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Paul de man: rhetorik und aporie

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Kritik der ästhetischen Ideologie



Die antihegelianische Tendenz zur existentiellen und rhetorischen Partikularisierung bildet die philosophische Grundlage von de Mans Kritik an dem, was er als ästhetische Ideologie, aesthetic ideology, bezeichnet. Eine knappe Definition dieses - bei de Man stets schillernden - Begriffs findet sich in Lindsay Waters' Einleitung zu de Mans Critical Writings: »Es ist eine Ideologie, die fordert, daß die Literatur von einem Erkenntnissubjekt beherrscht wird, das dem Text einen Sinn und eine Moral zuspricht. Es ist eine Ideologie, welche die Literatur in ein Monument verwandelt, indem sie sie als ein Symbol der Zivilisation darstellt.« Man könnte hinzufügen, daß es hier um eine Ideologie geht, die innerhalb des Hegeischen Logozentrismus entstanden ist, der Kunst und Literatur mit bestimmten historischen Bedeutungen identifiziert, für deren Definition das philosophische Subjekt verantwortlich ist.

      In einem Artikel aus den frühen 80er Jahren, in dem er sich mit der Funktion des Symbols bei Hegel befaßt, meint de Man, die gesamte Ã"sthetik Hegels als eine Ã"sthetik des Symbols auffassen zu können. Er setzt sich über Hegels Kritik des Symbols und der symbolischen Kunstfonn hinweg und behauptet ohne Umschweife: »Hegel, then, is a theoretician of the symbol.«

   De Mans Kritik am Symbol ist von seiner antihegelianischen Einstellung nicht zu trennen, weil das Symbol in seinem Diskurs als vereinheitlichendes Prinzip erscheint, das es Hegel und den Hegelianern gestattet, Kunstwerke als sinnvolle Totalitäten zu verstehen, die auf sinnliche Art politische, moralische oder religiöse Ideen ausdrücken. Dies ist der Grund, weshalb der Symbolbegriff in de Mans Diskurs - vorallem in seinen Hegel-Kommentaren - mit negativen Konnotationen befrachtet ist.
      Als kritischen Gegenbegriff schlägt de Man die Allegorie vor, die er im Anschluß an Rousseau und die Romantiker neu definiert: »Während das Symbol die Möglichkeit einer Identität oder Identifikation postuliert, bezeichnet die Allegorie in erster Linie eine Distanz in bezug auf ihren eigenen Ursprung, und indem sie dem Wunsch und der Sehnsucht nach dem Identischwerden entsagt, richtet sie sich als Sprachform in der Leere dieser zeitlichen Differenz ein. Damit bewahrt sie das Ich vor einer illusionären Identifikation mit dem Nicht-Ich .« Daher erscheint die Allegorie de Man als eine nichthegelianische oder gar antihegelianische Kategorie par excellence: Sie negiert die Einheit von Subjekt und Objekt und straft die Hegeische Vorstellung, Denken und Wirklichkeit seien versöhnt, Lügen. Zugleich läßt sie als nachromantischer Begriff die ästhetische Illusion des einheitlichen Kunstwerks zergehen, das auf sinnliche Art die Idee erscheinen läßt. Es wird sich zeigen, daß in de Mans Werk der Ironiebegriff, der aus der deutschen Romantik F. Schlegels und E. T. A. Hoffmanns stammt, eine ähnliche Funktion erfüllt wie die Allegorie .
      Zur Funktion der Allegorie bei de Man bemerkt Michael Ce-bulla: »Im Gegensatz zum Symbol ist sie einerseits eine Form authentischer Sprache, indem sie der Illusion der Verkörperung und der Versöhnung entsagt; andererseits aber ist sie in der Lage, eben die Unmöglichkeit der Verkörperung, die Distanz im Verhältnis zum eigenen Ursprung, die nicht-phänomenale Erfahrung des Scheiterns zu bezeichnen.« Indem die Allegorie den Gestus der - oft erzwungenen - Versöhnung von Subjekt und Objekt meidet, der Hegels Philosophie durchzieht, negiert sie zugleich den Schein der ästhetischen Ideologie: die Vorstellung, daß Schönheit, Erkenntnis, moralisches und politisches Handeln eine Einheit bilden.
      Christopher Norris zufolge erscheint Hegels Definition der Kunst als »sinnliches Scheinen der Idee« einem Kritiker wie de Man »als eine erhebliche Abschwächung philosophischer Strenge, wenn man sie mit der komplexen, umsichtigen und äußerst selbstkritischen Haltung vergleicht, die Kant solchen Themen gegenüber annahm«. De Man meint, auch bei Friedrich Schiller eine Verflachung der Kantschen Argumentation wahrzunehmen, die auf den fragwürdigen Versuch des Dichters zurückzuführen sei, Kants Ethik den Anforderungen einer vereinheitlichenden Ã"sthetik anzupassen. Indem Schiller das Schöne als sinnliche Erscheinung des Guten auffasse, lege er den Grundstein zu einer ästhetischen Ideologie, die vom Schein der Einheit beherrscht werde. De Man weist nicht zu Unrecht darauf hin, daß diese logozentristische, vereinheitlichende und tendenziell repressive Ideologie später von den Nationalsozialisten vereinfacht, vulgarisiert und für politische Zwecke mißbraucht wurde.
      Daß die ästhetische Ideologie in klassischer Gestalt schon in Hegels Werk auftritt, das von Schillers Dichtung beeinflußt wurde, zeigt die folgende Passage aus den Vorlesungen über die Ã"sthetik: »Es muß Schiller das große Verdienst zugestanden werden, die Kantische Subjektivität und Abstraktion des Denkens durchbrochen und den Versuch gewagt zu haben, über sie hinaus die Einheit und Versöhnung denkend als das Wahre zu fassen und künstlerisch zu verwirklichen.« Gerade diese »Einheit und Versöhnung« ist es, die de Man für ideologisch und politisch verhängnisvoll hält.
      Er hätte wahrscheinlich auch bei einem Hegelianer wie Lucien Goldmann, der eine Ãoberwindung des Kantschen Dualismus anstrebt, Kunstwerke als »sinnvolle Totalitäten« betrachtet und seine marxistische Geschichtsauffassung auf das telos der »menschlichen Gemeinschaft« ausrichtet, einen gefährlichen Hang zur ästhetischen Ideologie ausgemacht. Wirft er nicht Georg Lukäcsvor, er sei außerstande, ohne Totalität und »organische Kontinuität« auszukommen?
In dieser Hinsicht erinnert seine Kritik der ästhetischen Ideologie an die Ideologiekritik Adornos, die in dem berechtigten Vorwurf gipfelt, »die Philosophie des absoluten, totalen Subjekts partikular«. Wie de Man, der die Widersprüche und Aporien der Literatur als »Allegorien der Unlesbar-keit« kommentiert, versucht Adorno, die Negativität der Kunst vor affirmativem Denken und ideologischer Vereinnahmung zu bewahren. Am Ende dieser Betrachtung und im siebten Kapitel wird sich allerdings zeigen, daß es sich um eine Scheinverwandtschaft handelt, weil die Negativität der Kritischen Theorie mit de Mans Aporien wenig zu tun hat.
      Denn der Ausgangspunkt des Dekonstruktivisten ist nicht eine Kritische Theorie der Gesellschaft, die den Niedergang der individuellen Autonomie zu einem ihrer Hauptthemen macht, sondern die Rhetorik im Sinne von Nietzsche. Insofern hat Norris nicht unrecht, wenn er behauptet, daß de Man mit den Waffen der Rhetorik und des dose reading gegen die ästhetische Ideologie kämpft: »Bei de Man ist also die Ethik des Lesens eng mit einer politischen Kritik der Mächte verknüpft, die sich in der ästhetischen Ideologie artikulieren.« Es geht darum, durch Ãoberpräzisierung des semantischen Rasters der Interpretation die Ungereimtheiten und Widersprüche hervortreten zu lassen, die die ästhetische Ideologie als Harmoniedenken verdeckt. Insofern kann durchaus von einer ideologiekritischen Dimension in de Mans Literaturkritik die Rede sein. Denn diese Kritik soll eine »Ã"sthetisierung der Politik, die die Verschmelzung von Form und Idee anstrebt« 35, verhindern.
      Es ist möglich, daß marxistische Kritiker der Dekonstruktion wie Terry Eagleton diese ideologiekritische Dimension von de Mans Denken übersahen. Mag sein, daß es den Marxisten gelun-gen wäre, einige Einseitigkeiten und Verkürzungen zu vermeiden, wenn sie sich intensiver mit de Mans Kritik am Symbol und seinem Allegoriebegriff befaßt hätten. Norris geht jedoch entschieden zu weit, wenn er in seinem Plädoyer für de Man die dekonstruktivistische Ideologiekritik mit der Adornos vergleicht. Denn Adornos Theorie, die auf den Wahrheitsgehalt des Textes abzielt, hat nichts mit einer von Nietzsche inspirierten rhetorischen Destruktion der Wahrheit zu tun .
      Obwohl de Man - ähnlich wie Benjamin und Adorno - die genetische Auffassung der Geschichte verwirft, weil sie auf der id&e regue gründet, daß ein neues Faktum aus vergangenen Erscheinungen hervorgeht, wobei ein kohärentes Kontinuum entsteht, sollte man auch hier die Gegensätze nicht übersehen. Sowohl in Blindness and Insight als auch in The Resistance to Theory wird deutlich, daß de Man einerseits die Geschichtswissenschaft als reine Textwissenschaft oder Texthermeneutik auffaßt38, andererseits diese Hermeneutik analog zum literary criti-cism als eine Suche nach Aporien definiert.
      Aus rhetorischer Sicht erscheint nicht nur der literarische oder philosophische, sondern auch der historische Text als aporetisch, und die in de Mans Aufsatz »Literary History and Literary Mo-dernity« dargestellte Geschichte zerfällt in einem Gegeneinander von Aporien. So stellt sich beispielsweise heraus, daß Nietzsche als moderner Denker mit dem historischen Bewußtsein bricht, sich zugleich aber als moderner Denker von dieser Bewußtseinsform nicht lösen kann. Zu einer ähnlichen Aporie kommt es im literarischen Bereich zwischen Mallarme und Baudelaire: Einerseits bricht Mallarme mit der »sinnlichen« Dichtung seines Vorgängers,andererseits läßt er gerade in seinem Spätwerk erkennen, daß er immer noch gebannt auf den Vorgänger blickt. Wenn aber die Geschichte der Literatur als »literary history« von der Aporie beherrscht wird, dann liegt die Vermutung nahe, daß auch die Geschichtswissenschaft im allgemeinen Sinne »self-contradictory« wird und der Aporie verfällt. Jedenfalls fällt sie der Rhetorik zum Opfer, von der de Man sagt, daß sie mit ihren linguistischen Faktoren die »synthetisierende Kraft des historischen Modells« in Frage stellt .
      Eine solche Geschichtsauffassung entspricht jedoch nicht der Adornos oder der Kritischen Theorie. Diese Theorie distanziert sich zwar von der genetisch-immanenten Darstellung der Hegelianer und Marxisten, verzichtet aber nicht auf den kritischen Gedanken, daß trotz aller Negativität und trotz der stets gegenwärtigen Möglichkeit der Katastrophe auch das ganz Andere sichtbar bleibt, dessen Verwirklichung ebenfalls im historischen Prozeß angelegt ist. Die Ambivalenz, die schon in Benjamins »Geschichts-philosophischen Thesen« anklingt, läuft nicht auf eine Aporie, auf eine Unmöglichkeit der Erkenntnis oder des Handelns hinaus, sondern bewahrt den Gedanken an die Utopie .
     

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