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Paul celan und sein umfeld - deutschsprachige literatur der bukowina

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Politik, Ã-ffentlichkeit und Geld in der kakanischen Provinz



Eine Affäre im Czernowitz des beginnenden 20. Jahrhunderts

Im Oktober 1903 fand im Czernowitzer Landtag eine der zahlreichen Episoden in der langen und heftigen Auseinandersetzung zwischen der Partei der mehrheitlich rumänischen Großgrundbesitzer und ihren Widersachern statt. Sie gipfelte in der Niederlage der Ersteren bei den Landtagwahlen im Juli 1904 und führte dann zu dem mühsam verhandelten Bukowiner parlamentarischen Ausgleich 1909-1910. Ein Bündnis zwischen den bürgerlichliberalen Rumänen und den ruthenischen Nationalisten zum Zwecke der endgültigen Beseitigung des traditionellen Machtmonopols der altkonservativen Eliten durch eine wesentliche institutionelle Reform des Kronlandes, die mit der Unterstützung des Landespräsidenten Prinz von Hohenlohe rechnen konnte, schlössen ihre Führer Aurel Onciul und Nikolai von Wassilko noch im Frühling desselben Jahres. Die so genannte 'Freisinnige Vereinigung", die sich ebenfalls vorgenommen hatte, für die der österreichischen Verwaltung sehr wichtige Erhaltung des 'nationalen und konfessionellen Friedens" im Kronland zu sorgen, gewann im Herbst 1903, als die Lage im Landtag bei den Debatten über die Agrarfragen sehr gespannt geworden war, auch die Unterstützung der einflussreichen jüdischen und deutschen Politiker Benno Straucher und Arthur SkedP. Zur Vergiftung der Atmosphäre trug dann aber unter anderem auch ein Artikel bei, der am 4. Oktober im Bukowiner Journal unter dem Titel Rumänen und Juden erschien3, worin der anonyme Autor, der sich 'ein Mitglied der rumfänischen] Volkspartei" nannte, die von Straucher initiierte Wende in dem öffentlichen Verhalten jüdischer Aktivisten schonungslos rügte; diese waren nämlich im Zuge, ihre Neutralität in dem rumänisch-ruthenischen Konflikt zugunsten einer Haltung aufzugeben, die ausschließlich von den eigenen nationalen Interessen geleitet war. Die konfliktträchtige Anspielung auf die gleichzeitigen antisemitischen 'Exzesse" in Galizien, in einem Ton, der für die Bukowina, wo die deutschsprachigen Juden dank ihrer wirtschaftlich-kulturellen Bedeutung in Czer-nowitz und in der Provinz von der antisemitischen Welle in anderen Kronländern und in Wien sich bisher verschont glaubten, durchaus ungewohnt war4, löste entsprechende Aufregung in dem Landtag aus, wo vier Tage später sogar ein Dringlichkeitsantrag eingebracht wurde, in dem 'die Entrüstung" gegenüber solcher 'unverblümt und nackt betriebene[r] Agitation und Verhetzung" bekundet werden sollte'. Am selben Tag veröffentlichte das Bukowinaer Journal, von dessen Redaktion sich der Führer des 'Rumänenklubs" im Landtag, Iancu Flondor, gerade distanziert hatte, ein besonders rüdes Pamphlet gegen den Ruthenenführer Nikolai von Wassilko, in dem eine ganze Reihe von vermeintlich dunklen Ehrenaffären des Abgeordneten enthüllt wurden.
      Der Autor war der junge Redakteur des Journals, Max Reiner, der auf diese Weise auf einen früheren, gegen ihn gerichteten Angriff des Politikers in der gegnerischen Bukowiner Post antworten wollte. Ãoberraschenderweise aber druckte die Bukowiner Post am 9. Oktober ein Schreiben von Max Reiner an Wassilko ab, in dem der Journalist erklärte, dass der Artikel gegen diesen ihm ausgerechnet von Flondor 'in die Feder" diktiert worden sei, der sich seiner Verantwortung nun entziehen wolle, und fügte 'als Jude" noch hinzu, dass ihm auch der besagte antisemitische Artikel ebenso von Flondor zur Publikation übergeben wurde6. Diesmal versuchten die 'Freisinnigen" durch einen Missbilligungsantrag, ihren Erzfeind Flondor unmittelbar nicht nur wegen des Inhalts der beiden Artikel und ihrer Folgen, sondern auch wegen Vertrauensbruchs im Bezug auf seine angeblich falschen Aussagen über die Verbindungen zum Journal zu bezichtigen. Ein Ausschuss des Landtags wurde noch am 15. Oktober einberufen, um sich mit der Angelegenheit zu befassen; außer Flondor wurden mehrere Zeugen vernommen. Nur der wichtigste Zeuge fehlte: Max Reiner war kurz nach dem Erscheinen seines Briefes in der Bukowiner Post aus Czernowitz verschwunden und obwohl der Ausschuss unmittelbar über Reiners Wiener Aufenthaltsort informiert wurde, verzichtete man dennoch auf seine Vorladung, die die ganze Affäre geklärt hätte; so gelangte die Mehrheit des Komitees schon am 29. Oktober zum Entschluss, Iancu Flondor kurzerhand von allen gegen ihn erhobenen Anklagen freizusprechen.
      Warum hatte Max Reiner die Flucht ergriffen und sich einer Konfrontation mit dem mächtigen Führer der damaligen Mehrheit im Czernowitzer Landtag entzogen? In Bezug auf die unzähligen Krisen des politischen Systems in der Bukowina der Jahrhundertwende, die seine künftige, für das letzte Jahrzehnt der Monarchie als modellhaft betrachtete Modernisierung für unentbehrlich machte7, ist eine Antwort darauf beinahe überflüssig. Jene Geschichte erhält aber eine zusätzliche Dimension, wenn man bedenkt, dass derselbe Max Reiner nur einige Jahre später eine außergewöhnliche journalistische Karriere zunächst in Wien und dann in Berlin machen wird, wo er in den 1920er Jahren - bis 1933 - sogar die Stelle eines Leiters der politischen Abteilung der Vossischen Zeitung bekleidete8! Im Manuskript der Erinnerungen des 1944 in Palästina Verstorbenen, das das New Yorker Leo Baeck Institute aufbewahrt, gibt es jedoch keine genaueren Angaben zu den Umständen, unter denen er sich endgültig von dem Ort seines beruflichen Anfangs getrennt hatte; es scheint, dass er die wenig rühmliche Episode vergessen habe oder sie vergessen wollte". Das widersprüchliche Bild, das über den jungen Journalisten aus den in den Protokollen des Ausschusses enthaltenen Zeugenaussagen hervorgeht, kann doch nur von der unbestrittenen Tatsache ausgehen, dass seine letzte öffentliche Ã"ußerung in der Bukowiner Post mit 1 000 Kronen von Nikolai von Wassilko bezahlt worden war; Wassilko hatte ihn dann in seinem Haus in Wien beherbergt und ihn wahrscheinlich für die Anstellung in einer dortigen Redaktion empfohlen10. Ob Reiner wirklich das Vertrauen Flondors missbraucht und diesen auf skrupellose Weise verraten hatte, oder ob er selbst den Machenschaften des rumänischen Politikers zum Opfer gefallen war und sich endlich, als er sich von jenem ganz verlassen und einer Klage wegen Ehrenbeleidigung seitens Wassilkos ausgeliefert fühlte, entschied, die volle Wahrheit zu sagen, bleibt unklar, obwohl das Desinteresse des von den Vertretern der Mehrheitsfraktion des Landtags beherrschten Ausschusses, ihn zu verhören, keinesfalls unmotiviert gewesen sein durfte. In jedem Fall dreht sich die ganze Geschichte von Reiners Seite her verständlicherweise schlicht um die Geldnot eines Journalisten, der es trotz seiner Jugend - 1903 war er knapp 20 Jahre alt - immerhin bewerkstelligt hatte, die Zeitung der damals wichtigsten politischen Partei des Kronlandes, der übrigens auch einige der reichsten Leute in der Bukowina, darunter auch Iancu Flondor, angehörten, zu redigieren. Wegen seines Talents sollen ihn die Gegner als gefährlich empfunden haben - Wassilkos erster Brief an die Bukowiner Post, auf den Reiner dann reagiert hatte, versuchte nicht zufällig, seine Glaubwürdigkeit dadurch herabzusetzen, dass behauptet wurde, Reiner, der zunächst in der Redaktion der Bukowiner Post tätig gewesen war, habe von dem ruthenischen Politiker Geld verlangt. Die Tatsache, dass Reiner darauf zu der Zeitung des anderen Lagers übergelaufen war, wurde ihm gleich als Rache für die Absage ausgelegt. Allerdings soll Reiner selbst, der überall erklärte, dass Wassilko ihn mit einem anderen Journalisten verwechselte", zugegeben haben, dass er diesen sehr wohl einmal erfolglos gebeten hatte, ihn durch seine Beziehungen bei einer Wiener Zeitung unterzubringen12. Seinerseits gelang es Flondor, vor dem Ausschuss ein Porträt Reiners zu entwerfen, in dem der Mann als durchaus bestechlich erscheint, da er offenbar stets beschäftigt war, sich auf schnellstem Wege Geld zu verschaffen: er habe etwa von Flondor 'einiges Geld" verlangt, bevor er den Artikel über dessen Erzfeind Wassilko zu schreiben begann, und die Bitte nach der Veröffentlichung des Artikels wiederholt - da er 'niedergebrannt" sei -, angeblich um davon Sonderdrucke anzufertigen, die an die Mitglieder des Reichsrats geschickt werden sollen; in beiden Fällen habe er aber von Flondor nichts bekommen. Dagegen kursierten schon vor der Publikation seines Textes Gerüchte, nach denen Reiner bereit gewesen sein soll, gegen Zahlung von 300 Gulden darauf zu verzichten. Anderen Zeugen gegenüber, die ihn in lebhaftem Gespräch mit Wassilkos Vertrauten überrascht hatten, habe Reiner eingestanden, dass man ihm Versprechungen machte, die von 'viel Geld" bis zu einem Posten 'im Korrespondenzbureau, im Ministerium" reichten15. Schließlich habe Reiner kurz vor seiner Flucht, die er in der Redaktion, unter dem Vorwand, zum Begräbnis seiner Großmutter auf dem Lande zu fahren, bemäntelt hatte, einen Kollegen, dem er schon Geld schuldete, um ein 'paar Kreuzer" gebeten; einige Stunden später habe er dann beim Kartenspiel in einem Kaffeehaus eine Menge Geld aus der Tasche gezogen, wobei er sehr 'konfus" zu sein schien16.
      Eben 'ein armer Teufel" - soviel und nicht mehr galt der Czernowitzer Journalist Max Reiner für den Großgrundbesitzer Nikolai von Wassilko und für seinen Advokaten Max Fokschaner17. Für Flondor war er schlicht ein 'Spitzbube", und für seinen Advokaten, einen Dr. Jakob Ausländer , 'ein charakterloser Kerl"18. Der Vorfall mit dem jungen Redakteur einer Provinzzeitung am Rande der Monarchie schien im Kleinen wiederum das Problematische an dem Verhältnis zwischen Geld und Moral im modernen Journalismus zu veranschaulichen. Zur gleichen Zeit glaubte kein anderer als Karl Kraus, die angeblich noch von Heine und Saphir gepflegte Botmäßigkeit des 'Feuilletonismus" gegenüber dem Markt als 'Glasur der Korruption" in seiner Fackel denunzieren zu müssen19, wobei er eine deutlich kulturkonservative Haltung einnahm, in der übrigens eine nicht unbedeutende Rolle die antijüdischen Akzente spielten20. In Czernowitz verstand Flondor es gut, mit solchen, aus dem 'Zeitgeist" geschöpften Klischees umzugehen, um das Ansehen Reiners und damit den Wert seines Bekenntnisses zunichte zu machen: mit herablassender Verachtung schiebt der versierte Politiker, der auch nicht vergisst, auf seinen symbolischen Stand als Repräsentant einer der ältesten Familien des Kronlandes und ebenso der rumänischen Nation anzuspielen, jemandem 'von der Bildung und der Qualität Reiners", der sowohl arm als auch Jude war, die alleinige Schuld am 'Ãoberfall" auf seine Ehre zu, - da jener 'nicht die Fähigkeit hatte", der Bestechung 'zu widerstehen" -, wobei er dessen Verhalten 'der Beurteilung aller anständigen Menschen" über-lässt.
      Aber gerade im Verhältnis zur Gemeinschaft jener 'anständigen Menschen", die Iancu Flondors Rhetorik meinte, galt der gesellschaftliche Status jemandes, der als 20-jähriger für die Existenz einer Mutter und mehrerer Geschwister zu sorgen hatte22, und seine berufliche Gewandtheit und seine Begabungen den lokalen Potentaten wortwörtlich verkaufen musste, als ein typischer für die Kategorie so genannter 'intellektueller Proletarier"23. Das Phänomen der akademischen 'Ãoberproduktion", die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts infolge der Liberalisierung des Schul- und Hochschulwesens in ganz Europa zum Problem geworden war, indem die zur Verfügung stehenden Stellen in der Verwaltung nicht mehr für die Zahl der Absolventen literarisch-philosophischer Studien reichten, so dass diese sich auf die 'freien" Berufe als Journalisten und Literaten stürzten, stellte sich nicht minder für die Bukowina, wo die Studentenzahl der Franz-Joseph-Universität seit ihrer Gründung im Jahre 1875 bis 1910 von 177 bis zu mehr als 1000 angestiegen war24. Dabei ist auch die Entwicklung des Interesses für die hiesigen drei Fakultäten bezeichnend. Während bis etwa zur Jahrhundertwende ungefähr 61% der Studierenden sich für Jura einschrieben, wobei die restlichen 20% und 19% zu der Theologie bzw. der Philosophie gehörten, kann man danach eine beträchtliche Verringerung der Hörerzahl in den ersten zwei Fakultäten bei einer entsprechenden Steigerung derjenigen der Philosophie-Hörer, unter denen sich auch Max Reiner befunden haben mag25, beobachten26. Diese Statistik, aus der sich ebenfalls ergibt, dass 75-80% aller Czernowitzer Studenten aus der Bukowina stammten27, bestätigt durchaus die Ansicht, wonach die Fähigkeit des staatlichen und lokalen Beamtentums einerseits und der orthodoxen Priesterschaft andererseits, Absolventen aufzunehmen, allmählich gesunken war, was zu der entsprechenden Gegenbewegung in die Richtung der Disziplinen, die für die 'freien" Berufe qualifizierten, geführt hatte.
      Eine zusätzliche Nuance erhält diese 'Deklassierung" der Intellektuellen, die von Karl Kraus im Hinblick auf ihre von den etablierten Hierarchien zunehmend unkontrollierbaren Positionen auch mit einem 'Einbruch einer traditionslosen Horde" verglichen wurde28, im Lichte des steigenden Anteils der Juden an dieser Kategorie, der gleichermaßen aufgrund der allgemeinen Tendenz des jüdischen Bürgertums, die volle soziale Integration durch die den symbolischen Aufstieg ermöglichende Bildung zu beschleunigen29, aber auch wegen des Widerstandes der staatlichen Strukturen, Juden in ihren Reihen aufzunehmen30, erklärbar ist. An der Universität Czernowitz gab es bereits 1895 eine relative Mehrheit der Immatrikulierten israelitischer Konfession 31, die sich auch in den folgenden Jahren hielt, - d. h. ein weit höherer Prozentsatz im Vergleich zur Universität Wien, wo der antisemitische Diskurs gegen die jüdische 'Ãoberrepräsentation" viel ausgeprägter war, obwohl die maximalen 33% jüdischer Studierenden nach 1891 zu sinken begann32. Diese Verhältnisse findet man dann auch - ähnlich wie in Wien - in einer überwiegenden Präsenz von Juden in den Redaktionen der Czernowit-zer Zeitungen wieder. Der Czernowitzer Rechtssoziologe Eugen Ehrlich, der die Diskrepanz zwischen der in der Bukowina relativ erfolgreichen Bildungspolitik und der wirtschaftlichen und sozialen Unterentwicklung des Kronlandes, das in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nur mit 1,53% zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung der Monarchie beitrug35, mit besorgter Nüchternheit feststellte, bezeichnete die im gegebenen Rahmen der österreichischen Sozialpolitik offenbar unvermeidliche Fortsetzung der 'Intellektuellen-Proletarisierung" als eine 'Katastrophe" für die Bukowina und besonders für deren Juden36.
      Jenseits des Anscheins, vor den Folgen seines an sich ungeschickten Lavie-rens zwischen den zwei verfeindeten Parteien im Lande geflüchtet zu sein, zeigt sich Max Reiners Weggang aus Czernowitz als eine sich aus der besonderen Logik des - um es mit Bourdieus Begriffen auszudrücken - Czernowitzer sozialen 'Habitus" um die Jahrhundertwende notwendig ergebende Konsequenz. Wir hatten andernorts die noch von Eduard Castle in der Einteilung der 'deutsch-österreichischen" Literatur bis 1914 hervorgehobenen Unterschiede zwischen der Literatur, die in Wien produziert wurde, und der von ihm so genannten 'Provinz- und Parteiliteratur" in der Perspektive der Soziologie der symbolischen Formen umzuinterpretieren versucht und dabei festgestellt, dass die Polarität Zentrum-Peripherie sich in der Struktur der entsprechenden sozialen 'Felder" durch eine andersartige Positionierung zwischen dem kulturellen 'Feld" und dem 'Feld" der Macht projiziert: während im Zentrum der Monarchie die 'vertikale" Differenzierung und Rationalisierung der Gesellschaft als Folge der wirtschaftlichen Modernisierung zu einer Verselbständigung des literarischen und künstlerischen Feldes und zur typologischen Trennung des 'Intellektuellen" von dem 'Bildungsbürger" führte, blieb die unterentwickelte Provinz den Strukturen einer traditionellen, d. h. 'gemeinschaftlicher"4", von den machttragenden Eliten durchdrungenen und im Interesse der Macht formierten Ã-ffentlichkeit verhaftet. Die wichtigen 'Akteure" auf dem kulturellen 'Feld" in der Bukowina der Jahrhundertwende verfügten über ein sicheres Einkommen als Beamte oder Unternehmer, und waren natürlich unabhängig von der mageren Bezahlung intellektueller Nebenbeschäftigungen, so dass sie sich politisch und ö-konomisch ganz auf der Seite der gesellschaftlich 'dominierenden" Fraktion befanden, wo die Kategorien 'Bildung" und 'Besitz" als Identifikationsmerkmale ja gleichwertig waren41: Franz Porubsky war Gymnasiallehrer, Anton Norst, der dichterisch begabte Bruder der Wiener Pädagogin Eugenie Schwarzwald, Herausgeber der amtlichen Czernowitzer Zeitung und Universitätssekretär, der noch 1919 auf seinen österreichischen Titel eines Regierungsrates sehr stolz war. Leon Rosenzweig war Großkaufmann und in einer Legislaturperiode auch Reichsratsabgeordneter, Raimund Friedrich Kaindl Universitätsprofessor, Hermann Mittelmann Mitglied von nicht weniger als 14 lokalen Kommissionen und Kuratorien usw. Die sehr geschätzten Journalisten Philipp Menczel, der gleichzeitig als erfolgreicher Rechtsanwalt wirkte, und der Arzt Wilhelm Stekel, der später einer der bekanntesten Psychoanalytiker in Wien wurde, waren auch die Besitzer der Zeitungen, in denen sie veröffentlichten. Dagegen fällt ein Konrad Pekelmann, der talentierte Rezitator und Redakteur der Bukowiner Nachrichten, den die Geldnot in den Tod treiben wird, in die Kategorie der ökonomisch 'dominierten" Figuren der Czernowitzer kulturellen Szene, deren Regeln er sich, einschließlich durch seine kritische Haltung gegenüber den Wiener Autoren, trotzdem anpassen wollte42. Intellektuelle solchen Schlags konnten in diesem 'stark pa-rochial" geprägten Milieu, in dem 'die Herausdifferenzierung einzelner, relativ unabhängiger Subsysteme [...] noch wenig fortgeschritten [war]"43, nur als Einzelgänger agieren, denn eine Nische der Opposition im ideologischen oder ästhetischen Sinn gegen die literarische 'Breiten-Produktion" der eher dilettantischen Honoratioren-Kultur, die die Heimatkunst-Bewegung der Wiener Moderne ohnehin vorzog, galt überhaupt als noch nicht denkbar. Das Fehlen eines echt 'urbanen Lebensgefühl" bei denjenigen - Aristokraten und Großbürger -, die über das politische und ökonomische Kapital in der Provinz verfügten und damit ihren sozialen Raum dominierten, dürfte in deren unmittelbarem Umgang mit den Intellektuellen und Journalisten sogar verspätete Reflexe eines autoritären Machtbewusstseins vormodernen Ursprungs nahegelegt haben: z. B. behandelte Flondor Max Reiner selbstverständlich wie einen Hausangestellten, als er ihn nach dem Schwitzbad oder bei der Morgentoilette empfing46, während Wassilko es durchaus unter seiner Würde fand, anders als über seine Bediensteten mit diesem zu kommunizieren47.
      Gegenüber dem alltäglichen Druck der Konformität, der lediglich, wie im Falle Reiners, jeglichen Widerstand im Namen der individuellen Autonomie - die der junge Czernowitzer Journalist durch seinen verzweifelten Protest gegen die Unterstellungen eines Wassilko bis zu einem gewissen Punkt noch aufrechtzuerhalten versuchte - zum Scheitern brachte, blieb die Flucht 'nach vorn"' in die großen urbanen Zentren die geeigneteste Lösung für die mittellosen und daher 'dominierten" Intellektuellen. Allerdings stellt diese Wanderung von der Provinz in die Metropole ein Moment des Kampfes für Autonomie dar, das zur 'inneren" Logik der kulturellen und literarischen 'Felder" in ganz Europa gehört - die Tatsache, dass um die Jahrhundertwende ungefähr 35% aller in Wien lebenden Schriftsteller keine gebürtigen Wiener waren, wobei ein ähnlicher Prozentsatz der Pariser Schriftsteller derselben Zeit von Provinzlern gestellt wurde -, ist auch ein Indiz für die Attraktivität Wiens bei den deutschsprachigen 'Asphalt"-Literaten aus allen Ecken der Monarchie48. Auch wenn im Falle Ã-sterreich-Ungarns der zunehmende Ein-fluss der nationalen Sprachen und der entsprechenden kulturellen 'Felder" an den nicht-deutschen Peripherien zusätzlich zu dieser Migration beitrug, liegt deren Hauptgrund eigentlich in der durch die Konsolidierung der modernen Lebensformen erfolgten Zuspitzung des anhaltenden 'Kampfes" zwischen den Verfechtern der heteronomen Interferenz des Kultur- und Machtfeldes und denen, die es wagten, ihre 'geistige" Produktion dieser Macht wenigstens virtuell zu entziehen. Ernst Hanisch bemerkt mit Recht, dass in der Provinz, wo die Bildungsbürger die kulturellen Institutionen und dadurch die das symbolische 'Kapital der Anerkennung" produzierenden Konsekrationsinstanzen völlig kontrollierten49, 'es längst nicht mehr [unter anderem] um den edlen Streit für die , wahre Kunst' ging": am Werk war 'der blinde Haß gegen alles Fremde und Unbekannte", der gegen jede Minorität, einschließlich gegen die intellektuellen 'Dissidenten", manipuliert werden konnte50. Max Reiner hatte es noch vor der Auslösung der 'Affäre" begriffen, als er Wassilko zum ersten Mal um eine Stelle fern von Czernowitz gebeten hatte. Jenseits seines weit übertriebenen Lobes auf das Provinzielle bewahrte der oben zitierte Konrad Pekelmann die Hellsichtigkeit, um nüchtern feststellen zu können, dass, soweit von Talenten die Rede ist, 'alles natürlich in Richtung Wiener Metropole fließt"51. Zu den 'Dissidenten" gegenüber der offiziellen und 'parteilichen" Kultur zählen alle, die, um ihre schöpferische Begabung zu betätigen, den Anschluss an die Intellektuellen der Metropole, sei es Wien oder eine andere, suchen. So der talentierte Maler Oskar Laske, der erstmals 1905 in Wien ausstellt52, die jungen Erich Singer und Kamillo Lauer, deren Versuche, modernistisch getönte Dichtung zu veröffentlichen, in Czernowitz ohnehin keine Erfolgsaussichten hatten, jedoch dagegen in Leipzig53, der aus Suczawa stammende Viktor Wittner, der ebenfalls in Leipzig seine erste Gedichtsammlung veröffentlichen konnte54, Isaac Schreyer, Heinrich Schaffer, Uriel Birnbaum, Albert Maurüber oder Josef Kalmer, die schon früh nach Wien oder Berlin übersiedelt waren, um ihre künstlerischen Neigungen und ihren Nonkonformismus frei, weitab von der Czernowitzer Provinzenge, bekunden zu können.
      Es ist keinesfalls zufällig, dass nur wenige Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Anschluss der Bukowina an Rumänien, die jungen Mitarbeiter des Nerv, einer in Czernowitz gerade entstandenen kleinen literarisch-politischen Zeitschrift, sich auf das typisch intellektuelle, von Kurt Hiller und Ludwig Rubiner redigierte Programm des Berliner 'Rats der geistigen Arbeiter" beriefen, als sie das 'falsche Bewußtsein" des Czernowitzer Establishments - das weit davon entfernt war, 'in dieser Stadt, in der Gold auf den Straßen liegt [...], eine Zeitschrift, die für Kultur kämpfte", zu finanzieren - ohne weiteres in Frage stellten und damit ein neues, gegenüber Macht und 'Wirtschaftslogik" der bürgerlichen Kultur womöglich autonomes 'Feld" kulturellen Schaffens zu bilden versprachen. Die Auflösung des einstigen Machtfeldes und die Lähmung des Einflussnetzes seines von der lokalen Bühne abtretenden Publikums , das bisher die österreichisch-habsburgische Legitimation auf die von ihm begehrte Kultur übertragen hatte, veränderte in kurzer Zeit das Verhältnis zwischen den tragenden Kräften des Bukowiner deutschsprachigen kulturellen 'Feldes" von Grund auf. Auf diese Weise konnte hier ein ganz unspezifischer Typus von 'Regionalliteratur" entstehen, die auf der Radikalität des Engagements jener schmalen intellektuellen Schicht beruhte, deren veränderndes Wirken sich allerdings vital genug zeigte, um dem schon Ende der 20er Jahre von Alfred Margul-Sperber angekündigten 'Wunder", dass 'in der Bukowina, selbständig und losgelöst von jedem Zusammenhang mit dem Ursprungsgebiete, erst jetzt im Herzen eines mit aller Macht assi-millierenden Großrumänien ein Zweig der deutschen Sprache schöpferisch rege zu werden beginnt"56, den grundlegenden Impuls zu geben. Zu der Zeit jedoch wechselte Max Reiner in Berlin gerade von der Morgenpost zur Vossischen Zeitung.
     

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