Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Paul de man: rhetorik und aporie

Index
» Paul de man: rhetorik und aporie
» Paul de Man als Nietzscheaner: Rhetorik und Aporie

Paul de Man als Nietzscheaner: Rhetorik und Aporie



Die Philosophie Nietzsches ist für de Man insofern wichtig, als sie die rhetorischen Aspekte der Sprtche hervortreten läßt und die metaphysischen Wahrheitsbegriffe der Rationalisten, Kantianer und Hegelianer radikal in Frage stellt. Nicht zufällig weist der Dekonstruktivist auf die Bedeutung des »Philologen Nietzsche« hin, denn ihn fasziniert Nietzsches Vorhaben, die Diskurse der Philosophen durch die rhetorischen Verfahren der Literatur zu dekonstruieren: »Die kritische Dekonstruktion, die zur Aufdeckung des literarischen, rhetorischen

Wesens des philosophischen Wahrheitsanspruchs führt, ist lauter und unabweislich genug: Literatur erweist sich als der zentrale Gegenstand der Philosophie und als das Modell jener Art von Wahrheit, die sie anstrebt. Philosophie erweist sich als unendliche Reflexion ihrer eigenen Destruktion in den Händen der Literatur.«
Es lohnt sich, diese Argumentation unter die Lupe zu nehmen, denn ihre entscheidenden Momente sind - wie so oft - die Selektion und die Definition. Das Selektionsverfahren läuft auf eine Gegenüberstellung von Philosophie und Literatur hinaus und ist für die Definition der Philosophie als Literatur verantwortlich. Schließlich wird behauptet, Literatur sei der zentrale Gegenstand der Philosophie, die von ihrem eigenen Objekt destruiert werde. Die Frage, ob de Mans Kommentar Nietzsches Denken richtig wiedergibt 44, ist hier nicht entscheidend. Entscheidend ist, daß de Man mit Hilfe von recht willkürlichen Selektionen, Definitionen und Gegenstandsbestimmungen die Behauptung wagen kann, daß Philosophie von ihrem eigentlichen Objekt, der Literatur, dekonstruiert wird. Daß diese Behauptung ebenso willkürlich ist wie die Selektionen und Definitionen, auf denen sie gründet, zeigen Philosophien von Hobbes und Leibniz bis Hegel, Marx und Popper, deren Hauptgegenstand keineswegs die Literatur ist. Marx etwa, der sich als Philosoph primär für die Wirtschaft der Gesellschaft interessierte, hätte die Verlagerung der Gewichte zugunsten der Literatur mit ungläubigem Kopfschütteln beobachtet und mit beißender Ideologiekritik kommentiert. Popper wiederum würde die - durchaus plausible - Ansicht vertreten, daß in der zeitgenössischen Gesellschaft nicht die Literatur, sondern die Wissenschaftsentwicklung Gegenstand der Philosophie zu sein hat.
      Was also legitimiert de Mans Selektionen und Definitionen? Es ist eine mögliche, aber keinesfalls zwingende Nietzsche-Inter-pretation, die besagt, daß die »Umwertung aller Werte« die etablierten Hierarchien umstößt und eine drastische Aufwertung von Kunst und Literatur zur Folge hat. Diese Interpretation macht sich auch Barbara Johnson, eine Vertreterin der amerikanischen De-konstruktion, zu eigen, wenn sie bemerkt: »Nietzsches Dekon-struktion des Wertes der Werte führt jedoch zu der Entdeckung, daß Philosophie immer schon Literatur ist.« Derrida folgend, lehnt de Man es ab, die Grenzen zwischen den institutionalisierten Gattungen anzuerkennen, und neigt dazu, Philosophie in Literatur aufzulösen.
      Wie Derrida behauptet er, daß Logik, Grammatik und Rhetorik nicht nur verschiedene Aspekte der Sprache sind, sondern miteinander in Konflikt geraten und Unentscheidbarkeiten oder Aporien hervorbringen können. Diese sind für den unlesbaren Charakter der Texte verantwortlich. Die von ihm in nahezu allen philosophischen und literarischen Werken aufgezeigten Aporien gehen aus der extremen Ambivalenz hervor und zeugen - wie schon bei Derrida - von einer »Dialektik ohne Synthese« 46, von der auch Culler im Zusammenhang mit de Man spricht. Wie sehr Ambivalenz, Aporie und Rhetorik bei de Man zusammenhängen, zeigt der folgende Satz aus Allegorien des Lesens: »Tropen sind weder wahr noch falsch und sind beides zugleich.« Diese Feststellung, die sich auf Nietzsches Betrachtung »Ãober Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne« bezieht , läßt die Vermutung aufkommen, daß de Mans Ambivalenz als Aporie zur Indifferenz als Austauschbarkeit der Werte tendiert.
      Seine Unentscheidbarkeit, der ebenfalls Austauschbarkeit und Indifferenz innewohnen, entspricht nicht der Polysemie der Se-miotiker, die im Laufe der historischen Rezeption als Bedeutungswandel zum Tragen kommt. Es handelt sich um eine dem Text innewohnende Aporie, die unabhängig von der Einstellung des historischen Lesers ist. Diese Aporie des Dekonstruktivistenunterscheidet sich auch grundsätzlich von der Zweideutigkeit oder ambiguity eines New Critic wie Empson. Dazu bemerkt Michael Cebulla: »Empson verbleibt somit im Horizont des New Criticism, indem er die organische Einheit des Werkes nicht hinterfragt.« Im Gegensatz zu Empson stellt de Man das Werk als ästhetische Einheit, als sinnvolle Totalität radikal in Frage. Auf seine Art verharrt jedoch auch er im Argumentationsmuster des New Criticism, da er nicht über die werkimmanente Betrachtungsweise hinausgeht und weder den historischen Bedeutungswandel der Texte innerhalb der Rezeption noch die gesellschaftlichen Ursachen der Aporien untersucht.
      Insofern überschneiden sich seine Argumente mit denen einiger amerikanischer Architekten, die sich auf die Dekonstruktion berufen. »Ein dekonstruktivistischer Architekt«, bemerkt Mark Wigley, »ist also nicht ein Architekt, der Gebäude abreißt, sondern ein Architekt, der die den Gebäuden innewohnenden Dilemmas ortet« . Wer aber definiert etwas als Dilemma oder Aporie und von welchem Standpunkt aus? Könnte es nicht sein, daß mir etwas als Dilemma oder Aporie erscheint, was ein anderer ganz anders wahrnimmt - etwa als Bestandteil einer übergeordneten und mir verborgenen Harmonie?

   In Wigleys Satz kommt den Wörtern locates und inherent eine besondere Bedeutung zu. Denn sie zeigen, daß die Vertreter der Dekonstruktion - Philosophen, Literaturkritiker und Architekten -dem Gegenstand bestimmte Eigenschaften zusprechen, ohne sich mit der Entstehung ihrer Objektkonstruktionen in bestimmten architektonischen Projekten oder philosophischen und literaturtheoretischen Metasprachen auseinanderzusetzen. Sie nehmen auf recht naive Art an, daß Aporien und Dilemmas im Objekt selbst

- in einem Gebäude oder einem Text - angelegt sind. Schon aus diesem Grunde könnte man ihre Diskurse als ideologisch bezeichnen. »Die Erkenntnis einer materiellen Realität ist ideologisch«, erklärt der Semiologe Prieto, »wenn das Subjekt die Grenzen und die Identität des Objektes, zu dem diese Realität für es geworden ist, als in der Realität selbst befindlich betrachtet, d.h. wenn das Subjekt der Realität selbst die Idee zuspricht, die es aus ihr konstruiert hat.« In zahlreichen Diskursen der Dekonstruktion ist das der Fall, und im nächsten Kapitel wird sich zeigen, daß J. Hillis Miller die Probleme der Metasprache und des Konstruktionsvorgangs ebenso übersieht wie de Man.
      Einige Beispiele aus Literatur und Philosophie sollen nun de Mans textimmanentes Verfahren veranschaulichen. Dabei wird sich herausstellen, daß die Aporie, auf die de Man in allen von ihm kommentierten Werken stößt, den Werken keineswegs innewohnt, sondern eine kontingente Konstruktion ist, die dialogisch relativiert werden sollte.
      In seiner Analyse von Yeats' Gedicht Among School Children faßt er den Text als eine Allegorie seiner eigenen Unlesbarkeit auf und betont den unentscheidbaren Charakter der letzten Verse:
O body swayed to music, O brightening glance, How can we know the dancer from the dance?
In seinem Kommentar behauptet de Man u. a., daß die am Ende des Gedichts aufgeworfene Frage sowohl rhetorisch aufgefaßt werden kann als auch wörtlich zu verstehen ist . Darin erblickt er den unentscheidbaren oder unlesbaren Charakter des Gedichts. Dieses kann gleichzeitig als Darstellung einer organischen Einheit - zwischen dem erotischen Körper und der Musik zum Beispiel - und als ein Versuch der Differenzierung gelesen werden: »Da es sich herausstellt, daß das gesamte Schema, das von der ersten Lektüre entworfen worden ist, unterminiert oderdekonstruiert werden kann von der zweiten, in der der Schlußvers in seiner buchstäblichen Bedeutung verstanden wird, wonach Tänzer und Tanz nicht dasselbe sind, mag es nützlich, vielleicht sogar verzweifelt notwendig sein, beide voneinander zu unterscheiden, denn man kann der Frage einen dringlichen Ton geben: >Bitte erklär' mir, wie kann ich Tanz und Tänzer auseinanderhalten.«
Angesichts dieser Ausführungen ist die Versuchung groß, dem meist konservativen common sense zu folgen und mit D. Lehman einzuwenden, daß es sich natürlich um eine rhetorisch-lyrische Frage handelt, die - zumindest beim traditionellen Leser - keine Antwort erheischt, weil sie auf das hinweist, was offenkundig ist und keiner Klärung bedarf: auf die unverbrüchliche Einheit von Tanz und Tänzer. »Yeats' question is sublimely unanswerable, you can't distinguish the dancer from the dance .«
Common sense sollte jedoch nicht zu einem Ersatz für theoretische Reflexion werden, und im vorliegenden Fall ist es durchaus möglich, zu de Mans Unentscheidbarkeit das zu sagen, was Grei-mas über die vielbeschworene ouverture infinie der Texte schreibt, nämlich daß sie »oft aus Teillektüren hervorgeht« 54, d. h. aus unvollständigen Analysen, die dem globalen Zusammenwirken der Strukturen nicht Rechnung tragen. Denn de Man konzentriert sich in seinem »rhetorischen« Kommentar auf die Schlußverse des Gedichts und ist folglich weit von einer semiotischen oder textlinguistischen Analyse entfernt, die außer den phonetischen vor allem die semantischen und syntaktischen Strukturen des Gesamttextes aufeinander beziehen würde.
      Das Problem der Unentscheidbarkeit sollte jedoch nicht ausschließlich textimmanent, sondern auch im Zusammenhang mit Yeats' Gesamtwerk und im Kontext der literarisch-lyrischen Evolution im anglo-irischen Bereich behandelt werden. Daß Paul de Man sich zu apodiktischen Aussagen verleiten läßt, ohne den Gesamttext zu untersuchen und ohne die textübergreifenden

Zusammenhänge zu berücksichtigen, spricht nicht gerade für seinen dekonstruktivistischen Ansatz.
      Schließlich sollte angemerkt werden, daß die letzte Zeile von Yeats' Gedicht ein genuin unentscheidbares Element enthält, das de Man anscheinend nicht aufgefallen ist: das Geschlecht des dancer. Handelt es sich um einen Tänzer oder um eine Tänzerin, wie der französische Ãobersetzer meint, wenn er schreibt: »Comment dinstinguer la danseuse de la dance?« Diese Unentscheidbarkeit erfaßt zwar nicht den ganzen Text und ist auch nicht als Aporie aufzufassen; sie ist aber unauflösbar und kann sowohl von semiotischen Theorien als auch von Ãobersetzungstheorien bestätigt werden. Theorie visiert sowohl das Ganze als auch das Detail an - Rhetorik anscheinend nicht.
      Auch in seinen Kommentaren zu Rilkes Dichtung kommt es de Man primär darauf an nachzuweisen, daß zwei wesentliche Elemente dieser Dichtung unvereinbar sind und sich gegenseitig ausschließen. Es geht um das Verhältnis von Wahrheit und Figu-ration . Formal stimmt de Mans Argumentation mit der in seinem Kommentar zu Yeats' Among School Chil-dren überein. Ausgehend von einer generellen »Ambivalenz dichterischer Sprache«55, weist der Dekonstruktivist auf ein Paradoxon hin, das seiner Ansicht nach sowohl den Duineser Elegien als auch den Sonetten an Orpheus und den Neuen Gedichten zugrunde liegt: »Gemäß einem Paradox, das jeder Literatur eigen ist, gewinnt die Dichtung ein Maximum an Ãoberzeugungskraft genau in dem Moment, in dem sie jedem Anspruch auf Wahrheit entsagt. Die Elegien und die Sonette haben die wesentlichen Anhaltspunkte dafür geliefert, die Angemessenheit von Rilkes Rhetorik an der Wahrheit seiner Behauptungen zu erweisen, doch sein Begriff von figuraler Sprache schließt alle Wahrheitsansprüche seiner Rede aus.«

   In dieser Passage fällt zweierlei auf: die Verallgemeinerung und der konstruierte Charakter der Ambivalenz oder des Paradoxons. Denn es ist keineswegssicher, daß jede Dichtung eine paradoxe oder ambivalente Struktur hat, und die Ambivalenz, die de Man in Rilkes Werk findet, hängt weitgehend davon ab, wie die »Wahrheit« von Rilkes Behauptungen und seine »Wahrheitsansprüche« definiert werden. Wer spricht, welcher Diskurs ist für die Definitionen, Klassifikationen und Konstruktionen verantwortlich? Dieser Frage, die die Selbstreflexion des Diskurssubjekts betrifft, geht de Man nicht nach, und deshalb haftet seinen Interpretationen häufig Willkür an. Denn es ist durchaus denkbar, daß in einem anderen Diskurs die von de Man konstruierte Unvereinbarkeit zerfällt und Rilkes Rhetorik mit seinen »Wahrheitsansprüchen« übereinstimmt.
     
   Ebenso willkürlich mutet der von de Man konstruierte Gegensatz zwischen Prousts Theorie der Metapher und seiner Verwendung der Metonymie an. In seinen Kommentaren zu einer langen Passage aus Prousts Du cöte de chez Swann5* stellt de Man die Behauptung auf, Prousts Text enthalte eine »metafigurative Theorie« von der »ästhetischen Superiorität der Metapher über die Metonymie«. Diese Theorie werde aber von der metonymischen Praxis desavouiert, dekonstruiert: »Doch es bedarf keines besonderen Scharfblicks, um zu erkennen, daß der Text nicht praktiziert, was er predigt . Eine rhetorische Lektüre der Passage enthüllt, daß seine figurative Praxis und seine metafigurative Theorie nicht konvergieren und daß die Behauptung der Vorherrschaft der Metapher über die Metonymie ihre Ãoberzeugungskraft dem Gebrauch metonymischer Strukturen verdankt.«

  

Auch in diesem Fall wird das Mißtrauen von Lesern geweckt, die auf die Stringenz und die Plausibilität der Argumentation achten. Im allgemeinen behaupten literarische Texte nichts , und der Passage aus Du cöte' de chez Swann ist sicherlich keine These über die »Superiorität der Metapher« zu entnehmen. In diesem Zusammenhang hätte sich de Man bestenfalls auf Prousts berühmten Artikel »A propos du >style< de Flaubert« berufen können, in dem von der Metapher gesagt wird, sie »allein sei imstande, dem Stil eine Art Ewigkeit zu geben« . Auch diese Aussage stellt jedoch kein hierarchisches Verhältnis zwischen Metapher und Metonymie her, denn die Metonymie kann Vorzüge aufweisen , die der Metapher fehlen.
      Es kommt hinzu, daß das Verhältnis von Metonymie und Metapher kaum als Gegensatz aufgefaßt werden kann, der Aporien zeitigt und den Text dekonstruiert. Mit Recht bemerkt G. Genette in seinem bekannten und von de Man erwähnten Artikel »Metonymie chez Proust«: »Weit davon entfernt, antagonistisch und unvereinbar zu sein, bedingen sich Metapher und Metonymie wechselseitig und greifen ineinander .« Während Genette das für Proust spezifische Zusammenwirken von Metapher und Metonymie beschreibt, definieren die Semiotiker Greimas und Courtes das Verhältnis der beiden Figuren allgemein als ein »Phänomen der Substitution auf einer Grundlage semantischer Ã"quivalenz« . Das von de Man postulierte Gegeneinander von Metapher und Metonymie kann also weder im Rahmen von

Genettes Narrativik noch mit Greimas' Semiotik plausibel gemacht werden. Deshalb drängt sich die Frage auf, ob de Mans Konstruktionen nicht willkürlich sind und ob sein Ansatz den Dialog mit anderen Theorien nicht monologisch verhindert. Dazu wird im letzten Abschnitt dieses Kapitels noch einiges gesagt.
      Hier soll zum Abschluß gezeigt werden, daß der Dekonstrukti-vist nicht nur alle von ihm analysierten literarischen Texte für aporetisch hält, sondern auch in philosophischen Werken unauf-hebbare Widersprüche wahrnimmt. So versucht er in seinem Artikel »Phenomenality and Materiality in Kant«, Kants Theorie des Erhabenen als eine aporetische Konstruktion darzustellen. Eines der Kernargumente dieses komplexen und streckenweise reichlich obskuren Aufsatzes lautet, daß bei Kant zwei unvereinbare Definitionen des Erhabenen miteinander in Konflikt geraten: einerseits die Vorstellung einer rein ästhetischen Vision der Natur, die sich jeder Art von teleologischem, zweckgebundenem Denken des Menschen entzieht und rein »materiellen« Charakter hat 65; andererseits das Naturerhabene, das ideell darstellbar ist und moralisch wirkt.
      »Das hier als ein rein erhabenes und ästhetisches hingestellte, von jeder teleologischen Einmischung freie Sehen des Himmels und der Welt steht in direktem Gegensatz zu allen vorhergehenden Definitionen und Analysen des Erhabenen, die sich in den Paragraphen 24 bis 29 finden lassen. Selbst in der verdichteten Definition, die kurz zuvor noch in der >Allgemeinen Anmerkung< zu lesen ist, wird das Erhabene als eine konkrete Darstellung von Ideen gedacht.« Hier wird also ein Bruch postuliert zwischen der kulturell und moralisch »verwertbaren« Erhabenheit der Natur und einer rein »materiellen« Erhabenheit, die' aufgrund ihrer Größe und Fremdheit schlicht unfaßbar bleibt. De Man spricht an anderer Stelle von einem Materialismus Kants, mit dem sich

Kants Nachfahren noch nicht auseinandergesetzt haben: »a materialism that Kant's posterity has not yet begun to face up to.«

   Gegen diese Interpretation könnten freilich Kantianer einwenden, daß es bei Kant so etwas wie eine »rein materielle Erhabenheit« jenseits aller menschlichen Zwecke und Zielvorstellungen nicht geben kann, da ja in Kants Lehre alle Kategorien des Denkens an das Subjekt gebunden sind . Dabei könnten sie auf Kants Erläuterungen im Abschnitt 26 hinweisen: »Man sieht hieraus auch, daß die wahre Erhabenheit nur im Gemüte des Urteilenden, nicht in dem Naturobjekte, dessen Beurteilung diese Stimmung desselben veranlaßt, müsse gesucht werden.«

   Es geht hier jedoch nicht darum, mit oder gegen de Man das komplexe Problem des Erhabenen zu lösen, sondern um die Erkenntnis, daß sich nahezu alle Argumentationen des Dekon-struktivisten - sowohl im literarischen als auch im philosophischen Bereich - teleologisch auf die Aporie zubewegen. Die Aufdeckung der Aporie kann jedoch keinerlei Kritik beinhalten, weil sie jede Art von Wahrheitsgehalt ausschließt und dem Leser mit trostloser Monotonie das Fazit des Sinnzerfalls vorführt.
      An dieser Stelle wird der Unterschied zu Adorno deutlich, mit dem Paul de Man gelegentlich verglichen wird. Im Gegensatz zu de Man, der aus der extremen Ambivalenz der zerfallenen Hegeischen Dialektik eine Aporie ableitet, die sowohl den Sinn- als auch den Wahrheitsbegriff destruiert, faßt Adorno die Ambivalenz dialektisch als Einheit der Gegensätze, nicht als Sinnverlust auf. So zeigt er beispielsweise, wie in Georges Dichtung Ideologie und Ideologiekritik einander zwar widersprechen, zugleich aber einander wechselseitig bedingen und zusammenwirken. Georges Kritik geht aus seiner aristokratischen und elitären Gesinnung hervor, die unablässig die kritische Wirkung seiner Texte bedroht. Sein Aristokratismus ist zugleich Nährboden und Schädelstätte der Kritik. Er ermöglich die Distanz zu einer vom Kommerz geschändeten Sprache und bindet Georges Stil zugleich an den herrschaftlichen Gestus. So kann Adorno feststellen: »Au-thentisch sind die Gedichte, die als nichtauthentische auftreten, gesellschaftlich ungedeckt, isoliert.«

   Ideologie und Ideologiekritik sind bei Adorno nicht einfach kontradiktorische Elemente, die auf mechanische Art den Zerfall des Textsinnes bewirken, sondern zwei komplementäre Aspekte von Georges Dichtung, die es auf sprachlicher Ebene sorgfältig zu unterscheiden gilt, um die Wahrheitsmomente des Werks, dessen Wahrheitsgehalt, vor dem Zugriff der Ideologie zu retten. Nicht der Widerspruch als solcher, sondern das ideologiekritische Wahrheitsmoment ist das telos von Adornos Argumentation. So schlägt bei näherem Hinsehen die vermeintliche Verwandtschaft der beiden Nachhegelianer Adorno und de Man jäh in extreme Fremdheit um, denn die Suche nach dem Wahrheitsgehalt und die Apo-rie als Sinnzerfall und Unentscheidbarkeit schließen einander aus.
     

 Tags:
Paul  de  Man  als  Nietzscheaner:  Rhetorik  Aporie    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com