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Paul de man: rhetorik und aporie

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Paul de Man zwischen Hegel, Nietzsche und Heidegger



In der Einleitung war bereits von einer gewissen Kontinuität zwischen Paul de Mans Dekonstruktion und dem anglo-amerikani-schen New Criticism die Rede. De Man knüpft insofern an die Positionen der New Critics an, als er sich eine Variante des dose reading zu eigen macht und es wie Ransom, Brooks oder Wimsatt ablehnt, den literarischen Text in einer wissenschaftlichen Betrachtung auf den Begriff zu bringen. Wie der Kantianer Ransom könnte Paul de Man sagen: »Ich bin der Ansicht, daß Dichtung auf revolutionäre Art mit der Konvention der logischen Rede bricht .«


Wie Kant nimmt de Man den Standpunkt des Lesers oder Betrachters ein und weist alle Ansprüche hegelianischer Produktionsästhetiken zurück, Kunstwerke im Rahmen bestimmter begrifflicher Systeme erklären zu können. Er scheint an Ransoms Ablehnung der Verwissenschaftlichung anzuknüpfen, wenn er in Blindness and Insight bemerkt: »Die Semantik der Interpretation weist keine epistemologische Konsistenz auf und kann daher nicht wissenschaftlich sein.«
Er geht jedoch weit über Ransoms Kantianismus und die theoretische Skepsis der New Critics hinaus, wenn er mit Nietzsche nachzuweisen sucht, daß die rhetorische Dimension des theoretischen Diskurses über dessen logische und grammatische Komponenten herrscht, und in The Resistance to Theory erklärt: »Schwierigkeiten treten nur auf, wenn es nicht mehr länger möglich ist, die erkenntnistheoretische Stoßkraft der rhetorischen Dimension des Diskurses zu ignorieren, das heißt, wenn es nicht mehr möglich ist, diese als bloßen Zusatz, als ein reines Ornamentinnerhalb der semantischen Funktion, zu betrachten.« Das von Nietzsche ausführlich kommentierte rhetorische Element ist es, das de Man zufolge die systematische Begriffsbildung vorab zum Scheitern verurteilt und zugleich erklärt, weshalb jede Literaturtheorie auf unüberwindliche Hürden stößt. Denn der literarische Text als Literarizität rückt »die rhetorische Funktion gegenüber der grammatischen und der logischen in den Vordergrund«.

     
   Auch die scheinbar rein begriffliche Theorie kommt ohne diese rhetorische Funktion nicht aus, und de Man stellt grundsätzlich die Ansicht eines Rationalisten und Strukturalisten wie Greimas in Frage, der stillschweigend annimmt, daß die grammatische und die logische Funktion der Sprache koextensiv sind und die Grammatik ein »Isotop der Logik« ist. Dieses Isotop zerfällt jedoch, sobald die rhetorischen Interferenzen in der Grammatik wahrgenommen werden, da Rhetorik weder auf Grammatik noch auf Logik zu reduzieren ist. Denn: »Es gibt in allen Texten Elemente, die zwar keineswegs ungrammatisch sind, deren semantische Funktion aber nicht grammatisch definierbar ist, weder für sich genommen noch im Kontext.«

   Sofern de Man für seinen rhetorischen Ansatz nicht nur im literarischen, sondern auch im theoretischen Bereich volle Gültigkeit beansprucht, läuft seine Argumentation auf eine extreme Partikularisierung des Theoriebegriffs hinaus. Als Rhetorik, als figurativer, von Tropen beherrschter Diskurs, leistet Theorie ihren eigenen Begriffsbildungen und Systematisierungen Widerstand: »Nichts kann den Widerstand gegen die Theorie überwinden, da die Theorie selbst dieser Widerstand ist.«" Das Paradoxon und die romantische Ironie sind aus diesem Satz herauszuhören, der die Aporien von de Mans Dekonstruktion ankündigt.
      Mit Nietzsche und im Gegensatz zu Hegel, der auf den begrifflichen Charakter der toten oder automatisierten Metapher hinweist und die Metapherauf deren »abstrakte Bedeutung« reduziert, versucht de Man, den rhetorischen, figurativen Ursprung theoretischer Schlüsselbegriffe hervortreten zu lassen. Wie Derrida, der an den metaphorischen Charakter des Metaphernbegriffs erinnert, zweifelt de Man an der Möglichkeit, die rhetorischen Elemente der Sprache mit Hilfe einer Begrifflichkeit zu beherrschen, die selbst oft rhetorischen Ursprungs ist. Sollte diese These von der wissenschaftlichtheoretischen Praxis bestätigt werden , so müßte man auch die komplementäre These akzeptieren, die Jonathan Culler, ein anderer Vertreter der amerikanischen Dekon-struktion, aufstellt: »Es ist keinesfalls möglich, die Fallen der Rhetorik zu umgehen, indem man den rhetorischen Charakter des Diskurses wahrnimmt.«

   So stichhaltig de Mans und Cullers Thesen auf den ersten Blick auch aussehen mögen, an Gegenargumenten fehlt es nicht. Die Mathematik und die formale Logik, deren Beweisführungen keineswegs durch rhetorische Interferenzen gestört werden und auch nicht den Unwägbarkeiten der Iterabilität ausgesetzt sind, können in theoretischen Diskursen - von der Linguistik bis zur Ästhetik — eine wichtige Rolle spielen. Es kommt hinzu, daß ein Semiotiker wie Greimas an entscheidenden Stellen zu zeigen vermag, daß es sehr wohl möglich ist, eine Figur wie die Metapher mit Hilfe von Begriffen wie Sem und Semem zu erklären. Angesichts solcher — stets kritisierbarer - Begriffsbestimmungen erscheinen die Thesen der Dekonstruktivisten als nietzscheanische Ãœbertreibungen, die die rhetorische Figur in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen und die Rolle der formalen Logik in jeder theoretischen Argumentation vernachlässigen. Es kommt hier nicht darauf an, für Greimas oder de Man Partei zu ergreifen, sondernzu erkennen, daß beide Theorieauffassungen als nur mögliche, kontingente Objektkonstruktionen betrachtet werden sollten, die dialektisch und dialogisch aufeinander zu beziehen sind.
      De Mans nietzscheanische Ãœbertreibungen haben eine lange Geschichte, die mit der junghegelianischen Kritik an Hegel anfängt . Wie die Junghegelianer attackiert de Man die systematische Dialektik Hegels, indem er die unaufhebbare Ambivalenz und die Einheit der Gegensätze ohne Synthese hervorhebt. In The Resistance to Theory behauptet er: »Insofern als binäre Gegensätze die Synthese ermöglichen, gehören sie zu den am stärksten irreführenden differentiellen Strukturen.«

   Diese Kritik an der Hegeischen Aufhebung oder Synthese führt bei de Man wie seinerzeit bei den Junghegelianern und viel später bei Benjamin und Adorno zu einer Aufwertung des Besonderen, des Singulären und zu einer radikalen Kritik am Universellen, am allgemeinen Begriff. Diese Aufwertung des Besonderen, die bei Stirner in eine anarchistische Apotheose des individuellen Eigennutzes, bei Feuerbach in ein materialistisches Lob der Sinne, bei Vischer in eine neue Autonomieästhetik und bei Kierkegaard, dem Erben der Junghegelianer, in eine individuelle Verinnerlichung von Hegels Geschichte ausmündet, läuft bei de Man auf eine Ãœberbewertung der Rhetorik, der Tropen hinaus.
      Seine Antwort auf eine Kritik von Raymond Geuss in Critical Inquiry läßt erkennen, wie sehr er sein eigenes Denken im Zusammenhang mit dieser antihegelianischen Partikularisierung betrachtet, die mit der intellektuellen Revolte der Junghegelianer einsetzte: »Wenn Wahrheit die Aneignung der Welt durch das Ich im Gedanken und folglich in der Sprache ist, dann enthält Wahrheit, die als das absolut Allgemeine definiert wird, ein konstitutives Element der Partikularisierung, das mit ihrer Allgemeinheit unvereinbar ist. Diese Frage taucht bei Hegel jedesmal auf, wenn die Sprache auftaucht .«

   Im sprachlichen Bereich bewirkt dieser Prozeß der Partikulari-sierung eine Aufwertung der Ausdrucksebene und der Rhetorik im Sinne von Nietzsche. Er beginnt jedoch wie bei den Junghegelianern und Kierkegaard mit der Inszenierung der existentiellen Widersprüche des Individuums. Schon deshalb ist es sinnvoll, mit Christopher Norris auf die Affinität zwischen de Man und dem dänischen Philosophen hinzuweisen, der vielleicht als erster »die normativen Beziehungen zwischen Sprache, Wahrheit und Subjektivität« anzweifelte.
      In diesem Zusammenhang nimmt es nicht wunder, daß de Man in seinen Schriften aus den 50er und 60er Jahren literarische und philosophische Probleme aus existentialistischer Sicht betrachtete und sich dabei an Heideggers Seinsontologie orientierte. Ortwin de Graef, der diese Schriften ausführlich kommentiert hat, unterscheidet zwei Lesemodi beim frühen de Man: einen existentiellen und einen rhetorischen Modus. Zunächst spricht er von einem »Konflikt zwischen Lesemodi, die auf existentiellen Kategorien< und Lesemodi, die auf rhetorischen Kategorien< gründen«. Während der erste Lesemodus die von einem existentiellen Entwurf garantierte Einheit des Textes anpeilt, läßt sich der zweite von dem Gedanken leiten, daß die nach Einheit und Sinnerfüllung strebende Lektüre schließlich an den rhetorischen Elementen der Sprache scheitert. Tatsächlich ist in einem Aufsatz de Mans über Wordsworth und Keats aus dem Jahre 1962 von zwei »verschiedenen Lektüren« die Rede, denen grundverschiedene und nicht zu vereinheitlichende Sprachbilder zugrunde liegen. Doch Ortwin de Graef hat recht, wenn er schließlich bemerkt, daß eine rigide Trennung der beiden Lesemodi nicht möglich ist, weil sie in heterogenen und hybriden Textanalysen zusammenwirken, die sowohl auf existentieller als auch auf rhetorischer Ebene durchgeführt werden.

     
Der gemeinsame Nenner der »existentiellen« und der »rhetorischen« Lesearten ist jedoch die Tendenz zur Partikularisierung, und Ortwin de Graefs Untersuchungen scheinen die hier vorgeschlagene Erklärung zu bestätigen, daß die meisten modernen Kritiken des Hegeischen Systems eine Aufwertung des Partikularen, des Besonderen zur Folge haben. Aus dieser Sicht erscheinen die beiden von de Graef aufgezeigten Lesemodi beim frühen de Man als komplementär, weil die existentielle Partikularisierung die rhetorische ergänzt.
      Daher überrascht es kaum, daß sich de Man in seinen Schriften aus den 50er und 60er Jahren einerseits auf Heidegger beruft, um seine Untersuchungen über die Einheit des Seins fundieren zu können, und daß er andererseits versucht, die rhetorisch bedingten Widersprüche aufzuzeigen, die den verschiedenen literarischen Entwürfen zugrunde liegen. Liest man in diesem Kontext seinen Artikel über Keats und Hölderlin , der von der zugleich hegelianischen und existentialistischen Problematik der Spaltung zwischen Subjekt und Objekt, Subjekt und Welt ausgeht und Hölderlins Werk als einen Versuch auffaßt, »die verlorene Einheit des Seins wiederherzustellen«23, so stellt man fest, daß er sich komplementär zu de Mans »vorrhetorischer« Kritik an Sartres Les Mots verhält. In dieser Kritik behauptet de Man, daß Les Mots zwar mit dem Anspruch auftreten, eine Autobiographie im Sinne von Rousseau zu sein, in Wirklichkeit jedoch eine These aufstellen, die mit den autobiographischen Elementen recht wenig zu tun hat: »Les Mots sind nicht die Art von Text, die sie zu sein vorgeben.« Man wird sehen, daß diese Suche nach einem rhetorisch fundierten und unaufhebbaren Widerspruch in de Mans Spätwerk intensiviert wird.
     

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