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Rationalismus und irrationalismus - sichtweisen der moderne i

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Ambivalenz der Aufklärung: Vernunft und Angst



Zu den Konsequenzen einer radikalen Aufklärung, die die Vorherrschaft der Vernunft in das Zentrum individueller wie auch sozialer Entwicklung stellt, zählt die Vorstellung der absoluten Gültigkeit des Rationalitätsprinzips.
      Zufall, Schicksal, Unerklärliches, Phänomene, die sich einer vernünftigen Erklärung entziehen, sich nicht kausal begründen lassen und sich folglich der Vorhersagbarkeit oder gar einer Kontrolle widersetzen, werden zu Brüchen im vermeintlich festgefügten System der Vernunft. Dieses System gründet seine Stärke und Selbstsicherheit auf die Allgemeingültigkeit und Unwiderlegbarkeit rationaler Welterfassung und -deutung. Jegliche Bedrohung des Systems, jegliches irrationale Element, bedeutet eine Erschütterung des aufgeklärten Denkens und einen massiven Angriff auf das Selbstverständnis des vernunftbestimmten Menschen. Und bereits die geringste Störung in diesem so sorgsam ausbalancierten und empfindlichen Konstrukt aus Verstand, Logik und Berechenbarkeit kann zum völligen Kollaps führen; die reine Vernunft kennt keine Toleranz: Was sich nicht rational erklären und fugenlos in das aufgeklärte Weltbild integrieren läßt, sprengt unweigerlich die Grenzen dieser exakt abgemessenen Welt, zerstört ihre Fundamente und öffnet sie der Anarchie des Irrationalen.
      Unerklärliches erlangt in einer Welt, die alles erklärt und die Erklärbarkeit aller Dinge prinzipiell für einen unbestrittenen Wert hält, den Status einer Beleidigung existentieller Grundsätze und Ãoberzeugungen und den Rang einer systembedrohenden Gefahr; Unerklärliches induziert Angst, weil es den gesamten Kosmos, in dem wir leben und den wir uns so eingerichtet haben, daß er unseren Bedürfnissen nach Kausalität und Logik, nach Sicherheit und Kontrollierbarkeit entspricht, in Frage stellt. Unerklärliches erzeugt Angst und Schrecken, weil es unserer Denkweise widerspricht und das Bild, das wir uns von uns selbst gemacht haben, zerstört. Da die Gefahr einer De-stabilisierung des aufgeklärten Weltbilds mit dem Geltungsanspruch und der Komplexität des zu bewahrenden Systems zunimmt, wächst auch die Angst vor einem Kontrollverlust proportional mit der Ausbreitung des Rationalitätsprinzips in individuellen wie auch in gesellschaftlichen Existenzformen. Je feinmaschiger und umfassender sich das Raster des rationalen und logischen Denkens entwickelt, desto empfindlicher fallen die Reaktionen auf Phänomene aus, die sich dem rigiden Zugriff des aufgeklärten Intellekts verweigern. Aufklärung und Angst sind daher miteinander verknüpft. Das Gefühl der Angst ist natürlich keine Empfindung, die nur an den historischen Prozeß der Aufklärung gekoppelt wäre. Delumeau beschreibt kenntnisreich und in plastischer Weise verschiedene Erscheinungsformen individueller und kollektiver Ã"ngste in den Epochen vor Beginn der Aufklärung, die Furcht vor Naturgewalten, vor Dunkelheit und Gespenstern, vor Seuchen und Pestepidemien, gewalttätigen Aufständen und Rebellionen, vor dem apokalyptischen Ende der Welt und dem göttlichen Strafgericht, vor Ketzerei, Hexerei und den Kräften des Satans. Das kulturgeschichtliche Panorama der Angst,das sich hier entfaltet, die allgegenwärtige Präsenz von Furcht und Schrecken angesichts tatsächlicher oder nur eingebildeter Bedrohungen, dokumentiert die Permanenz und die anthropologische Fundierung dieser Empfindung - und zwar in ihrer Bedeutung für den Einzelnen wie auch für die gesamte Gesellschaft. Sie 'wurde in grauer Vorzeit zusammen mit dem Menschen geboren" und ist ein tief verwurzelter, untrennbarer Teil des menschlichen Wesens. Es gibt aber eine spezifische Ausprägung von Angst, die durch den nachhaltigen Einfluß der Aufklärung auf das Individuum und die daraus resultierenden Veränderungen der gesellschaftlichen Realität seit dem 18. Jahrhundert bedingt wurde, eine 'Angst [...], die in den Grundmauern des neuzeitlichen Denkens verbaut wurde."
Die verschiedenen Formen der Angst und deren Ursachen im Zeitalter der Aufklärung hat Begemann detailliert untersucht. Er betont dabei, daß das erklärte Ziel aller Aufklärungsbemühungen zunächst die Bekämpfung der Angst, die Befreiung des Menschen von unerwünschten Affekten war, denn ,,[d]ie Furcht, die das Denken verwirrt, steht dem Prozeß der Aufklärung im Wege, der gerade darauf abzielt, den Menschen zu vorurteilsfreiem selbständigem sowie zu objektbezogen richtigem Denken fähig werden zu lassen." Und tatsächlich gelang es durch den naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und die Vermittlung des neuen Wissens, viele Quellen der Furcht zum Versiegen zu bringen: Die Natur wurde gezähmt, unwegsame Regionen und unzivilisierte Gegenden verloren ihre Bedrohlichkeit und gestalteten sich zu Objekten ästhetischer Betrachtung um - das vormals Furchterregende wandelte sich unter dem Zugriff der künstlerischen und poetischen Anschauung zum Erhabenen, dessen Größe und Unbezwingbarkeit aus der Distanz, die der Mensch durch seine Vernunft und die zunehmende Fähigkeit zu sachlichem und objektivierendem Denken zwischen sich und der Natur errichtet hatte, bewundert und genossen werden konnte. Natürliche Phänomene ließen sich rational erklären, verloren dadurch ihre göttliche Aura und ihre schicksalhafte Wirkung auf Menschen und wurden zu säkularisierten Erscheinungen einer Welt, die durchschaubaren Gesetzen unterliegt, ihren Bewohnern nicht verschlossen oder gar feindlich gegenübersteht, sondern erforscht, begriffen und prinzipiell auch kontrolliert werden kann. In dieser Hinsicht führte die Aufklärung zum Erfolg; sie ersetzte die Angst vor den unberechenbaren Kräften der Natur und die Furcht vor unerklärlichen Mächten, denen sich der Mensch hilflos ausgeliefert fühlte, durch die Erkenntnis der Regelhaftigkeit der Welt und durch die Einsicht in die Natürlichkeit und Erklärbarkeit aller Dinge. Unter diesen Voraussetzungen hätte die Aufklärung ein Zeitalter furchtloser Gesinnung und grenzenloser Zuversicht hervorbringen müssen - aber: 'Die Texte des 18. Jahrhundertsbelegen [...], nimmt man sie ernst und unterstellt ihnen nicht eine bloße 'Koketterie mit der Angst', [...] anderes, nämlich die Kristallisation neuer Ã"ngste."

   Diese neuen Ã"ngste entstehen im Prozeß der Aufklärung und durch den Prozeß der Aufklärung; sie sind keine transformierten Restbestände alter Affekte, die sich den rationalisierenden Tendenzen der Zeit als Artefakte überkommener Vorstellungen und antiquierter Lebensentwürfe widersetzen, um längerfristig doch überwunden und beseitigt zu werden, sondern unvermeidbare Begleiterscheinungen und Resultate dieser Tendenzen, die untrennbar an die sich gesellschaftlich ausbreitende Vorherrschaft der Vernunft und der Zweckrationalität gekoppelt sind. Die Aufklärung befreit den Menschen zwar aus den Fesseln eines blinden Glaubens und aus der Abhängigkeit von metaphysischen Mächten, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen, und verhilft ihm zur Autonomie des Geistes, doch die Wertvorstellungen und Ideale, auf die er seine Existenz bisher gründete, werden im Zuge dieser Emanzipation zerstört. Vernunft und Kritikfähigkeit haben ihn seiner seelischen und moralischen Stützen beraubt, noch bevor sie selbst zu wahren Stützen und wertvollen Strategien der Lebensbewältigung werden konnten. Aus den traditionellen Strukturen des Denkens und Glaubens entlassen, ist er nun gezwungen, allein mit Hilfe seines rationalen Verstandes, dessen Stärke und Ãoberlegenheit sich erst noch erweisen muß, seine Position in der Welt und seinen Lebensweg eigenverantwortlich zu bestimmen. Die Ankerbegriffe menschlicher Selbstbehauptung und die Suche nach existentiellem Sinn werden aus dem verblassenden Kontext theologischer und teleologischer Weltbilder herausgelöst und in das rein materialistische Gefüge einer Verstandeswelt verlegt, wo es zunächst keine Anknüpfungspunkte zu geben scheint; denn wenn man der Vernunft erst einmal die Herrschaftsgewalt überantwortet, arbeitet sie gründlich und mit radikalen Mitteln, und ihre destruktive Energie kennt keine Grenzen.
      Die Aufklärung war ausgezogen, um ein neues 'Fürchtet euch nicht' zu lehren. Aber das Licht hat nicht nur die bösen, sondern auch die guten Geister verjagt - die 'Gespensterkammer' war nur ganz oder gar nicht auszuräumen. Mit anderen Worten, das, was uns unsere Furcht nehmen sollte, hat uns auch einen guten Teil unserer Hoffnungen genommen, jedenfalls nicht nur unsere unbegründeten Ã"ngste, sondern auch unsere falschen Hoffnungen. Und nicht selten sind sogar die Ã"ngste geblieben und nur die Hoffnungen geschwunden.

     
   Ungewißheit und Hoffnungslosigkeit, Haltlosigkeit und der Verlust religiöser Sinnzusammenhänge - ,,[d]er Abbau transzendentaler Garantien des Handelns" - erzeugen Verunsicherung und Angst. Trotz ihres emanzipa-torischen Charakters und ihrer segensreichen Konsequenzen läßt sich also feststellen, 'daß die Aufklärung entgegen ihrem Selbstverständnis keineswegs das Individuum von seiner Angst befreit, sondern daß umgekehrt im Prozeß der Herausbildung des autonomen Subjekts zugleich eine Verinnerlichung und Differenzierung von Angstbildungsmechanismen stattfinden."

   Die neuen Ã"ngste des 18. Jahrhunderts zeigen sich darüber hinaus als die unausbleiblichen Symptome der sozialen, politischen und ökonomischen Entwicklung, die den Absolutismus verdrängt und das Bürgertum zur maßgeblichen Gesellschaftsschicht geistesgeschichtlicher Entfaltung befördert. Um diese dominierende Rolle einnehmen, ja um überhaupt erst ökonomisch und politisch handlungsfähig werden zu können, unterwirft sich das Bürgertum einer Ideologie, die zur grundlegenden Bedingung des Zivilisierungsund Modernisierungsprozesses geworden ist, einer Ideologie, die Leistung und Rationalität gleichermaßen favorisiert und propagiert und durch ihren Erfolg das Prinzip der Aufklärung zu voller Blüte gebracht hat. Aber der Erfolg fordert einen Preis: Gefühle, die bei der Ausübung der beruflichen Tätigkeit hinderlich sind oder das soziale Gefüge der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren verbindlichen Normen und Sittengesetzen gefährden, müssen unterdrückt werden; nichts darf die Leistung, die Effizienz der Mittel und die rationale Anwendung persönlicher oder marktwirtschaftlich institutionalisierter Fähigkeiten untergraben, nichts darf den strengen Kodex des privaten und öffentlichen Zusammenlebens in Frage stellen. Die bürgerliche Ideologie basiert auf dem Prinzip eines reibungslos funktionierenden Organismus -sowohl individuell als auch gesellschaftlich betrachtet. Kontrolle ist das oberste Gebot. Sie garantiert Beherrschung und Effektivität, wohingegen unkontrollierte Affekte und zügellose Emotionen Denk- und Leistungsfähigkeit nachhaltig beeinträchtigen und als irrationale Momente aus dem Haushalt menschlicher Kräfte verbannt werden sollten. Die Unterdrückung emotionaler Energien nimmt daher eine zentrale Stelle in der bürgerlichen Leistungsethik ein. Da diese Energien als unberechenbar gelten und ihre Entladungen nicht steuerbar sind, werden sie der triebhaften Natur des Menschen zugerechnet, die gebändigt werden muß, um die soziale Gemeinschaft nicht zu gefährden, um Tugendhaftigkeit und die sittliche Entfaltung intellektueller Fähigkeiten zu garantieren und um Vernunft und rationales Handeln im Sinne einer aufgeklärten Leistungsgesellschaft als erstrebenswerte Eigenschaften, als sinnstiftende Normen und als unumstrittene Werte im kognitiven Erwartungs- und Erfahrungshorizont des Subjekts zu verankern.
      Der Kern der bürgerlichen Ideologie ist Triebverzicht. Emotionale Bedürfnisse, triebhafte Regungen und heftige Affekte werden zu unerwünschten,geradezu gefürchteten Erscheinungen. Die Innenwelt des Menschen, die sich den Anforderungen der aufgeklärten Leistungsethik durch unkontrollierbare irrationale Prozesse und Phantasieproduktion zu entziehen vermag, stellt sich dem bürgerlichen Individuum als feindliches Territorium, als Brutstätte der Anarchie und des Chaos entgegen. Repression und Verleugnung dieser inneren Kräfte sind die Konsequenzen der restriktiven Vernunftherrschaft.
      Triebhaftigkeit und Emotionalität können jedoch nicht gänzlich unterdrückt, nicht vollständig überwunden werden; unter der Oberfläche eines gefestigten Bürgertums brodelt der Vulkan verdrängter Gefühle und Triebe, hinter der Fassade scheinbar perfekter Lebensbeherrschung lauern die Dämonen der eigenen Bedürfnisse, ausgehungert und voller Zorn, da ihnen die forcierte Aufklärung und die strengen Forderungen der bürgerlichen Gesellschaft Nahrung, Anerkennung und Befriedigung versagen. Hier entstehen die Ursachen neuer Ã"ngste; nicht mehr die Außenwelt, nicht mehr die Natur oder metaphysische Mächte, fern allem Menschlichen, bedrohen das Subjekt - es ist das Subjekt selbst, seine subjektiven, nicht-veräußerlichten Regungen und Affekte, die zu einer Gefahr für die vermeintlich festgefügte, auf rationalen Pfeilern errichtete Existenz werden.
      Die [...] verdrängte Angst vor dem Draußen, Anderen und Fremden, das es für aufgeklärte Vernunft nicht geben darf, kehrt jedoch als innere Angst wieder. Der horror vacui der Vernunft, den Kant als Angst vor Gesetzlosigkeit beschreibt, beherrscht sie nicht als von Draußen Drohendes, sondern als im Innern des Subjekts selbst Entstandenes. Vernunft, die widerstandslos mit dem Gesetz sich identifiziert, erzeugt allererst die Anarchie des Begehrens, mit dem sich zu versöhnen sie unfähig ist. Der Imperativ der Vernunft, bei Strafe des Untergangs außen wie innen alles zu beherrschen, wird getrieben von der Angst vor dem Aufstand des Beherrschten. Die endlose Spirale von Angst und Ordnungsproduktion, wie sie bis heute die bürgerliche Gesellschaft bestimmt, hat begonnen.
      Triebhafte Energien, darunter auch die Furcht selbst als kreatürlicher Impuls, wirken zersetzend und destruktiv, sie stellen die soziale Rolle und Funktion des Bürgers in Frage und werden daher als enorme Bedrohung empfunden. Sie lösen Angst aus und müssen durch strikte Kontrolle und Schutzmechanismen bezwungen werden. Die Pädagogik des 18. Jahrhunderts reagierte auf diese Herausforderung und kämpfte mit harten Dis-ziplinierungsmaßnahmen gegen den irrationalen Feind, gegen die Ã"ußerungsformen seelischer und affektiver Vorgänge an. Darunter fallen nicht nur Triebe und Gefühle, sondern auch - wie oben bereits angedeutet -die Kraft menschlicher Phantasie und Imagination.
      Selten hat eine ganze Epoche ein so schlechtes Verhältnis zur Tätigkeit der Phantasie gehabt wie die Aufklärung. In allen Diskursen über sie wird die Phantasie als ein Vermögen verdächtigt, das über ihre eng eingegrenzten notwendigen Leistungen hinaus zur Hypertrophie tendiert, zur ständigen Verfertigung unwahrer Träume, falscher Einbildungen, schimärischer Gestalten, die illegitimerweise im Kopf, dem Sitz der Vernunft, des Garanten der Wahrheit, ihr Wesen treiben und Verwirrung stiften. Und diese Hervorbringungen besitzen eine wahrhaft furchterregende Macht. Nicht nur haben sie eine solche Bildkraft und Lebendigkeit, daß man sie leicht mit 'wahren', objektiv fundierten Vorstellungen verwechseln kann, auch ihre physische und psychische Wirkung gleicht der von Realem. Die Phantasie wird hier sozusagen als das jedem Menschen innewohnende Vermögen der Verrücktheit und der Selbstzerstörung gesehen. Aufgrund ihres Wirkens oder doch unter ihrer Mitwirkung entsteht eine Vielfalt von Abweichungen von der Vernunft und der Tugend, vom common sense und der Normalität: Aberglaube, Schwärmerei, Geister-seherei, Verirrungen der Leidenschaft - Phänomene, von denen sich abzugrenzen und die zu bekämpfen geradezu konstitutiv ist für Aufklärung. Die Phantasie erscheint als Widerpart der Vernunft und Gefahr für die vernünftige Lebensordnung.
      Etwas weniger einseitig stellt Vietta die Einschätzungen der Phantasie im Zeitalter der Aufklärung dar; neben kritischen Diskursen, die Phantasie und Einbildungskraft als riskante Störfaktoren der menschlichen Vernunft und als Hemmnisse auf dem Weg der Aufklärung einstufen, referiert er auch kunstphilosophische Theorien und Betrachtungen, die einen produktiven Phantasiebegriff entwerfen und die imaginativen Kräfte des Menschen nicht generell verteufeln, so beispielsweise Joseph Addisons The Pleasures of the Imagination , die poetologischen Schriften von Bodmer und Breitinger und Lessings einflußreichen Laokoon-Aufsatz Insgesamt aber konstatiert auch er, 'daß die Popularphilosophie der Spätaufklärung - trotz der Ansätze zu einer Theorie der produktiven Einbildungskraft in der Frühaufklärung und trotz der Gedanken Lessings als Vermittler und Verstärker dieser Idee - nicht müde wird, vor den Gefahren der Phantasie zu warnen und auch die Wörterbücher der Spätaufklärung eher am kritischen Begriff der Phantasie festhalten."

   Die Folge einer solchen Einschätzung war die Tendenz zur Diskriminierung und Diskreditierung der spielerischen Vorstellungskraft im Bereich des zielgerichteten, funktionalen Denkens, die Ã"chtung der schöpferischen Imagination aus den Domänen des ökonomischen und sozialen Alltags und 'die Austreibung der Phantasie aus der Philosophie." Dies bedeutet jedoch keine generelle Verdammung menschlicher Phantasie, keinen gesellschaftlich umfassenden Exorzismus, denn ,,[d]ie Disqualifizierung der Einbildungskraft als Erkenntnisvermögen wird kompensiertdurch eine immer stärker werdende Würdigung ihrer Bedeutung in der Ã"sthetik, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts von Gesetz und Regel emanzipiert und schließlich im Geniekult die Kreativität als solche verherrlicht." Vietta betont in diesem Zusammenhang die 'kritisch-gegenbürgerliche Funktion des Lesens." In der literarische Produktion findet die aus dem Alltag verbannte Phantasie ein reiches Betätigungsfeld, das sich in der Rezeption widerspiegelt; für die Leserinnen und Leser werden die Begegnungen mit den fiktiven Welten und Figuren der Literatur zur willkommenen Abwechslung und zu vorübergehenden Ausbrüchen aus den rationalen Zwänge, die die übrigen Domänen ihrer bürgerlichen Existenz beherrschen. 'In dem Maße, wie die bürgerliche Aufklärung in Deutschland sich auf Prinzipien der Nützlichkeit und Anleitung zum glücklichen Geschäftsleben reduzierte, wird Lesen auch zum Surrogat für jenes Leben, das aus dem zweckrational verwalteten Leben entschwunden war: Lesen als Protest gegen die ungeliebten und gefühlskalten Verhältnisse in Familie, in den Bildungsanstalten, im Beruf." Die Phantasie findet sozusagen eine Nische, in der sie - dem Zugriff der rationalistischen Aufklärung entzogen -aufblüht. Gleichwohl behält sie in ihren alltäglichen Manifestationen das Potential einer Gefährdung rationalen Denkens, das Risiko der Entfesselung unkontrollierbarer anarchischer Kräfte bei.
      'Es vermag das Vernunftzeitalter nichts so hinlänglich zu charakterisieren wie seine Haßliebe gegenüber dem schlechthin Poetischen", pointiert Promies in seiner Untersuchung über das Irrationale in der Kultur und Literatur des Rationalismus ; er stellt dabei der bürgerlichen Existenz die Lebens- und Ausdrucksform des Narren gegenüber, dem Prinzip der Ordnung und strengen Kontrolle das Prinzip der Ausgelassenheit und der hedonistischen Rebellion der Sinne. Die ständigen Ausbruchsversuche des Individuums aus dem Kerker der Vernunft zeugen zwar von der Notwendigkeit eines ausgleichenden Systems, doch sie werden als solches nicht anerkannt, sondern gesellschaftlich geächtet. Begleiterscheinungen und Folgen einer lebhaften Phantasie, die sich ihr Recht gegen den Widerstand der herrschenden bürgerlichen Ideologie erkämpfen und rational legitimieren muß, sind Formen der Auseinandersetzung mit dem Abnormen und dem Pathologischen, ein gesteigertes Interesse an Phänomenen, die in allen Bereichen des menschlichen Lebens das von der Norm Abweichenden repräsentieren. Wissenschaftliche Neugier und rationalistische Analyse mischen sich mit Sensationslust und der morbiden Faszination am Kranken und körperlich und seelisch Entstellten. 'Die offenbare Sensibilität gegenüber aller Abnorm zeitigte dann zugleich eine offenbare Anfälligkeit für die Abnorm", schlußfolgert Promies aus den zahlreichen Fällen von Hypochondrie und
Wahnsinn, die bei Autoren, Gelehrten und Intellektuellen des späten 18. Jahrhunderts zu beobachten sind. Das Irrationale kehrt also unaufhaltsam aus der Verbannung zurück, ohne jedoch gesellschaftlich rehabilitiert zu werden; es belegt geistige Randpositionen der bürgerlichen Gesellschaft, an denen es sich entfalten und an denen es bestaunt werden kann, gleich einem isolierten Fremdkörper im Organismus des bürgerlichen Vernunftstaates. 'Der Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts war endlich klug genug, das Heilsame des Narren einzusehen, aber nicht weise genug, ihn als Arzt ordentlich zu bestätigen." - Literatur, Kunst, Kuriositätenkabinette und Irrenhäuser werden zu den Kolonien und Enklaven der irrationalen Phantasien und der Produkte entfesselter Leidenschaften innerhalb der modernen Welt.
      Um den stets drohenden Angriff auf die Vernunft und die bürgerliche Sozialordnung abzuwehren, werden Triebe, Affekte und auffällige Erscheinungsformen der Phantasie bekämpft, sowohl vom Individuum durch Verdrängung und Sublimierung als auch von der Gesellschaft durch Erziehung und Sozialisation. Dabei werden nicht nur diese seelischen, emotionalen Kräfte als destruktive irrationale Phänomene diskriminiert und mit Angst besetzt, sondern der Verdrängungsprozeß selbst, erzwungen mit Strafandrohungen und angstinduzierenden Maßnahmen, wird aufs engste mit dem Gefühl von Angst und Bedrohung verknüpft, gerade auch dort, wo dieses Gefühl als anti-aufklärerisch empfunden und als Zielobjekt auslöschender Erziehungsstrategien anvisiert wird. Eine 'psychische Habitualisierung von Angst", 'die Automatisierung moralischer Angst" als Mittel der Erziehung zur Vernunft greift tief in das Seelenleben des Menschen und pflanzt dort unverrückbar ein, was an anderer Stelle getilgt werden soll. 'Furchterregung als Furchtbekämpfung: [...] Wo Furcht verpönt ist, lächerlich, schändlich und strafwürdig, da wird sie zu ihrem eigenen Gegenstand gemacht. Auf diesem Weg aber wird das Individuum Furcht nicht nur nicht los, es reproduziert sie vielmehr beständig; so entsteht 'Furcht vor der Furcht'."

   Bei dem Versuch, eine neue Lebens- und Gesellschaftsform jenseits alter Ã"ngste und irrationaler Vorstellungen zu etablieren, erzeugt die Aufklärung somit nur neue Ã"ngste von neuer, erschreckender Qualität. Der Mensch selbst ist zu etwas Unerklärlichem geworden, das das System der Vernunft zu zerstören droht; seine inneren Empfindungen und emotionalen Regungen werden als irrationale Erschütterungen jenes fragilen ideologischen Gebäudes gewertet, das der Mensch kraft seines Verstandes errichtet und zwischen dessen schützenden Wänden er sich eingerichtet hat. Die rationalen Mauern dieses Gebäudes sind stark genug und undurchlässig, doch die Gefahr droht nicht von außen, sondern von innen, vom Fundament menschlicher Natur und sozialer Modalität. Im Fundament des gesellschaftlichen Baus, auf dem diebürgerliche Ethik des Einzelnen wie auch der Gemeinschaft fußt, sammeln sich die Affekte, die im Laufe des Aufklärungsprozesses verdrängt werden, und die aversiven Energien, die benötigt werden, diese Affekte unter Kontrolle zu halten. Es zeigt sich, 'daß Bildung und Stabilität des bürgerlichen Sozialcharakters, der seine Identität über eine Triebregungen gegenüber restriktive Vernunft und Tugend definiert, nur durch die Präsenz von Furcht-und Angstautomatismen möglich sind bzw. diese implizieren. [...] Furcht und Angst entstehen hier also nicht im Verhältnis des bürgerlichen Individuums zu einer ihm ungünstigen gesellschaftlichen Umwelt, sondern sozusagen in seiner eigenen Infrastruktur, die freilich ihrerseits auf die Notwendigkeit der Selbstbehauptung in dieser Umwelt antwortet." Anders ausgedrückt: 'Dieselbe Bewußtseins- und Psychostruktur, die als Voraussetzung aller theoretischen und praktischen Naturbeherrschung [...] gelten muß und [...] zu den Begründungsfaktoren der negativen Bewertung und der Bekämpfung von Furcht überhaupt gehört, ist eine Quelle innerer Angst."
Als paradoxes Ergebnis ihrer eigenen Absichten erzeugt die Aufklärung allerdings nicht nur existentielle Ã"ngste - Furcht vor der triebhaften Natur des Menschen, Furcht vor der Furcht als irrationaler Kraft, die das Denken und vernünftige Handeln in einer modernen Welt und einer von bürgerlicher Rationalität geprägten Ã-konomie sabotiert -, sondern steigert diese auch noch und läßt sie zu einem untrennbaren Teil ihrer selbst werden, der - einem Tumor gleich - auf perfide Art vom Wachstum der Hegemonie des Intellekts und des Kalküls profitiert. Der Prozeß der Aufklärung impliziert neben der zunehmenden Verbreitung von Bildung und Vernunft auch den Zuwachs an Angst vor einer Erschütterung der bereits erzielten Erfolge, denn je weiter der Prozeß der Aufklärung gedeiht, je feingliedriger und verzweigter die Strukturen des Wissens und die kausalen Verkettungen der Wissensbestände und ihrer konstitutiven Theorien und Erklärungsmodelle werden, desto empfindlicher und brüchiger wird das ganze Denksystem. Und je aufgeklärter der Mensch selbst wird, desto leichter kann er durch die Entfesselung der irrationalen Kräfte seines eigenen Ichs erschüttert und zerschmettert werden. Die Selbstgewißheit des vermeintlich aufgeklärten Subjekts und die Ordnung seiner Weltsicht werden den chaotischen Turbulenzen der vernunftlosen Leidenschaften und den destruktiven Stürmen unterdrückter Affekte nicht standhalten. Das Risiko ist konstant spürbar, ja geradezu unvermeidbar, denn es scheint so, 'als sei mit dem dezidierten Rationalismus eben das stets in Frage stellende Irrationale bis zu dem völligen Umschlagen der Ratio in den
Wahnsinn wesentlich verbunden." Daraus ergibt sich ein zwangsläufiger Automatismus: Rationalität muß Irrationalität zurückdrängen und eindämmen, und je stärker der Druck von innen wird, desto stärker und unnachgiebigermüssen die Dämme errichtet werden. Die eine Kraft reagiert auf die andere, beide aktivieren sich gegenseitig, um in Folge auf die geringste Verschiebung des Gleichgewichts vehement zu antworten. Rationalität definiert sich nur im Zusammenhang mit Irrationalität und umgekehrt. Der Glaube an das Prinzip der Vernunft und an die Notwendigkeit der Durchsetzung dieses Prinzips im 18. Jahrhundert gewinnt nur vor dem Hintergrund der Unvernunft und dem drohenden Schatten irrationaler Kräfte überzeugende Konturen, wie umgekehrt alle Erscheinungsformen des Irrationalen nur durch den absoluten Herrschaftsanspruch der Ratio ihre verlockende Anziehungskraft und ihr vermeintliches Erlösungspotential entwickeln konnten. '[...] - rückblickend scheint es fast so, als seien Aufklärer und Phantasten aneinander gebunden, riefen in immer neuen Auftritten sich wechselseitig auf die Bühne."
Schneiders charakterisiert das Verhältnis zwischen Aufklärung und Irrationalismus auf pointierte Weise:
Aufklärung ist zwar auf die Aufdeckung der Wahrheit ausgerichtet, aber als Kritik ist sie zunächst nur Aufhebung des falschen Scheins, also Destruktion, nicht Affirmation. Als Negation aber ist Aufklärung relativ auf das, was noch unaufgeklärt ist, d.h. sie lebt von der noch vorhandenen Dunkelheit, also genau von dem, was sie bekämpft. Aufklärung ist eigentlich parasitär. Sie ist eine bloß sekundäre Reflexionskultur, die von der Substanz lebt, die sie zerstört.
Die Aufklärung bedarf ihres Antipoden als Legitimation und furchtet ihn gleichermaßen, da er mit nur geringem Aufwand die Schutzmauer vernünftigen Denkens durchstoßen kann.
      'Die Vernunft der Aufklärung, die Kantische Vernunft, ist von Anstrengung und Furcht gezeichnet. Es ist eine spastische Vernunft: rigide, verschlossen." Die Struktur dieser Vernunft ist permanent gefährdet; je weiter sie ausgebaut wird, desto anfälliger wird sie für Störungen und Interferenzen. Ein minimaler Fehler im System kann den völligen Zusammenbruch nach sich ziehen, da er nicht einkalkuliert wurde und daher die gesamte Architektur der bürgerlichen Ideologie auf unvorhergesehene Weise zum Einsturz bringen kann. Die aufgeklärte Vernunft furchtet ihre eigene Störanfälligkeit und verbannt deshalb alles, was ihrem allein geltenden Rationalitätsprinzip widersprechen könnte, aus ihrem Wirkungsbereich. 'Die Vernunft, die herrschen will, grenzt sich ein. Sie läßt Anderes draußen und ist zugleich durch dieses Andere mitbestimmt, wie sie dies Andere durch Ausgrenzung zum Anderen macht. Abwehr und Angst begleiten fortan die Herrschaft der Vernunft." Doch scheint sie eben noch dominant, so kann sie im nächsten Atemzug bereits durch den leisesten Hauch irrationaler Ahnunghinweggefegt werden. Ihre Verschlossenheit und Ausschließlichkeit nützen ihr dabei wenig, denn gerade diese Attribute sind es ja, die mit zunehmender Eingrenzung und Durchrationalisierung der Welt und des menschlichen Denkens eine Flut irrationaler Empfindungen und Erscheinungen in der grenzenlosen Innenwelt des Subjekts erzeugen. Wenn die Flut aber über die Ufer steigt, wenn die Dämme brechen, wird die Vernunft rückhaltlos hinweggespült werden.
      Das Zeitalter der Aufklärung war auch ein Zeitalter des Aberglaubens und der Angst, und vermutlich konnte sich der Aufklärungsgedanke nur deshalb - in einem zugegebenermaßen begrenzten Wirkungskreis, aber dennoch mit anhaltendem Erfolg - durchsetzen. Denn durch diese Koinzidenz stand er in ständiger Konfrontation mit gegenaufklärerischen Strömungen und irrationalen Verhaltensweisen und sah sich solchermaßen stets legitimiert. 'Wenn sich das 18. Jahrhundert selbst als Jahrhundert der Aufklärung definierte", so Böhme und Böhme, 'als Jahrhundert der Philosophie, als Jahrhundert der Kritik, so weil die Aufklärer, Philosophen und Literaten die Definitionsmacht hatten. Es waren Männer wie Voltaire, D'Alembert, Kant, die versuchten, das Jahrhundert auf dieses Selbstverständnis festzulegen. Der Historiker, rückblickend, könnte das Jahrhundert ebensogut als Jahrhundert des Irrationalismus bezeichnen. [...] Das 18. Jahrhundert ist erfüllt von Phantasten, Geistersehern, Wundermännern, Heiligen, Mystikern und Narren und wahren Bewegungen von Schwärmern, Fanatikern, Heilssuchenden, die ihnen folgen. Hat das Jahrhundert die kritische Philosophie, so ebenso die Literatur der Empfindsamkeit, des Sturm und Drang, der Romantik hervorgebracht." Zu ergänzen wären noch die sensualistischen und subjektivistischen Strömungen der im 18. Jahrhundert mit zunehmendem Interesse betriebenen Seelenerforschung und der Anthropologie, die nahezu alle Bereiche des menschlichen Wesens zum Gegenstand umfassender Studien und Untersuchungen macht und in charakteristischer Weise auf die Literaturproduktion und -rezeption einwirkt." Neben die Forderungen der Ratio treten Empfindsamkeit und Emotionalität, die als zentrale Aspekte einer ganzheitlichen Vorstellung des Menschen ausgewiesen und somit ihrerseits zu Zielen einer wahren Aufklärung stilisiert werden. Die Bedeutung dieser Strömungen zeigt sich daran, daß die 'Wandlungen des Gefühlslebens, die aus der im 18. Jahrhundert geführten Campagne zugunsten des 'Herzens' erwachsen [...] [,] nicht nur einen Kult, sondern auch eine Kultur des Gefühls begründen." Sie sind keine marginale Erscheinung, sondern ein geistesgeschichtliches und gesellschaftlich relevantes Phänomen von großem Interesse und zwingender Priorität. Der Drang nach Erkenntnis und das Bedürfnis nach Gewißheit lenken die aufklärerischen Bemühungen des 18.
      Jahrhunderts in alle denkbaren Richtungen; primäres Ziel der Aufklärung bleibt dabei der Mensch an sich, und so bilden auch umfassende Diskurse über die emotionalen und seelischen Grundlagen der menschlichen Existenz und über die daraus erklärbaren Verhaltensweisen und pathologisch abweichenden Verhaltensanomalien, so irrational sie zuweilen scheinen mögen, einen wichtigen Teil der Kultur des Rationalismus.
      Kondylis stellt fest, daß ,,[i]n Wirklichkeit, d.h. im Lichte der Quellen, [...] Optimismus und Pessimismus, ja Eschatologie und Nihilismus, Glaube an die Vernunft und Verherrlichung des Gefühls, Zuversicht in die Macht des menschlichen Geistes und erkenntnistheoretische Verzweiflung, so oder so motivierte Religiosität und Atheismus, Moralismus und Eudämonismus, Altruismus und Egoismus nicht wegzudenkende Tendenzen ein und desselben Zeitalters [sind], dessen ebenbürtige Söhne so verschiedene Persönlichkeiten und Denker wie Rousseau und La Mettrie, Herder und Locke, Fichte und Marquis de Sade sind."

   Ein Zwiespalt scheint das 18. Jahrhundert in charakteristischer Weise zu prägen, ein Keil, der die Schicht intellektueller Aufklärer von den abergläubischen Massen trennt und eine geistesgeschichtliche Polarität erzeugt, die die Prinzipien des Rationalismus und des Irrationalismus unversöhnlich gegeneinander stellt; als Folge werden eine ganze Reihe von weltanschaulichen und existentiell bestimmenden Dualismen produziert und tradiert, die dem Subjekt eine Entscheidung abfordern, ein Für oder Gegen. Aber wieder muß auf den Zusammenhang zwischen rationalen und irrationalen Kräften, ja auf die Abhängigkeit beider Prinzipien voneinander hingewiesen werden. Sie spalten nicht etwa ein Volk, das sich in zwei separate Gruppen teilen ließe - eine aufgeklärte und eine noch nicht aufgeklärte -, sondern sie spalten das Individuum selbst.
      Im Kampf der Aufklärung gegen den Aberglauben gibt es keine klare Demarkation: Es ist keineswegs so, daß der erkenntnistheoretisch, medizinisch und psychologisch versierte Aufklärer distanziert und ironisch den Scharen der Geisterseher, Visionäre und Besessenen als ihm ganz fremden Objekten gegenüberstünde und sie als Phantasten, Abergläubische, Schwärmer oder Irre abqualifizierte; die Front der Aufklärer gegen den Aberglauben verläuft vielmehr immer auch quer durch die eigene Person.

     
   Der Kampf zwischen Aufklärung und Aberglaube verlagert sich somit in seinen entscheidenden Ausprägungen vom publizistischen Schauplatz, auf dem er natürlich auch weiterhin ausgetragen wird, nach innen und nimmt -unterschwellig - die Form einer seelischen Zerrissenheit an, die man durchaus als kognitive Dissonanz bezeichnen könnte. Im Konflikt mit dem inhärenten
Irrationalen, mit der triebhaften Natur und den affektiven Energien der eigenen Person, im Bewußtsein der gesellschaftlich eingeforderten Rationalität und Vernunft erlebt das Individuum in zunehmendem Maße jenen 'psychische[n] Widerspruch, der im gesamten 18. Jahrhundert als außerordentliche Bedrohung erfahren wird und notwendigerweise auch erfahren werden muß." Auch Dieckmann weist auf die Verflechtung der Gegensätze hin und betont dabei, daß die Aufklärung gerade in ihrem ursächlichen und wesenhaften Kern dem als irrational geltenden Denken verhaftet ist, das sie durch ihren Emanzipationswillen zu überwinden hofft:
[...] die Antithese [...] zwischen Aufklärung einerseits und Religion sowie Metaphysik andererseits hat Gültigkeit nur im Hinblick auf das Programm und Ziel der Aufklärung. In ihren Ursprüngen und in ihrem Wesen ist die Aufklärung nachhaltig und in vielfältiger Weise bestimmt worden durch das religiöse Denken und Fühlen und durch die religiöse und metaphysische Tradition, von der sie sich zu befreien suchte. Ihre Ideen entwickeln sich in einer steten Auseinandersetzung mit dieser Tradition, die keineswegs von außen, als das Andere, das Feindliche, als Widerstand auf sie einwirkt, sondern auch von innen, als Vermächtnis, als philosophische Fragestellung.

     
   Noch einen Schritt weiter scheint Baeumler zu gehen, der - im Rahmen seiner Studie über die kulturhistorische und philosophische Entwicklung ästhetischer und subjektivistischer Kategorien - 'das 18. Jahrhundert [als] die klassische Zeit des Irrationalismus" bezeichnet. Zu dieser Einschätzung gelangt er aufgrund der Einsicht in die dominante Rolle, die das Irrationale in Form rational unzugänglicher Individualität und geschmacksorientierter Subjektivität im ästhetischen Urteil erstmals im 18. Jahrhundert beansprucht. Das Irrationale wird 'als philosophisches Problem empfunden" und wirkt in dieser Funktion stimulierend auf geistesgeschichtliche Fragestellungen und Theoriebildungen.
      Die ganze philosophische Fruchtbarkeit des 18. Jahrhunderts beruht darauf, daß in ihm die entgegengesetzten Prinzipien zugleich sich entfalten; der Rationalismus erhielt sich in ungebrochener Kraft, während der Irrationalismus sich erhob: aus dem Widerstreit und der Versöhnung dieser Prinzipien ist die deutsche klassische Philosophie hervorgegangen. Nicht der Rationalismus also, sondern das Problem des Irrationalen, vom Boden des Rationalismus aus erblickt, ist für das 18. Jahrhundert in philosophischer Hinsicht bezeichnend.

     
   Aufklärung und Aberglaube, Rationalismus und Irrationalismus koexistieren in einem spannungsreichen Verhältnis, das sich der Epoche und ihrer Philosophie, ihrer Konstitution, ihrer Dynamik und ihrer gesamten kulturellen
Produktion eingeschrieben hat; es formiert das bürgerliche Bewußtsein mit all seinen Gegensätzen und Widersprüchen, seinen Hoffnungen und Ã"ngsten und prägt sich der Moderne als fundamentale Denk- und Empfindungsstruktur unauslöschlich ein. 'Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust", diagnostiziert Goethes Faust, der prototypische Anti-Held der Moderne, sein existentielles Leid. Die Wurzeln dieser Befindlichkeit, die widerstreitenden Prinzipien rationaler und irrationaler Kräfte in der Ideologie der Aufklärung, liegen verschlungen und untrennbar miteinander verwachsen im 18. Jahrhundert, der mächtige Baum jedoch, der aus ihnen hervorging, blüht auch noch in unseren Tagen und trägt Früchte der Erkenntnis, die bitter und süß zugleich schmecken können.
      Widersprüchlichkeit und Konfusion kennzeichnen die Geistesgeschichte des späten 18. Jahrhunderts. 'Man kann wohl mit Gewißheit sagen, daß die Welt noch nie so bunt aussah, wie jetzt", schrieb Hölderlin im Januar 1797 an Johann Gottfried Ebel und seine Ã"ußerungen sind weniger Anzeichen seines labilen Gemütszustandes und einer daraus resultierenden verzerrten Wahrnehmung, als vielmehr pointierte Beschreibungen der Zeit und der Gesellschaft, die Beobachtungen eines sensiblen Augenzeugen. 'Sie ist eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Widersprüchen und Kontrasten. Altes und Neues! Kultur und Roheit! Bosheit und Leidenschaft! Egoismus im Schafpelz, Egoismus in der Wolfshaut! Aberglauben und Unglauben! Knechtschaft und Despotism! unvernünftige Klugheit, unkluge Vernunft! geistlose Empfindung, empfindungsloser Geist! Geschichte, Erfahrung, Herkommen ohne Philosophie, Philosophie ohne Erfahrung! Energie ohne Grundsätze, Grundsätze ohne Energie! Strenge ohne Menschlichkeit, Menschlichkeit ohne Strenge! heuchlerische Gefälligkeit, schamlose Unverschämtheit! altkluge Jungen, läppische Männer! - Man könnte die Litanei von Sonnenaufgang bis um Mitternacht fortsetzen und hätte kaum ein Tausendteil des menschlichen Chaos genannt."

   Die schillernde Janusköpfigkeit dieses Jahrhunderts, dessen Ambivalenz ihren erschreckenden Höhepunkt in der Französischen Revolution fand, erhielt durch die berühmten Anfangsworte des Romans A Tale of Two Cities {Eine Geschichte aus zwei Städten, 1859) von Charles Dickens eine treffende Charakterisierung:
Es war die beste und die schlimmste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis: es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle un-mittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung[...].

     
   Und Dickens' Beschreibung der Revolution des aufgeklärten Geistes kulminiert im Sinnbild des blutigen Schleifsteins in einem Pariser Hinterhof, an dem Messer, Schwerter und Bajonette in einem Taumel unkontrollierbarer Emotionen und exzessiver Gewalt funkensprühend geschärft werden, um die Opfer der entfesselten Vernunft abzuschlachten. Blutüberströmt, in zerfetzte Kleider und Lumpen gehüllt, drängt sich die aufgestachelte Menge an den Schleifstein, der in seiner haltlosen, irren Umdrehung, seiner automatisierten Kreisbewegung die aller menschlichen Kontrolle entzogene Macht der Revolution symbolisiert, ein Altar der neuen Religion, die in ihrem ambivalenten Wesen das Gegensätzliche vereint und - das irrationale Dunkel der Nacht mit Funkenkaskaden erhellend und Ströme von Blut vergießend -den Menschen aus seiner Unmündigkeit befreit und der Willkür und Gewaltherrschaft zweckrationalen Denkens ausliefert.
     

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Ambivalenz  der  Aufklärung:  Vernunft  Angst    


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