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Literarische Gesellschaften, Verbände, Literaturhäuser



Akademien
Weitsichtig hatte bereits an der Wende zum 19. Jahrhundert Friedrich Schlegel empfohlen: «Wie die Kaufleute im Mittelalter so sollten die Künstler jetzt zusammentreten zu einer Hanse, um sich einigermaßen gegenseitig zu schützen » ', was nur wenige Jahrzehnte später die ersten Schriftstellervereine so oder ähnlich sich zum Ziel setzten. Doch schien es zunächst und früher schon den Akademien vorbehalten, und dies zuallererst unter staatlicher oder hoheitlicher Ã"gide, die Rolle des Wahrers und Hüters von Literatur zu übernehmen. Stand dabei zuerst, wie schon bei den Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, die Absicht der Sprachpflege im Vordergrund, die auch Leibniz bei der Gründung der Berliner Akademie der Wissenschaften im Auge hatte , war diese Absicht gegen Ende des 18. Jahrhunderts dahin erweitert worden, «auch das literarische Schaffen zu fördern». Dennoch dauerte es noch über zweihundert Jahre, ehe in Deutschland Dichter Mitglieder einer Akademie werden konnten.
      Erst im Jahre 1926 kam es nach mancherlei Kämpfen zur Gründung einer «Sektion für Dichtung» innerhalb der Preußischen Akademie der Künste . Dem Wunsch nach repräsentativer Anerkennung des Berufsstandes angesichts der von vielen Schriftstellern empfundenen sozialen Deklassierung schien damit entsprochen zu sein; und doch war man sich nicht einig über den «konkreten Nutzen» einer Dichterakademie. Vor allem die Frage, ob man arbeiten oder nur repräsentieren wolle, bildete immer wieder Anlaß zu Kontroversen innerhalb der Sektion3, deren Mitglieder durch Kooptierung gewählt und nicht besoldet wurden, von den konkreten Nöten der Schriftsteller und der Literatur - seien es soziale und wirtschaftliche oder der bald als quälend empfundene Druck literarischer Zensur - gar nicht zu reden.

     
Im Grunde ist dies das Problem der Künstlerakademien in Deutschland bis heute geblieben, der am 28. August 1949 in der Frankfurter Paulskirche proklamierten und seit 1950 in Darmstadt residierenden Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, einer reinen Sprach- und Literaturakademie, ebenso wie der von der Bayerischen Staatsregierung schon ein Jahr zuvor gegründeten Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der 1954 vom West-Berliner Senat «in der Tradition der Preußischen Akademie der Künste » ins Leben gerufenen Akademie der Künste mit jeweils eigenen Abteilungen für Literatur und auch der im Oktober 1949 gegründeten Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, soweit es deren auf Betreiben Alfred Döblins der wissenschaftlichen Akademie angeschlossene «Klasse der Literatur» betrifft. Mit Ausnahme der Akademie in Darmstadt, die als selbständige Institution die Rechtsform eines eingetragenen Vereins besitzt , sind sie staatliche Einrichtungen. Doch räumen ihnen die Satzungen eine weitgehende Unabhängigkeit ein.
      Mitglied dieser Akademien kann nur werden, wer von ihren Gremien aufgrund seiner künstlerischen Leistungen dazu gewählt wird. Darin sind die bestehenden Akademien sich gleich, und es sichert ihnen auf dem literarischen Feld einen hohen Rang.
      In allem, was sie tun, sind sie auf die freiwillige Mitarbeit ihrer Mitglieder angewiesen. Um so erstaunlicher ist, was sie an Publikationen zuwege bringen wie in Darmstadt, wo in einer stattlichen Reihe von Veröffentlichungen vergessene oder verloren geglaubte Texte vorgelegt worden sind, oder in Mainz, wo in der Literaturklasse solide editorische Arbeit im Bereich der klassischen Moderne geleistet wird. Von der Ã-ffentlichkeit wird dies in der Regel wenig bemerkt, weniger jedenfalls als die Vergabe von Literaturpreisen, an der auch Akademien sich beteiligen. Gelegentlich machen sie damit sogar Schlagzeilen. Der Ã-ffentlichkeit entgeht indessen, daß die Akademien auch - nach dem antiken Vorbild im Hain des Akademos - Stätten der Diskussion und des Gesprächs ihrer Mitglieder untereinander sind, wenn sie zu den Jahrestagungen und aus anderen Anlässen zusammenkommen. Die eigene Wirkung solcher von den Zwängen des Betriebs freien und, vor allem, keinen unmittelbaren Zwecken unterworfenen Kommunikation darf nicht unterschätzt werden, so schwer sie auch zu messen ist.

      Der P.E.N.-Club
Solchem Wunsch nach literarischem Diskurs, der sich zugleich entschieden mit dem Willen zum Schutz der Literatur und ihrer Autoren verband, verdankt sich die Gründung des P.E.N.-Clubs, die 1921 auf Initiative der englischen Romanschriftstellerin Amy Dawson-Scott in London erfolgte. Unter dem in der literarischen Welt längst gut bekannten Etikett - dessen Name für «Poets; Playwrights; Editors; No-vellists » steht, wobei unter das « E » bald auch die « Essayists » gefaßt wurden - ist eine weltweit verbreitete Vereinigung von Autoren entstanden, welche, ursprünglich als ein für Schriftsteller konstituiert, die Atmosphäre eines englischen Clubs bis heute nicht verloren hat. Ãober die Aufnahme neuer Mitglieder, die von Angehörigen des Clubs vorgeschlagen werden kann, entscheidet das jeweilige Präsidium nach den Kriterien literarischer Qualität ; die Tätigkeit für den Club geschieht ehrenamtlich, wobei die Mitgliedschaft selbst wiederum mit der Zahlung eines Club-Beitrages verbunden ist.
      1923 bereits bildete sich ein deutsches P.E.N.-Zentrum, das 1933 aufgelöst wurde. Nicht von ungefähr gab es unter national-sozialistischer Herrschaft keinen deutschen P.E.N. Denn die Vereinigung verfolgte bald - durchaus im Sinne ihrer Gründerin Amy Dawson-Scott und anders als die mit sich selbst beschäftigten Akademien - moralisch-politische Ziele:
«Der P.E.N. ist ein Klub, dessen Klubgeist nicht in erster Linie nach innen verpflichtet, sondern nach außen [...]. Seine Charta ist das Grundgesetz einer Weltliteratur, die dem Frieden dienen will und selbst im Krieg den Völkerhaß verwirft, unbehinderte Gedankenfreiheit und freien Austausch von Ideen innerhalb jedes Landes und zwischen den Sprachen und Völkern vertritt, jeden Angriff auf Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst und der Medien bekämpft, jede Zensur [...] zurückweist, das Recht auf Kritik an Regierungen, Staaten, sozialen und anderen Mißständen nicht nur für erlaubt, sondern für geboten hält und die Menschenrechte, wo immer sie bedroht sind, verteidigt.»
Diese Ziele nimmt der P.E.N. mit großer Energie wahr, wie viele seiner Resolutionen es dokumentieren. Sie begründen die Internationalität seiner Organisation und haben zu dem Ansehen geführt, welches der P.E.N. unangefochten und weltweit genießt. Ihr moralischer Anspruch hat freilich nicht verhin-dem können, daß das nach dem Zweiten Weltkrieg auf Betreiben von Peter de Mendelssohn und Johannes R. Becher 1949 in Göttingen neu konstituierte deutsche P.E.N.-Zentrum zwei Jahre später auseinanderbrach, was die Gründung zweier deutscher P.E.N.-Clubs, des « P.E.N.Zentrums Bundesrepublik Deutschland » mit Sitz in Darmstadt und eines «P.E.N-Zentrums Deutsche Demokratische Republik», zur Folge hatte. Die nach 1989 naheliegende Vereinigung beider deutscher Zentren ließ trotz des Falls der Mauer noch Jahre auf sich warten, solange nämlich im ostdeutschen Club Autoren als Mitglieder vertreten waren, die die Mitgliedschaft anderer aus politischen Gründen verhindert oder deren Ausschluß betrieben hatten. Sie erfolgte erst 1998, womit dieses deutsche, im Hinblick auf die Charta zunächst schwierige Problem des P.E.N. endgültig gelöst zu sein scheint.
      Es ist freilich nicht sein einziges gewesen. Denn die gewissermaßen extrovertierte, politische Ausrichtung des P.E.N. bringt es mit sich, daß die ästhetisch-literarische Diskussion der Mitglieder untereinander heute eher eine untergeordnete Rolle spielt. Zwar hat man in den letzten Jahren eine des Clubs angestrebt und die Themen der Jahresversammlungen entsprechend gewählt; sie ist indessen wohl nicht ganz so leicht zu erreichen angesichts der eher an das öffentliche Gewissen als an den ästhetischen Sinn appellierenden Grundsätze der für alle nationalen Zentren verbindlichen Charta, welcher der P.E.N. in erster Linie seine Reputation verdankt.
      Berufsständische Organisationen
Mit der Reputation hatten es in neuerer Zeit die Dichter nicht immer leicht. Doch ging es neben Akademie-Gezänk und neben moralischen Zielen auch - und dies um so dringlicher, je mehr die Schriftsteller sich auf einem freien Literaturmarkt behaupten mußten - um handfeste materielle Belange eines allmählich sich herausbildenden Berufsstandes. Auf sie vor allem konzentrieren sich die auf das Berufsbild entschiedener als auf literarische Absichten fixierten berufsständischen Organisationen. Es ist gewissermaßen ihr Spezifikum, das sie von anderen literarischen Vereinigungen unterscheidet, so daß behauptet werden kann, «daß die wirtschaftliche Interessenvertretung das wichtigste Merkmal moderner schriftstellerischer Berufsorganisationen ist»6.
      Daß eben auch dies < politische > Ziele sind, ist den Schriftstellern erst allmählich bewußt geworden, und die Diskussion darüber und folglich auch über die Wege zur Durchsetzung der konkreten wirtschaftlichen Interessen hat nicht nur im Verlauf der 150jährigen Geschichte schriftstellerischer Interessenvertretungen zur Bildung immer wieder neuer, miteinander konkurrierender Vereinigungen und Verbände geführt, bis von den nationalsozialistischen Machthabern ihre Auflösung erzwungen wurde; sie blieben gerade deswegen auch in der Verfolgung der berufspolitischen Interessen weitgehend macht- und erfolglos. Erst im Jahr 1969, nachdem es in der Nachkriegszeit, nicht zuletzt aufgrund der Aufteilung Deutschlands in verschiedene Besatzungszonen, lediglich regionale Neugründungen auf der Satzungsgrundlage des ehemaligen Schutzverbandes deutschsprachiger Schriftsteller im Exil gegeben hatte, war nach dem berühmt gewordenen Wort Heinrich Bölls « das Ende der Bescheidenheit» gekommen: Unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse gelang es erstmals, die regionalen Verbände in einer zentralen Organisation, dem Verband deutscher Schriftsteller , zusammenzufassen. Ãober die Ziele hieß es in seiner Satzung:
« § 3. Der Verband hat den Zweck, die kulturellen, rechtlichen, beruflichen und sozialen Interessen seiner Mitglieder zu fördern und zu vertreten sowie die internationalen Beziehungen der Schriftsteller zu pflegen. § 4. Der Verband tritt für praktizierte Demokratie, insbesondere die Freiheit der Meinungsäußerung ein.»
Sehr bald hat der Verband jedoch bemerkt, daß es angesichts der besonderen Abhängigkeit der Autoren von den Verwertern ihrer Produkte, in erster Linie also den Verlagen und Rundfunkanstalten, zur Sicherung der materiellen Interessen seiner Mitglieder einer stärkeren tarifpolitischen, einer

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