wandlungen stellen die Gültigkeit einer in bezug auf das Frühmittelalter konzipierten Definition von litteratus in Frage, die den Begriff mit dem Kleriker verbindet, der lateinisch lesen konnte. Jetzt stehen wir etwas Neuem gegenüber: einem Laien, dessen Lesefähigkeit mit seiner Muttersprache in Verbindung steht. Diese Situation wird dort in der Hofliteratur vorausgesetzt, wo nicht nur miteinem Publikum gerechnet wird, dem das Werk vorgelesen wird, sondern gelegentlich auch mit dem individuellen Leser. Sie wird auch in dem Bericht erfaßbar, den der Engländer Walter Map über den Ketzerführer Valdes erstattet. Durch einen mündlichen Vortrag der Alexiuslegende religiös aufgewühlt, bittet Valdes zwei Kleriker um eine schriftliche Ãobersetzung der Evangelien, damit er sie lesen und in seiner Predigttätigkeit benutzen könne. Valdes kann also lesen, wenn auch nicht lateinisch; Walter Map bezeichnet ihn und seine Anhänger trotzdem als illitterati, wodurch er seine Verachtung der Ansprüche dieser Laien verrät, aber auch sein Bestreben, das Bildungsmonopol der Kleriker aufrechtzuerhalten, indem er die Lesefähigkeit auf den Bereich des Lateinischen beschränkt.
      Derselbe Ãobergang des Terminus litteratus vom Lateinischen zum Volkssprachlichen ist auch in der deutschsprachigen religiösen Literatur des 13. Jahrhunderts zu konstatieren. Grundvoraussetzung ist die Entstehung einer neuen Rezipientenklasse, vorwiegend Frauen , die eine Zwischenstellung einnehmen, indem sie wie die Kleriker religiöse Schriften für sich selbst lesen möchten, aber als Laien nicht imstande sind, lateinisch zu lesen. Ihren Lesebedürfnissen konnte also am besten entsprochen werden, wenn man ihnen religiöse Werke in der Volkssprache zur Verfügung stellte. Daß die Laienlektüre nicht immer religiösen Gehalts zu sein brauchte, geht z. B. aus der Bemerkung des anonymen Verfassers eines weltlichen Werks hervor, er habe etwas auf deutsch gelesen, obwohl er des Lateinischen nicht mächtig sei .
      Wie viele Laien, deren Lesefähigkeit auf die Volkssprache beschränkt blieb, es im 13. Jahrhundert gegeben hat, entzieht sich unserer Kenntnis; im 14. Jahrhundert jedoch häufen sich die sprachlichen Zeugnisse dafür, daß die traditionelle Unterscheidung zwischen litteratus und illitteratus nicht mehr tragfähig ist. Die neue Situation verlangt, daß man neue Termini verwendet. An Stelle der eindeutigen Unterscheidung zwischen Klerikern und Laien nimmt man jetzt eine Zweiteilung unter letzteren vor, indem diejenigen, die im Lesen einigermaßen qualifiziert sind , von denen unterschieden sind, die überhaupt keine Lesefähigkeit besitzen . Im 15. Jahrhundert, als Stadtschulen in Deutschland bestanden, die Leseunterricht ohne den Umweg über das Lateinische erteilten, kommen Fälle vor, in denen die

Lesefähigkeit explizit von lateinischen Sprachkenntnissen getrennt wird, wie z. B. bei der Vermittlung einer Ãobersetzungsliteratur an Laien, « die das latin nit verstanden grüntlich und doch lesen können teutsch», oder als Geiler von Kaysersberg bei seiner Ãobertragung von Gersons « Ars moriendi» eine Leserschaft ins Auge faßte, die « das latin nit verstand»3.
      Symbiose von Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Diese Entwicklung einer volkssprachlichen Lesefähigkeit haben wir vor dem Hintergrund eines beständigen Zusammenspiels von Schriftlichkeit und Mündlichkeit zu sehen. Die Symbiose dieser beiden Möglichkeiten ist für das Mittelalter charakteristisch, es besteht ein Hin und Her zwischen beiden, die Hofliteratur nimmt ihren Anfang am Schnittpunkt zwischen hörendem Publikum und einem schriftlichen Text zum Vortragen. Dieses Zusammenspiel ist auch dort anzutreffen, wo damit gerechnet wird, daß ein Werk von Hörern, aber auch von Lesern rezipiert werden kann.
      Wie tief eingesessen es gewesen sein muß, ist sogar im Falle eines für den individuellen Leser bestimmten Werks wahrscheinlich zu machen; denn diese Kommunikationsweise blieb nicht auf die Schriftlichkeit beschränkt, sie drang auch in die mündliche Dimension ein. Während die unterschiedlichen Stufen, in die die Ãobermittlung der Schriftliteratur eingeteilt werden kann, für uns unter den heutigen Umständen weitgehend auf das Visuelle begrenzt sind, durchzieht sie im Mittelalter ein Zusammenspiel von gesprochenem und geschriebenem Wort. Was das Verhältnis zwischen Werk und Quelle betrifft, so stand natürlich einem litteratus im Mittelalter die Möglichkeit offen, seine Quelle zu lesen, aber es gab auch andere Möglichkeiten. Der Autor kann auf einen mündlichen Gewährsmann angewiesen gewesen sein oder auf Hilfe und Rat von anderen, die zu Schrifttexten Zugang hatten, die ihm wegen seiner Leseunkundigkeit verschlossen waren oder wegen seiner mangelhaften Kenntnisse einer Fremdsprache .
      Bei der schriftlichen Aufzeichnung seines Werks konnte der Autor einem Schreiber diktieren oder möglicherweise selbst die Feder füh-ren. Die augenfällige Mündlichkeit ersterer Möglichkeit ist im Falle der Lyrik in einigen Bildern der Manessischen Handschrift bezeugt: Bligger von Steinach, Reinmar von Zweter und Konrad von Würzburg diktieren ihren Schreibern, die zum Aufzeichnen eine Schriftrolle oder Schreibtafel in der Hand halten.
      Nach dem Diktat besteht die nächste Stufe im Schreiben, entweder vom beruflichen Schreiber oder vom Autor ausgeführt. In jedem Fall haben wir die mittelalterliche Gewohnheit in Betracht zu ziehen, laut zu schreiben, indem man beim Schreiben etwa sich selbst diktiert. Als Alber seine auktoriale Aufgabe zusammenfaßt , erinnert diese Zusammenarbeit von Hand und Zunge beim Schreibvorgang an das, was Paulinus von Nola schon um 400 in ähnlichem Zusammenhang behauptet hatte . Was sich uns als stille Tätigkeit darstellt, hatte im Mittelalter eine durchaus mündliche Dimension.
      Auf der letzten Stufe konnte die Ãobermittlung des Textes an seinen Rezipienten auf zwei Weisen vorgenommen werden: Er konnte ihn laut vorgelesen bekommen oder ihn selbst lesen. Die erste Möglichkeit steht in einem spiegelbildlichen Verhältnis zu dem Autor, der einem Schreiber diktiert, indem ihr die Mündlichkeit augenfällig anhaftet, insbesondere in bezug auf Formulierungen wie «legi audire», «oir lire» und «hoeren lesen». Auch der zweiten Möglichkeit fehlt es aber nicht an einer mündlichen Dimension, denn man las auch für sich selbst nicht im stillen, sondern laut. So hat z. B. Bruder Philipp am Anfang des 14. Jahrhunderts die individuelle Erbauungslektüre aufgefaßt , und bei Johann von Würzburg finden wir etwa gleichzeitig eine aufschlußreiche Vignette: Eine Frau möchte einen Brief lesen, jedoch den Inhalt nicht preisgeben, so daß sie gezwungen ist, andere aus dem Zimmer zu verweisen / und hiez do von ir gan / die dri junevrawen wol getan. / Si wolt ir hainlich nie gesagen / kaim liut»6). Daß sie so verfahren muß, setzt die Gewohnheit der lauten Lektüre voraus, auch wenn man für sich selbst liest, so daß sogar von der schriftlichen Literatur, die im Mittelalter für den Leser bestimmt war, behauptet werden kann, sie sei auf jeder Stufe potentiell mit der Mündlichkeit verbunden.
      Die Doppelformel < hoeren oder lesen>
Erst diese Verzahnung des gesprochenen mit dem gelesenen Wort gibt uns die Möglichkeit, eine Doppelformel zu verstehen, die auf eine zweifache Rezeption zahlreicher Werke hinweist, von Seiten der Hörer oder der Leser. Diese Formel war in der lateinischen Literatur der Antike beheimatet , ist aber auch im Mittellateinischen belegt und findet ab dem 12. Jahrhundert auch in die volkssprachlichen Literaturen Eingang, d. h. zu einer Zeit, als in den Volkssprachen der erste größere Einbruch in die Schriftlichkeit zu verzeichnen ist. Da mit dem individuellen Leser zu rechnen ist , haben diese volkssprachlichen Literaturen erst jetzt den Punkt erreicht, der für das Lateinische von der Antike bis zum Spätmittelalter in Geltung blieb. Es ist aber für die mittelalterliche Symbiose kennzeichnend, daß diese Literaturen, so sehr bestrebt sie auch gewesen sein mögen, die bisher von den Klerikern beherrschte Schriftlichkeit auch für sich selbst zu beanspruchen, zumindest noch insofern Verbindungen mit der Mündlichkeit aufrecht erhielten, von der sie sich distanzierten, als auch sie noch mit dem öffentlichen Vortrag neben der Privatlektüre rechneten. An der Doppelformel < hoeren oder lesen > ist also abzulesen, daß das Lesen das Hören nicht einfach ablöste, sondern daß beide Rezeptionsmöglichkeiten eine Zeitlang nebeneinander bestanden.
      Dieselbe Schlußfolgerung gestattet auch ein Ãoberblick über die verschiedenen Rezeptionszusammenhänge, die für diejenigen Werke rekonstruiert werden können, in denen die Doppelformel verwendet wird. Wenn die deutschen Zeugnisse auch für andere Sprachen gültig sind, so gab es fünf unterschiedliche Kontexte, in denen eine zweifache Rezeption vorgesehen wurde.
      Der weltliche Adelshof
Im ersten Zusammenhang dient das noch weitverbreitete Analphabetentum des deutschen weltlichen Adels um 1200 als ausreichende Erklärung dafür, daß diese Literatur diesem Publikum mündlich vorgetragen werden mußte; aber gerade deshalb dürfte es uns vielleicht schwerfallen, uns mit einer Leserezeption am Hof anzufreunden. Bei diesem Hofpublikum darf man aber in bildungsmäßiger Hinsicht eine grobe Zweiteilung vornehmen: eine leseunkundige Mehrheit und eine lesekundige Minderheit . Es ist zu vermuten, daß die Hofgesellschaft keineswegs homogen war; sie schloß illitterati ein, die nur hören konnten, aber auch litterati, die hören und lesen konnten. Unter solchen Umständen ist leicht zu begreifen, daß die schriftliche Aufzeichnung der volkssprachlichen Literatur eine Doppelformel relevant werden ließ, die eine zweifache Rezeption umschreibt.
      Die Stadt
Vom zweiten Zusammenhang läßt sich behaupten, daß ihr Publikum so wenig homogen wie der Adelshof war. Bei der Durchführung ihrer schriftlichen Geschäftshandlungen und Verwaltungsaufgaben waren die Stadtgemeinden lange auf Weltgeistliche angewiesen . Der Literaturbetrieb oberrheinischer Städte wie Konstanz, Basel und Straßburg ist ausgesprochen buntscheckig, aus weltlichen und geistlichen Herren der Umgebung samt Gefolge bestehend, wobei die klerikalen und ministe-rialen Mitglieder des jeweiligen bischöflichen Hofs nicht zu vergessen sind. Aus der Förderung der lateinischen neben der deutschsprachigen Literatur an solchen Höfen geht ihre gemischte kulturelle Beschaffenheit hervor, die eine Erklärung dafür liefert, daß die Stadtliteratur lesende und hörende Rezipienten finden konnte.
      Das Kloster
Der dritte Zusammenhang betrifft die Klosterliteratur, die, wenn sie auch nicht mehr die führende Rolle spielt wie im Frühmittelalter, keineswegs zu unterschätzen ist. Bei der Beantwortung der Frage, warum in solchen Zentren der Latinität auch eine volkssprachliche Literatur produziert wird, die nicht ausschließlich Leser vorsieht, muß zweierlei bedacht werden. Die erste Erwägung betrifft die in vielen Ordensregeln vorgeschriebene Gewohnheit der privaten Erbauungslektüre in der Mönchszelle, aber daneben die Möglichkeit, einen Text vortragen zu hören, z. B. im Refektorium. Das erklärt, warum im Kloster mit zwei unterschiedlichen Rezeptionsweisen zu rechnen war, liefert aber noch keine Erklärung dafür, daß man sich auch der Volkssprache bedient hat. Um diese zweite Besonderheit zu erklären, darf man auf die

Anwesenheit leseunkundiger Laienbrüder hinweisen, auf die ritterlichen Ministerialen, die oft zum Klosterverband im weitesten Sinne gehörten, und auf die Mitglieder der ritterlichen Orden, die als Ritter rekrutiert wurden und deshalb weitgehend leseunkundig waren. Klosterliteratur dieses Typs wurde also von einem litteratus verfaßt, der im Lateinischen bewandert war, und richtete sich vorwiegend, jedoch nicht ausschließlich an die Leseunkundigen innerhalb des Klosterbereichs. Hier setzt sie Analphabeten und Lesekundige voraus, so daß die Doppelformel diesen disparaten Bedürfnissen genauso gerecht zu werden vermochte wie in einem weltlichen Zentrum.
      Religiöse Laiengemeinschaften
Zum vierten Zusammenhang gehören Werke, die als Erbauungsbücher für religiöse Gemeinschaften der Laien bestimmt waren, insbesondere für Frauen, deren religiöse Bedürfnisse weitgehend zur Förderung der religiösen Literatur in der Volkssprache im 13. Jahrhundert beigetragen haben. Wurden bis dahin Predigten lateinisch aufgezeichnet, die als Richtlinien für künftig in der Volkssprache zu haltende Predigten konzipiert waren, so diente jetzt ihre Verdeutschung dem Zweck, das Bedürfnis religiöser Frauenkreise nach erbaulichem Lesestoff zu befriedigen. Wie die Mönche haben diese Frauen Tischlektüre und individuelle Erbauungslektüre gepflegt, so daß auch für sie eine zweifache Rezeption ihren guten Sinn hatte; aber wie bei den Laienbrüdern umfaßte der Bildungsstand dieser Frauen keineswegs das Lateinische.
      Der bischöfliche Hof
Der letzte Zusammenhang, in dem die zweifache Rezeption angesiedelt war, ist der bischöfliche Hof. Wenn auch relativ wenige Werke hierher gehören, liegt die Bedeutung dieser Gruppe darin, daß diese Höfe den weltlichen Adelshöfen spiegelbildlich entsprechen. Waren diese bei Führung der schriftlichen Verwaltung auf Kleriker angewiesen, so hat die feudalpolitische Stellung der Kirchenfürsten dazu geführt, daß an ihren Höfen nicht nur Kleriker, sondern auch Ritter anwesend waren. Wir wissen ferner, daß ihre literarischen Interessen oft ebenso profan wie die ihrer weltlichen Verwandten waren, so daß in beiden Beziehungen auch hier nicht an einen homogenen Hof zu denken ist.
      In jedem der fünf besprochenen Kontexte ist die Inhomogenität der betreffenden Gesellschaftsgruppe zu betonen. Die Anwesenheit von Laien in Klöstern und religiösen Gemeinschaften oder an bischöflichen Höfen hatte zur Folge, daß in die-sen Zentren die Literatur auch mündlich vorgetragen wurde. Dagegen hat die Verwaltungstätigkeit der Kleriker an Laienhöfen und im Auftrag der Stadtpatrizier in diese ansonsten größtenteils illiteraten Laiengruppen den Gärstoff des Lesens eingeführt.
      Es wäre aber verfehlt, aus alledem den Schluß zu ziehen, daß die Entstehung der Gewohnheit, zwei Publikumsschichten anzureden , mit den ersten Belegen der Doppelformel zeitlich zusammenfiel. Was die Gewohnheit betrifft, so kommt die historische Priorität der Klosterliteratur zu. Im Frühmittelalter zeigen verschiedene mit dem Klosterleben verbundene Autoren, daß sie zwei unterschiedliche Adressatengruppen im Sinn haben , ohne sich der Doppelformel zu bedienen . Was die Doppelformel selbst betrifft, so fällt auf, daß die frühesten Belege alle der Hofliteratur entstammen und sich ungefähr um denselben Zeitpunkt gruppieren. Diese Belege legen nahe, daß die ersten ausdrücklichen Hinweise auf eine zweifache Rezeption der für Laien bestimmten volkssprachlichen Literatur im Zeitraum 1187 bis 1210 zu datieren sind. Das Neue an diesen Belegen besteht darin, daß die explizite, gar demonstrative Verwendung der Doppelformel sich zuerst in der Hofliteratur durchsetzte. Die Verschriftlichung der Laienliteratur hatte zur Folge, daß eine bislang auf das Lateinische beschränkte Formel jetzt dazu verwendet wird, in einer neuartigen Literatursituation das poetologische Selbstbewußtsein zu fördern.
      Ã-ffentliche und individuelle Literaturrezeption
Die Einsicht, es gehe um Leser neben Hörern , stellt uns vor ein Problem, insbesondere wenn wir anzunehmen bereit sind, daß die Hörrezeption der mittelalterlichen Literatur nicht nur auf einem weitverbreiteten Analphabetentum beruhte, sondern auch auf der öffentlichen Funktion dieser Literatur und den sozialen Anlässen, bei denen sie zur Geltung kam. Aus der sozialen Funktion dieser Literatur ergibt sich ihre soziale Rezeption. Sie dient dem Zweck, ein Gemeinschaftsbewußtsein zu erzeugen und aufrechtzuerhalten, entweder im politischen Sinne einer um den Herr-scher gruppierten Gesellschaft, die sich mit seiner Machtdemonstration identifiziert, oder im sozialen Sinne eines Ritterstandes, der kulturelle Autonomie erstrebt, indem er sich von geistlicher Bevormundung emanzipiert. In jedem Fall erzielt die Literatur diesen Zweck besser bei kollektiven Anlässen, wo die Gruppe ihre Zusammengehörigkeit durch öffentliche Verlautbarung bestätigt bekommt, als durch die Privatlektüre isolierter Individuen. In den Augen der Auftraggeber dieser Literatur lag ihre Funktion im öffentlichen Bereich, was eine öffentliche, daher akustische Rezeption mit sich brachte.
      Dieser Gruppensituation entgegengesetzt ist die Isolierung des Schreibers oder Lesers: Man hört einen Vortrag als kollektives Erlebnis, aber beim Lesen isoliert sich der Leser, der sich in einen Text vertieft und sich von andern abschneidet. Nehmen wir die soziale Funktion der mittelalterlichen Literatur und deren öffentliche Vortragssituation ernst, so stellt man sich nur schwer vor, wo sich eine Gelegenheit für die isolierte Privatlektüre ergeben haben kann. Dieser Schwierigkeit ist man in einer Geschichte der deutschen Literatur im Spätmittelalter mit dem Hinweis begegnet, daß die Literaturrezeption, zumindest in den erzählenden und wissensvermittelnden Gattungen, sich immer mehr vom gesellschaftlich-zeremoniellen Bereich zurückzog, um Gegenstand privater Lektüre zu werden. Damit bahnt sich eine Entwicklung von vorgetragener zu gelesener Literatur an. Die Behauptung, diese Entwicklung lasse sich im 14. und 15. Jahrhundert nachzeichnen, heißt aber nicht, daß sie nicht vor 1300 eingesetzt haben kann, auch wenn ihre Geschwindigkeit und ihr Ausmaß erst später merklich größer wurden. Diese Möglichkeit läßt sich schon theoretisch dadurch erklären, daß man den mündlichen Vortrag durch die Verbindung des Verbums < lesen > mit dem Adverb sprachlich zum Ausdruck bringen konnte; denn die Aussage, etwas finde öffentlich statt, setzt logischerweise die Möglichkeit voraus, es könnte auch insgeheim, der Ã-ffentlichkeit entzogen, stattfinden. Die Möglichkeit, daß dieser Geheimbereich, von der Außenwelt getrennt, mit der Schriftlichkeit in Verbindung stehen könnte, wird von Ulrich von Lichtenstein um die Mitte des 13. Jahrhunderts erwähnt, dessen «schriber» im Zusammenhang mit einer «heimliche» auftaucht: «In der zit min schriber quam, / den ich in eine heinlich nam: / ez muoste vil verholne sin. / ich bat in lesen daz büechelin »8. Hier liest zwar einer dem andern laut vor, aber es handelt sich um eine Privatlektüre zu zweit, die dadurch möglich wird, daßman sich von den anderen zurückziehen kann. Das hier im Vorbeigehen Angedeutete läßt sich aus anderen Quellen bestätigen, die auf den von der religiösen Gemeinschaft oder der Hofgesellschaft abseits stehenden Privatraum hinweisen, aber auch auf die Wahrnehmung dieser Gelegenheit zur Privatlektüre.
      Ulrich von Lichtenstein warnt also davor, die von Walther von der Vogelweide am Thüringer Hof und noch von Ulrich von Hütten am Burgleben überhaupt geübte Kritik zu verallgemeinern, an diesen Zentren habe ein so lärmvolles Treiben geherrscht, daß keine individuelle Lektüre in Frage käme. Andere Hinweise auf die ersten Anfänge eines bescheidenen Privatlebens sind architektonisch belegbar: die Einteilung der Burg in Saal und Kammer, das Vorhandensein einer kemenäte für die Frauen oder der fast privat anmutende abgeschlossene Raum eines Burggartens . Was in der Burg möglich war, kommt auch im religiösen Bereich vor, trotz der Vorherrschaft der Liturgie und des kollektiven Gottesdienstes. Im Kloster trieb man die Privatlektüre neben dem mündlichen Vortrag , während die Zurückgezogenheit den Einsiedler und die inclusa in einem noch höheren Maße charakterisiert .
      Es ist aber auch danach zu fragen, ob diese Möglichkeiten in die Wirklichkeit umgesetzt wurden, um neben dem öffentlichen Vortrag die Privatlektüre oder eine daran grenzende Lesepraxis entstehen zu lassen. Eine Abgeschlossenheit im Familienkreis wird in Hartmanns «Iwein» geschildert, als die Tochter ihren Eltern im quasi privaten boumgarten der Burg vorliest. Wir gehen einen Schritt weiter, wenn wir es mit zwei Menschen zu tun haben, die zusammen lesen, wie im Bild des Dichters Waltram in der Manessischen Handschrift oder in Dantes Schilderung von Paolo und Francesca bei der Lektüre des Lanzelotromans. Es handelt sich immer noch um zwei Personen, wenn einer einem anderen vorliest: Ulrich von Lichtenstein wird ein Brief von seinem Schreiber vorgelesen, aber Ã"hnliches kommt bei Ebernand von Erfurt vor, als eine Jungfrau der Königin vorliest, die im Bett liegt.

     
   Diese Beispiele, wie beschränkt der Kreis auch immer gewesen sein mag, berühren noch nicht unser Anliegen, die Einzelperson, die für sich selbst allein liest. Diese Situation ist aber bei der Erbauungslektüre vorauszusetzen, wo etwa der Psalter unter Ausschluß anderer gelesen wird . Gegenstand solcher Privatlektüre kann auch ein Gebetbuch sein, wie im «Passional» am Ende des 13. Jahrhunderts oder im «Väterbuch» um dieselbe Zeit . Um einen religiösen Lesestoff unbestimmten Gehalts geht es bei Wolframs Trevrizent als Einsiedler oder bei Heinrichs von Veldeke Schilderung von St. Servatius .1'
Obwohl das letzte Beispiel einen religiösen Lesestoff betrifft, stellt es die Möglichkeit unter Beweis, daß einer, der am öffentlichen Hofleben hätte teilnehmen sollen, die Gelegenheit zur Einzellektüre finden konnte. Auch in einem durchaus weltlichen Zusammenhang kann das zum Vorschein kommen, und zwar ohne jede weitere Bemerkung, so daß mit etwas Selbstverständlichem zu rechnen ist. So schildert Konrad von Würzburg den Dichter Wirnt von Grafenberg, wie er in einer « kemenäte » einen Roman für sich liest, und bei Ulrich von Etzenbach nimmt ein «meister» die Gelegenheit wahr, während andere schlafen, «an siner kamer» zu lesen. Ã"hnliches ist dort anzunehmen, wo ein Brief gelesen wird 15, vor allem wenn es sich um einen Liebesbrief handelt . In letzterem Fall braucht die Privatlektüre nicht etwa durch den romantischen Wunsch nach gefühlsmäßigem Alleinsein veranlaßt worden zu sein - Ulrich mußte mit dem Schreiber allein sein, weil ihm dieser vorlas. Die Situation wäre auch nicht anders gewesen, wenn Ulrich den Brief hätte selbst lesen können; denn bei Johann von Würzburg haben wir schon gesehen, daß eine Frau andere aus dem Zimmer verweisen muß, um einen Brief zu lesen und dessen Inhalt geheimzuhalten, eben weil sie laut für sich liest.
      Ein letzter Schritt auf dem Weg, auf dem der individuelle Leser sich von der Ã-ffentlichkeit zurückzieht, ist in der stillen Lektüre zu erblik-ken, in der völligen Verinnerlichung des Lesevorgangs, die lateinische Formulierungen wie sibi legere, per se scrutari oder noch eindeutiger tacite legere, legere in silentio umschreiben. Wann diese Stufe erreicht wurde, läßt sich schwer ausmachen. Wenn in der Benediktinerregel vorgeschrieben wird, der Mönch müsse so für sich lesen, daß er seine Nachbarn nicht stört, so könnte es darum gehen, daß er nur sotto voce lesen sollte, nicht still. Ist vom 14. und 15. Jahrhundert behauptet worden, die Gewohnheit des stillen Lesens habe sich bis jetzt vom Skriptorium und vom Hörsaal der Universität ausgebreitet, um weitere Laienkreise zu erfassen, so muß darauf entgegnet werden, daß es keine über jeden Zweifel erhabenen deutschsprachigen Belege gibt und daß der darauffolgende Zeitabschnitt der Erforschung noch harrt. Wir müssen uns statt dessen damit begnügen, daß es nicht an Belegen dafür fehlt, daß mit dem individuellen Lesen, still oder nicht, von jetzt an zu rechnen ist.
      Literatenkultur und Erfindung des Buchdrucks
Der Zuwachs an lesekundigen Laien, um 1400 unbestreitbar, doch schon im 13. Jahrhundert feststellbar und nicht ohne Spuren vor 1200, ist in einer letzten Beziehung von historischer Bedeutung. Auf die an und für sich unmögliche Frage, warum es um 1450 zur Erfindung des Buchdrucks gekommen sei, hat man die Antwort gegeben: weil bis dahin Westeuropa eine kräftig blühende Literatenkultur hervorgebracht hatte, die stark genug war, um die Massenproduktion gedruckter Bücher aufzunehmen. In einem engeren Zusammenhang hat man einen Ãoberblick über die altfranzösische Lyrik beim Ãobergang vom Vortrag zur Schriftlichkeit mit der Vermutung abgeschlossen, der Buchdruck könne nicht von ungefähr in dem Zeitabschnitt erfunden worden sein, in dem die Welt der Literatur so sehr darauf vorbereitet war. Der Ãobergang von der Mündlichkeit zum Lesen, gleichgültig ob wir ihn mit Handschriften um izoo ansetzen oder mit gedruckten Büchern nach 1450, kann nicht von heute auf morgen vor sich gegangen sein, er muß Jahrhunderte gedauert haben. Dieser Ãobergang fällt in die Jahrhunderte vor Gutenberg, so daß der Buchdruck nur deshalb zu einem lohnenden Geschäft werden konnte, weil schon zuvor so viele Laien im Spätmittelalter für das Lesen gewonnen worden waren. Während Eisenstein der Nachweis gelungen ist, wieviel die Erfindung des Buchdrucks für die Neuzeit bedeutete 17, muß die Medaille auch umgekehrt werden: Wir haben uns auch mit der Frage zu beschäftigen, wieviel die geistigen Entwicklungen vom 12. Jahrhundert an für die Erfindung des Buchdrucks bedeutet haben.
     

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