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Rationalismus und irrationalismus - sichtweisen der moderne i

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Verschwörungstheorien



Neben der Literarisierung der Angst steht die Radikalisierung des Vernunftprinzips. Um der existentiellen Bedrohung durch Angst, die das aufgeklärte Denken erschüttert, vorzubeugen, muß das Prinzip der Aufklärung noch weiter zugespitzt werden - alles muß erklärbar sein; das blendende Licht der Aufklärung muß in die letzten Bereiche des menschlichen Daseins getragen werden, um die letzten Geheimnisse zu lüften, um die letzten, noch unbekannten Dinge endgültig und restlos aufzuklären. Erst dann, wenn keine Fragen mehr offenbleiben, wenn alle Facetten des Denkens, Fühlens und Handelns, wenn die Seele des Menschen und die Rätsel des Kosmos definitiv erklärt worden sind, kann das Unerklärliche nicht mehr erschrecken - es wird nichts Unerklärliches mehr geben! Oder aber, wenn man die Ziele nicht ganz so hoch stecken will: Aus einer unbestimmten Angst vor Unerklärlichem - im Sinne Kierkegaards - kann dann zumindest die Furcht vor etwas Spezifischem werden, eine Furcht, deren Ursachen, die man zu erkennen, zu bestimmen und einzugrenzen vermag, möglicherweise beseitigt werden können.

     
   Als einer der Konduktoren, die im 18. Jahrhundert diffuse Ã"ngste umleiten in greifbare Furcht, erwies sich beispielsweise die Furcht vor Verschwörungen, die freilich keine Erfindung dieses Jahrhunderts war, jedoch in den Aufklärungsbestrebungen und Rationalisierungstendenzen einen ausgezeichneten Nährboden fand und seither die gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Geschicke aller modernen Staaten in mehr oder weniger starkem Maße prägte. Als umfassendes und universelles Phänomen menschlicher Geistes- und Kulturgeschichte wurden Verschwörungstheorien nicht nur zum Thema politischer Diskurse, sondern auch Gegenstand sozialpsychologischer Forschung.1

   Ob Juden, Christen, Jesuiten, Freimaurer, Illuminaten, Kommunisten -immer wieder stößt man in der europäischen Geschichte auf diskriminierte Minderheiten, denen konspirative Tätigkeiten, revolutionäre oder sonstige verbrecherische Absichten unterstellt wurden. Die 'Gesellschaft' fühlt sich durch solche Gruppierungen bedroht und mißbraucht sie nicht selten zur
Kanalisierung eigener Unzulänglichkeiten, als Sündenböcke für allgemeine soziale, wirtschaftliche oder politische Krisen. 'In Zeiten politischer Unsicherheit, der Willkür und des Zwangs, in Zeiten geistiger Unfreiheit und diktatorischer Gewalt treibt die Phantasie die Vorstellungen von solchen geheimen Organisationen, ihrer Macht und ihrem Einfluß ins Ungemessene. Denn stärker als die Realität dieser Institutionen ist die Realität der Angst." Allgemeine Ã"ngste erhalten durch eine solche Form der Personifizierung ein greifbares - und angreifbares - Gesicht; Krisensituationen, deren vielfältige Ursachen auf allen Ebenen gesellschaftlichen Lebens kaum noch überschaubar sind, werden durch die Annahme konspirativer Umtriebe spezifischer Personengruppen monokausal erklärbar und scheinbar kontrollierbar. In vergleichbarer Weise deutet Delumeau die soziale Funktion von Gerüchten, die man in ihrer denunziatorisehen Wirkung als Vorstufe von Verschwörungstheorien bezeichnen könnte, und weist dabei ebenfalls auf den heilsamen Effekt dieser Form gesellschaftlicher Interaktion hin:
Das Gerücht ist [...] gleichermaßen Eingeständnis und Erklärung einer allgemeinen Angst und darüber hinaus das erste Stadium im Prozeß der Abreaktion, die die Menge vorübergehend von ihrer Angst befreien wird. Es ist die Identifizierung einer Bedrohung und die Klärung einer unerträglich gewordenen Situation. Denn wenn eine soziale Gruppe jeden Zweifel an dem Gerücht von sich weist und es akzeptiert, klagt sie auch an. Der Volksfeind wird entlarvt; und das ist schon eine Erleichterung.
Aus Gerüchten werden unter günstigen Rahmenbedingungen sehr schnell komplexe Glaubenssysteme von Vorwürfen und Verdächtigungen, die in irrationalen Verschwörungsängsten gipfeln können. 'Wenn das Gerücht einen Punkt erreicht, an dem es sich jeder Kontrolle durch Kritik entzieht, neigt es dazu, die Macht des entlarvten Feindes zu überschätzen und ihn zum Zentrum teuflischer Machenschaften zu erklären." Dabei sind die entstehenden und kursierenden Verschwörungstheorien sowohl unmittelbarer Ausdruck von individuellen oder gesellschaftlichen Ã"ngsten als auch eine psychologisch motivierte Reaktion darauf, die durchaus dazu beiträgt, die schwelenden Ã"ngste zunächst zu kanalisieren, durch Verortung in der Realität angreifbar zu machen und dadurch teilweise zu bewältigen. Ãoberzeugende Verschwörungstheorien erschaffen jedoch neue Bedrohungen und lösen somit neue Furcht aus. Die Empfindung von Angst und die Bereitschaft, an Konspirationen zu glauben, stehen somit in direkter Abhängigkeit voneinander und potenzieren sich gegenseitig, gleichsam wechselseitig Ursache und Wirkung in einem Teufelskreis aus Angst und irrationalen Schuldzuweisungen. 'Je größer die allgemeine Angst ist, desto eher ist man geneigt,
überall Verschwörungen zu sehen, die von Verbindungsmännern am Ortunterstützt werden. Das soll nicht etwa heißen, daß die fünfte Kolonne nicht mehr als ein Mythos ist. Aber zu allen Zeiten hat die Furcht, die man vor ihrempfand, die Grenzen der Wirklichkeit und des Möglichen gesprengt."1

   Neben die Angst vor Verschwörungen von Minderheiten oder Außenseitergruppen gegen die staatliche Ordnung ist - vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - die Angst vor einer Verschwörung der staatlichen Macht selbst getreten. Regierungen oder Teile der Regierungsapparate werden zu Drahtziehern unrechtmäßiger Aktionen, zu Schaltstellen
politischer Intrigen, die den ideologischen Gegner vernichten und die eigene
Macht vergrößern sollen; die Ã-ffentlichkeit darf über solche konspirativen Vorgänge natürlich nichts erfahren und wird daher belogen, betrogen und in Unwissenheit gehalten. Verschwörungstheorien dieser Art sind geeignete Projektionsflächen für das allgemeine Mißtrauen des Individuums gegen staatliche Autorität, politische Organisationen und demokratische Strukturen moderner Gesellschaften. Gefühle der Ohnmacht gegenüber politischen Entscheidungsprozessen bei gleichzeitiger Abhängigkeit von den Ergebnissen
dieser scheinbar willkürlichen Prozesse, Unzufriedenheit mit Regierungenund deren ideologischen Prägungen und Angst vor übertriebenen staatssichernden Maßnahmen führen zu einem Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Regierung, das auf rationale Weise nicht beigelegt werden kann. Dem Einzelnen drängt sich der Verdacht einer Konspiration von staatlicher Seite auf, die weite Kreise ziehen und durch die umfassenden Einfluß- und Kontrollmöglichkeiten führender politischer Kräfte kaum aufgedeckt und öffentlich gemacht werden kann. So erhalten gesellschaftliche
Entwicklungen und politische Entscheidungen, die dem regierten Bürgerunverständlich und ungerechtfertigt erscheinen, eine überzeugende Erklärung. Die Verschwörungstheorie bietet also auch in diesem Fall eine Kompensation für den beunruhigenden Zustand der Hilflosigkeit angesichts einer Welt, in
der dem Individuum die Kontrolle über sein eigenes Schicksal genommenwurde, und eine scheinbar logische Begründung für Ereignisse, deren kausale Zusammenhänge nicht durchschaubar oder aber überhaupt nicht gegeben sind.
      Besonders in den USA hat sich eine solche Kultur der Verschwörungsangst etabliert. Die Verdächtigungen, denen sich die amerikanische Regierung ausgesetzt sieht, nehmen dabei zuweilen groteske Züge an und tragen deutliche Spuren paranoiden Verhaltens. Als gesellschaftliches Schlüsselerlebnis kann man die Watergate-Affäre von 1972 deuten, die die irrationalen Energien, die zuvor hauptsächlich die Angst vor dem Kommunismus und vorkommunistischer Infiltration genährt hatten, plötzlich gegen die eigene Regierung und das Amt des Präsidenten lenkten. Die Enthüllungen über die Machenschaften Nixons und seines Stabs lösten eine kollektive Verunsicherung aus, die das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihre Regierung fundamental erschütterte und ihre subkutanen Neben- und Nachwirkungen noch heute entfaltet. Retrospektiv gewann auch die Ermordung John F. Kennedys 1963 durch die rätselhaften Begleitumstände des Attentats eine wichtige Bedeutung im Bewußtsein der amerikanischen Bevölkerung hinsichtlich der zweifelhaften Aktivitäten hoher Regierungsbeamter und Regierungsbehörden; zwar stellt Hofstadter in den sechziger Jahren fest, daß die Mutmaßungen über konspirative Machenschaften im Zusammenhang mit Kennedys Tod in Europa sehr viel populärer und verbreiteter seien als in den USA, doch wachsen die Zweifel an der offiziellen Erklärung des rekonstruierten Tathergangs - spätestens seit Oliver Stones spektakulärem und spekulativem Film JFK {JFK - Tatort Dallas, 1991) - auch in Amerika selbst.

     
   Ob im Einzelfall begründet oder nicht, die Skepsis gegenüber der Rechtmäßigkeit der Handlungen von staatlichen Behörden und Präsidenten und gegenüber der Loyalität, die demokratische Regierungen ihren Bürgern schulden, hat in erheblichem Maße zugenommen und ein Gefühl der Bedrohung durch mächtige Konspirationen erzeugt, das nicht zuletzt auch der Angst des Einzelnen vor dem Kontrollverlust in der anonymen, unübersichtlichen Massengesellschaft entspringt - und dies betrifft selbstverständlich nicht nur die USA.
      An dieser Stelle muß betont werden, daß es keineswegs das Ziel dieser Arbeit ist, sämtliche Verschwörungstheorien als reine ideologisch-demagogische Blendungsstrategien oder psychopathologische Erscheinungen zu klassifizieren. Ãober die berechtigte Annahme einiger Verschwörungen und die Wahrscheinlichkeit tatsächlicher konspirativer Vorgänge kann und soll im Rahmen dieser Studie nicht entschieden werden. Denn es geht hier nicht so sehr um konkrete historische Fälle, die im einzelnen untersucht und als Verschwörung bestätigt oder widerlegt werden müßten, sondern um das Phänomen der Theoriebildung zu Verschwörungen und deren sozialgeschichtliche Ursachen generell, also um ein allgemeines gesellschaftliches und psychologisches Phänomen - ein Phänomen, dessen grundlegenden kognitiven Mechanismen darüber hinaus zunächst nichts Pathologisches anhaftet, sondern gesellschaftlich legitimierten Charakteristiken und Wesenszügen des modernen Menschen entsprechen. Die Aura des Wahnhaften entsteht in Extremfällen der Konstruktion von Verschwörungstheorien, inmaßvoller Anwendung steht die Suche nach Erklärungen und kausalen Zusammenhängen, die eine jede Verschwörungstheorie auszeichnet, jedoch völlig in der aufklärerischen Tradition der Moderne und gilt somit nicht nur als normal, sondern als anerkennenswertes Merkmal besonderer Intelligenz und Bewußtheit.
      In diesem Kontext läßt sich aus dem Verschwörungsdenken auch ein gewisses 'utopisches Potential" ableiten, das seine Verfechter vermutlich als Verteidigung ihrer Verhaltensweise gegen die Vorwürfe einer - aus ihrer Sicht - blinden, gutgläubigen Masse anführen würden: Die insistierende Suche nach kausalen Strukturen und Relationen einer komplexen und undurchschaubaren Welt stellt eine letzte Bastion des wachen menschlichen Geistes inmitten der allgemeinen Lethargie dar. Sind die meisten Menschen bereits zu Opfern der Konsumgesellschaft geworden, zu Opfern der sinnlosen Bilder- und Informationsfluten, die sie tagtäglich bis zur Besinnungslosigkeit aus unzähligen Medien und Kanälen umspülen, und ergeben sich kritik- und gedankenlos in ihr Schicksal, so versuchen die Skeptiker, Spuren und Beweise eines sinnstiftenden Systems zu finden und zu sichern. Ihre Aufmerksamkeit läßt nicht nach, sie lassen sich nicht von dem Lärm der medialen Flut betäuben, sondern verfolgen konzentriert und mit scharfem Blick die Geschehnisse in ihrer Umwelt, um logische Schlüsse daraus zu ziehen und bedeutungsvolle Theorien daraus zu entwickeln. Verschwörungstheorien werden durch diese Argumentation kurzerhand zu den letzten Zeugnissen einer rationalen Aufklärung im zersetzenden Prozeß einer postmodernen Kultur der Beliebigkeit und der Vieldeutigkeit. Aber auch dieser Argumentation unterliegen der Wahn maßloser Subjektivität, die Angst vor kognitiven Dissonanzen und das Bedürfnis nach Kausalität und Sicherheit, die die ursächlichen Faktoren der Entstehung von Verschwörungstheorien sind.
      Die oftmals ans Paranoide grenzende Verschwörungsangst ist ein Ergebnis der radikalen Aufklärung, zu deren Prinzipien gehört, daß alles auf eine rational erfaßbare Ursache zurückgeführt werden kann; Kausalität und Zusammenhang sind die vorherrschenden Erklärungsmuster sowohl für soziale Entwicklungen als auch für individuelles Schicksal. Durch den Geist der Aufklärung inspiriert, glaubt der moderne Mensch, alle historischen, politischen und gesellschaftlichen Erscheinungen in einer begründeten, logisch miteinander verketteten Linie erklären und dadurch die Welt mit all ihren disparaten und zunehmend undurchschaubarer werdenden Repräsentationsformen für sich überschaubar und sinnvoll machen zu können. Zufall und Schicksal werden als Erklärungen nicht mehr akzeptiert, hinter jedem Ereignis - sei es nun persönlicher oder politischer Natur - stehen lenkende und bewußt steuernde Kräfte, stehen absichtsvolle Strategien und Bemühungenkonspirativer Gruppen. So wird der Begriff der Intention zu einem Schlüsselbegriff der Verschwörungstheorie und deren psychologischer Fundierung, und der ursprünglich rationale Impuls, der die Suche nach Erklärungen begründete, verwandelt sich in irrationale Obsession. ,,[D]ie spezifische Art von Irrationalität, die Konspirationstheorien auszeichnet", so Groh, '[...] ist mit einer eigensinnigen hochrationalen und hochoperationalen Logik verknüpft." Diese Logik prägt ein Weltbild, das durch und durch rational erklärbar ist, in seiner Gesamtheit aber, seinem konstruierten Kausalnexus, irrationale Dimensionen annimmt. Die Verschwörungstheorie gliedert die Kontingenz der Welt in klare Zusammenhänge und Relationen, sie baut somit Verunsicherung durch Unübersichtlichkeit und Erklärungsdefizite ab; gleichzeitig jedoch errichtet sie ein Weltmodell, dessen einsinnige, polare Architektur jede Erscheinung, jeden Vorgang, jede Beobachtung einem inten-tionalen Schema zuordnet, zum Bestandteil oder unmittelbaren Ergebnis eines konspirativen Plans macht und damit zu einem potentiell bedeutungsvollen, im Zweifelsfalle bedrohlichen Ereignis stilisiert. Der Erklärungsüberschuß, der durch das zwingende logische Raster des umfassenden Verschwörungsverdachts entsteht, produziert scheinbar evidente Beweise für die Existenz und die Gefährlichkeit der mutmaßlichen Konspiration. Erneut entpuppt sich die forcierte Aufklärung in letzter Konsequenz nicht als Instrument zur Ãoberwindung menschlicher Ã"ngste, sondern als Quelle für neue Furcht.
      Seit dem 18. Jahrhundert, seit dem Beginn des vermeintlich unaufhaltsamen Siegeszugs der rationalen Vernunft gegen Irrationalismus und Unmündigkeit der Menschen, hat sich auch der Glaube an Verschwörungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgebreitet. Die Moderne mit ihrem immer komplexer werdenden Beziehungsgefiecht aus Abhängigkeiten und Kontexten in Politik, Wirtschaft und Kultur zwingt das Individuum, das nach Halt und Orientierung sucht, zu Vereinfachungen und standardisierten Denkmustern und scheint so eine Polarisierung des Weltbilds und die daraus resultierende Entstehung von Verschwörungstheorien geradezu herauszufordern. Die Sehnsucht nach klaren Verhältnissen, kausalen Zusammenhängen und Erklärbarkeit der Welt - letztlich: nach schablonenhafter Simplifizierung - entspricht einem tief verwurzelten menschlichen Bedürfnis, das auch durch Rationalisierung und Aufklärung nicht ausgelöscht werden konnte - wie auch, sind doch Rationalisierung und Aufklärung nichts anderes als der sozial durchaus erwünschte, ja geradezu geforderte Brennstoff, der den Motor individueller Bedürfnisse und gesellschaftlicher Entwicklung ruhelos antreibt; sie sind Fundament und stetes Postulat der modernen Gesellschaft und entsprechen als geistesgeschichtliche Phänomene wie auch als konkrete Problemlösungsstrategien des einzelnen Menschen voll und ganz den
Erfordernissen der bürgerlichen Ideologie, die sie ursächlich mitbegründet haben. Die immer intensivere Suche nach rationalen Erklärungen für zunächst unerklärliche Phänomene hebt den menschlichen Hang zur Vereinfachung keineswegs auf, sie verstärkt ihn vielmehr, indem sie Gebiete erschließt, die einer objektiven, faktisch überprüfbaren Kontrolle eigentlich nicht mehr -oder noch nicht - zugänglich sind und daher durch intuitive Konzepte oder irrationale Denkkonstruktionen überbrückt werden müssen. Denn die Aufklärung duldet keine leeren Flächen auf der Landkarte menschlichen Lebens und universaler Erkenntnis, und so hilft sie sich eher mit Notlösungen weiter, als daß sie ihren umfassenden Anspruch auf totale Erschließung und Landnahme aufgibt. Irrationale Tendenzen wie die ideologische Entstellung und Reduktion komplexer Wirklichkeiten werden durch radikale Aufklärung nicht etwa überwunden, sondern im Gegenteil provoziert; es zeigt sich hier also wiederum eine Form der Dialektik der Aufklärung.1

   Eine bündige, nahezu definitorische Umschreibung des sozialen Phänomens der Verschwörungstheorien, ihrer Entstehungsbedingungen und unmittelbaren Konsequenzen bietet Rogalla von Bieberstein, wobei auch er die ambivalente Verflechtung von Rationalisierung einerseits und Konstruktion irrationaler Weltbilder andererseits anführt:
Die Verschwörungsthese hat ihren Nährboden in Zeiten grundlegender ideologischer und politisch-ökonomischer Verunsicherung. Diese ist durch die radikale Infragestellung alter und das gleichzeitige Propagieren neuer Werte im Sinne von einen anderen gesellschaftlichen Grundkonsens stiftenden Legitimitätsgrundlagen gekennzeichnet.[...] Die 'idee de complot' [...] erfüllt dabei eine rationalisierende Funktion, indem sie vorgibt, für alle existentielle Ã"ngste hervorrufenden gesellschaftlichen Ereignisse eine einfache und griffige Erklärung bereit zu haben. Sie ist durch eine interessengeleitete und damit nicht-rationale Denkstruktur gekennzeichnet, welche dualistisch-manichäistische Züge trägt. Damit entspringt sie einem Bedürfnis nach Reduktion der komplexen Realität und vermag eine - wegen ihrer Wahrhaftigkeit - gefährliche Orientierungsfunktion wahrzunehmen. Denn bei der Verschwörungsthese handelt es sich - überwiegend zugestandenermaßen - nicht um ein distanziertes und unparteiisches Erkenntnisinstrument, sondern vielmehr um eine der Feindbestimmung und damit der Feindbekämpfung dienende ideologisch-politische Waffe. Da die Verschwörungsthese nämlich beinhaltet, daß kleine Minderheiten!...] den Geschichtsprozeß in entscheidender Weise - und zwar illegitim - beeinflussen können, müssen diesen Minderheiten zwangsläufig dämonisch-übermenschliche Kräfte zugeschrieben werden. Gleichzeitig wird unter Herabsetzung moralischer Hemmschwellen die Hoffnung erweckt, daß durch die Ausschaltung der wenigen, die Gesellschaft vergiftenden Bösen, der soziale Organismus geheilt werden könne.1

   Es wurde gesagt, daß sich das 18. Jahrhundert durch seine Rationalisierungstendenzen in besonderem Maße der Entstehung und weiten Verbreitung von Verschwörungstheorien anbot. Sie können allerdings nicht allein in jene Zeit gedrängt und sozusagen historisch abgeschoben werden. Denn durch die Verschärfung der gesellschaftlichen Bedeutung und Problematik von Aufklärung und Gegenaufklärung im 20. Jahrhundert haben sich die Ã"ngste vor Verschwörungen keineswegs gelegt, sondern neue, extreme Auswüchse erfahren; sie bilden als sieht- und spürbares Phänomen ein mächtiges Potential an Irrationalismus und regressiver Energie ab, das als latente Größe nach wie vor in der Tiefe scheinbar aufgeklärter gesellschaftlicher und individueller Existenz lauert.
      Die Angst vor einer jüdischen Weltverschwörung erlebte beispielsweise mit der Verbreitung der sogenannten Protokolle der Weisen von Zion im 20. Jahrhundert einen Höhepunkt und verhalf einem seit Jahrhunderten existierenden rassistischen Antisemitismus zu historisch einmaligen, barbarischen Dimensionen. In diesen Protokollen, die in den Jahren 1903 bis 1907 erstmals in Rußland publiziert wurden, nach dem Ersten Weltkrieg in ganz Europa Verbreitung fanden und schließlich auch in der nationalsozialistischen Propaganda gegen die Juden zum Einsatz kamen, sind vierundzwanzig programmatische Reden gesammelt, die angeblich von Mitgliedern einer geheimen jüdischen Regierung bei konspirativen Zusammenkünften gehalten wurden; die Absicht dieser machtvollen Geheimorganisation sei es, die ganze Welt durch geschickte Manipulationen in eine Zustand wirtschaftlicher, geistiger und moralischer Zerrüttung und Lähmung zu versetzen, dann zu erobern und schließlich für immer zu unterjochen, wovon auch die veröffentlichten Reden handeln. Tatsächlich sind die Protokolle Erfindungen antisemitischer Propagandisten, die die Verworfenheit der Juden und die allgegenwärtige Gefahr, die der gesamten Menschheit durch das Judentum drohe, auf diese infame Weise zu dokumentieren versuchten. In diesen Fälschungen spiegeln sich typische Ressentiments gegen das Judentum wider, die bereits im Mittelalter als Vorurteile weit verbreitet waren und immer dann aktualisiert wurden, wenn es in Zeiten gesellschaftlicher Krisen galt, einen Sündenbock ausfindig zu machen. 'Die zugrunde liegenden Vorstellungen entstammen einer uralten Dämonologie", so Cohn über die Ausprägungen der Theorie der jüdischen Weltverschwörung, 'aber die angebliche Verschwörung ist eine ganz moderne Angelegenheit. Sie arbeitet in größtem Maßstab: während Ritualmorde nach den gängigen Vorstellungen nur hin und wieder, einmal hier, einmal da vorkamen, sind die Weisen von Zion eine internationale Regierung, die mit ihren Machenschaften ständig auf die ganze Welt Einfluß nimmt. Auch die
Mittel, mit denen die Weisen ihre Ziele verfolgen, gehören durchaus dem 19. und 20. Jahrhundert an. Diese Hexenmeister murmeln keine Zaubersprüche, sondern lancieren Artikel in die Presse; sie vergiften keine Brunnen, sondern stürzen ganze Länder in Krisen, Kriege und Revolutionen." Die Vermischung mittelalterlicher Vorstellungen mit modernen Ã"ngsten zu einem abschreckenden Feindbild, das irrationale Aversionen und blindwütige Gewalt zu entfesseln vermag, wird möglich durch die spezifische Weise, in der die Juden durch rassistische Verblendung wahrgenommen werden: 'Denn in den Augen des fanatischen Antisemiten behält der Jude alle die mysteriösen, unheimlichen, übernatürlichen Züge, die ihm im Mittelalter zugeschrieben wurden, ist aber zugleich das Symbol der Modernität, oder vielmehr das Symbol alles dessen, was in der modernen Welt als angsteinflößend empfunden wird."

   Die Furcht vor einer weltumspannenden jüdischen Verschwörung, wie sie die Protokolle der Weisen von Zion behaupten, ist in unserem Jahrhundert mit zu den Ursachen der furchtbarsten Verbrechen geworden, die die Menschheit erlebt hat. Verschwörungsangst, so irrational sie sich auch gestalten mag, ist eine mächtige Kraft, dem sich auch der aufgeklärte Mensch des 20. Jahrhunderts nicht ohne weiteres entziehen kann. In den Händen skrupelloser Politiker und menschenverachtender Propagandisten kann sie zu einer gefährlichen Waffe werden, die Vernunft betäubt und irrationalem Wahn den Weg bereitet.
      Auch aus der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart ließen sich Beispiele für Verschwörungstheorien nennen, um die Aktualität dieses Phänomens zu verdeutlichen: Es sei an die Affäre um Uwe Barschel, den ehemaligen Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins, erinnert, der 1987 eine Verschwörung gegen seinen politischen Gegner Engholm initiierte und am 11. Oktober desselben Jahres in dem Genfer Hotel Beau Rivage tot aufgefunden wurde. Hat Barschel Selbstmord verübt - oder ist er selbst einer Konspiration zum Opfer gefallen und ermordet worden? Der Abschlußbericht von 1998 hat die mysteriöse Affäre nicht vollständig und zur Zufriedenheit aller aufklären können, und so kursieren noch immer Gerüchte und Theorien über ein weitverzweigtes Komplott. Ein weiteres Beispiel für die Entstehung und Popularität von Verschwörungstheorien bietet der tragische Unfall der britischen Prinzessin Diana 1997 in Paris. Kaum vernahm die Welt erschüttert die Nachricht vom Tod der Prinzessin, als auch schon die ersten Theorien über die Hintergründe und den Hergang des Unfalls die Runde machten. Rivalen des mutmaßlichen Waffenhändlers Mohamed AI Fayed, des Vaters von Dianas Begleiter Dodi, wurden als Drahtzieher des als Unfall getarnten Anschlags genannt, ebenso das britische Königshaus selbst.
      Ein Verkehrsunfall schien zu schlicht, zu profan für das Sterben der äußerst beliebten Prinzessin von Wales zu sein; der Anlaß verlangte nach spektakuläreren Ursachen.
      Verschwörungstheorien blühen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, von den Abgründen der amerikanischen Politik bis zu den Gipfeln des internationalen Sports: Die Untersuchungen und peinlichen Enthüllungen über das Sexleben des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton im Frühjahr und Sommer 1998, die ihn im Zusammenhang mit seiner Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky in starke politische Bedrängnis brachten und schließlich zu einem offiziellen Amtsenthebungsverfahren führten, wurden von Präsidentengattin Hillary zunächst als Konspiration seiner republikanischen Gegner bezeichnet - bis Clinton durch sein öffentliches Geständnis offenlegte, daß er keineswegs das Opfer von politischen Verschwörern geworden war, sondern das Opfer seiner eigenen Triebhaftigkeit. Berti Vogts, Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, witterte nach der Niederlage seines Teams bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich eine Verschwörung der Schiedsrichter, die es sich zum Ziel gesetzt hätten, Deutschland den verdienten Sieg zu verwehren, mußte sich jedoch kurz darauf für seine Behauptungen und Vorwürfe entschuldigen.
      Die Debatte um die Scientology Church, die an dieser Stelle keinerlei Wertung unterzogen werden soll, macht abschließend deutlich, daß verschwörungstheoretische Gedanken auch heute noch in allen Lagern virulent sind und die öffentliche Diskussion in den Medien größtenteils bestimmen. Fürchten der demokratische Staat und seine Bürgerinnen und Bürger einerseits, daß Scientology nach wirtschaftlicher Potenz und letztlich umfassender politischer Macht strebt und zu diesem Zweck Individuen wie auch die Massen beeinflußt und manipuliert, so sehen sich die Scientologen andererseits selbst als Opfer einer staatlichen Verschwörung, die es sich zum Ziel gemacht habe, eine religiöse Vereinigung durch Konspirationsvorwürfe zu diskreditieren und deren Mitglieder zu denunzieren. Die in diesem Zusammenhang gebrachten Vergleiche mit der Judenverfolgung des NS-Regimes zeigen, daß man sich der Tradition der von staatlicher Seite verbreiteten Verschwörungstheorien durchaus bewußt ist, dieses Bewußtsein auch bei der Bevölkerung voraussetzt und sich folglich in diesem Sinne als Opfer stilisiert.
      'Other centuries have only dabbled in conspiracy like amateurs", so der Sozialpsychologe Moscovici. 'It is our Century which has established conspiracy as a System of thought and a method of action. Ours is in many ways a disturbing Century. It seems as if it is dead set to belie, with insane energy, one after another, all principles on which it appeared to be founded, and allhopes that people had placed in it. Who would dare claim that persecutions of minorities have decreased in our Century? Or that their remedy, tolerance, has gained ground? Or that histoy is progressing in that sense? Such predictions would be based on rare exceptions, and appear as wishful thinking. Once again!" Die politische und soziale Realität unseres Jahrhunderts scheint der nur imaginierten Furcht vor Konspirationen und geheimbündlerischen Ãobergriffen den Rang abzulaufen. 'Es ist vielleicht unseren Tagen vorbehalten geblieben, dem Zeitalter der GPU und Gestapo, der Gasöfen und Konzentrationslager, die Ausgeburten der angsterfüllten Phantasie einzuholen und zu überbieten. Aber wie dem auch sei, immer verlangt es die Menschen danach, die Urheber des Zwangs zu entdecken, Schuldige zu finden in der Hoffnung, so das Böse zu entlarven." Rassenwahn, ideologische Verblendungen, Denunziationen und religiöse und politische Verfolgungen sind die Bilanz eines Jahrhunderts, das sich aufgeklärt und fortschrittlich wähnt; die Angst vor Verschwörungen, vor subversiven Kräften, die die bestehende Ordnung zerstören wollen, bleibt dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor. Mosco-vici hält diese Form einer Verschwörungsmentalität für 'the prototype or matrix of collective thought in our epoch." Und so erscheint es nicht erstaunlich, daß Verschwörungstheorien auch als Grundlage und Modell für individuelle und kollektive Phantasien, für die künstlerische Produktion in verschiedenen Formen, Gattungen und Medien dienen. Das Internet, das multimediale Informations- und Kommunikationsorgan des späten 20. Jahrhunderts, hat sich als besondere Brutstätte konspirativer Theorien und Enthüllungen bewährt; '[...] der elektronische Weltenraum [ist]", so Freyermuth, 'zum zentralen Tummelplatz für Verfolgungs- und Verschwörungswahnsinnige geworden"167. Es scheint so, als ob die 'vernetzte[...] Struktur des Mediums" - die Kapazität des Internets, Schichten um Schichten von Informationen und Daten miteinander zu koppeln und systematisch zu erfassen - 'psychische und intellektuelle Effekte" bewirke und so vor allem die Strategien des Verschwörungsdenkens fördere, nämlich die Zusammenführung und Systematisierung eigentlich unabhängiger Fakten. Das Internet eignet sich daher hervorragend für die Entwicklung und Präsentation von Verschwörungstheorien. Zahlreiche der über das Internet lancierten Theorien entspringen sicherlich dem reinen Spaß an der Freude und sollen auf humorvoll überdrehte Weise nichts anderes demonstrieren als den Irrsinn, der den echten, ernstgemeinten Verschwörungskonstrukten anhaftet; diese findet man allerdings ebenfalls in nicht geringen Mengen im elektronischen Datenlabyrinth. Gleichzeitig jedoch legt das Internet mit seinen unablässigen Strömen von Informationen und seiner daraus resultierenden Tendenz zur
Relativität auch die Unsinnigkeit und die zuweilen paranoide Fixierung von Verschwörungstheorien und deren Propagandisten offen:
Das Medium, das dem Konspirationswahn seine historisch größte Verbreitung verschaffte, läßt zugleich auch seine Absurditäten am deutlichsten erkennen -indem es jede Vermutung, Variante und Version jederzeit verfügbar und abgleichbar macht. Die Totalität der Information, die Gleichzeitigkeit und unhierarchische Gleichberechtigung der einander widersprechenden Konspirationstheorien, offenbart nur zu deutlich ihre jeweilige Logik als Wahn und ihre strenge innere Kohärenz als Beliebigkeit.1

   Die Kunst, die sich einerseits als affirmativer Ausdruck ihrer jeweiligen Entstehungszeit, andererseits auch stets als Widerpart und Korrektiv einer als problematisch erkannten gesellschaftlichen Entwicklung versteht, greift die Angst vor Verschwörungen ebenfalls produktiv auf und verleiht ihr eine unüberhörbare, zuweilen warnende, zuweilen aufdringlich-insistierende Stimme inmitten einer Welt, die sich in einem fundamentalen Zwiespalt gefangen sieht: Kunst wird dadurch gleichsam zum Spiegel der modernen Gesellschaft, die gleichermaßen von einem rationalistischen Alltag und einer irrationalen Grundbefindlichkeit geprägt ist. Literatur und Film schöpfen thematisch von der individuell und gesellschaftlich verankerten Bereitschaft zum Verschwörungsdenken und profitieren einerseits auf oberflächliche Weise von dem allgemeinen Interesse an diesem Sujet und können andererseits die damit verbundene Problematisierung des aufklärerischen Denkens offenlegen und verdeutlichen.' Durch die Kunst und die narrativen Medien bietet sich die Möglichkeit, das weit verbreitete Phänomen der Verschwörungsangst in einer ästhetisch gestalteten Form auszudrücken und zu bewältigen. So wie allgemeine existentielle Ã"ngste sich durch die Schauerliteratur auffangen und produktiv verarbeiten lassen, kann auch die spezifische Angst vor konspirativen Umtrieben zum Objekt und psychologischen Gehalt künstlerischer Aufarbeitung gemacht werden.
      Dabei widmet sich nicht nur die Literatur selbst dem Thema der Verschwörungsangst - auch die Literaturkritik, das Feuilleton, generiert seine eigenen mutmaßlichen Intrigen und Konspirationen, die sich zu Theorien und Kampagnen verdichten, so beispielsweise die Auseinandersetzungen um die ästhetischen und politisch-ethischen Qualitäten der Werke von Autorinnen und Autoren aus der ehemaligen DDR zu Beginn der neunziger Jahre und der vehement geführte Medienstreit um Günter Grass' Roman Ein weites Feld. Die Tendenz zur Bildung und Verbreitung von Verschwörungstheorien ist allgegenwärtig, keine Randerscheinung, sondern ein zentrales Phänomen und diskursives Element der modernen Gesellschaft.
      Wie am Beispiel der politisch und gesellschaftlich wirksam werdenden Verschwörungstheorien deutlich wurde, droht dem fortschreitenden Aufklärungsprozeß stets das Umkippen in einen Zustand irrationaler Furcht vor konspirativen Mächten, die zu ideologischer Kurzsichtigkeit und repressiver Minderheitenpolitik oder zu wachsendem Mißtrauen gegenüber politischen Institutionen und staatlichen Autoritäten führen kann. Rationalismus und Irrationalismus erscheinen also untrennbar miteinander verknüpft, nicht nur als zwei Kräfte, die sich in antagonistischem Verhältnis unversöhnlich gegenüberstehen, sondern als Kräfte, die sich gegenseitig bedingen und in ihrer gemeinsamen Entwicklung durchaus abwechselnd als jeweils dominierende gesellschaftliche Strömung fördern.

     
   Die Fiktionalisierung der Angst und ihre Umwandlung in medialen Unterhaltungsstoff und die radikale Fortsetzung der Aufklärung - mitunter bis hin zu einem Extrem, an dem die Suche nach Antworten und rationalen Erklärungen umschlägt in ein besinnungsloses Konstruieren von Zusammenhängen, Intentionen und Konspirationen und ihren Gipfel in der paranoiden Furcht vor globalen Verschwörungen erreicht - wurden als Bewältigungsstrategien der im Kontext der Rationalisierung seit dem 18. Jahrhundert sich entfaltenden existentiellen Unsicherheiten und Ã"ngste dargestellt. Bemerkenswert daran ist, daß die intendierte Ãoberwindung der Angst zunächst jeweils in einer Potenzierung von Angst mündet: denn weder die literarische Gestaltung und Ã"sthetisierung der Angst, noch ihre gesellschaftliche Attribuierung im Sinne des sozialpsychologischen Phänomens der Verschwörungstheorie bedeuten eine Vermeidung oder Unterdrückung der affektiven Gefühle, sondern - ganz im Gegenteil - eine Konkretisierung und Aktualisierung. Vor der emotionalen Bewältigung steht die Konfrontation mit der Angst; erst in einem zweiten Schritt - bei der Fiktionalisierung der Verschwörungsangst sogar erst in einem dritten Schritt - erfolgt die Katharsis. Die Rezeption von Schauerliteratur oder Horrorgeschichten ist also eine sekundäre, die Rezeption von Geheimbundliteratur oder Verschwörungsfiktionen eine tertiäre Verarbeitungsstufe der ursprünglichen Angstgefühle. Die Komplexität dieser wirkungsästhetischen Abläufe und psychologischen Mechanismen verdeutlicht noch einmal die Ambivalenz rationaler Angstbewältigungsstrategien. Das Irrationale wird nicht einfach abgeschafft oder durch Aufklärung aus dem Gefühls- und Handlungsrepertoire des Individuums entfernt, sondern erfüllt spezifische Funktionen - in der Kunst, aber auch im gesellschaftspolitischen Leben und in Alltagssituationen -, um die Anpassung des emotional determinierten Menschen an eine rationalistisch geprägte Welt zu erleichtern.
      Rationalistische und irrationalistische Tendenzen des menschlichen Denkens und kulturellen Handelns gehen Allianzen ein, die nur mehr auf theoretischer Basis und im Kontext reflexiver Ãoberlegungen voneinander gelöst und getrennt betrachtet werden können. In der kultur- und geistesgeschichtlichen Praxis, in der künstlerischen Produktion und ästhetischen Beurteilung hingegen sind die beiden Prinzipien aufs engste miteinander verknüpft. Als Erscheinungsformen eines irrationalen Rationalismus oder eines rationalen Irrationalismus bestimmen sie die Konkretionen epistemologischer, philosophischer und ästhetischer Diskurse der Moderne und lassen sich in ihren Wirkungen und gesellschaftlichen und psychologischen Konsequenzen nicht isolieren. Die von puristischen Aufklärungsbemühungen intendierte Abspaltung und Liquidierung des Irrationalen erweist sich somit als undurchführbares Projekt und resultiert im Gegenteil in einer scheinbar unauflösbaren Amalgamierung der konträren Erfahrungs- und Wahrnehmungsdimensionen. Das, was gebannt werden sollte, wurde bei dem Versuch, Vernunft zum alleinigen Maßstab menschlicher Existenz zu machen und alle Einflüsse irrationaler Strömungen abzuwehren, nur umso stärker in das Leben miteinbezogen und zu einem kognitiven Bestandteil des aufgeklärten Bewußtseins gemacht. Dies heißt freilich nicht, daß Rationalismus und Irrationalismus ihre Unterscheidbarkeit, ihre Wertigkeit und ihren jeweils spezifischen Charakter gänzlich verloren hätten - sie koexistieren vielmehr in einem Spannungsverhältnis, das ihre Differenzen und ihre prinzipielle Unvereinbarkeit immer wieder schmerzlich bewußt macht. Wie Licht und Dunkelheit sind sie voneinander abhängig und definieren sich aus ihrem Gegenteil; ein Ãobermaß des einen weckt den Wunsch nach dem anderen. Logisches Denken und Emotio-nalität, Kontrolle des Körpers und des Geistes und Willkür der Empfindungen, rationales Kalkül und irrationale Spekulation, materialistische Gesinnung und metaphysische Hoffnung sind im Zuge des anhaltenden Aufklärungsprozesses aneinander gekettet worden und durchdringen sich mit ihren Absichten und Wirkungen, ihren Strategien und Effekten. Sie mögen sich voneinander befreien wollen, da sie sich häufig nicht über die Mittel ihrer Durchsetzung und über den Zweck ihrer Existenz einig sind, doch ihre Gemeinschaft basiert nicht auf Freiwilligkeit - und kann deshalb nicht nach Belieben aufgelöst werden -, sondern auf anthropologischer - und mithin gesellschaftlicher - Notwendigkeit. Ihre Verbindung ist das Resultat einer historischen Entwicklung, die umfassend und spürbar auf alle Bereiche des menschlichen Lebens eingewirkt hat und daher weder verleugnet noch ungeschehen oder gar rückgängig gemacht werden kann.
      An Beispielen aus Literatur, Film und Fernsehen soll im folgenden die fiktive Verarbeitung der Spannung zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung, die folgenschwere Verknüpfung von Rationalität und Irrationalität im Sinne einer Dialektik der Aufklärung, dargestellt werden. Als chronologische Ausgangsund Endpunkte dienen dabei Schillers Romanfragment Der Geisterseher und die US-amerikanische Fernsehserie The X-Files, die gleichsam eine ganze Reihe von Werken überbrücken, die thematisch mit der genannten Problematik verbunden sind und nur auf den ersten Blick keinerlei Berührungspunkte zu haben scheinen. In allen Fällen präsentieren sich entweder die Lust an der Angst oder die Furcht vor Verschwörung - manchmal sogar beide - als zentrale Kategorien ästhetischer Gestaltung und gleichermaßen künstlerischer Bewältigung jener existentiellen Problematik, die die Entwicklung der modernen Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert prägt und hier nur in Ansätzen skizziert werden konnte.
     

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Verschwörungstheorien    


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