Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Literaturkritik



«Literaturkritik», so schrieb Oscar Wilde, «könnte meiner Meinung nach in Form von Notizen gebracht werden: maßgeblich soll dabei nicht das Urteil des Gelehrten oder Pedanten sein, sondern nur die Lesbarkeit des Textes: wenn ein Buch fade ist, sollten wir es gar nicht erwähnen; wenn es geistvoll ist, wird es besprochen.» Das ist kein schlechter Vorsatz für Literaturkritik. Hinzuzufügen wäre: Wenn es schlecht ist, wird es verrissen. Doch der deutliche Verriß, das klare, negative Urteil stehen in Deutschland immer noch im Verdacht der Beckmesserei.
      Dabei hat die Literaturkritik, auch die streitbare, in Deutschland große Ahnen: Lessing, Moses Mendelssohn, die Brüder Schlegel, Börne und Heine, Tucholsky und Jacobsohn. Es ist ein Gewerbe, das der Aufklärung entstammt und in seinen besten Partien selber aufklärend wirkt. Denn Kritik, die nur verdunkelt, predigt, anbetet oder selber nachdichtet, hat ihren Namen nicht verdient.
      Kritik, die ein klares Urteil klar ausspricht, hat jedoch viele Gegner. Noch heute gilt sie manchem als < zersetzend > oder destruktiv, und nichts ist bezeichnender, als daß totalitäre Regime bestrebt waren, Literaturkritik durch < Literaturbetrachtung> zu ersetzen. Kritik, noch in ihrer harmlosesten Form der Literaturkritik, ist nichts Selbstverständliches. Der , gar die ablehnende Kritik, wird von manchen geahndet wie ein Delikt. Noch Anfang der 90er Jahre, im Zusammenhang mit dem Literaturstreit um Christa Wolf, wurden Kritiker als < Scharfrichter > und Kritiken als bezeichnet.
      Die deutsche Literaturkritik, die in Wahrheit außerordentlich vielstimmig und widersprüchlich ist, beruft sich auf unterschiedliche Gewährsmänner. Doch ist der erste und wichtigste immer noch Gotthold Ephraim Lessing, der gleichsam die Magna Charta der Literaturkritik geschrieben hat. In den « Briefen antiquarischen Inhalts » gibt er Verhaltensregeln für den Kritiker:
«Die Höflichkeit ist keine Pflicht, und nicht höflich sein, ist noch lange nicht grob sein. Hingegen zum besten der mehrern freimütig sein, ist Pflicht; sogar es mit Gefahr sein, drüber für ungesittet und bösartig gehalten zu werden ist Pflicht. Wennich Kunstrichter wäre, wenn ich mir getraute, das Kunstrichterschild aushängen zu können: so würde meine Tonart diese sein. Gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger; mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd gegen den Meister; abschreckend und positiv gegen den Stümper; höhnisch gegen den Prahler, und so bitter als möglich gegen den Kabalenmacher. Der Kunstrichter, der gegen alle nur einen Ton hat, hätte besser gar keinen. Und besonders der, der gegen alle nur höflich ist, ist im Grunde gegen die er höflich sein könnte, grob.»
Lessing, so hat der Theaterkritiker Alfred Kerr vermerkt, sei « ein unglaublicher Vorläufer ». Schon Heine hatte darauf hingewiesen, daß es die Sprache Lessings war, und das heißt: die Klarheit des Stils, die sein dauerhaftes Vermächtnis bildeten. «Sein Stil», schrieb Heine in der « Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland », «ist ganz der Stil der römischen Bauwerke: höchste Solidität bei höchster Einfachheit . Daher in der Lessingschen Prosa so wenig von jenen Füllwörtern und Wendungskünsten, die wir bei unserem Periodenbau gleichsam als Mörtel gebrauchen. Noch viel weniger finden wir da jene Gedankenkaryatiden, welche ihr la belle phrase nennt.»
Daran wäre auch heute und mit Nachdruck zu erinnern. Eine hochtheoretische, vom aktuellen philosophischen Modejargon beeinflußte Kritik hat allzuoft das Publikum verprellt, das sie zu gewinnen trachtete. Anders als die wissenschaftlichen Disziplinen der Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte, auch der Kulturphilosophie, wendet sich die Literaturkritik an eine literarisch interessierte Ã-ffentlichkeit, ja an Ã-ffentlichkeit schlechthin. Um sie zu erreichen, muß sie verständlich sein, ohne komplexe Sachverhalte zu simplifizieren.
      Innerhalb der letzten zo Jahre, in denen eine gewaltige Mediengesellschaft entstanden ist, hat auch die Funktion der Literaturkritik sich gewandelt. Mittlerweile liegt ihr Verdienst schon in ihrer puren Existenz: darin, daß die Kritik aus einer fast unübersehbaren Fülle von Neuerscheinungen, Neuauflagen und Gesamtausgaben eine Auswahl trifft, die sie der Ã-ffentlichkeit vorstellt. Die kulturkritische These, unbekannte Autoren und kleine Verlage hätten angesichts dieses Verteilungskampfes keine Chance, läßt sich auch bei großer selbstkritischer Prüfung nicht aufrechterhalten. Die verschiedenen Institutionen der Literaturkritik - Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen, die «Bücher-Bestenliste» des Südwestfunks, das Gremium «Buch des Monats» in Darmstadt - sind ehrgeizig darum bemüht, auch unbekannten und unauffälligen literarischen Erscheinungen Ã-ffentlichkeit zu verschaffen.
     

Kritik und Ã-ffentlichkeit
In den letzten Jahrzehnten wurde immer deutlicher, daß die Kritik zwischen Verlag, Autor und Buchmarkt einerseits, dem Leser andererseits vermittelt. Sie unterrichtet zunächst darüber, was ist. Sie zeigt, was existiert. Wolfgang Koeppens Satz über einen Kritiker - « Er schreibt über mich, also bin ich » - gilt für die Kritik insgesamt. Was kritisiert wird, ist vorhanden. Die wirkliche Waffe der Kritik liegt nicht darin, daß sie bewertet, sondern in ihrer Macht zu entscheiden, was ist und was nicht ist. Daß Kritik werden. Prominentes Beispiel dafür war der 1988 erschienene Roman «Die letzte Welt» von Christoph Ransmayr. Der weithin unbekannte Autor wurde plötzlich einhellig in fast allen deutschsprachigen Zeitungen gerühmt und in kürzester Frist zum Bestseller. Zwar behaupten viele Kritiker, daß es ihnen nicht um Bestsellerruhm gehe. Doch ist diese vornehme Seriosität zumeist die halbe Wahrheit. Jeder Kritiker, der sein Handwerk versteht, möchte einem Werk, von dem er überzeugt ist, größte Aufmerksamkeit und höchste Auflagenzahlen verschaffen.

      Institutionen der Kritik
Bundesrepublik Deutschland
Literaturkritik ist eine pragmatische Tätigkeit: Sie ist an Foren und Formen gebunden, die sich in der Bundesrepublik des ausgehenden 20. Jahrhunderts genau beschreiben lassen. Jenseits der akademischen Fachkritik, wie sie in germanistischen und auch internationalen Zeitschriften geübt wird, nutzt die Kritik ihre traditionellen wie neue, hinzugetretenen Institutionen. Eine Fülle von literarischen Zeitschriften und Magazinen betreibt, wie zu Lessings Zeiten, Literaturkritik für das interessierte Publikum. Einen weitaus größeren Kreis der Ã-ffentlichkeit erreicht die Literaturkritik in Tages- und Wochenzeitungen. Daneben haben sich längst der Rundfunk und mittlerweile auch das Fernsehen als Multiplikatoren der Kritik etabliert. Die Kritik im klassischen Sinn, als < Rezension >, oder Lobrede, findet aber nach wie vor in den Zeitungen statt. Neben solchen Zeitungen, die für ihre Kritik lediglich die 'Waschzettel > der Verlage abschreiben oder Rezensionen der Nachrichtenagenturen übernehmen, gibt es eine Reihe von Regionalzeitungen mit einem überaus ehrgeizigen, selbständigen und umfassenden Literaturteil.
      Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hat den umfassendsten Literaturteil aller deutschsprachigen Zeitungen. Im Laufe eines Jahres werden in ihr mehrere tausend Bücher besprochen: Neben der täglichen Buchbesprechung im Feuilleton findet sich, wie auch bei den anderen überregionalen Tageszeitungen, eine Extraseite für Rezensionen jeden Samstag. Zu den wichtigsten literaturkritischen Institutionen zählt neben den Tageszeitungen «Süddeutsche Zeitung» und «Frankfurter Rundschau» vor allem die in Hamburg erscheinende Wochenzeitung «Die Zeit». Alle diese Zeitungen publizieren mindestens vier Literaturbeilagen pro Jahr, von denen die Beilage zur Buchmesse die wichtigste ist. Gegenstände der Kritik sind nicht nur belletristische Neuerscheinungen, sondern auch wissenschaftliche Werke und Neuauflagen, die oft Anlaß zu Revisionen geben. In dieser Hinsicht erfüllen die Zeitungen auch die Aufgabe, ein literarisches Gedächtnis des Alltags zu sein.
      Neben den Printmedien hat sich seit jeher der Rundfunk der Literaturkritik gewidmet. Alle Rundfunkanstalten unterhalten eigene Literaturredaktionen, und fast alle < freien > Kritiker arbeiten auch für den Rundfunk. Das Fernsehen dagegen hat seit jeher große Schwierigkeiten mit literarischen Werken und kommt oft über Porträts, bildhafte

Umsetzungen und Interviews nicht hinaus. Erst in jüngster Zeit ist durch die Talk-Show «Das literarische Quartett» der Versuch unternommen worden, die Praxis der Literaturkritik auch im Fernsehen zu etablieren. Die allmähliche Verfertigung des Urteils beim Reden war hier zu studieren; freilich auch die ungeheuren Defizite einer Literaturkritik, deren Maßstäbe im bloß Geschmäcklerischen liegen. Zwar sind die Einschaltquoten dieser Veranstaltung gering, doch entsprechen sie den Auflagenziffern einzelner überregionaler Tageszeitungen. Auch die Literaturkritik unterlag in der früheren DDR starkem behördlichen Druck. Kritik an Gegenwartsliteratur konnte nur in den vom Staat kontrollierten Literaturzeitschriften erscheinen oder in jenen Untergrundpublikationen, den «Mappen», die ebenfalls partiell von der Staatssicherheit gesteuert waren. Offiziere der Staatssicherheit hatten durch Agenten unmittelbar Einfluß auf die Gestaltung der Mappen gewonnen, ohne daß dies den Beteiligten bewußt geworden wäre. Zu den wichtigsten Zeitschriften zählten «Sinn und Form», die «neue deutsche literatur» und die «Weimarer Beiträge». Einige der in der DDR lebenden Kritiker konnten in den letzten Jahren dieses Staates auch in West-Deutschland publizieren, u. a. Fritz Rudolf Fries. Ohne Zweifel entwickelte sich innerhalb der DDR eine indirekte und andeutende Kritik, die auf das Zeichensystem der Eingeweihten setzte. Doch auch in der Bundesrepublik wurde, wenn es um Bücher der DDR ging, oft < SklavensprachE) gesprochen. Aus Sorge, den Autoren zu schaden, indem man sie falsch lobte oder falsch verriß, entwickelte sich fast so etwas wie eine DDR-typische Literaturkritik.
      Ausland
Es gibt nur wenige internationale Foren der Literaturkritik. Die meisten sind innerhalb des deutschen Sprachraums ohne Bedeutung. Einen Sonderfall bildet die «Neue Zürcher Zeitung», deren Einfluß auf literarische Debatten erheblich ist. Sie versteht sich als Korrektiv, das die narzißtische Enge der deutsch-deutschen Selbstbeobachtungen relativiert. Besondere Bedeutung im Bereich der Literaturkritik wuchs den Schweizer Zeitungen während der Nazi-Zeit und in den ersten Nachkriegsjahren zu. Helmut Korrodi von der «Neuen Zürcher Zeitung» und Max Rychner, Feuilletonchef der Züricher Tageszeitung «Die Tat», zählten zu den einflußreichsten Kritikern, weit über die Grenzen der Schweiz hinaus. Rychner gehört in den Umkreisjener Literaturkritiker, die, wie Ernst Robert Curtius, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Siegfried Jacobsohn und Siegfried Kracauer in den 20er Jahren, der ästhetischen Moderne zum Durchbruch verhalfen: Kafka, Joyce, Proust und Valery wurden von ihnen in ihrer Bedeutung fast augenblicklich als epochale Erscheinungen erkannt.
      Das wichtigste Rezensionsorgan der angelsächsischen Welt ist die in New York erscheinende «New York Review of Books», die, obwohl nur in einer Auflage von knapp 130000 Exemplaren verbreitet, nahezu alle intellektuellen und literarischen Multiplikatoren erreicht. Ebenfalls in Amerika erscheint die Vierteljahresschrift «World Litera-ture Today», die in Kurzrezensionen die Literaturen fast aller Erdteile vorstellt. Zu den spektakulären Institutionen der Kritik zählte außerdem die in Frankreich produzierte und weltweit zu empfangende Sendung « Apostrophes ».

      Kritiker und Kritik
«Du würdest dem unaufhörlichen Wechsel von Genuß und Arbeit, den das Leben des Zeitungsmannes ausmacht, nicht widerstehn; und widerstehn, das ist die Voraussetzung alles Könnens. Du wärst so entzückt, die Macht auszuüben, Werke des Geistes zum Tod oder zum Leben verurteilen zu können, daß du in zwei Monaten zum reinen Journalisten würdest. Journalist sein heißt, Prokonsul in der Republik der Literatur sein. Wer alles sagen kann, wird bald alles tun! Der Journalismus ist eine Hölle, ein Abgrund, in dem alle Lügen, aller Verrat, alle Ungerechtigkeit lauert; niemand bleibt rein, der ihn durchschreitet.»
An dieser warnenden Einschätzung Balzacs bezüglich der journalistischen Literaturkritik hat sich bis heute wenig geändert. Ende der 60er Jahre entstand, von dem Lyriker Peter Hamm abschätzig geprägt, das Wort vom «Großkritiker». Zu ihnen wurden Hans Mayer, Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens, Walter Höherer und Günter Blöcker gezählt. Kaum zufällig entstammten viele dieser Kritiker jener Organisation, aus der auch ein Großteil der relevanten Autoren stammte: der Gruppe 47. Hier wurde erstmals das Verfahren der schonungslosen Kritik an den Texten anderer geübt - Günter Grass beschrieb es in seinem Roman «Das Treffen in Telgte». Jener viele oft verletzende Ton der fast unbarmherzigen Kritik wurde bei den Tagungen der Gruppe 47 eingeübt und perfektioniert. Hier kritisierten freilich noch Schriftsteller andere Schriftsteller, ehe sich, Anfang der 60er Jahre, jene Gruppe der reinen Kritiker herauszubilden begann, die fortan das literarische Leben der Bundesrepublik prägte.
     
Als Anfang der 60er Jahre ein Großteil der jungen deutschen Nachkriegsliteratur entstand und unbekannte Autoren von sich reden machten - Günter Grass, Martin Walser, Peter Weiss, Siegfried Lenz, Uwe Johnson -, entschied sich auch der Kampf um Einfluß und Macht in der Kritik. Friedrich Sieburg, der wohl einflußreichste Kritiker der Bundesrepublik, Hans-Egon Holthusen und Hans Hennecke prägten die literarischen Auseinandersetzungen der 50er Jahre. Doch während Sieburg noch Autoren wie Alexander Kluge und Arno Schmidt in ihrer Bedeutung erkannte, distanzierte er sich von der Gruppe 47 und ihren Protagonisten. Exemplarisch ist die Auseinandersetzung um den Romancier Gerd Gaiser. Sie bezeichnet genau den Generationenwechsel und Einflußwandel in der bundesrepublikanischen Literaturkritik. Sieburgs Versuche, Gaiser als repräsentative Figur der Nachkriegsliteratur zu etablieren, waren damals erfolgreich. Gaiser war einer der angesehensten Schriftsteller seiner Zeit; seine Romane von Offiziersehre und Jagdfliegerethos wurden hoch gerühmt. Als 1963 Marcel Reich-Ranicki den «Fall Gerd Gaiser» beschrieb , indem er seine literarischen Werke einer schonungslosen Kritik unterzog und damit ein « kompromittiertes Weltbild» öffentlich machte, war dies zugleich ein Paradigmenwechsel der Literaturkritik. Mit dem «Fall Gaiser» begann die bundesrepublikanische Literaturkritik.
      Seit jeher wurde Literaturkritik mit der Person des Kritikers identifiziert. Seit 1945 haben sich neben der Macht der Institutionen der Kritik nur wenige Kritiker behaupten können. Manche haben gerade ein Jahrzehnt die öffentliche Meinung geprägt. Zu ihnen zählen Friedrich Sieburg und Hans Egon Holthusen in den 50er Jahren, Günter Blöcker und Hans Mayer in den 60er Jahren, Fritz J. Raddatz in den 70er Jahren. Nur wenige Schriftsteller haben auch als Kritiker gewirkt und über Einfluß verfügt; der wichtigste unter ihnen ist Hans Magnus En-zensberger. Der wohl einflußreichste und umstrittenste Kritiker, der das literarische Leben über Jahrzehnte dominierte und breite Wirkung auf weite Kreise der Ã-ffentlichkeit hatte, war Marcel Reich-Ranicki.
      Das Verschwinden des Kritikers
1986 veröffentlichte Hans Magnus Enzensberger in der «Neuen Zürcher Zeitung» einen Aufsatz mit dem Titel «Rezensenten-Dämmerung». Darin schrieb er:

« Daß der Kritiker keine Rolle mehr spielt, liegt auf der Hand. Er ist von der gesellschaftlichen Bühne abgetreten, weil er nicht mehr gebraucht wird; weil die Literatur von der er sprach, ihrerseits übergreifende Bedeutung eingebüßt hat. Die Literatur ist frei, aber sie kann die Verfassung des Ganzen weder legitimieren noch in Frage stellen; sie darf alles, aber es kommt nicht mehr auf sie an. Zwei traditionelle Berufe, die es verstanden haben mit der Zeit zu gehen, sind an die vakante Stelle der Kritiker getreten: die Zirkulationsagenten und die Pädagogen. Jene gehören überwiegend der Sphäre der freien Marktwirtschaft an, diese bilden die solide Basis der verstaatlichten Kultur.»
Enzensbergers Votum ergänzt sein Jahrzehnte früher formuliertes Verdikt vom «Tod der Literatur», das das Ende der schöngeistigen, aber « gesellschaftlich irrelevanten » Literatur formulierte. Tatsächlich ist der Kritiker eine Erscheinungsform des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Zeitschriften wie «Der Kunstwart» , «Pan» oder «Jugend» waren immer auch Orte der einflußreichen Kritik. Die Lizenz zu urteilen, zu raten und zu schlichten ist der Literaturkritik im Gefolge des postmodernen zusehends abhanden gekommen. Niemand glaubt mehr an formale Kategorien, die es erlauben, einen Text < objektiv > zu bewerten. Die Subjektivität des Kritikers spielt deshalb eine immer größere Rolle, und es sind jene Kritiker, die sich am engagiertesten zu ihrer Parteilichkeit bekennen, die über den verspürbaren Einfluß verfügen.
      Auch die Gegenstände der Kritik haben sich nachhaltig verändert. Der Kritiker muß nicht mehr - wie etwa in den 20er Jahren - einer mißverstandenen Moderne zu Ansehen verhelfen. Die literarische Moderne bis hin zu Beckett und Thomas Pynchon wurde in den Feuilletons bereits rezipiert. Auch die konservative Kritik der 50er Jahre ist längst erloschen. Niemand würde heute mehr die Bedeutung der Gruppe 47 ernsthaft in Frage stellen, so wie es noch Anfang der 60er Jahre Friedrich Sieburg getan hat. Tatsächlich scheint heute alles möglich und alles erlaubt, es gibt keine Kunstrichtung, die sich per se widerrufen sähe -darin liegt aber auch das Dilemma der aktuellen Kritik. Sie muß mit dem Vorwurf sich auseinandersetzen, daß ihre Gegenstände in einer elektronischen Mediengesellschaft kaum noch jemand interessieren.
      Die Funktion und Rolle der Kritik hat am besten Marcel Reich-Ra-nicki erfaßt: Kritik muß Aufmerksamkeit für einen Autor verschaffen und sich, wenn sie von ihm überzeugt ist, auch entschieden für ihn einsetzen. Ihre Aufgabe kann nicht akademische Interpretation oder gerechtes Abwägen sein. Tatsächlich hat sich gerade in der Literatur der letzten Jahre - zum Beispiel Thorsten Becker, Peter Maiwald, Rainald

Goetz - gezeigt, daß die Kritik bei vielversprechenden Anfängern eher auf übertriebenes Lob setzt, in der Hoffnung, zu besseren Büchern zu motivieren.
      Gegen die rigorose Haltung Reich-Ranickis hat eine Reihe anderer Kritiker, unter anderem Reinhard Baumgart und Peter Hamm, Stellung bezogen. Hamm plädiert für eine verherrlichende Kunstbeschreibung, die, wie im Fall Peter Handke, ihren Gegenstand nicht analysiert, sondern anzubeten scheint. Reinhard Baumgart, einer der wichtigsten und einflußreichsten Kritiker der Bundesrepublik, plädiert für eine « Reflexionskritik » in der Tradition Walter Benjamins, die hochintellektuell, aber zugleich auch intuitiv den Gegenstand beschreibt. Seine Arbeiten über Thomas Mann, Franz Kafka oder Joseph Roth haben selber literarische Qualität. Der Literaturkritiker Jörg Drews ist der Anwalt einer avantgardistischen und extrem elaborierten Literatur. Er zählt zu den großen Befürwortern Arno Schmidts und Hans Wollschlägers.
      Anders als der intellektuell ungeheuer anregende Reinhard Baumgart ist Reich-Ranicki zunehmend zu einem populistischen und populären Kritiker geworden. Er forderte den Kritiker auf, sich nicht mehr in die esoterische Rolle des zurückzuziehen. Dem steht die oft unberechenbar wirkende Eindeutigkeit des oft nicht überprüfbaren Urteils gegenüber: Gerade in dem Verzicht auf akademische Absicherung aber liegt ein Reiz der Literaturkritik. Es gibt jenseits der formalen Erfordernisse keine nachprüfbaren Kriterien und Prinzipien der Literaturkritik; ihre Quelle ist die ins Extrem gesetzte Subjektivität des Kritikers.
      Theorien oder Saisonideologien
Anders als in den politisch geprägten späten 60er und frühen 70er Jahren versteht sich die Kritik der Literatur nicht mehr primär als eine politische. Im Gegenteil, die engagierte Literatur scheint ebenso wie ihre früheren Verfechter dem Vergessen anheimgegeben. Aber auch hochkomplexe Theoriebildungen der Postmoderne wie der französische und amerikanische Dekonstruktivismus spielen in der aktuellen Literaturkritik keine oder nur eine marginale Rolle. Tatsächlich scheint die Kritik außerordentlich theorieresistent zu sein. Darin kommt ihre Funktion erneut zum Vorschein: Sie muß zwischen einer interessierten Ã-ffentlichkeit und dem Buch vermitteln. Ihre Aufgabeist weder, die Schriftsteller zu belehren, noch an Büchern die Plausibi-lität von Theorien zu exemplifizieren.
      Dennoch lassen sich jenseits der geraden aktuellen Saisonideologien Konstanten in der Kritik feststellen. Die Kritik, die ihren eigenen Standpunkt immer wieder in Frage zu stellen bereit ist, verrät deutlich das Erbe Walter Benjamins und Theodor W. Adornos. Der moralische Gestus der Nachkriegsliteratur, wie er etwa für Paul Celan eingeklagt wurde, findet in dieser Theoriebildung sein rationales Konstrukt.
      Die Kritiker am deutschsprachigen Roman scheinen zuweilen Abbilder der Literatur zu sein, für die sie plädieren. Die Vielfältigkeit der Stimmen widerlegt die Behauptung, der Literaturbetrieb sei uniform und eintönig. Diese Lebendigkeit kommt der Literatur, ihren Meistern und ihren Debütanten, zugute. Die literarische Selbstverständigung der Epoche wird durch ihre Verbreitung in der Kritik nicht nur öffentlich, sondern zu einer Tatsache, zu einem Faktum der Wirklichkeit. Darin, Literatur in die Lebenswelt zu integrieren, liegt die wahre Leistung der Kritik.
     

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