Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Probleme der Mündlichkeit und die Anfänge der deutschen Literatur



Im Jahre 797 mahnt Alcuin, führender Kopf der karolingischen Reformen, brieflich den Abt des Klosters Lindisfarne, darauf zu achten, daß während des gemeinsamen Priestermahls das Wort Gottes gelesen werde; es gehöre sich, dort den Lector, den Vorleser, zu hören und nicht den Harfenspieler, die Predigten der Väter und nicht die Gesänge der Heiden. Alcuins scharfer Verweis gipfelt in den Worten: « Quid Hiniellus cum Christo ?» - «Was hat Ingeld mit Christus zu tun?» Eng sei das Haus und für beide kein Platz!
Deutlich ist hier das Aufeinandertreffen zweier kultureller Welten des Frühmittelalters zu spüren: In die vermeintlich abgeschlossene klösterliche Welt der schriftlich-lateinischen Bildung dringt die laikale Welt der Volkssprache mit ihren paganen, mündlichen Traditionen ein. Sosehr man sich aus ideologischen Erwägungen oder mit Berufung auf althergebrachte Lebensformen um eine scharfe gesellschaftliche Trennung bemüht, so sehr konstituiert doch gerade die Verflechtung beider Kulturwelten mittelalterliche volkssprachliche Literatur, die in ihren Anfängen gleichsam als Produkt einer «Zwischenkultur», als «ein Vermittlungsprodukt zwischen mündlich volkssprachlicher Laien- und schriftlich lateinischer Klerikerkultur » aus der Geschichte einer zwangsläufig verstummten, weil rein oralen Überlieferung hervortritt.
      Eine Einschränkung von Literatur und Dichtung auf Schriftlichkeit, wie sie schon die Etymologie littera und dictare nahelegt, scheint dem Dichtungsbegriff unserer vollständig literarisierten und multimedialen Gesellschaft einem unausgesprochenen Vorverständnis nach zugrunde zu liegen. Ein Blick auf die Kultur des Europäischen Frühmittelalters hingegen beweist eindrucksvoll, wie sehr jede schriftlich festgehaltene Literatur auf einem breiten, die Geschichte der Aufzeichnung an Dauer wohl um Längen übertreffenden Fundament mündlicher Überlieferung ruht. Die für uns faßbaren, d. h. die schriftlich überlieferten Anfängeder deutschen Sprache und Literatur etwa zeigen, wie sehr sich bei der , allmählichen Verschriftung einer zunächst rein oralen Kultur die Bedingungen der Schriftlichkeit und der Mündlichkeit gegenseitig beeinflussen, welche Zugeständnisse die schriftliche Aufzeichnung der Oralkultur machen muß, welchen Veränderungen mündliche Formen und Traditionen durch ihre schriftliche Fixierung ausgesetzt sind. Nehmen wir das Wort vom ernst, so fassen wir mit dem Problem der Mündlichkeit hier die Bedingungen unserer Literatur am Ort ihres Entstehens und gewinnen mit dem Einblick in die Andersartigkeit dieser literarischen Kultur zugleich Einsicht in die Bedingtheit unseres Literaturbegriffs.
      Formen mündlicher germanischer Dichtung
Obwohl wir mit Sicherheit davon ausgehen können, daß in der Germania eine jahrhundertealte Tradition mündlicher Dichtung lebendig war, wissen wir von dieser Oralkultur zunächst nicht viel mehr als das Faktum ihrer Existenz. Grundsätzlich stehen zwei Wege ihrer Erschließung zur Verfügung: Zum einen geben uns schriftliche Quellen Bericht über Vortrag, seltener Inhalte mündlicher Dichtung, seien es Aufzeichnungen lateinisch schreibender Historiker, angefangen bei Tacitus bis zur Bemerkung Einhards über Karl des Großen verschollene Sammlung einheimischer Heldengesänge, seien es eher marginale Erwähnungen wie etwa in dem oben zitierten Brief Alcuins. Zum anderen lassen sich in Formen und Inhalten schriftlich überlieferter Dichtung verschiedenster Provenienz und verschiedensten Alters Reflexe mündlicher Kultur in unterschiedlicher Intensität feststellen. Doch beide Typen von Quellen bieten stets nur < indirekte > Zeugnisse, unterliegen starken Brechungen durch die Bedingungen der Schriftlichkeit, durch lateinisch-klerikale Bildungsideologie, durch Traditionen und mate-riale Voraussetzungen des Mediums der Schrift.
      Wir müssen demnach von einer rein mündlich tradierten, niemals den Bedingungen einer schriftlichen Fixierung unterworfenen Literatur der Germanen, die < verklungen > und uns daher nicht mehr unmittelbar greifbar ist, und von einer reinen Leseliteratur, die in der Volkssprache erst im späten Mittelalter entsteht, vorläufig absehen. Somit bleiben Übergangsformen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit Ausgangsobjekte einer frühen Literaturgeschichte der Volkssprache.
     

Es lassen sich hier zwei große Gruppen unterscheiden3:
1. eine schriftlich fixierte und schriftlich oder auch mündlich konzipierte Literatur, die zu mündlichem Vortrag bestimmt ist und daher einen gewissen Übersetzung eines germanischen Stoffs, dem «Waltharius» , formal und stoffgeschichtlich Zugang zur Gattung in ihrer mündlichen Gestalt finden, so kennt die germanistische Literaturgeschichte immerhin drei schriftlich überlieferte Beispiele, die uns einigermaßen unverzerrt Einblick in Form und Sprache dieser archaischen literarischen Gattung gewähren: das Fragment des deutschen « Hildebrandsliedes » , den altenglischen «Beowulf» und das «Finnsburgfragment» .
      Bedingungen und Gestalt mündlicher Dichtung
Am Beispiel des «Hildebrandsliedes» sollen einige Kennzeichen mündlicher Dichtung diskutiert werden.
      «Ik gihorta dat seggen,dat sih urhettun amon muotin:
Hiltibrant enti Hadubrant untar henun tuem.sunufatarungo iro saro rihtun,garutun se iro gudhamun, gurtun sih iro suert ana,helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu rifun.»
zwischen ihren beiden Heeren, aufeinanderstießen. Zwei Leute von gleichem Blut, Vater und Sohn, rückten da ihre Rüstung zurecht, sie strafften ihre Panzerhemden und gürteten ihre Schwerter über die Eisenringe, die Männer, als sie zu diesem Kampf ritten.)
Dieses einzige, fragmentarisch überlieferte Heldenlied in einem deutschen Idiom, von dem hier die ersten Zeilen zitiert sind, ist Ende des 9. Jahrhunderts in eine Handschrift des Klosters Fulda eingetragen worden. Drei wesentliche Abgrenzungen von einer Buchliteratur < moderneN) Zuschnitts sind an diesem Beispiel möglich, einmal auf stofflich-funktionaler Ebene, einmal auf rhetorischer Ebene und schließlich auf formaler Ebene:
Erstens: Mündliche Dichtung verwaltet ein kollektives Gedächtnis, kollektive Erinnerungen der literaturtragenden Gesellschaft. Sie istdaher ausnahmslos anonym überliefert und verzichtet von vornherein auf einen Begriff von angesehenen Kleinformen wie Spruch und Segen zeigen. Im sog. «Zweiten Merseburger Zauberspruch» überlagern sich mehrere Formen des bindenden Redeschmucks gerade in der eigentlichen Beschwörungsformel am Ende:
« Sose benrenki, sose bluotrenki,sose liderenki, ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sose gelimida sin! »

Diese Rhetorik der Wiederholung, des formelhaften Gleichlaufs mit Tendenzen hin zum Silben- und Endreim bei recht frei verteilten Assonanzen läßt sich nicht den Regeln der nur unzureichend beschrieben wäre. Um nochmals die Musik als Vergleich zu bemühen: Takt, Kadenz, Phrasenbildung und eine hohe Redundanz sind keinesfalls aus mnemotechnischen Erfordernissen geboren, vielleicht aber doch bis zu einem gewissen Grad Bedingung der Möglichkeit auswendigen Vortrags größerer Formen.
      Probleme der Verschriftung der Volkssprache
Wird in weltlichen Kreisen der literarische Diskurs das gesamte Frühmittelalter hindurch rein mündlich geführt, bleiben auch mündliche Traditionen bis in die Neuzeit hinein - wiewohl vielfach überformt -etwa in Sage, Märchen oder Ballade lebendig, so handelt es sich doch um einen Niederschriften zu unterschiedlichen aktuellen Gelegenheiten, oft gar um für müßig erachtete Schreibübungen von Klosterschülern: Ein planvoll angelegter Codex mit Texten aus mündlicher volkssprachlicher Tradition ist nicht überliefert. Die wohl prominenteste Ausnahme, das «Heldenliederbuch Karls des Großen», von dem uns Einhard - übrigens einer der wenigen Laien der Gelehrtenkultur des Frühmittelalters - berichtet9, ist verschollen. Von lateinischen Sequenzen oder Historien dagegen finden wir oft Dutzende, ja dreistellige Zahlen von Überlieferungsträgern.
      Gerade die konstitutive Zweisprachigkeit des schriftlich-lateinisch gebildeten Klerus ist die wichtigste Voraussetzung für den Eintritt der Vulgärsprache in die Schriftlichkeit und somit in die Literaturgeschichte: Ist doch für jedes frühe volkssprachliche Schriftzeugnis ein lateinisch gebildeter Schreiber bzw. Übersetzer bzw. Verfasser die Voraussetzung. So sind auch die ältesten Zeugnisse in althochdeutscher Sprache zum weitaus größten Teil direkte Übersetzungsprodukte aus dem Lateinischen: einmal kleinere liturgische und katechetische Texte, Paternoster, Credo, Beicht- und andere Formeln, unverzichtbare Werkzeuge der Missionierung, zum anderen die gewaltige Fülle an Glossen, über lateinische Texte geschriebene deutsche Worte oder Phrasen, zum Teil vereinzelt, zum Teil zu zusammenhängenden Interlinearübersetzungen ausgebildet. Diese Glossen sind, wie auch etwa das , der sog. « Abrogans» , ein alphabetisch geordnetes lateinisch-deutsches Wörterbuch, dem klösterlichen Schulgebrauch zuzuordnen. Zeigt sich hier die deutsche Sprache noch in ihrer untergeordneten, dienenden Funktion als wohl für unzureichend empfundener Behelf für das Lateinische, so tritt uns seit der Zeit der karolingischen Reformen eigenwertige deutsche Dichtung in schriftlicher Form entgegen.
      Zunächst ebenso noch direkte Übersetzungen spätantiker Literatur, wie der althochdeutsche «Isidor» oder «Tatian» , finden sich schon bald selbständige große Dichtungen, so der altsächsische «Heliand» und «Genesis» , insbesondere die große «Evangelienharmonie» des elsässischen Mönches Otfrid von Weißenburg , die alle noch in unterschiedlicher Weise auf Traditionen der mündlichen volkssprachlichen Dichtung rekurrieren, indem sie mit der stabenden Langzeile arbeiten. Geistliche Dichtung in der Volkssprache muß aber, wie sich in Otfrids Vorbemerkungen - bezeichnenderweise lateinische Widmungsbriefe undeine deutsche Vorrede - zeigt, ausführlich legitimiert und dichtungstheoretisch abgesichert werden. Seine dezidierte Absicht, mit der Süße des Evangeliums die frivolen, profanen Gesänge zu verdrängen - ein verbreiteter polemischer Topos, wie er sich auch in Alcuins oben zitiertem Brief findet - und denen, die Schwierigkeiten mit dem Latein haben, das Wort in deutscher Sprache zu verkünden10, sprechen wohl in erster Linie einen klösterlichen Rezipientenkreis an, vielleicht auch adelige Laien - doch allemal ist an mündlichen Vortrag seiner schriftlichen Komposition gedacht. Otfrid durchbricht die Lehre von den drei heiligen, weil biblischen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein, die allein für würdig gehalten werden, geistliche Inhalte zu überliefern, und reflektiert ausgiebig die Schwierigkeiten einer Dichtung in der Volkssprache, die er sich nur nach dem Vorbild der ausgebildeten lateinischen Dichtersprache vorstellen kann, wohingegen sich ihm das Fränkische als «inculta» und «indisciplinabilis», roh und schwer zu bändigen erweist.

     
   Vor welchen Problemen die Aufzeichnung volkssprachlicher Texte, sei es mündlichen Ursprungs, sei es gelehrte Übersetzungs- oder Buchdichtung, steht, zeigt sich schon an der fundamentalsten materialen Voraussetzung, dem Alphabet. Im germanischen Raum waren seit dem ersten Jahrhundert Runenalphabete in Anlehnung an mediterrane Schriftsysteme in Gebrauch, die aber nicht der schriftlichen Kommunikation oder der Aufzeichnung literarischer Texte dienten, sondern ausschließlich kultische und magische Bedeutung hatten, für wortmagische Rituale oder kurze Inschriften dienstbar waren. Gerade in einem synkretistischen Zeugnis wie dem «Wessobrunner Gebet», einem Anfangsfragment eines Schöpfungshymnus aus dem frühen 9. Jahrhundert mit heterogenen Elementen germanischer und christlicher Mythologie, findet sich noch die Verwendung von runischen Zeichen in lateinischer Schrift. Innerhalb der Germania verfügten allein die Westgoten schon im 4. Jahrhundert dank der singulären Leistung einer gotischen Bibelübersetzung ihres Bischofs Wulfila über eine entwickelte Schrift auf griechischer Basis mit lateinischen und runischen Elementen. Doch die deutschsprachigen, lateinisch gebildeten Schreiber und Autoren konnten fast 500 Jahre später nicht mehr daran anknüpfen und sahen sich gezwungen, auf die Schriftzeichen des Lateinischen zurückzugreifen. Die Strukturierung des Lautvorrats, die zahlreichen Reibe- und Zischlaute, die Diphthonge der volkssprachlichen Idiome, fanden freilich keinerlei Entsprechungen im lateinischen Alphabet, und so kommt es zur phonetischen Umbesetzungeinzelner Zeichenfolgen, zur Erweiterung durch Akzentsetzungen und zur Einführung neuer Graphen wie k, z, y und w, gebildet aus einem doppelten u oder der Spirans d wie sie sich im «Hildebrandslied» findet. Das «Hildebrandslied» offenbart sich auch darin als zufälliger Irrläufer der Überlieferung, als von seiner eigentlichen Gebrauchsfunktion abgelöstes Artefakt, daß es in seiner aufgezeichneten Form ein seltsames Konglomerat aus langobardi-schen und sächsischen, hoch- und niederdeutschen Sprachelementen bietet, uns also eine rein schriftliche, niemals so gesprochene Kunstsprache präsentiert. Denn freilich kann ein neues graphisches System, wie es etwa von dem Merowingerkönig Chilperich , von Karl dem GroßenI oder von Otfrid H angeregt bzw. praktiziert wurde, so lange nicht verbindliche Gültigkeit haben, wie keine Hochsprache, sondern regional teils sehr unterschiedliche Mundarten herrschen und allein diese zu Papier gebracht werden. Ein moderner Mundartenforscher steht bei der Aufzeichnung seiner Feldforschung vor denselben Schwierigkeiten, letztlich sind die Probleme einer Phon-Graph-Entsprechung erst durch den Duden gewaltsam und rein pragmatisch gelöst und spiegeln sich in der aktuellen Debatte um Rechtschreibreformen.
      Neben früheren weitreichenden Einflüssen des Lateins auf Lexik und Wortbildung der gesprochenen Sprache, sei es aus provinzialrö-mischer Zeit, sei es aus früher Missionierung, werden nun im Rahmen planvoller Verschriftungsbemühungen bewußte Anleihen bei lateinischer Grammatik, Syntax und Morphologie erforderlich. Das anspruchsvolle Latein des Klerus kennt komplizierte syntaktische und grammatische Strukturen, die einer rein mündlich existierenden Sprache fehlen; auch hier müssen erst Äquivalente geschaffen werden. So finden sich in althochdeutschen Übersetzungstexten Partizipialkon-struktionen oder Akkusative mit Infinitiv in einer Häufigkeit, der die Mühe des Übersetzers anzumerken ist. Dies zeugt nicht etwa von fehlendem sprachlichem Geschick, sondern bietet in Ermangelung vorhandener sprachlicher Möglichkeiten kreative Neuschöpfungen an, die sich gleichsam experimentell erst über die Dauer von Jahrhunderten bewähren müssen. Auch treten erstmals mit den Übersetzungsvorhaben komplexer und schwieriger Texte Abstrakta in einer Dichte und Differenziertheit auf, wie sie eine Oralkultur nicht benötigt und nicht kennt und wie sie der religiösen und sozialen Welt der Germanen ohnehin völlig fremd waren: zentrale Begriffe der christlichen Lehre wie «resurrectio» , «redemptio» oder

«conscientia» finden mehr als zehn Übersetzungsversuche. Die Dienstbarmachung der Volkssprache für die Schriftlichkeit schafft eine neue, veränderte Literatursprache und erstmals eine Wissenschaftssprache - beides zunächst im Gewand der Kirchensprache und nach dem Vorbild des Lateinischen.
      Eine Kultur der zwei
Die Gesellschaft des Frühmittelalters ist zutiefst von Mündlichkeit geprägt: Verwaltung, Rechtsprechung, Herrschaftsausübung und Handel funktionieren mündlich, so auch Dichtung, jede Form von Literatur und Unterhaltung, die als mündlicher Vortrag goutiert wird und Funktionen der Wissensvermittlung und Bildung erfüllt. Denn nicht bloß das einfache Volk, auch der weltliche Adel, die gesamte Führungsschicht der Gesellschaft war das Frühmittelalter hindurch praktisch vollständig illiterat und blieb es zum großen Teil bis zum Ende des Mittelalters. Selbst das Wort im emphatischen Sinn, das offenbarte Wort, vergegenwärtigt sich das Mittelalter als gesprochenes und gehörtes, in der gesellschaftlichen Kommunikationssituation: So wie Gott sein « Fiat lux » spricht, wird in der Liturgie das Wort verlesen, in der Predigt kommentiert und hörbar ausgelegt, in den Sakramenten der Kirche öffentlich zelebriert.
      Der Dichter der Germanen ist einerseits als Myste, Kultredner, Träger eines mythologischen Wissens mit vielleicht seherischen Fähigkeiten vorstellbar, andererseits unter dem Namen Skop westgermanisch überliefert, einem Dichter und Sänger am Herrscherhof mit unterhaltenden, memorierenden, panegyrischen oder auch spöttischen-zu-rechtweisenden Aufgaben. Unter dem Namen spilman ist schließlich im deutschen Sprachraum der weltliche Dichter und Sänger bezeugt, der sowohl die Funktionen des Hofdichters als auch die des ioculator oder mimus, des Spaßmachers, ausüben kann. Dabei handelt es sich um einen heterogenen Sammelbegriff für alle Arten von Trägern der mündlichen Kultur, von fahrenden Komödianten der Straße und Feste unteren Standes bis zu gebildeten Berufsdichtern an Königshöfen, die durchaus auch aristokratischen oder geistlichen Standes sein können. Doch weder kann mündliche Dichtung auf Berufsdichter - Adlige wie Geistliche beteiligen sich aktiv an einer « oral poetry » - noch auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen oder auf eine bestimmte Epoche des Mittelalters beschränkt werden: Von der karolingischen Zeit bisin die Volkskultur des Spätmittelalters tritt der Spielmann als Träger einer bedeutenden und lebendigen Tradition mündlicher Dichtung und Unterhaltung auf, indem er jedoch von Anfang an polemisch bekämpft wird von den wortgewaltigen und wirkungsmächtigen geistlichen Trägern der Schriftlichkeit, die für eine Ächtung unnützer heidnischer und verderblicher Lieder eintreten, sakrale oder zumindest christianisierte mündliche Dichtung produzieren und bewußt als Ersatz zu lancieren trachten. So ist allemal an eine Konkurrenz von sakraler und profaner mündlich-volkssprachlicher Dichtung an den frühmittelalterlichen Fürstenhöfen zu denken.
      Ebenso wie die Fürsten und Höfe Sänger und Spielleute in ihrem Gefolge unterhalten, beschäftigen sie auch Schreiber geistlichen Standes, die der Hofkapelle angehören und daher «Capellani» genannt werden, da es gelegentlich einer Niederschrift oder der Berufung auf Geschriebenes bedarf. Obwohl Bildungspflege keineswegs als ursprüngliches Ideal der Klosterkultur zu betrachten ist - dem frühen benediktinischen Denken galt Lesen und Schreiben eher als Kontemplation und Askese -, obwohl ein gut Teil der Fratres und Weltgeistlichen des Lateinischen und der Schrift nicht oder nur rudimentär mächtig gewesen sein mag, hat der Klerus das gesamte frühe Mittelalter hindurch das alleinige Monopol der Schriftlichkeit, also der Schreib- und Lesefähigkeit.
      Durch die das ganze Mittelalter über verteidigte Lehre von den tres linguae sacrae war die Sprache des Volkes, d. h. der Laizität, von vorneherein von Heilsverwaltung und somit auch von Schriftlichkeit ausgeschlossen. Seit der Zeit der Kirchenväter, seit der Vulgataüberset-zung des Evangeliums ins Lateinische , sprach und schrieb die westliche Kirche Latein. Das Latein der Kirche, eine aus dem «klassischeN) Latein römischer Literaten nach den Bedürfnissen der Geistlichkeit weiter- und wegentwickelte Sprache, verbürgt zugleich eine Internationalität der frühmittelalterlichen Kultur Europas, die in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Äußerungen in lokalem Idiom waren beschränkt auf eine enge Region, allein Latein konnte in ganz Europa vernommen und verstanden werden - wenn nicht nur von der Geistlichkeit, so doch zumindest durch ihre Vermittlung und Übersetzung. Wurde und wird diese gesamteuropäische Bildungs- und Verkehrssprache auch zuweilen als < Kirchen- und Küchenlatein > polemisch abgetan, so darf nicht übersehen werden, daß dieses Idiom, obzwar keine lebendige , an Dauer ihres tatsächlichen Gebrauchs, Verbreitung und Vielgestaltigkeit des in ihr Aufgezeichne-ten das klassische Latein bei weitem übertrifft. Wir können demnach in Spätantike und Frühmittelalter von der Existenz eines Lesepublikums lateinischer, vorwiegend freilich geistlicher, aber auch vereinzelt antiker Literatur in den Klöstern ausgehen.
      Das gesamte frühe Mittelalter über decken sich die Konstituenten klerikaler Bildung vollständig: Wer lesen und schreiben konnte, tat dies in lateinischer Sprache, wer des Lateins - zumindest in größerem Umfang - mächtig war, konnte auch lesen und schreiben. Litteratus meint den lateinisch Gebildeten, denjenigen, der Latein sprechen, lesen und schreiben kann, «litterati loqui» oder auch «grammatice loqui» meint lateinisch sprechen, und noch Dante versteht unter «litterati poeti» die lateinischen Autoren im Gegensatz zu den volkssprachlichen, lllitterati oder auch ldiotae heißen ursprünglich ganz unpolemisch die, welche nur ihre eigene Sprache kennen, demnach also die nicht lateinisch Gebildeten, die somit zunächst auch nicht schreib- und lesekundig sind. Sosehr uns eine solche strikte Trennung von alltäglich gesprochenem Idiom und exklusiver Literatursprache gerade innerhalb des bilingualen Klerus befremden mag, so muß man sich vor Augen halten, daß sich bis in unsere Zeit das geschriebene Wort einer anderen < Sprache >, anderer Lexik, Semantik, anderen Stils bedient als das gesprochene Wort, daß eine Literatursprache als auf ihren Funktionsbereich begrenzte Sondersprache die gesamte Literaturgeschichte und somit auch die Sprachgeschichte wesentlich geprägt hat und noch heute prägt.
      Da die Kirche der einzige Ort war, an dem schriftliche Überlieferung systematisch gepflegt wurde, waren ihre Institutionen auch der einzige Ort, an dem Lesen und Schreiben erlernt werden konnten: Die einzigen < Schulen > waren ursprünglich die Klosterschulen. Diese bildeten - Einfluß der karolingischen Reformen - spätestens seit Ende des 8. Jahrhunderts nicht nur ihre Mitglieder in einer < inneren >, dem Noviziat angegliederten Schule aus, sondern auch einige Personen, die nicht dauerhaft ans Kloster gebunden waren, in einer < äußeren > Schule. In der beinahe jeder Infrastruktur baren Welt des Frühmittelalters bildet die Kontinuität der äußeren Lebensbedingungen, hervorragend die benediktinische «stabilitas loci», seit 743 für alle Klöster des Reichs verbindlich, wesentliche Voraussetzung einer schriftlichgelehrten Bildungstradition. Grundlage dafür ist neben der Wissensvermittlung in Schulen die Pflege des Schrifttums in Bibliotheken. Diese sind Zeugnis großen Reichtums; Bücher sind zu einer Zeit, da

- noch kein Papier erfunden und ausschließlich Pergament, d. h. Tierhaut, als Schreibstoff dienen kann, außerordentlich kostbar und sel-' ten, werden über große Distanzen ausgeliehen, oft als Bußleistung in jahrelanger und stupider Arbeit kopiert. Die großen und weithin be-; rühmten Bibliotheken der Karolingerzeit, St. Gallen, Fulda oder die Aachener Hofbibliothek, werden kaum mehr als einige Dutzend . Bände enthalten haben: Bibeltexte, Lehrbücher, Kommentare, patri-stische Schriften, wenige römische Autoren.
      So prädestiniert auch Königs- und Fürstenhöfe als Orte gelehrter ; Bildung erscheinen mögen, da sie Geistliche als Schreiber und womöglich Berater unterhielten und die Mittel zu einer Bibliothek gehabt ha-Iben mögen, so sehr steht ihnen doch das Wesen der Reiseberrscbaft im Wege: Machtausübung funktioniert ohne einen ausgeprägten und durch Infrastruktur gesicherten Beamten- und Verwaltungsapparat nur unmittelbar, durch persönliche Repräsentanz. Karl dem Großen etwa, der sich nach langen Jahren der Königsherrschaft mit seinem Hof dauerhaft in Aachen niederläßt, gelingt es wohl nur unter dieser Voraussetzung, seine singulare < Akademie> ins Leben zu rufen und somit eine dezidierte , sie werden von der Intelligenz des Frühmittelalters, die eine rein klerikale ist, in Kategorien der Schriftlichkeit vergegenwärtigt.
      Die Kirche kann als einzige gesellschaftliche Gruppierung die antike Bildungstradition - wiewohl kaum ungebrochen - weiterführen, während die politischen Führungsschichten, zumindest des gesamten west-liehen Europas, nach dem Zerfall des Römischen Reichs aus gänzlich anderen Kulturen erwachsen. Mit gewissen Lateinkenntnissen, schon weniger mit Lesefähigkeit des Hochadels ist durchaus zu rechnen, ohne daß dies jedoch jemals zu einem verbindlichen Anspruch geworden wäre. Eine Ausnahme stellen die Frauen der hochadligen Gesellschaft dar: Ihnen wurde schon früh ein gewisses Maß an Bildung, oft auch Schrift- und Lateinkenntnisse zugemutet, daher treten auch Frauen das ganze Mittelalter hindurch als bedeutende Literaturgönnerinnen in Erscheinung und treten wohl als erste weltliche Gruppe dem Lesepublikum bei. Die wenigen Beispiele prominenter Laien, die sich mit schriftlicher Bildung oder in der Hngua sacra versuchten, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die politische Führungsschicht kaum je die Kritik der Gebildeten ob ihrer schriftlichen einhandelt. Im Gegenteil, noch von Kaiser Friedrich Barbarossa heißt es, er sei «illiteratus, sed morali scientia doctus». Solcherart häufig zu findende Äußerungen zeigen, daß illitteratus und litteratus « nicht verschiedene Bildungsgrade, sondern verschiedene Bildungsweisen, ja Bildungswelten »' unterscheiden: Die andere Bildungsnorm des Hochadels beruft sich auf volkssprachliche Überlieferung, sei es im Bereich der Rechtsprechung oder der Historie, sei es im kulturellen Kontext von Sage und Brauch, sei es in der Dichtung - auf eine Überlieferung, die eben nicht schriftlich fixiert ist, sondern als mündliche Tradition jahrhundertelang bildungsmächtig und prägend wirkt.
      Das kulturelle Selbstbewußtsein der aus historischem Blickwinkel prominentesten Träger der Oralkultur, der politischen Führungsschicht, die aus der mündlichen Tradition ihre Identität und Legitimation ihrer Lebensformen und Interessen bezieht, wirkt weniger befremdend, blickt man auf vergleichbare Strukturen der heutigen Gesellschaft: Maschine schreiben oder mit dem Textverarbeitungsprogramm gut umgehen zu können, ist Sache der Bediensteten, nicht die des Führungspersonals, das seiner Tätigkeit wesentlich mündlich, in Sitzungen und Konferenzen nachgeht. Mit neuen Entwicklungen in der maschinellen Spracherkennung und synthetischen Sprachwiedergabe deutet sich wiederum eine Revolution der Schriftlichkeit, eine Beschränkung der Schreib- und Lesekompetenz einzelner Bereiche auf < dienende > Funktionen an. Für die Laiengesellschaft des Mittelalters mag Schriftkenntnis, zumindest was Literatur betrifft, einen ähnlichen Stellenwert gehabt haben wie heute Kenntnisse der Notenschrift: Man kann Musikliebhaber, Musikförderer, Konzertbesucher sein, ohne jemals mangelnder Partiturkenntnisse geziehen zu werden.
     
Die Laienbildung entwickelt sich ab dem iz. Jahrhundert nicht zuletzt aufgrund der Bedürfnisse einer im städtischen Umfeld immer mehr erstarkenden Kaufmannsschicht, im Gefolge städtischer Kathedralschulen und den beginnenden Universitäten, die das Monopol der rein klerikalen Klosterschulen durchbrechen. Insbesondere das mangelnde Vertrauen in die rein mündliche Rechtstradition führt dazu, daß nach der Jahrtausendwende die bis dahin recht fraglose Trennung der beiden Bildungswelten allmählich vielen Gebildeten obsolet wird, wobei es die Jahrhunderte hindurch nicht an Bemühungen fehlt, Rechtstraditionen, sei es in lateinischer Übersetzung, sei es in der Volkssprache, aufzuzeichnen. Schon aus dem 10. Jahrhundert ist ein Sprichwort bezeugt, das erst zoo Jahre später Beliebtheit und Verbreitung erlangt und einen tiefgreifenden Wandel in der Beurteilung wie in der Struktur der Bildungswelten indiziert: «Rex illitteratus asinus co-ronatus» - ein illiterater König ist ein gekrönter Esel! Eine solche Wertschätzung der Schriftlichkeit ist allererst die Bedingung der Möglichkeit der Entstehung eines Lesepublikums volkssprachlicher, nichtgeistlicher Literatur.
      Die Einsicht, daß Literaturgeschichte als Geschichte des dichterisch aufgezeichneten Wortes auf einem breiten, was Ausdehnung, Gattungen, Formen und Techniken betrifft, kaum je mehr als undeutlich und spekulativ zu erkennenden Fundament mündlicher Dichtung steht, ist geeignet, den herrschenden Literaturbegriff zu relativieren und zu differenzieren. Der scheinbar exzeptionelle mittelalterliche Medienwechsel von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit findet seine Fortsetzung bis in unsere Zeit hinein. Mit einer strikten Fixierung der Literatur auf Schriftlichkeit schlösse man nicht nur den weitaus größten illiteraten Teil der Bevölkerung bis ins 19. Jahrhundert von jeder Literaturgeschichte aus; man verkennte auch die immense Bedeutung jener Medien, die sich im 20. Jahrhundert mindestens quantitativ einen Platz vor dem gedruckten Wort erobert haben: Hörfunk, Film und Fernsehen. Daß hier, wie auch etwa in volkstümlicher Erzählung, in Texten von Schlager und Popmusik, in Lesung und Vorträgen, Schule und Universität, ebenso im Theater Literatur mündlich präsentiert und rezipiert, wiedergegeben und weitertradiert wird, zeigt, daß Literatur nicht an ein Medium - man ist versucht zu sagen: am allerwenigsten an das der Schriftlichkeit - zu binden ist. Es zeigt zugleich, daß eine Pluralität von Realisierungs- und Präsentationsformen konstitutiv für Literaturgeschichte ist: Der Beginn der schriftlichen Aufzeichnungehedem rein mündlicher Volkssprache im frühen Mittelalter zeigt exemplarisch, daß jederzeit mit vielfältigen Formen des Übergangs, mit Zwischenstufen zu rechnen ist, daß sich ein Wechsel in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, in verschiedenen Produzenten- und Rezi-pientenkreisen verschieden schnell und graduell abgestuft vollzieht, daß Ideologie, Tradition und Lebenspraxis den Prozeß gleichermaßen hervorrufen und beeinflussen und vor allem, daß ein neues Medium eine neue Sprache, neue sprachliche Formen bedingt und neue ästhetische Anforderungen und Ansichten hervorbringt.
     

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