Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Rationalismus und irrationalismus - sichtweisen der moderne i

Index
» Rationalismus und irrationalismus - sichtweisen der moderne i
» Aufklärung und Aufklärungskritik

Aufklärung und Aufklärungskritik



Das Gegenteil einer richtigen Aussage ist ein falsche Aussage, aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit ist eine andere tiefe Wahrheit.

     

Der 'Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit"' ist ein langwieriger Prozeß voller Fallstricke und Rückschläge, voller Schmerzen und Enttäuschungen. Dieser Prozeß, der vor 300 Jahren begann, ist noch lange nicht abgeschlossen, und Kants Diktum von 1784 - 'Wenn denn nun gefragt wird: leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung." - besitzt auch heute noch volle Gültigkeit. Trotz zunehmender Rationalisierung und Automatisierung aller Lebensbereiche, trotz Massenmedien, Computertechnologie und vollelektronischer Datenbänke, trotz grenzenloser Kommunikation und potentieller Verfügbarkeit aller Wissensbestände via Internet, trotz Bits und Bytes, internationaler Glasfaserverkabelung und globaler Digitalisierung lebt die Menschheit noch immer in einem gesellschaftlichen Zustand, der es notwendig erscheinen läßt, sich sowohl der Verdienste als auch der Gefahren der Aufklärung zu versichern. Denn beides bestimmt nach wie vor die soziale Realität und die widersprüchlichen Diskurse, die diese Realität zu beschreiben und zu steuern versuchen. Aufklärung und Aufklärungskritik sind zu den wirkungsvollsten Kräften in der politischen, kulturellen und geistigen Entwicklung der Menschheit geworden, zu den ideologischen Motoren der Moderne.
      Eine lange Tradition philosophischer und gesellschaftstheoretischer Auseinandersetzungen begleitet den Weg der Aufklärungsproblematik vom 18. Jahrhundert bis in die heutige Zeit, Namen wie Kant, Hegel, Marx, Nietzsche, Weber, Klages, Lukäcs, Horkheimer, Adorno, Gehlen, Marquard, Sloterdijk und Habermas - um nur einige aus dem deutschsprachigen Raum zu nennen -markieren Stationen und Einschnitte des umstrittenen Prozesses der Aufklärung und der Gegenaufklärung unter verschiedenen geistesgeschichtlichenund ideologischen Vorzeichen. Allen Positionen, so gegensätzlich sie auch sein mögen, ist eines gemeinsam: ihre Abhängigkeit - entweder im Sinne einer Nachfolge oder aber als kalkulierte Gegenreaktion - von jenen Denkprozessen, anthropologischen Vorstellungen, Gesellschaftsmodellen und Utopien, deren vielfältige Virulenz im 18. Jahrhundert den Beginn der modernen Welt markiert. Das Zeitalter der Aufklärung stellte die Weichen für die Zukunft, die unsere heutige Gegenwart ist, und was damals begann, findet heute noch seine Fortsetzung in Theorie und Praxis menschlichen Lebens.
      Das 18. Jahrhundert als Epoche der Aufklärung in Deutschland nötigt aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung [...] zu gegenwartsbezogener Analyse, die nach dem Auftrag und dem Erbe, der Last und den Folgen der Aufklärung in allen entscheidenden Lebens- und Sinnbereichen unserer Existenz zu fragen hat bzw. davon ausgeht. Das 18. Jahrhundert entwickelt jene Argumentationsweisen und Bewußtseinsformen, die in elementarer Weise politisches Denken und Handeln, die Verfassung von Staat und Gesellschaft, das Selbstverständnis des Menschen und Bürgers, die symbolischen Orientierungen des In-der-Welt-Seins des Subjekts sowie - vor allem - deren Legitimation und Kritik bis heute bestimmen.
      Und auch für zukünftige Entwicklungen bleibt die Beschäftigung mit der Aufklärung in ihrer jeweils historischen Erscheinung und mit ihren gesellschaftlichen Konsequenzen unabdingbar. 'Die historische Frage, was Aufklärung zu ihrer Zeit war bzw. bis heute ist, präformiert die programmatische Frage, was Aufklärung auch heute und in Zukunft noch sein könnte oder sein sollte."
Das bedeutendste Erbe des 18. Jahrhunderts ist zweifellos die Problemati-sierung des Vernunftbegriffs; die Aufklärung entdeckte und forderte einerseits die Vernunft als zentrale Größe ihres Entwurfs einer freiheitlichen und humanen Gesellschaft und lieferte dabei andererseits Stoff für eine kritische Auseinandersetzung über den Wert und die Gefahren einer rationalen Welt-und Lebensauffassung.
      Im Laufe der europäischen Geschichte hat die Debatte um Vernunft und Vernunftkritik vielfältige Formen angenommen, zu deren populärsten in den vergangenen Jahrzehnten die Diskussionen um Mythos und Remythisierung der Künste und um die sogenannte Postmoderne geworden sind. Der Postmoderne-Streit ist seit den sechziger Jahren - gemäß der Parole 'Cross the Border - Close the Gap!" eines ihrer amerikanischen Protagonisten - in sämtliche kultur- und gesellschaftswissenschaftliche Disziplinen vorgedrungen und thematisiert die unterschiedlichsten Phänomene zeitgenössischer Sinn-und Kunstproduktion. Doch inmitten all der schillernden, wortgewandten und vieldeutigen Begriffsklärungen, Abgrenzungen und Versuchen, eine Defini-tion dessen zu geben, was man eigentlich unter postmodern zu verstehen hat, läßt sich umrißhaft der altvertraute Kern dieser engagiert geführten Debatte erkennen: die Aufklärung auf dem erkenntnistheoretischen Prüfstand, die Ãoberprüfung ihrer Leistungen, die Problematik ihrer einseitigen Radikalisierung und die Bestrebungen, den fehlgeleiteten gesellschaftlichen Prozeß einer ausschließlichen Vernunftherrschaft zu korrigieren.
      Verfechter einer postmodernen Ã"sthetik einerseits und Verteidiger des noch unvollendeten Projektes der Moderne andererseits führen -so scheint es häufig - eine Art Schattenkrieg, in dem es eigentlich um den Konflikt von rationalen und irrationalen Prinzipien geht, die als konkurrierende Problemlösungsstrategien auf allen existentiellen und kulturellen Ebenen sowohl die Realität unserer Epoche als auch das Idealbild, das wir uns von dieser Epoche machen, prägen. Das Postulat nach Vernunft und das Festhalten an den Idealen der Aufklärung treten der Kritik an einer einseitigen Rationalisierung und dem Glauben an eine Ãoberwindung dieser verhängnisvollen Entwicklung in den Auseinandersetzungen über Theorie und Praxis der Postmoderne gegenüber. Unter den Etiketten Moderne und Postmoderne stoßen also erneut zwei Positionen aufeinander, die trotz neuer Begrifflichkeit, neuer Implikationen und Konnotationen die schon beinahe traditionell zu nennende Antithetik zwischen Bejahung und Perpetuierung der Aufklärung auf der einen Seite und Kritik und Ablehnung einer radikalen Form der Aufklärung auf der anderen Seite abbilden.
      Daß die Art und Weise, wie und mit welchen Argumenten der Streit ausge-fochten wird, nicht zwangsläufig der Sache an sich gerecht werden muß, versteht sich von selbst. So kann auch die Reduktion der Postmoderne-Debatte auf eine schlichte Aufklärungs-/Anti-Aufklärungs-Polarität selbstverständlich nicht als letztes Wort verstanden werden, auch wenn die Diskussion häufig diese Richtung einschlägt und somit auf alle Fälle die enorme Affinität dieser beiden vermeintlichen Dualismen anzeigt. Huyssen und Scherpe weisen explizit daraufhin, daß ,,[d]as Verhältnis einzelner Strömungen der Postmoderne zur Moderne [...] nicht ein ein-deutiges [ist], da die Moderne selbst in sich widersprüchlich, vielfältig und äußerst differenziert ist. In ihr gab es aufklärerische, humanistische und utopische Impulse wie auch destruktive, anarchische und totalitäre Energien. In keinem Fall sollte man, was heute oft geschieht, Moderne auf Aufklärung, Postmoderne auf Gegenaufklärung reduzieren. Damit würde man nur mehr - eins rechts, eins links - an dem alten Rationalismus-Irrationalismus-Muster weiterstricken, das sich schon in der Expressionismus-Debatte der 30er Jahre als unproduktiv erwiesen hatte.""
Unverzeihlich wäre es, an dieser Stelle alte, überholte Muster weiterzu-stricken; der Hinweis auf die Postmoderne-Debatte und deren - scharfkritisierte - Stellvertreterfunktion für die Auseinandersetzungen zwischen Verteidigern und Gegnern der Aufklärung muß vorerst genügen.
      Aufklärung - ein Thema mit Variationen und verschiedenen Gesichtern, eine Debatte, die nicht zum Ende zu kommen scheint, nicht zum Ende kommen kann, denn ihre ständige Fortsetzung und die ständige Problematisierung ihres Gegenstandes sind zur Grundlage unserer Kultur geworden - ohne diesen Streit um Segen und Fluch der Aufklärung würde die zivilisierte abendländische Gesellschaft aufhören so zu sein, wie sie ist, und in einen neuen Zustand übergehen, über den zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nichts gesagt werden kann, nichts Gutes und auch nichts Schlechtes. Aufklärung und Aufklärungskritik bilden ein Koordinatensystem, innerhalb dessen sich die moderne Welt mit all ihren Erscheinungsformen und Repräsentationen lokalisieren läßt.
      Die moderne Lebenswelt zeigt sich dabei im großen und ganzen als Ergebnis einer bestimmten Form der Aufklärung, der Dominanz einer streng rationalistisch geprägten Vernunftkultur, die sowohl Resultat einer mehr als dreihundertjährigen Geschichte der Aufklärung als auch Postulat der noch einzulösenden Utopie einer vernunftbestimmten Gesellschaft mündiger Individuen ist: das unvollendete Projekt der Moderne als work in progress sozusagen, das sich zu einem großen Teil verwirklicht zu haben scheint, seine Prinzipien aber einer immer extremeren Radikalisierung unterwirft und durch diese Zuspitzung immer weiter vom erhofften Endziel einer befreiten und im Bewußtsein ihrer Gleichheit und Brüderlichkeit vereinten Menschheit abkommt. Daher wird Rationalität heute generell nicht mehr als höchste Stufe menschlicher Existenz- und Ausdrucksform, als Grundlage und Ferment einer aufblühenden Kultur und als Segen einer prosperierenden Gesellschaft aufgefaßt, sondern vielmehr kritisch als gefährliches Produkt der abendländischen Geistesgeschichte, als lebensfeindliches heuristisches Prinzip der Moderne betrachtet und abgewertet. Das Telos einer einst idealisch verehrten und angestrebten Gesellschaftsutopie ist zum Feindbild mutiert und in dieser Funktion zum bevorzugten Problemgegenstand philosophischer und episte-mologischer, aber auch öffentlicher Debatten des 20. Jahrhunderts geworden. So konstatiert Horkheimer in seiner Kritik der instrumenteilen Vernunft, daß ,,[d]as Individuum [...] einmal die Vernunft ausschließlich als ein Instrument des Selbst [bestimmte]. Jetzt erfährt es die Kehrseite seiner Selbstvergottung. Die Maschine hat den Piloten abgeworfen; sie rast blind in den Raum. Im Augenblick ihrer Vollendung ist die Vernunft irrational und dumm geworden." Und er schließt mit den Worten: 'Wenn wir unter Aufklärung und geistigem Fortschritt die Befreiung des Menschen vom Aberglauben an böse
Kräfte, an Dämonen und Feen, an das blinde Schicksal - kurz, die Emanzipation von Angst - verstehen, dann ist die Denunziation dessen, was gegenwärtig Vernunft heißt, der größte Dienst, den die Vernunft leisten kann."

   'An der Tagesordnung ist nicht Vernunft, sondern Vernunftkritik", diagnostiziert Welsch. 'Und diese Kritik ist rigoros und umfassend. Die Vernunft wird repressiver Züge und zerstörerischer Wirkungen bezichtigt. Repressiv sei sie - so heißt es seit langem - gegenüber dem Individuellen; zerstörerisch sei sie - so sagt man heute im besonderen - gegenüber der Natur. Zudem sei sie eurozentrisch, phallozentrisch und konstitutiv blind für ihr Anderes. Ihre avancierteste, ja ihre Offenbarungsgestalt sei die Kriegstechnologie - und unsere vernunftbestimmte Zivilisation führe im Grunde einen alltäglichen Bürgerkrieg gegen die Spezies Mensch."

   Die revolutionäre Umwälzung der sozialen Realität durch die Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert hat den Menschen zum funktionellen Bestandteil eines unaufhaltsamen Produktionsprozesses degradiert. Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert, die das Rationalitätsprinzip in den Dienst zerstörerischer und inhumaner Militärmaschinerien stellten und Menschenleben und -leiden auf Statistiken und Verlustlisten in Millionenhöhe reduzierten, haben die Bedeutungslosigkeit menschlicher Existenz angesichts entfesselter Technologie vor Augen geführt. Die medizinischen Fortschritte des ausgehenden Jahrtausends ermöglichen es, durch lebenserhaltende Maschinen den Körper eines Sterbenden unbegrenzt im Zustand zwischen Leben und Tod zu halten; die Gentechnologie erlaubt es unseren Wissenschaftlern, die individuellen Merkmale jeder beliebigen ungeborenen Kreatur vorherzubestimmen, zu manipulieren oder die Kreatur selbst durch Klonen identisch zu vervielfältigen. Dadurch aber werden der Wert und die Qualität des menschlichen Lebens relativiert und zu austauschbaren Variablen in einer mathematischen Gleichung unabsehbarer medizinisch-biologischer Zukunftsperspektiven und unkalkulierbarer gesellschaftlicher Konsequenzen gemacht.
      Doch die Einseitigkeit unserer Vernunftkultur wurde nicht erst nach diesen desillusionierenden historischen Erfahrungen und mit dem unmittelbaren Spürbarwerden wissenschaftlicher Ambiguitäten scharf kritisiert, sondern bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts als eine Gefahr für die Menschen eingestuft; Spätaufklärung bedeutet in diesem Zusammenhang auch kritische Relativierung der Ideale und der tatsächlichen Errungenschaften der frühen rationalen Aufklärung. Mit der gleichen Energie und Anstrengung, mit der man sich in den vergangenen Jahrhunderten bemühte, das Projekt der rationalen Aufklärung zu realisieren, und auf dem Weg der Technologisierung und Entzauberung der Welt ungebremst voranschritt, traten auch

Kräfte auf, die im Namen der Aufklärungskritik die heilbringende Wirkung des schrankenlosen Primats einer instrumentellen Vernunft anzuzweifeln wußten. Dabei präsentierte sich die Bewegung der Gegenaufklärer des 18. und des frühen 19. Jahrhunderts als eine überaus heterogene Gruppe, deren einzelne Vertreter und Verfechter mit unterschiedlichen politischen, sozialen und religiösen Vorstellungen und Intentionen gegen die rationalistische Aufklärung Stellung bezogen. Die Positionen reichten von gemäßigt konservativ bis offen reaktionär, und nicht jeder Gegner der liberalen geistigmoralischen Entwicklung entpuppte sich zwangsläufig als unerbittlicher Erzkatholik wie beispielsweise der sächsische Reichstagsgesandte Valentin Franz von Emerich, der die Philosophen und Verbreiter der Freigeisterei und deren Helfer - also Verleger, Buchdrucker und -händler - als Ketzer und Teufelsdiener brandmarkte und deren Hinrichtung forderte. Von einer einheitlichen, geschlossenen Fraktion der Aufklärungsgegner kann also keine Rede sein. Darüber hinaus muß hier differenziert werden zwischen konstruktiver Aufklärungskritik einerseits, die häufig aus den Reihen der Aufklärer selbst kam und der Sache dienen sollte, und destruktiver Aufklärungskritik andererseits, die sich unverstellt, polemisch und aggressiv gegen die Ausbreitung aufklärerischer Tendenzen richtete.
      Die Schnittstelle beider liegt dort, wo Problematisches der Aufklärung nicht zugunsten ihrer Progression, sondern um ihrer Beeinträchtigung oder Schädigung willen diskutiert und ihr zugleich unterstellt wird, sie ziele auf den Umsturz der staatlich-religiösen Verhältnisse ab. Gegenaufklärung setzt sich mit aufklärerischen Ideen, Vorstellungen und Prinzipien auseinander, um sie herabzuwürdigen, auszuhöhlen, zu verdrehen und derart wider ihre Urheber umzukehren.
      Ein kritisches Verhältnis zu den Entwicklungen und möglichen Konsequenzen der rationalen Aufklärung führt also nicht zwingend ins Lager der unversöhnlichen Aufklärungsgegner, sondern kann sich durchaus noch im Rahmen einer grundsätzlich befürwortenden Position etablieren. Die Skepsis hinsichtlich der Dominanz reiner Vernunft entwickelte sich parallel zu und ursächlich aus der Entfaltung rationalistischer Prinzipien und gesellte sich schon bald als nahezu integraler Bestandteil an die Seite der Aufklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts. Als Aufklärung über die Aufklärung zog sie die Schattenseiten des Rationalismus und die Gefahren seiner einseitigen Vorherrschaft im menschlichen Leben ans Licht und stellte sie mit der gleichen Schonungslosigkeit bloß wie zuvor die irrationalen Phänomene der voraufklärerischen Zeit.
      Die radikale Aufklärung, so erkannte man früh, führt nicht in das Paradies einer mündigen Menschheit, sondern in die Hölle der zweckrationalen Entmenschlichung, in der keinerlei Normen und Werte, keinerlei ethische Richtlinien mehr gelten außer dem rücksichtslosen Egoismus des auf sich selbst zurückgeworfenen und nur von sich selbst abhängigen Individuums. Die Utopie einer freiheitlichen Ordnung durch die Herrschaft der Vernunft scheitert an der destruktiven Kraft der Aufklärung, die alle Werte, alle Glaubensinhalte und zuletzt sich selbst in Frage stellt. Der Durchbruch zum rein materialistischen Denken entpuppt sich somit als Pyrrhussieg. Die Aufklärung 'hat, indem sie den Glauben an die Heilswahrheiten zerstört hat, die Weltzerstörung ermöglicht", behauptet Schneiders pessimistisch. 'Anstatt allen einen Halt zu geben, hat sie allen vorhandenen Halt weggenommen und damit die Menschheit ins Bodenlose gestürzt. Seitdem befinden wir uns im freien Fall." Ohne transzendenten Halt, ohne metaphysische Unterstützung vermag der Mensch aber kaum zu leben, und in einem Kosmos ohne Gott, ohne wirkende Mächte, die das kalte, logische Kalkül zu übersteigen vermögen, schafft sich der einsam Hoffende eine neue Mythologie.
      Postman weist darauf hin, 'daß wir ohne [Götter] nicht auskommen können, daß wir, wie immer sonst wir uns nennen mögen, die götterschaffende Spezies sind. Unser Genie liegt in unserer Fähigkeit, Bedeutung durch Erzählungen zu erzeugen, die unserer Arbeit Sinn gibt, unsere Historie überhöht, unsere Gegenwart beleuchtet und unserer Zukunft Richtung verleiht." Erzählungen - Lyotards Konzept der grands recits -bedeuten für den Moralisten Postman sinnstiftende Konstrukte mit deutlich theologischen Ausprägungen. 'Nicht irgendeine Erzählung" kann den Menschen daher helfen, ihre Existenz zu meistern, 'sondern eine, die von Ursprüngen spricht und die Vision einer Zukunft heraufbeschwört; eine Erzählung, die Ideale aufstellt, Verhaltensregeln vorschreibt, Autoritäten schafft und vor allem ein Gefühl von Kontinuität und Zielbewußtsein vermittelt." Tatsächlich suchen und produzieren die Menschen viele Erzählungen und Mythologien, die ihrem Bedürfnis nach Orientierung entgegenkommen, nicht jede dieser Erzählungen jedoch bietet ein so umfassendes Erklärungs- und Sinnpotential, wie Postman es gerne hätte. Die Philosophen der Postmoderne haben das Ende der Verbindlichkeit der grands recits proklamiert. An die Stelle eines geschlossenen Wissenssystems ist eine Ansammlung heterogener wissenschaftlicher Sprachspiele - im Sinne Wittgensteins - getreten, die als unabschließbarer Prozeß der Wissenserneuerung und -relativierung zu verstehen ist. Die Metaerzählungen, die im 18. und 19. Jahrhundert noch sinnstiftend und richtungsweisend auf die Erforschung und Tradierung objektiven Wissens eingewirkt haben, sind einer

Vielzahl divergierender gesellschaftlicher Diskurse gewichen, die unvereinbar nebeneinander existieren. Doch der Bedarf nach Erzählungen und verbindlichen Wissens- und Handlungskategorien und die daraus resultierenden Versuche permanenter kultureller Sinnkonstruktion lassen sich nicht von der Hand weisen. Die götterschaffende Fähigkeit zeigt sich in allen Domänen menschlichen Denkens und Handelns; im Bereich der Kunst und der Literatur scheint dieses Unterfangen aber leichter zu gelingen als auf einer umfassenden existentiellen oder gar gesellschaftlichen Ebene. Mit der vielfältigen Verarbeitung mythologischer Elemente und der Erschaffung neuer Mythen in den narrativen Künsten findet die Sinnsuche des Menschen in aufgeklärten Zeiten ihren stärksten und vermutlich einflußreichsten Ausdruck. Ist der sinnstiftende und trostspendende Zusammenhang zwischen menschlichem Dasein und göttlichem Wirken auf gesamtgesellschaftlicher Basis verlorengegangen, so stellen die Erzeugnisse der Kunst, in zunehmendem Maße losgelöst aus ihrer sozialen Bedingtheit und ihren einseitigen, affirmativen Repräsentationsfunktionen, einen fruchtbaren Ersatz dar. In einer entgötterten Welt liefern sie Antworten auf nahezu alle Fragen - Kontexte und Erklärungsmodelle, Mythologien und Religionssubstitute für jedermann, Sinnderivate in einer Epoche, die keinen allgemeingültigen, überindividuell anerkannten Sinn mehr zu bieten vermag. Aber sie bleiben der Sphäre der Kunst verhaftet, wirkungsvoll zwar in ihrer ästhetischen und traditionsbildenden Kraft, aber im großen und ganzen wirkungslos in ihren anthropologischen Implikationen, ihren sozialen und gesellschaftspolitischen Konsequenzen.
      Die Separation von Kunst und Gesellschaft, die im / 'art pour l 'art-Pr'mzip und in Formen des Manierismus und Ã"sthetizismus gipfelt, erzeugt Reservate einer partiellen Sinngebung, die das Individuum zwar berühren können, die gesamtgesellschaftlich jedoch kaum Einfluß zeigen; sie können zu Glaubenssystemen und Ideologien des einzelnen werden, der Gesamtheit der aufgeklärten Menschheit bieten sie allerdings keine Gewißheit und keine Orientierung. Das heißt nicht, daß die künstlerische Produktion keine Bezüge zur Wirklichkeit hätte, keine Reflexion oder Interpretation der sozialen und historischen Entwicklungen darstelle - ganz im Gegenteil: gerade ihre Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Ansprüchen erlaubt der Kunst, in Territorien menschlicher Lebensfülle vorzustoßen, die aus dem rationalen Alltag gemeinhin ausgeschlossen wurden, und Bedürfnisse zu stillen, deren Befriedigung die angepaßte gesellschaftliche Existenz in der Regel nicht zuläßt. Kunst und Gesellschaft sind also komplementär aufeinander bezogen und funktional miteinander verknüpft. Doch während menschliches Fühlen, Denken und Handeln in ihren geistesgeschichtlichen und sozialen Ab-hängigkeiten der Kunst unentwegt wertvolle Impulse geben, gelingt es den Heilsbotschaften oder den apokalyptischen Warnungen der Kunst im Gegenzug nicht, verändernd in das gesellschaftliche Bewußtsein der Menschen einzudringen; die soziale Realität und die darunterliegende anthropologischphilosophische conditio humana unserer Epoche bleiben im wesentlichen von den Vorstellungen und Lebensentwürfen in Kunst und Literatur unberührt. Die neuen Mythologien, die sich hier vielfach entfalten, verfügen nicht über das Potential, die entgötterte Welt neu zu beleben.
      Eine kritische Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Lage am Ende unseres Jahrhunderts wirft kein allzu gutes Licht auf die Menschheitsentwicklung im Zeichen der reinen Vernunft und scheint die Notwendigkeit einer neuen Mythologie, eines neuen Glaubens an sinnstiftende und heilbringende Kräfte zu untermauern. Was sich dem aufgeklärten, desillusionierten Blick bietet, trägt - aus einer Perspektive betrachtet, die man nicht zwangsläufig als kulturpessimistisch bezeichnen muß - Spuren einer apokalyptischen Vision, in der der Mensch seinen angestammten Platz in der Ordnung der Dinge zusehends verliert und ohnmächtig und hilflos auf einen Abgrund zusteuert, den er sich selbst geschaffen hat, den er jedoch nicht mehr überwinden zu können scheint.
      Der Wille zur Herrschaft über die Erde und deren naturhafte Kräfte hat die Gestalt einer rücksichtslosen Ausbeutung angenommen; Natur wird zerstört, Ressourcen geplündert, die Umwelt durch Schadstoffe belastet, der Planet und dessen Ã-kosysteme einem schleichenden Verfall ausgeliefert, der sich in wiederkehrenden Naturkatastrophen, in der Verödung und Vergiftung großer Territorien und in irreparablen Schäden geographischer und atmosphärischer Formationen manifestiert. Am Ende des durch Aufklärung und Rationalität geprägten Fortschrittsprozesses droht die globale Katastrophe. Technische Innovationen stoßen nur noch in wenigen Ausnahmefällen auf einhellige Begeisterung; das Mißtrauen in Maschinen und Technologie ist groß, und jeder vermeintliche Vorzug eines neuen Produkts oder einer neuen Anwendungsmöglichkeit wird augenblicklich durch potentielle Nachteile oder Gefahren überschattet. In den Industrienationen leidet ein Großteil der Bevölkerung an seiner sinnentleerten Existenz; Hoffnungslosigkeit, Depressionen, Anfälligkeit für psychische Erkrankungen und der Verlust von Idealen und moralisch-ethischen Ãoberzeugungen führen zu Lebenseinstellungen, deren Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen oder Nationen nur noch von der Verzweiflung an der eigenen Rückhaltlosigkeit übertroffen werden. Das soziale Gefälle wird durch die ungleiche Verteilung von Kapital und Produktionsmittel steiler und die Gesellschaftsstrukturensomit anfälliger für Belastungen und Erschütterungen; dramatische Veränderungen der Arbeitswelt - Rationalisierungsmaßnahmen, der Umstieg auf computergesteuerte und elektronisch überwachte Herstellungsprozesse, die Spezialisierung einzelner Tätigkeitsbereiche - erzeugen eine zunehmende Zahl von Arbeitslosen, deren Unzufriedenheit sich wiederum an der ungleichen Verteilung materieller Güter innerhalb der Gesellschaft entzündet. In den Großstädten herrschen Gewalt und Zügellosigkeit, die der modernen Gesellschaft das Antlitz einer mörderischen, triebgesteuerten Bestie verleihen, die sich in immer stärker werdenden Anfällen und Ausbrüchen gegen das erdrückende Diktat der Rationalität und normierten Ordnung erhebt und sich mit wilder Entschlossenheit aufbäumt, um aus dem selbst errichteten Käfig auszubrechen. Nationalistische Konflikte und militärische Auseinandersetzungen bestimmen das politische Geschehen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, das von weltweiten Kriegen erschüttert wurde, und bestätigen die niederschmetternden Vorstellungen von der Unverbesserlichkeit des Menschen und seiner Unfähigkeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Globale Kommunikation scheint die Menschen nicht näher gebracht, sondern die Isolation und Verunsicherung des einzelnen verstärkt zu haben; die Medien vermitteln ein Bild dieser Welt, dessen Grenzen zwischen Realität und Fiktion porös und zunehmend durchlässig werden, sie entwerfen eine Scheinwirklichkeit, die sich zwischen Subjekt und Objekt drängt und die individuelle wie auch die kollektive Wahrnehmungsweise, den sozialen Alltag und das kulturelle Leben nachhaltig, aber auf noch nicht abzusehende Art und Weise verändern wird. Schein und Sein werden austauschbar, Kategorien des Denkens und Handelns gehen verloren, Ersatzwirklichkeiten, Virtual reality und Substitute in allen Bereichen zwischenmenschlicher Kommunikation, ein Ãobermaß an Begriffen und abstrakten Vorstellungen und die Sucht nach immer neuen Codierungen, Modellen und zeichenhaften Sinnkonstrukten für immer weniger konkrete Sachverhalte löschen die materiell greifbare Welt aus und erzeugen eine Labyrinth von Spiegel- und Scheinwelten, die - obwohl Produkte aufklärerischen Denkens und moderner Technologie - mit den Mitteln und Methoden der Aufklärung und nach rationalen Maßstäben kognitiv kaum noch zu bewältigen sind. Das, was Hassan unter dem Begriff Immanenz als Charakteristikum postmoderner Kultur beschreibt , wird unter dem verstärkenden Einfluß der Medien und der elektronischen Verarbeitung und Speicherung aller denkbaren und 'undenkbaren' Informationen zu einer haltlosen Fluchtbewegung des menschlichen Geistes aus der Realität, zu einer Lawine in eine aus reiner Sprachlichkeit, Abstraktion und Intertextualität geformte Innerlichkeit, in einen virtuellen Erfahrungsraum, der endlose Datenketten produziert undmultipliziert, ohne den Anschluß an die Außenwelt zu suchen. Der cyber space der reinen Vernunft, der unaufhörlichen Begriffsproduktion und der unendlichen Vernetzungen entpuppt sich als unbegrenzte Spielwiese für Akademiker, Sinnsucher und Scharlatane, aber auch als Kerker der Intellektualität, dessen Kammern und Grüfte zwar vom blendenden Schein der Aufklärung durchleuchtet werden, der aber dennoch in immer tiefere Tiefen und Abgründe der Inhaltslosigkeit und der Diktatur der sinnentleerten Form führt.
      Zugegeben: Diese Auflistung mutet übertrieben pessimistisch an und sieht gerade dort schwarz, wo vielleicht doch noch Hoffnungslichter in Form neuer Technologien und neuer Erfahrungsbereiche glimmen, doch die negative Einschätzung der technologischen Entwicklung unserer modernen Zeit und Gesellschaft - mag diese Einschätzung nun wahr oder falsch sein - spiegelt eine weit verbreitete Stimmung in der Bevölkerung wider. Und angesichts dieser Haltung gegenüber dem vorläufigen Endprodukt des historischen Prozesses der Aufklärung und der Vernunftherrschaft und unter dem Eindruck einer drohenden ökologischen oder sozialen Katastrophe aufgrund einer einseitigen Rationalisierung der Lebenswelt, wird die Suche vieler Menschen nach verläßlichen Orientierungspunkten, nach ideologischen Haltetauen jenseits des Vernunftprinzips und nach Mächten, die eine Katastrophe stoppen könnten, verständlich.
      Die absolute Hinwendung zur Vernunft mit dem Ziel der Befreiung von allen Formen des Irrationalismus führt nicht zur erhofften sozialen und geistigen Emanzipation, sondern steuert ihrerseits wieder zurück zu einer sehnsüchtigen Hingabe an irrationale Prinzipien. Aberglaube, Wunderglaube und die Flucht in trostspendende Bereiche esoterischer Heilslehren sind die Konsequenzen einer kulturellen Entwicklung, die den Menschen seiner sinnhaften Ganzheit beraubt und statt dessen die alleinige Herrschaft der Ratio propagiert; die Loslösung des Menschen aus allen Glaubenssystemen und seine seelische Isolation in einer durch und durch aufgeklärten Lebenswelt erzeugen ein Vakuum, das sich - gewollt oder ungewollt - mit neuen und alten Ideologien ausfüllen läßt. Der Glaube an die Vernunft weicht so einem nur scheinbar längst überwundenen Irrglauben. Mehr noch: Der Glaube an die Aufklärung selbst und die damit verknüpften Hoffnungen, so Adorno und Horkheimer in ihrer vielzitierten Dialektik der Aufklärung, werden ihrerseits zur neuen Mythologie des modernen Zeitalters. 'Wir haben unsere Götter umgebracht - ob aus Trotz oder mit der Kälte unserer Klarheit vermag ich kaum zu beurteilen -", so Hassan, 'doch wir bleiben Kreaturen, die dem Willen, der Begierde, der Hoffnung und dem Glauben unterworfen sind. Und jetzt haben wir nichts, nichts, was nicht partiell,provisorisch oder selbsterschaffen wäre, nichts, auf das wir unseren Diskurs gründen könnten."

   Den Hoffnungssuchenden scheint also nichts anderes übrigzubleiben, als entweder weiterhin auf die Vernunft und auf deren Produkte zu vertrauen und dieses Vertrauen angesichts der Kritik und der mangelnden Glaubensbeweise als eine Art Ersatzreligion, als Mythos der Moderne eben, zu kultivieren, oder aber sich über die augenscheinlichen Verluste der Moderne hinwegzusetzen, den Tod der Götter zu ignorieren und das Heil in Glaubenssystem und Ideologien zu suchen, die aus voraufklärerischen Zeiten stammen.
      Von Beginn an stellte sich der Aufklärungsbewegung eine ebenso starke Aufklärungskritik entgegen, die zeitweise in Form gegenaufklärerischer Strömungen die Wahrnehmung der Realität, deren geistesgeschichtliche Konstruktion und Interpretation und die Prinzipien kultureller und politischer Betätigung bestimmten. Ãober die Romantik des frühen 19. Jahrhunderts mit ihrer idealistischen Mittelalterverklärung, die kulturpessimistischen und lebensphilosophischen Bewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die den Modernisierungs- und Demokratisierungsprozeß für die zunehmende Entfremdung des Menschen und die Nivellierung seiner seelischen Empfindsamkeit und geistigen Potenz verantwortlich machten und folglich die Errettung der Menschheit in einer Mobilisierung innerer Kraftreserven und das Heil im rauschhaften Erleben extremer Elementarsituationen sahen, über die irrationale Ideologie des Faschismus mit ihrer Rassenlehre und ihrer dumpfen Abhängigkeit von Blut und Boden bis hin zu den esoterischen Lehren und New /Ige-Bewegungen unserer Tage, die dem ohnmächtigen Individuum in einer Welt ohne verläßliche moralische Koordinaten, ohne geistige Inspiration und ohne Zuversicht und Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft die Möglichkeit einer Zuflucht bieten, reichen die aufklärungskritischen Glaubenssysteme, die versprechen, dem Menschen das zurückzugeben, was er im Prozeß der Rationalisierung und der einseitigen Kulturentwicklung unter der Vorherrschaft der reinen Vernunft verloren zu haben glaubt.
      'Das psychologische Interesse unserer Zeit", so C. G. Jung 1928, 'erwartet etwas von der Seele, etwas, das die äußere Welt nicht gegeben hat, zweifellos etwas, das unsere Religionen enthalten sollten, aber nicht oder nicht mehr enthalten oder für den Modernen nicht enthalten. [...] Mit diesem psychologischen Interesse meine ich nun nicht etwa bloß das Interesse für die Psychologie als Wissenschaft oder etwa gar das noch engere Interesse für FREUDS Psychoanalyse, sondern jene ganz allgemeine Ãoberhandnähme des Interesses für seelische Erscheinungen, Spiritismus, Astrologie, Theosophie,
Parapsychologie usw. Seit dem ausgehenden 16. und dem 17. Jahrhundert hat die Welt ähnliches nicht mehr gesehen."

   Mit gemischten Gefühlen betrachtet man rückblickend diese Strömungen: Die Aufklärungskritik um die Jahrhundertwende stellte unter anderem die Weichen für die erschreckende politische Entwicklung in Deutschland, die zum Zusammenbruch der Weimarer Republik und zur Herrschaft des Nationalsozialismus führte; die - teilweise natürlich berechtigte - Skepsis an den Leistungen der Aufklärung, das allgemeine Mißtrauen in das Vernunftprinzip leisteten einem gesellschaftlichen Absturz in Irrationalismus und fragwürdige Ideologien Vorschub. Am Ende des 20. Jahrhunderts scheinen gegenaufklärerische Strömungen ebenfalls einer angemessenen Haltung angesichts globaler Krisen und einer vernunftgeleiteten Problembewältigung im Wege zu stehen, und obskure Gurus und esoterische Heilslehren vermögen manchen - nicht wenigen! - Zeitgenossen ein angenehmes transzendentes Exil inmitten der unerfreulichen Realität zu bieten - eine Art 'innerer Emigration' sozusagen; oder anders ausgedrückt: 'Eine neue geistige Immunschwäche [...], die nun selbst wieder einer neuen Aufklärungskampagne bedarf." Hilflosigkeit angesichts anonymer gesellschaftlicher Kräfte und das Gefühl der Ohnmacht hinsichtlich politischer EntScheidungsprozesse, verbunden mit der Angst vor der unaufhaltsam scheinenden Technologisierung und Dehumanisierung des öffentlichen wie auch des privaten Lebens, begünstigen die zahlreichen Fluchtbewegungen aus den institutionellen und ideologischen Strukturen der modernen Zivilisation.
      Die überwiegende Mehrheit der durch die Protestbewegung geprägten Jugend zog sich vor dem Packeis einer durchrationalisierten, reflexionslosen, dem technologischen Fortschritt verschriebenen und moralische Skrupel gering achtenden Gesellschaft auf die Inseln einer ab- wie ausgegrenzten Innerlichkeitskultur zurück, die, vom Wärmestrom der 'Betroffenheitsmystik' umspült, sich als ideale Topoi für den neuen Sozialisationstyp Narziß erwiesen. Im Psychodrom der Gefühlskulte - in Erwartung eines New Age - verlor die Aufklärung an Bedeutung.

     
   Der Rückzug auf diese Inseln ist längst noch nicht abgeschlossen, und der Sozialisationstyp Narziß entwickelt sich zu einem Dauerprodukt der spätkapitalistischen, gesättigten Konsumgesellschaft.

     
   So sehr diese Fluchtbewegungen das Verlangen der Menschen nach mehr als nur der reinen instrumentellen Vernunft dokumentieren und wie vergleichbare Bewegungen in vorangegangenen Jahrhunderten als gegenläufige Konsequenz des Aufklärungsprozesses gedeutet werden können, sind sie doch auch geprägt von einem nicht zu verleugnenden Einfluß eben dieser

Aufklärung. Zu tief hat sich das Potential aufklärerischen Denkens in das Bewußtsein des modernen Menschen eingegraben, als daß er sich völlig davon frei machen könnte, und folglich tragen selbst die Versuche, dem Prinzip der uneingeschränkten Rationalität zu entkommen, noch Spuren rationaler Sinnkonstruktion - so wie ja auch jegliche Form von Aufklärungskritik stets selbst Aufklärung ist und nach aufklärerischen Prinzipien funktioniert.
      'Die in der Verfolgung dieser Interessen investierte Leidenschaft ist zweifellos seelische Energie, die aus obsoleten Religionsformen zurückströmt. Deshalb haben diese Dinge innerlich einen echtreligiösen Charakter, auch wenn sie außen sozusagen wissenschaftlich angestrichen sind". Jung, dessen analytische Psychologie selbst als eine Kombination aus Wissenschaft und Religion, Erforschung der Psyche und Interpretation der Mythen hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Seele des Menschen, bezeichnet werden kann, weist damit auf die Ambivalenz moderner und - wenn man so will -postmoderner esoterischer Strömungen hin. Seine Diagnosen zur geistesgeschichtlichen Entwicklung der westlichen Zivilisation beanspruchen - mit wenigen Einschränkungen - auch heute noch Geltung.
      Daß sich alle diese Bewegungen einen wissenschaftlichen Anstrich geben, ist nicht bloß eine Groteske oder eine Verschleierung [...], sondern ein positives Zeichen, daß sie Wissenschaft, das heißt Erkenntnis meinen, und zwar in striktem Gegensatz zur Essenz der abendländischen Religionsformen, nämlich dem Glauben. Das moderne Bewußtsein perhorresziert den Glauben und darum auch die darauf basierten Religionen. Es läßt sie bloß gelten, insofern ihr Erkenntnisgehalt mit erfahrenen Hintergrundsphänomenen anscheinend übereinstimmt. Es will wissen, das heißt Urerfahrung haben.

     
   Nicht mehr um bedingungslosen Glauben und blindes Vertrauen in eine göttliche Instanz geht es heute, sondern um Wissen und Beweise, um eine grundlegende und überzeugende Introspektion, die dem Menschen die inneren Zusammenhänge von Seele, Geist, Welt und Schicksal nachvollziehbar und einsichtig erklärt. Für Jung in den zwanziger Jahren kündigt sich hier eine durchaus positive Entwicklung an; dem aufgeklärten Menschen heute, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts und deren gesellschaftspolitische Irrungen kennt, zeigt sich jedoch eine gewisse Willkür, eine Lizenz für beliebige philosophische und ideologische Richtungsänderungen, die einem mitunter gefährlichen trial and error-Verfahren zur Legitimation verhelfen. Sollte ein Modell der Sinnsuche die erwünschten Bedingungen nicht erfüllen und die erhofften Ergebnisse nicht liefern, so wird es eben durch ein anderes Modell ausgetauscht. Relativismus und Historismus, weltanschauliche und ge-schichtsphilosophische Kategorien des aufgeklärten Denkens, setzen sich auch bei der Suche nach einem zuverlässigen Glaubenssystem durch, das den Anforderungen genügen soll, eben diese Kategorien zu überwinden.
      Die Tendenz, sich den Folgen der rationalen Aufklärung durch die Erprobung irrationaler Existenzgrundlagen zu entziehen, folgt ihrer eigenen Logik; man mag diese Entwicklung als widersprüchlich und paradox einstufen, sie spiegelt aber das menschliche Verhältnis zu radikaler Aufklärung und zur modernen aufgeklärten Welt einerseits und die menschliche Abhängigkeit von rationalen Prinzipien der verhaßten, weil lebensfeindlichen Aufklärung andererseits folgerichtig wider. Die verzweifelten Versuche, sich durch religiöse oder quasi-religiöse Sinnsuche von dieser Abhängigkeit zu lösen, belegen mit unleugbarer Deutlichkeit die historische Faktizität und definitive Unumkehrbarkeit des Aufklärungsprozesses, auch wenn sich dieser Prozeß zeitweise gegen sich selbst richtet. Selbst in der Besinnung auf spirituelle Werte, in dieser modischen Hochkonjunktur religiöser und mythischer Vorstellungen und Lebensentwürfe im Zeichen des New Age zeigt sich ja nichts anderes als der Wille des Menschen, Leben und Umwelt in seinem Sinne zu gestalten. Die Verurteilung der rationalen Aufklärung und die Favorisierung eines neuen esoterisch geprägten Daseins in Harmonie mit den Kräften der Natur verfolgt ein bestimmtes Ziel und ist daher zweckrational motiviert. Mit bedingungslosem, vertrauensvollem Glauben, einer wahren religiösen Hingabe, die nicht nach Beweisen, nicht nach Belohnung verlangt, hat dies selten zu tun.

     
   Mit den Mitteln der Aufklärung gegen die Aufklärung: Die Fähigkeit zur Kritik und die Bereitschaft, diese Fähigkeit konsequent einzusetzen, wenden sich gegen sich selbst; die Dialektik der Aufklärung mündet in eine neue oszillierende Mischform steter Vernunftanwendung und Vernunftkritik, ein gefährlicher Balanceakt, der zuweilen paradoxe Züge trägt und sowohl die Gefahren einer rücksichtslosen Anwendung zweckrationaler Vernunft deutlich macht als auch den Blick auf die Probleme der Zeit und deren adäquate Lösungsmöglichkeiten oftmals verstellt. Als direkte Folge eines einseitigen Aufklärungsprozesses präsentiert sich uns im Geistesleben der Moderne daher - nach einer Phase, die geprägt war durch die Vorherrschaft eines irrationalen Rationalismus, d.h. durch das totalitäre Prinzip eines blanken Materialismus, der sich am Zweck allein orientiert und dessen schnelle und vollständige Verwirklichung bedingungslos anstrebt - ein rationaler Irrationalismus, der Anlaß zu Befürchtungen wie auch Anlaß zu Hoffnungen geben mag.
      In der von der Seele ausgehenden Faszination des modernen Bewußtseins erblicke ich den Kern des heutigen Seelenproblems. Sie ist einerseits eine Zerfallserscheinung, wenn pessimistisch betrachtet, andererseits hoffnungsvoller Keim einer möglichen tieferen Veränderung der abendländischen Geisteshaltung, wenn optimistisch betrachtet; auf alle Fälle aber eine Erscheinung von großer Bedeutsamkeit, um so beachtenswerter, als sie in breiteren Schichten der Völker wurzelt, und um so wichtiger, als sie jene irrationalen und, wie die Geschichte beweist, unabsehbaren Triebkräfte der Seele berührt, welche unvorhergesehen und geheimnisvoll das Leben der Völker und Kulturen umgestalten.

     
   Unklar ist noch, wohin dieser Prozeß von Aufklärung und Gegenaufklärung fuhren soll; die konkrete Sinn- und Zielsetzung der modernen Welt ist so lange ausgesetzt, bis sich am Horizont, jenseits der Abgründe eines totalitären Vernunftprinzips einerseits und einer irrationalen Seelen- und Gefuhlskultur andererseits, die Umrisse einer fortschrittlichen, humanen und lebenswerten Zukunft abzeichnen.
      Auch wenn Rationalismus und Irrationalismus in ihrer vielfach beschworenen Gegensätzlichkeit und Polarität zuweilen an Homers mythologisches Monsterduo Scylla und Charybdis in der Meerenge von Messina erinnern, und der Mensch sich für eines dieser beiden Extreme definitiv entscheiden und dann ganz dem gewählten Schicksal hingeben zu müssen scheint - die Debatte über Vernunft und Irrationalität und - vor allem - über einen vernünftigen Ausgleich zwischen beiden Prinzipien findet ununterbrochen statt. Man sucht unablässig die Passage zwischen den Klippen, zwischen den Gefahren zu beiden Seiten hindurch. Allein der Umstand, daß 1995 ein Buch mit dem schlichten Titel Vernunft und einem Umfang von 984 Seiten erscheinen konnte, weist darauf hin, wie aktuell, wie virulent und wie zeitgemäß die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist.

     
   Paradigmatisch für eine Verteidigung des Vernunftprinzips und ein Festhalten an den modernen Errungenschaften des Geistes steht beispielsweise Habermas, dessen Glaube an das Projekt der Moderne eine Bastion gegen alle Skeptiker und Defätisten der Ratio und der aus ihr abgeleiteten Ansprüche darstellt. Er vertritt dabei eine entschieden politische Position, die gekennzeichnet ist durch die Implikationen und Abgrenzungen seiner moral-und sozialphilosophischen Thesen. 'Daß Habermas vor allem ein politischer Denker ist", so Groh, 'zeigen insbesondere seine jeweiligen Definitionen des Gegners. War es in den 60er Jahren vor allem der politische Dezisionismus Carl Schmitts und seiner Anhänger, so ist es heute die steigende Woge des Irrationalismus und der Romantisierung vergangener Lebenswelten von links bis rechts sowie deren bereits eingetretene oder zu erwartende Folgen, die inletzter Instanz als politische zu bezeichnen wären." Rationalität ist für Habermas eine grundlegende und unverzichtbare Bedingung für die moderne, demokratische Gesellschaft, die er - trotz seiner eigenen kritischen Haltung gegenüber rein funktionalistischen Formen der Vernunft - gegen jegliche Anfeindungen oder Ãoberwindungsversuche verteidigt.
      Skeptisch erhebt dagegen Feyerabend seine Stimme, verwirft die Entwicklungen der modernen Gesellschaft und der Wissenschaften unter dem Leitstern rationalistischer Normen und Standards als Irrwege der Vernunft und fordert die Emanzipation von diesen mehr als fragwürdig gewordenen Kategorien abendländischen Denkens. Er vergleicht das Prinzip der Vernunft und dessen Dominanz in allen Bereichen des menschlichen Lebens mit dem historisch überkommenen Konzept 'einer einzigen zentralen Instanz [...], [...]einem König etwa [...] oder [...] einem eifersüchtigen Gott, die nur eine einzige Weltanschauung duldeten und autorisierten. Und vielleicht sind Vernunft und Rationalität Mächte von ähnlicher Natur und von der gleichen Aura umgeben wie einst die Götter, die Könige und die Tyrannen und ihre gnadenlosen Gesetze. Der Inhalt ist verschwunden, die Aura bleibt und trägt bei zum Ãoberleben der Mächte."
Er plädiert für die Vielfalt, für einen allgemeingültigen Relativismus, der den Zustand einer pluralistischen Wirklichkeit auch in die wissenschaftlichen Disziplinen und die erkenntnistheoretischen Diskurse hineinträgt. Der monopolistische Zwang, der von einem abstrakten Rationalitätsbegriff ausgeht, muß dabei überwunden werden, um dem Denken und Handeln unbegrenzte Mannigfaltigkeit zu garantieren. 'Kulturelle Vielfalt und Wissenschaft als ein freies und unbeschränktes Fragen und Forschen widerstreiten einander nicht; kulturelle Vielfalt steht hingegen in Widerspruch zu einer Philosophie, die häufig 'Rationalismus' genannt wird, und zu einem Organ, das gelegentlich Vernunft genannt wird, die beide ein entstelltes und erstarrtes Bild der Wissenschaft als Propaganda für ihre eigenen vorsintflutlichen Ãoberzeugungen einsetzen. Aber der Rationalismus hat keinen identifizierbaren Inhalt und die Vernunft kein erkennbares Programm jenseits der Prinzipien der Partei, die sich gerade ihres Namens bemächtigt hat. Ihre einzige Funktion besteht darin, die allgemeine Bewegung auf die Monotonie hin mit ein wenig Glanz zu versehen. Es ist hohe Zeit, daß wir die Vernunft von dieser Aufgabe lösen und uns von ihr verabschieden." -Farewell to reason ist denn auch der programmatische Originaltitel des Buches, aus dem das Zitat stammt. Erscheint Feyerabends Argumentation zunächst wie eine Parolensammlung aus dem Umfeld postmoderner Aufklärungskritik, so überrascht er mit seiner äußerst ablehnenden Haltunggegenüber modischen Strömungen der Philosophie und der allgemeinen Kulturgeschichte, zu denen er auch den Postmodernismus zählt.
      Wenn Philosophen die Luft ausgeht und Künstlern nichts mehr einfallt, dann stolpern sie hilflos herum, produzieren Mißgeburten, sind aber immer noch klug genug, diesen Mißgeburten einen rätselhaften Namen zu geben. Wo ein Name ist, denkt sich das Publikum, da muß auch eine Sache sein; und wenn der Name rätselhaft ist, dann ist die Sache sehr tief; und da sowohl der Name als auch die Sache von einer kleinen Gruppe erfunden wurden, so ist die kleine Gruppe sicher sehr wichtig und lesens-, sehens- und kaufenswert.
      Im Kampf um die richtige Einschätzung der Vernunft sind eben keine klaren Fronten erkennbar; jeder streitet für oder gegen seine Vorstellung von Rationalität und geht dabei nur ungern Allianzen ein, obschon sich hier und da sicherlich Konvergenzen, Ãobereinstimmungen gar - freilich unter dem Deckmantel unterschiedlicher Terminologien verhüllt -, abzeichnen. Doch niemand legt sich gerne fest, und die Vielfalt dessen, was alles unter dem Begriff Rationalität zu verstehen sei, erreicht zuweilen Dimensionen, die einem postmodernen Zeitalter der Diversifikation und des semantischen Reichtums würdig entsprechen. Habermas und Feyerabend mag man als zwei Extrempositionen werten, zwischen denen sich ein breites Spektrum an Meinungen und Lösungsvorschlägen entfaltet.
      Nahezu einig ist man sich über den desolaten Zustand der Welt und die Verwirrung menschlichen Denkens angesichts der diagnostizierten Dialektik der Aufklärung; auch die Notwendigkeit, in irgendeiner Form in den Rationalisierungsprozeß einzugreifen, der die Misere herbeigeführt hat, wird allgemein anerkannt. Nur über die Art dieses Eingriffs herrscht Unklarheit, beziehungsweise bestehen unterschiedliche Auffassungen.
      In einer Remythisierung des aufgeklärten Denkens sieht Hassan beispielsweise das Ziel und schließlich auch die Ãoberwindung der Postmoderne: 'Ich weiß nicht, wie man der Literatur, der Theorie oder der Kritik neuen Einfluß auf die Welt verschaffen könnte, es sei denn durch die Remythisierung unserer Phantasie und durch die erneute Einbeziehung des Reichs der Wunder in unser Leben." Wie diese Einbeziehung konkret aussehen soll, bleibt zunächst offen; daß darüber hinaus der Diskurs der Postmoderne - in der Nachfolge der dialektischen Aufklärung - selbst bereits zu einem mythischen Gebilde wird, sei nur am Rande erwähnt.
      Fetscher warnt eindringlich vor jeglichem Versuch, 'die Mängel und Beschränktheiten, Irrtümer und Ãobertreibungen der historischen Aufklärung durch 'Rückgriffe' auf Mythen oder neu zu stiftende Religionen zu korrigieren", denn sie alle 'haben barbarisch geendet, wenn sie nicht zuvorgescheitert sind." Er stellt das Konzept der aufgeklärten Aufklärung dagegen, die sich ihrer Schwächen und ihrer Grenzen durchaus bewußt sei und im Wissen um diese Defizite der Menschheit weiterhin dienen könne. Die Vernunft müsse sich dazu lediglich auf ihre ureigenste Kritikfähigkeit besinnen: 'Aufklärung über Aufklärung; Erkenntnis der Grenzen der 'weltbeherrschenden' Vernunft, ist [...] nicht nur möglich, sondern sogar notwendig und Ausdruck einer genuinen Eigenschaft kritischer Vernunft." Die Aufklärung, deren tendenzielle Fehlentwicklung sehr wohl anerkannt wird, kann und muß sich selbst heilen - sie muß, denn ,,[s]elbst wenn sie wollte, könnte die kultivierte Menschheit nicht hinter die Aufklärung zurück." Somit ergeben sich zwei primäre Aufgaben für die Vernunft, zum einen ,,[d]ie Reflexion [...] auf ihre eigene Gebundenheit", zum anderen 'die Suche nach einer allgemeinverbindlichen Ethik fürs Ãoberleben der Menschheit [...]. Aufklärung hat ihre eschatologischen und utopischen Irrtümer und Ãobertreibungen hinter sich gelassen, aber sie muß ihrer prinzipiellen Tendenz nicht entsagen."

   Skepsis scheint berechtigt. 'An die Ethik der Vernunft als eine unbeschädigte Kraft zu glauben, verbietet ihre eigene Geschichte; und an ein Sinnkontinuum, das sich ruhig in der Geschichte tradieren würde, deren Kontingenz, die verstreute Zufälligkeit ihrer Sinnprovinzen, die sich nur gewaltsam vereinigen lassen." - Der historische Prozeß der Aufklärung, der statt ethischer Ideale zweckrationale Zwänge produziert und statt sinnvoller, teleologischer Kontinuität chaotische Beliebigkeit aufzuweisen hat, ist unglaubwürdig geworden, hat seine Kreditwürdigkeit sozusagen verloren. Das Vertrauen in die selbstregulativen Kräfte der Aufklärung ist jedenfalls erheblich beschädigt, und der Glaube an ein Sinnpotential in der Geschichte, das sich gemeinsam mit der zunehmenden Rationalisierung entfaltet, ist vielerorts geschwunden. Mit dem Verlust von Sinn und Bedeutung scheint aber auch Rationalität selbst ihr eigentliches Wesen einzubüßen und im Strom der planlosen und unberechenbaren Zufälle unterzugehen. Die Kette kausaler Verknüpfungen ist gerissen, die Logik des historischen Ablaufs falsifiziert, und die undurchschaubar gewordenen Mechanismen der Zeit walten mit Gleichgültigkeit, Indifferenz und unerbittlicher Willkür. Es offenbart sich eine 'Kontinuität der Unterdrückung und des Zerfalls. Es gibt keine Tendenz zum immer Besseren, Schöneren, Wahren, keine Wellenbewegung des Auf und Ab, sondern nur den Niedergang. [...] Die vorherrschende Dynamik des totalen Verblendungszusammenhangs absorbiert selbst einzelne Momente von Rationalität, überantwortet und integriert sie somit dem irrationalen Ganzen."

   Den destruktiven Zügen der Postmoderne gesellen sich auch konstruktive, optimistische hinzu, die den Kampf um die Ehre und den guten Ruf der Vernunft und um die Errettung der Menschheit nicht vorschnell aufgeben, sondern zu unterstützen vermögen. Rationalität wird dabei - in ihrer Wirkungsmacht zwar relativiert, aber dennoch unerläßlich - als wesentlicher Faktor anthropologischer Selbstverwirklichung, sozialer Verbindlichkeit und historischer Identitätsstiftung rehabilitiert. So stellt beispielsweise Welsch, der einen seriösen Postmodernismus gegen dessen feuilletonistische Ausbeutung und Verzerrung als flüchtige Modeerscheinung verteidigt, sein Konzept einer transversalen Vernunft vor; er unterscheidet dabei zwischen Verstand , der für jeden Bereich menschlichen Denkens und Handelns eine eigene spezifische Ausprägung erhält, und Vernunft, die als verbindendes und jeweils aktuell strukturierendes Prinzip prozessual über den verschiedenen Erscheinungsformen des Verstandes anzusetzen ist, ohne diesen jedoch hierarchisch übergeordnet zu sein. 'Vernunft ist nicht ein begreifendes Vermögen auf höherer oder integraler Ebene gegenüber Verstand. Sie ist auf Totalität zwar bezogen, aber allein im Modus von Verbindungen und Ãobergängen." Transversale Vernunft schafft einen Ausgleich zwischen den verschiedenartigen Rationalitätskategorien und deren Ansprüchen, sie setzt Disparates in Beziehung und ermöglicht dadurch komplexere Strategien der Problemerkennung und Problemlösung, die von unzulässigen Vereinfachungen oder Beschränkungen, von Radikalisierungen und - letztlich - von Ideologisierungen absehen. Welsch grenzt seine Vorstellung einer transversalen Vernunft 'von allen prinzipialistischen, hierarchischen oder formalen Vernunftkonzeptionen, die allesamt ein Ganzes zu begreifen oder zu strukturieren suchen und darin Vernunft an Verstand assimilieren", ab.
      Transversale Vernunft ist beschränkter und offener zugleich. Sie geht von einer Rationalitätskonfiguration zu einer anderen über, artikuliert Unterscheidungen, knüpft Verbindungen und betreibt Auseinandersetzungen und Veränderungen. [...] Sie bleibt in ihrem Hinausgehen über die Rationalitätsformen zugleich an diese zurückgebunden, daher bleiben ihre Synthesen partial und ihre Prozesse selbst vielfältig. Sie 'überwindet' die Pluralität nicht, sondern beseitigt nur deren Aporien. Sie bringt Pluralität als Vernunftform zur Geltung.
      In diesem Sinne wird sie zur angemessenen Erscheinungs- und Anwendungsform menschlicher Vernunft im Zeitalter der Postmoderne, die sich - so Welschs Hauptthesen zur Begriffsbestimmung des 'veritablen und besseren Postmodernismus"53- wesenhaft durch weltanschauliche und wissenschafts-theoretische Vielfalt, durch radikale Pluralität und durch anti-totalitäre Gesinnung und Artikulationen auszeichnet.
      Spinner - um eine weitere gemäßigte Position vorzustellen - vertritt, nachdem er Anfang der achtziger Jahre die provokative Frage 'Ist der Kritische Rationalismus am Ende?" formulierte, das Programm einer Doppelvernunft, das Rationalität nicht nur als kategoriales Denken in vorgefaßten und tradierten Wahrnehmungs- und Erklärungsmustern mit universellem Geltungsanspruch versteht, sondern auch eine zweite Form rationaler Weltsicht einschließt, eine spontane, von jeweils konkreten Ereigniszusammenhängen bedingte Repräsentation von Vernunft und entsprechend zielgerichtetem Verhalten. Rationalität kann sich also in zwei komplementären Modi äußern: 'als Grundsatzvernunft zur Orientierung an Prinzipien & Regeln und als Gelegenheitsvernunft zur Orientierung an Okkasion & Opportunität." Damit ist ein Feld abgesteckt, innerhalb dessen sich jeweils adäquate Anwendungsformen rationalistischer Prägung finden und erproben lassen. Je nach Anforderung und situativen Begleitumständen wird sich eine Verarbeitungsstrategie anbieten, die entweder auf generellen Ãoberlegungen und strikten Regeln aufbaut und somit schematisch vorgeformt ist oder sich von den augenblicklichen Gegebenheiten inspirieren läßt und neue Wege, abseits der ausgetretenen Pfade der Grundsatzvernunft, einschlägt, die jedoch nicht minder rational sind. Dazwischen 'liegen die meisten tatsächlich gewählten 'Rationalitätsmischungen', aber kaum in der Mitte. Es sind nicht beliebige Mixturen aus Bestandteilen beider Rationalitätsformen, sondern Montagen der Möglichkeiten, gebildet aus wählbaren Optionen im Rationalitätsraum, die genügend eigenständigen Rationalitätsgehalt haben, daß man sie - in Grenzen der Konsistenz und Kohärenz - frei kombinieren kann." Auf diese Weise erschließt sich ein umfassendes Repertoire an rationalen Verhaltensweisen, das die Gefahren einer einseitigen Vernunftauffassung und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Konsequenzen einzudämmen vermag.
      Der duale Orientierungsrahmen von Prinzipieller und Okkasioneller Rationalität bildet ein unbegrenzt verfügbares Reaktionspotential in der Beziehung des Menschen zur Welt, welches - wie die Sprache - allgemeinmenschlicher Besitz auf Abruf ist. Der unausgeschöpften Mehrsprachigkeit vergleichbar, sollte auch von der Multirationalität des Menschen voller Gebrauch gemacht werden. Die Hüter der Rationalität sprechen zumeist nur ihre Muttersprache.

     
   Die unterschiedlichen Konzeptionen einer zeitgemäßen Vernunft sollen hier nicht weiter thematisiert werden; Vergleichs- und Anknüpfungspunkte sind evident. Deutlich wird auch, daß man sich - so verschieden die Meinungenund Modellvorstellungen im einzelnen sein mögen - in einem Punkt einig ist: Rationalismus in seiner radikalen Form ist keine Option für die Zukunft der Menschheit. Das Erscheinungsbild menschlicher Vernunft hat sich seit den Anfängen der Aufklärung gewandelt und das idealistisch verklärte Antlitz des vermeintlich mündigen Individuums wiederholt als monströse Fratze gezeigt. Diese Ambivalenz gilt es zu bedenken. Doch der prinzipielle Wert der Aufklärung - der vergangenen Aufklärung wie auch einer zukünftigen Aufklärung - darf dabei nicht in Frage gestellt werden. Nach wie vor ist Aufklärung ein Gebot der Stunde.
      Die bleibende Aktualität der Aufklärung resultiert aus dem bleibenden Aufklärungsbedarf und dem bleibenden Aufklärungsbedürfnis. Aufklärung ist ein immer erneuerter Aufbruch zur Ãoberwindung der stets neu wuchernden Pseudo-wahrheit. Da die 'Dummen' wie die 'Verdummer' immer wieder nachwachsen, da also mit jedem neugeborenen Menschen Unwissenheit und Irrtümer, Täuschung und Selbsttäuschung wieder von vorne beginnen, ist Aufklärung schon deshalb ein immerwährender Kampf mit einer unbesiegbaren Hydra. Unter den Bedingungen der Desillusionierung, die heute vorauszusetzen ist, kann ihr Hauptsinn letztlich nur darin bestehen, dem Menschen zu helfen, sich nicht als Vernunftwesen aufzugeben.
      Rationalität ist die unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung zukünftiger Sozialformen und die Entfaltung menschlicher Fähigkeiten in der Sicherheit demokratischer Verhältnisse, doch ihre extreme Ausprägung, die viele der heutigen Mißstände zu verantworten hat, muß relativiert und in eine einerseits emotional erträgliche, andererseits leistungsfähige und ertragreiche Form gebracht werden. Diese Modifikation des Vernunftbegriffs und die Etablierung neuer Maßstäbe und Normen bei der praktischen Anwendung derart veränderter rationaler Prinzipien stellen zweifellos schwere Aufgaben für Wissenschaft, Wirtschaft und Politik dar; sie beanspruchen Energien und fordern ein bisher nicht gekanntes Ausmaß an Toleranz in allen Bereichen menschlichen Lebens. Sie werden jedoch zwingend notwendig angesichts der Tatsache, daß die traditionelle Auffassung von Vernunft in ihrem zweckrationalen Habitus längst nicht mehr vernünftig erscheint.

 Tags:
Aufklärung  Aufklärungskritik    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com