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Paul de man: rhetorik und aporie

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De Man, Derrida und Rousseau: War Rousseau Dekonstruktivist?



Für die rhetorische Textinterpretation de Mans sind dessen Kommentare zu Derridas Kritik an Rousseau besonders charakteristisch. Es sei zunächst an die Grammatologie erinnert , in der Derrida Rousseaus Versuche kritisiert, die Schrift als von der parole abgeleitet, als Supplement zu erklären. Rousseau, sagt Derrida, widerspricht dieser Erklärung jedesmal dann, wenn er die Bedeutung des literarischen Schreibens hervorhebt. In Blindness and Insight bestätigt de Man zwar einige von Derridas Argumenten, behauptet aber zugleich, daß Derridas Einsichten vom Versehen begleitet werden. De Man vertritt nämlich die Ansicht, daß Rousseau sich stets des rhetorischen und literarischen Charakters seines eigenen Diskurses bewußt war, »der die Wahrheit oder Unwahrheit seiner eigenen Aussage in Frage stellt«. Laut de Man besteht einer von Derridas Irrtümern darin, daß er den radikal dekonstruktiven


Charakter von Rousseaus Text übersieht und dadurch die dem Text innewohnende Prophetie bestätigt: »Der Text weiß, daß er mißverstanden wird, und sagt es auch. Er erzählt die Geschichte, die Allegorie seiner Fehlinterpretation .«
Derridas Versuch, Rousseaus Text im Rahmen einer Interpretation zu dekonstruieren, die zeigt, daß das rhetorische oder literarische Moment, das der Philosoph für ein Derivat oder Supplement hält, in Wirklichkeit den Eckstein seines philosophischen Gebäudes bildet, haftet Naivität an, weil Rousseau sich der zentralen Rolle der Rhetorik in seinem Werk durchaus bewußt ist. Mit anderen Worten: »Rousseau weiß zu jedem Zeitpunkt, was er tut, und es ist daher nicht notwendig, Rousseau zu dekonstruieren.«
Dem kritischen Leser, der nicht gewillt ist, die formale Logik ersatzlos über Bord zu werfen, drängen sich an dieser Stelle einige Fragen auf: Weshalb behauptet Rousseau den Primat des gesprochenen Wortes und den abgeleiteten Charakter der Schrift, wenn er sich in jeder Hinsicht des »schriftlichen«, d. h. rhetorischen und literarischen Charakters seines Diskurses bewußt ist? Wie ist es zu erklären, daß ein Philosoph des 18. Jahrhunderts über ein so avanciertes Bewußtsein verfügt, daß er nicht nur die Erkenntnisse der Dekonstruktion vorwegnimmt, sondern auch prophetisch über die Einsichten von Derridas Kritik hinausgeht? Soll im ausgehenden 20. Jahrhundert trotz Ideologiekritik, Soziologie und Semiotik der Geniebegriff aktualisiert werden? Denn wie kann man sonst erklären, daß Rousseau im Gegensatz zu Autoren wie Kant, Hegel, Proust und Rilke eine Dekonstruktion avant la lettre entwirft und nicht dekonstruiert werden muß? Auf die beiden letzten Fragen geht de Man nicht ein.
      Er versucht, die erste Frage zu beantworten und nachzuweisen, daß Rousseau keineswegs den Primat des gesprochenen Wortes, der Sinnpräsenz und des sens propre postuliert. In Blindness and Insight zitiert er Rousseaus Essai sur l'origine des langues, in dem behauptet wird »que le premierlangage dut etre figure« , und fügt hinzu: »In der narrativen Rhetorik von Rousseaus Text ist genau dies mit der chronologischen Fiktion gemeint, daß die >erste< Sprache eine poetische Sprache sein mußte. Derrida, der Rousseau als Schriftsteller der Repräsentation begreift, ist dadurch hingegen zu zeigen gezwungen, daß Rousseaus Theorie der Metapher von der Priorität der wörtlichen über die metaphorische Bedeutung, der eigentlichen< über die >übertra-gene< Bedeutung ausgeht. Und da Rousseau ausdrücklich das Gegenteil sagt, ist Derrida genötigt, das Kapitel über die Metapher als Moment der Blindheit zu interpretieren, in dem Rousseau das Gegenteil von dem sagt, was er zu sagen meint.«
Eine sonderbare Texthermeneutik: Wenn der Philosoph etwas sagt, was nicht in das Konzept des Interpreten paßt, dann muß er wohl das Gegenteil gemeint haben ... Hier wird die Vermutung bestätigt, daß die Dekonstruktivisten, die Hegel vorwerfen, er integriere Brüche und Widersprüche in stimmige Totalitäten, vor Akten der Willkür nicht zurückschrecken, wenn es gilt, die Postu-late des eigenen Diskurses abzusichern. Derrida »mußte« das Kapitel über die Metapher nicht als Versehen interpretieren; er hätte auch schlicht feststellen können, daß Rousseau sich widerspricht.
      Nicht nur Derridas Rousseau-Interpretation ist fragwürdig, auch die Paul de Mans könnte angezweifelt werden. Der Autor des Essai behauptet zwar, »daß die erste Sprache figurativen Charakter haben mußte«; das hindert ihn aber nicht daran, in Discours sur Vorigine et les fondements de l'ine'galite' logozentristisch über den Primat des Denkens vor dem Sprechen zu spekulieren: »Wenn auch die Menschen das Wort benötigten, um das Denken zu erlernen, so benötigten sie in noch viel stärkerem Maße die Fähigkeit zu denken, um die Wortkunst zu erlernen .« Die Entwicklung und Nuancierung der Sprache stellt sich Rousseau folgendermaßen vor: »Als die Ideen der Menschen begannen, sich zu erweitern und zu vervielfältigen, und die zwischen-menschliche Kommunikation intensiver wurde, suchten sie nach mehr Zeichen und nach einer Sprache mit größerem Aufnahmevermögen.« Diese Ausführungen scheinen de Mans These über den Primat der figurativen Rede und die Abhängigkeit des Denkens von der Figur bei Rousseau nicht zu bestätigen. Sie geben eher Derrida recht, der Rousseau der logozentristischen Tradition zurechnet und ihm seine Widersprüche vorhält.
      Auch de Mans Behauptung, daß bei Rousseau »die >erste< Sprache eine poetische Sprache sein mußte«, wird im Discours nicht bestätigt. Dort wird nämlich »die erste Sprache des Menschen« mit dem »Naturschrei« identifiziert: »Le premier langage de l'homme est le cri de la nature.« Auch jemand, der im Gegensatz zum Mallarme-Leser de Man nicht sehr hohe Ansprüche an die Sprache der Dichter stellt, wird zögern, diese dem Naturschrei gleichzusetzen. Hier drängt sich die Vermutung auf, daß de Man nach Vorgängern sucht, um eine dekonstruktivistische Tradition etablieren zu können.
      Denn wie weiß de Man, daß Rousseau eine rhetorische Dekon-struktion avant la lettre in die Praxis umsetzt? Leidet sein eigener Kommentar nicht an einem hermeneutischen und semiotischen »Versehen«, weil er ein dekonstruktionistisches Modell des ausgehenden 20. Jahrhunderts in einen Text des 18. Jahrhunderts projiziert? Projiziert er nicht die Aporien seines eigenen Diskurses in Rousseaus Text, wenn er die Aporien von Du Contrat social untersucht und im Zusammenhang mit diesem Buch von »zwei verschiedenen rhetorischen Modellen« spricht?
Seine Kommentare zu Du Contrat social lassen überdies einen Widerspruch in de Mans eigenem Diskurs erkennen: Wenn es zutrifft, daß Rousseaus politische Studie zwei heterogene rhetorische Modelle vereinigt und somit eine Aporie zeitigt, die sie dekonstruierbar macht, dann wird de Mans Aussage relativiert, daß es nicht notwendig sei, »Rousseau zu dekonstruieren«. Es seidenn, de Man würde behaupten, daß das Aussagesubjekt von Du Contrat social mit Absicht seinen eigenen Diskurs dekonstruiert wie das Subjekt des Discours sur l'origine et les fondements de l'inigalite'.
      Dazu bemerkt de Man selbst: »Müssen wir daraus schließen, daß Du Contrat social eine dekonstruktive Erzählung ist wie der zweite Discount Aber auch das trifft nicht zu, denn der Gesellschaftsvertrag ist offensichtlich sowohl produktiv und generativ als auch dekonstruktiv, und zwar in einer Weise, wie es der zweite Discours nicht ist.« Was aber bedeuten hier die Wörter »produktiv« und »generativ« im Gegensatz zu »dekonstruktiv«? Bedeuten sie, daß ein rein »produktiver« Text nicht dekonstruiert werden kann? Enthalten Rousseaus Discours keine »produktiven« oder »generativen« Elemente? Weshalb nicht? De Man läßt diese Fragen offen.
      Er versucht lediglich zu zeigen, daß Du Contrat social ein aporetischer Text ist, weil er von der Diskrepanz zwischen einer auf das Individuum und einer auf den Staat ausgerichteten Rhetorik gespalten wird: »Ãober den Gesellschaftsvertrag wird tatsächlich von einer Aporie strukturiert: Unablässig versucht der Text zu leisten, was er selbst als unmöglich dargestellt hat.« Letztlich wird hier ein alter Topos der Rousseau-Forschung rhetorisch aktualisiert: die Tatsache, daß es dem Philosophen nicht gelingt, die Kluft zwischen der »volonte individuelle« und der »volonte generale« zu überbrücken. Dies mag jedoch eher mit dem Demokratieverständnis des 18. Jahrhunderts und mit Rousseaus politischer Theorie zusammenhängen als mit den von de Man kommentierten »rhetorischen Modellen«, die bestenfalls Symptome einer politischen Malaise sind.
     

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