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Paul de man: rhetorik und aporie

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Paul de Man: Rhetorik und Aporie



Die Dekonstruktion in den Vereinigten Staaten sollte nicht unabhängig von der Institutionalisierung der Literaturwissenschaft -des literary criticism - an amerikanischen Universitäten betrachtet werden. Während in den 50er und 60er Jahren noch die werkimmanenten Methoden des New Criticism die akademische Szene beherrschten, kam es in den späten 70er Jahren zu einem Durchbruch der Dekonstruktion im institutionellen Bereich, wo die Hegemonie der New Critics - John Crowe Ransoms Cleanth Brooks', Robert Penn Warrens u. a. -von einer Vorherrschaft der Dekonstruktivisten abgelöst wurde. Ihre Wirkung, die trotz aller polemischen Attacken und Kritiken bis heute kaum an Intensität verloren hat, ging von der Universität Yale aus, wo die wichtigsten Vertreter dieser Denkrichtung - Paul de Man , J. Hillis Miller und Geoffrey H. Hartman -lehrten.


      Zur Vormachtstellung der Dekonstruktivisten in der amerikanischen philosophischen und literaturwissenschaftlichen Diskussion bemerkt David Lehman Anfang der 90er Jahre: »Man kann beobachten, wie die Dekonstrukteure der Hegemonie ihre eigene Hegenomie vorbereiten und dabei ihre Rivalen als rückständig, reaktionär oder gar anti-intellektuell verurteilen.« Diese Einschätzung, die an die Auseinandersetzungen zwischen Formalisten und Marxisten in der nachrevolutionären Sowjetunion sowie an die Konflikte zwischen critique universitaire und nouvelle critique im Frankreich der 60er Jahre erinnert, ergänzt Lehman an anderer Stelle, wenn er zu Paul de Man bemerkt, »er werde allgemein als Leitfigur der literarischen Dekonstruktion betrachtet« .
      Dies ist ein Grund, weshalb de Mans theoretischer Ansatz hier vor den Ansätzen der anderen Dekonstruktivisten kritisch betrachtet wird. Der andere und entscheidende Grund ist sein ausgeprägtes Interesse für philosophische Fragen, das ihn mit Derridaverbindet, dessen Kritik an Kant, Hegel und Rousseau er weiterführt und mitunter stark modifiziert.
      Eine Auseinandersetzung mit de Man ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn vorab die Frage nach dem institutionellen und methodologischen Verhältnis von Dekonstruktion und New Criticism, auf den sich der belgisch-amerikanische Theoretiker immer wieder bezieht, beantwortet wird. Denn es ist kein Zufall, daß die Vormachtstellung der New Critics von einer Hegemonie der Dekonstruktivisten, von der bei Lehman die Rede ist, abgelöst wurde. Wie der New Criticism ist die amerikanische Dekonstruktion ein vorwiegend werk- oder textimmanentes Verfahren, das in mancher Hinsicht die Tradition des dose reading fortsetzt. Aber im Gegensatz zu den New Critics der 50er und 60er Jahre streben die amerikanischen Anhänger Derridas nicht danach, die phonetische, semantische oder syntaktische Kohärenz des Textes aufzuzeigen, sondern bemühen sich, dessen Ambivalenzen, Widersprüche und Aporien bloßzulegen.
      Ihnen erscheint die eigene Suche nach Inkohärenz und Widerspruch, nach dem, was Paul de Man als Unlesbarkeit oder unrea-dability bezeichnet, als ethisch motiviert, als eine Verpflichtung. Der luzide Leser, der »good reader«, wie J. Hillis Miller sagt, nimmt die »Unlesbarkeit« des Textes wahr und lehnt strikt jeden Versuch ab, sie mit Hilfe von Hegels Kategorie der Totalität oder durch Rekurse auf ein anderes hermeneutisches Kohärenzpostulat zu verschleiern.
      Die Ethik des Lesens besteht demnach sowohl bei Miller als auch de Man darin, daß der widersprüchliche, unlesbare Charakter des Textes erkannt und das Scheitern der Lektüre offen zugegeben wird und daß der Interpret darauf verzichtet, den Gegenstand seiner Untersuchung dem begrifflichen Diskurs seiner Theorie zu unterwerfen. Aus dieser Sicht erscheint das Lesen, wie Werner Hamacher richtig bemerkt, als »eine Allegorie der Unlesbarkeit«. Zugleich macht sich bei Paul de Man, J. Hillis Miller und Geof-frey H. Hartman eine grundsätzliche Skepsis der Theorie und ihrer Begrifflichkeit gegenüber bemerkbar.
      Trotz seiner Vorliebe für Nietzsche scheint Miller an die Nicht-begrifflichkeit von Kants Ästhetik anzuknüpfen, wenn er in Theo-ry now and then zum Verhältnis von Literatur und Theorie bemerkt, daß »es wahrscheinlicher ist, daß eine gute Lektüre zu einer Widerlegung oder einer radikalen Änderung der Theorie als zu deren definitiver Bestätigung führen wird«. Auf ähnliche Äußerungen stößt man bei Paul de Man.
      Der zweite ethische Aspekt der in den USA entwickelten De-konstruktion hängt eng mit der »ehrlichen Lektüre« zusammen, von der bei de Man und Miller immer wieder die Rede ist. Es geht darum, einen authentischen Dialog mit dem Text und dessen Alterität einzugehen. Diese Alterität kommt nur dann zum Tragen, wenn sich der Interpret von der Begriffslosigkeit der Kantschen Ästhetik leiten läßt, statt sich auf einen hegelianischen Gewaltakt einzulassen, der mit der Unterwerfung des Objekts unter einen subjektiven Willen endet. In diesem Zusammenhang stellt Simon Critchley in The Ethics of Deconstruction den Erkenntniswert von Hegels Logozentrismus in Frage: »Die Philosophie, vor allem in ihrer Hegeischen Ausprägung, war stets darauf aus, ihr Anderes als ein Anderes, das Bestandteil ihrer selbst ist, aufzufassen. Dadurch hat sie das Andere vereinnahmt und seine Alterität aus dem Blickfeld verloren.« Mit Recht hebt Critchley die Bedeutung von Emmanuel Levinas' Werk für Derridas Philosophie hervor und zeigt, wie sehr beide Autoren jeden philosophischen Versuch ablehnen, das Andere dem Selben, dem hegelianischen Subjekt, einzuverleiben. Die Vertreter der amerikanischen Dekonstruktion bestätigen diese ablehnende Haltung, wenn sie für eine »ehrliche Lektüre« plädieren, welche die dem Gegenstand innewohnenden Widersprüche nicht idealistisch tilgt.
     
Die von Derrida, de Man und Miller aufgeworfene Frage nach der Ethik der Lektüre hat allerdings auch einen erkenntnistheoretischen Aspekt. Wie kann man behaupten, daß eine bestimmte -dekonstruktivistische oder andere - Lesart die richtige ist und daß die von de Man oder einem anderen Dekonstruktivisten aufgedeckten Widersprüche tatsächlich im Objekt »enthalten« sind?
So scheint de Man dem von ihm kritisierten hegelianischen Irrtum zu verfallen, wenn er behauptet, daß »die Dekonstruktion stets danach strebt, die Existenz bestimmter, in scheinbar monadischen Totalitäten versteckter Aussagen und Ungereimtheiten bloßzulegen«. Wie der »Realist« Hegel, der davon ausging, daß die Kategorien des dialektischen Denkens der mit dem philosophischen Subjekt identifizierten Realität entsprechen, hält de Man an der Idee fest, daß die Dekonstruktion die Ungereimtheiten, die im Text, im Objekt angelegt sind, nur aufzudecken hat.
      Dabei übersieht er das Problem der Metasprache, die in allen Fällen für die theoretische Objektkonstruktion verantwortlich ist. Denn das theoretische Objekt wird niemals fotografisch abgebildet oder widergespiegelt, sondern vom stets kontingenten Diskurs einer Theorie konstruiert. Diesen Aspekt der Theoriebildung haben die Dekonstruktivisten bisher vernachlässigt - ebenso wie die meisten ihrer strukturalistischen, hegelianischen oder marxistischen Kontrahenten, die dazu neigen, Texte mit bestimmten semantischen Strukturen zu identifizieren, die sie selbst vorkonstruiert und anschließend in ihre Gegenstände projiziert haben, ohne über den Konstruktionsprozeß nachzudenken.
      Vor allem in diesem und im folgenden Kapitel wird deutlich werden, daß die Vernachlässigung der Objektkonstruktion im Sinne der Semiotik und des Radikalen Konstruktivismus auf metalinguistischer Ebene eine wesentliche Schwachstelle in den Diskursen der Dekonstruktion ist. Sie istdafür verantwortlich, daß Theoretiker wie de Man und Miller immer wieder die gesellschaftlichen und historischen Komponenten der Texte und ihrer eigenen Diskurse übersehen.
     

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