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Paul de man: rhetorik und aporie

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Schlußbetrachtung: Eine Rhetorik der Romantik



Zum Abschluß sollen hier in aller Knappheit Vorzüge und Nachteile von de Mans Dekonstruktion zusammengefaßt und mit der Problematik der Romantik verknüpft werden. Nach dem bisher Gesagten wird es niemanden verwundern, daß die Nachteile überwiegen. Dies hängt z. T. mit der hier vorgeschlagenen Objektkonstruktion zusammen, die aus einem Diskurs der Kritischen Theorie hervorgeht und deren historische, gesellschaftliche und sprachliche Partikularität nicht geleugnet, sondern hervorgehoben wird. Daß es möglich ist, de Mans Werk auch anders zu konstruieren, zeigen vor allem die Arbeiten von Ch. Norris.



     
   Ein Verdienst von de Mans Ansatz ist sicherlich die Erkenntnis, daß literarische und philosophische Texte nicht in allen Fällen homogene Strukturen sind, sondern unaufhebbare Ambivalenzen, Widersprüche und Aporien enthalten können. Diese Erkenntnis sollte als berechtigte Kritik am Hegelianismus, an einigen Varianten des Strukturalismus und am New Criticism in das methodologische Repertoire der zeitgenössischen Philosophie und Literaturwissenschaft eingehen. So ist de Man recht zu geben, wenn er den Anspruch der New Critics, die Werkeinheit darzustellen, dekonstruiert und bemerkt, daß diese Kritiker nicht die gesuchte Einheit, die »single meaning« fanden, sondern Zweideutigkeit und Diskontinuität: »Diese vereinheitlichende Literaturwissenschaft wird schließlich zu einer Literaturwissenschaft der Ambiguität, einer ironischen Reflexion über die fehlende Einheit, die sie postuliert hatte.« Die Begriffe der Einheit , der Totalität oder der Tiefenstruktur sollten daher dialektisch durch Begriffe wie Ambivalenz, Widerspruch und Aporie ergänzt werden. Dafür sprechen auch Adornos Kommentare zu Georges Lyrik.
      Sie sollten dialektisch ergänzt und nicht ersetzt werden. Dies ist deshalb entscheidend, weil sich gezeigt hat, daß de Man -ähnlich wie Derrida - Widerspruch, Unentscheidbarkeit und Aporie zu einem alles beherrschenden Prinzip erhebt, ohne der

Frage nachzugehen, ob Textkohärenz nicht auch ein fruchtbares Postulat ist und ob Kohärenz und Widerspruch nicht koexistieren können. Ein Text kann Widersprüche und Aporien enthalten und dennoch auf semantischer Ebene eine gewisse Kohärenz aufweisen, die de Man nicht berücksichtigt.
      Weil de Man in nahezu allen seinen späteren Analysen die Aporie in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt und alle philosophischen und literarischen Texte als aporetische Strukturen auffaßt, setzt er sich über die Historizität der Literatur und der Philosophie hinweg. Dies bedeutet keineswegs, daß er historische und geschichtswissenschaftliche Probleme ausklammert; er meint aber, sie im Rahmen seines rhetorischen Ansatzes lösen zu können, in dem Geschichte selbst als ein Ensemble von aporetischen, d. h. dekonstruierbaren Texten erscheint. Die Historizität der Texte ist jedoch nicht auf »Aporie« und »Dekonstruktion« zu reduzieren. Vielmehr manifestiert sie sich in einer gesellschaftlich, kulturell und ideologisch bedingten Textvielfalt, die sowohl den unaufhebbaren Widerspruch als auch die strenge Kohärenz, sowohl die klassische Stimmigkeit als auch die avantgardistische Werkzertrümmerung erfaßt. Rousseau mag widersprüchlich sein; seine Widersprüche sind aber aus gesellschaftlichen Gründen nicht mit denen Rilkes oder Prousts zu vergleichen.
      Da de Man diesen sozio-historischen Kontext ausblendet, begibt er sich der Möglichkeit, seinen eigenen Diskurs als historisches Konstrukt selbstkritisch zu reflektieren und dialogfähig zu machen. In dieser Situation entfaltet er einen oft obskuren Monolog, der dazu neigt, sich mit zahlreichen apodiktischen Statements und vieldeutigen rhetorischen Figuren von anderen Diskursen abzukapseln. Die extreme Partikularität dieses Monologs hängt mit den »anti-universalistischen Implikationen des Begriffs Rhetorik« zusammen, von denen bei Michael Cebulla die Rede ist, und global mit den Partikularisierungstendenzen des Nach- und Junghegelianismus, die hier eingangs erwähnt wurden.
      Es mutet daher wie eine Absurdität an, wenn de Man in seinem Aufsatz über Bachtin, von den »dogmatischen Grundsätzen«spricht, »die die dialogische Ideologie so attraktiv und so andersartig machen«. Bachtins Texte sind sicherlich nicht ideologiefrei, aber ein wesentlicher Bestandteil ideologischer Diskurse ist der Monolog, der die Aussagen anderer Diskurse implizit oder explizit ausgrenzt und sich auf hegelianische Art mit dem Objekt identifiziert. Dies tut Paul de Man, sooft er einen Text dogmatisch als aporetische Struktur definiert, seine Ambivalenz zwischen Kohärenz und Inkohärenz tilgt und andere mögliche Interpretationen implizit ausgrenzt. Damit verstößt er gegen seine eigene Ethik, die die Anerkennung der Alterität des Gegenstandes fordert.
      Sein rhetorischer Monolog, der sich manchmal zu Recht gegen verschiedene Formen des Rationalismus und Hegelianismus wendet, ist nicht nur nietzscheanischen, sondern auch romantischen Ursprungs. Es hat sich gezeigt, daß schon Friedrich Schlegel die Transparenz der Sprache drastisch einschränkte und dadurch ihre Begrifflichkeit, ihre Allgemeingültigkeit schwächte . Wie die Romantiker betont de Man - etwa in seinem Aufsatz »Shelley Disfigured« - den opaken Charakter des Wortes und die Loslösung der Ausdrucksebene vom Inhalt: »die relative Unabhängigkeit des Signifikanten und dessen freischwebenden Charakter im Hinblick auf seine Bedeutungsfunktion«.
      Es nimmt nicht wunder, wenn er zu Beginn dieses Aufsatzes die Romantik als einen Prozeß betrachtet, »in dessen Horizont wir uns bewegen«. Denn neben dem Begriff der Allegorie, den er teilweise von den Romantikern übernimmt und in seiner Kritik des Symbols weiterentwickelt 88, zeugt auch der

Ironiebegriff vom romantischen Einschlag seiner Dekonstruktion. Wie die Allegorie stellt sich die Ironie allen vereinheitlichenden Tendenzen in den Weg: »Genau in dem Augenblick, wo die Ironie für ein Wissen gehalten wird, das die Welt zu ordnen und zu heilen vermag, versiegt schlagartig ihre Quelle.«

   Im Gegensatz zu Jean Starobinski, der in der Ironie eine Kraft zu erkennen meint, die »die Wiederherstellung einer harmonischen Einheit einleitet und eine Versöhnung des Ichs mit der Welt initiiert«90, faßt de Man die Ironie als destruktiven Faktor auf, der jedes Streben nach Einheit vereitelt. Als Allegorie einer solchen Ironie liest er Stendhals La Chartreuse de Parme, einen Roman, der das Schicksal zweier Liebenden darstellt, denen ein ungeschmälertes Zusammensein nicht vergönnt ist: »Wenn sie sich sehen können, dann sind sie durch eine unüberwindliche Distanz voneinander getrennt; wenn sie sich berühren können, dann nur unter der Voraussetzung völliger Dunkelheit .« Im Lichte einer Ironie dieser Art könnte auch de Mans eigenes Werk gelesen werden: Eine Theorie, die den Anspruch erhebt, die Texte so darzustellen, wie sie in Wahrheit sind, nämlich aporetisch, führt dem Leser immer wieder vor Augen, daß es die Wahrheit nicht gibt.
      De Mans Definition des Ironiebegriffs haftet, ähnlich wie seinen Begriffen der Aporie und der Allegorie, eine Negativität an, die zugleich romantischen und nietzscheanischen Ursprungs ist und in den Werken der anderen Dekonstruktivisten - vor allem Millers - ebenfalls in Erscheinung tritt. Trotz ihrer Metamorphosen in den verschiedenen Theorien bildet diese sprachliche und ästhetische Negativität den gemeinsamen Nenner der hier kommentierten dekonstruktivistischen Ansätze.

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