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Paul celan und sein umfeld - deutschsprachige literatur der bukowina

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Heinrich Wild - ein Tiroler in Galizien



Ãober eine Nebenfigur in Karl Emil Franzos' Pojaz

Dieser kleine Beitrag ist nicht viel mehr als ein Stück Kommentar zu Franzos' Roman Der Pojaz. Doch ist das Kommentieren ohnehin eine vordringlichere Aufgabe der Literaturwissenschaft als das Interpretieren; bei Texten, die uns nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich fern sind, sind Erläuterungen fast unabdinglich. Dass die Erhellung des hier behandelten ,galizisehen' Details - das gleichwohl seine Funktion im Ganzen des Romans hat - aus einer Tiroler Perspektive besonders gut möglich ist2, mag den Beitrag für diese unter dem Motto der Brücken stehenden Festschrift geeignet scheinen lassen.
      In der Bildungsgeschichte der Hauptfigur des Pojaz ist der nach Osten verbannte Tiroler Heinrich Wild nicht ganz unwichtig. Bei ihm lernt Sender Glatteis Deutsch lesen und sprechen, von ihm erfährt er viel über die Welt und ihre Geschichte, er bringt ein wenig Ordnung in den 'Wirrwarr" im Kopf des jungen Juden.
      Der Handlungsstrang, in dem Wild vorkommt , hat nur geringen Umfang, ist aber für den Roman als Ganzes von großer Bedeutung, nicht nur wegen seiner Funktion in der Fabel, sondern vor allem auch wegen der weiteren Zusammenhänge, auf die hin er die 'Erzählung aus dem Osten" öffnet. Den kommentierenden Nachweis dieser Zusammenhänge habe ich mir für diesen kleinen Beitrag vorgenommen; ohne ihr Verständnis wird man einen wichtigen Aspekt des Romans übersehen. Eigentlich haben wir es mit zwei Handlungssträngen zu tun: einerseits mit dem Lernen Senders bei Wild, andererseits mit der im Rückblick erzählten Geschichte des in den Osten verschlagenen Soldaten, von der wir das Eine und Andere durch den Erzähler, das Meiste aber aus dem Mund der Figur selbst erfahren, in einer humoristisch angelegten Kontrastierung zwischen den Kenntnissen über den Ablauf der Revolution von 1848, die Franzos bei seinen Lesern voraussetzt, dem, was sich Sender darunter vorstellt, und der Art, in der Wild seinen , Schüler' berichtigt; dazu tritt die Ebene des intertextuellen Verweises, durch Zitate, auf die Reimchronik des Pfaffen Maurizus, eine satirische Auseinandersetzung mit den politischen Ereignissen von 1848 von dem böhmischen Schriftsteller jüdischer Abstammung Moritz Hartmann .
      Im Hinblick auf die Fabel ist Wilds Tiroler Herkunft so nebensächlich wie seine Beteiligung an der Revolution von 1848; dass Franzos die beiden Motive trotzdem einführt, zwingt uns, nach ihrer Funktion zu fragen. Die geht, wie zu zeigen sein wird, weit über eine autobiographische Reminiszenz und weit über das Streben nach einem komischen Effekt hinaus, den Franzos mit der Bemerkung über die Mischung zwischen Jiddisch und Tiroler Dialekt erzielt .
      Die Integration des Wild-Handlungsstrangs in den Pojaz erfolgt durch einfache additive Verknüpfung innerhalb der chronologisch erzählten Geschichte. Sender strebt die nur in deutscher Sprache zugängliche Bildung an, die allein die Erfüllung seines Herzenswunsches, Schauspieler zu werden, ermöglichen kann. Er wird zwar, mehr oder weniger zum Schein, Uhrmacherlehrling in Barnow, sucht aber in Wahrheit einen Lehrer des Deutschen - der ihn aber im Geheimen unterrichten müsste, da die jüdische Gemeinde das Erlernen des Deutschen mit schweren Strafen geächtet hätte . 'Da griff abermals ein seltsamer Zufall in sein Leben [...]" . Nach dieser Vorausdeutung erzählt Franzos scheinbar unmotiviert recht ausführlich vom k. k. Verpflegsmagazin in Barnow, an dem Trainsoldaten stationiert seien, die er, auktorial, als eine besonders rohe Truppe beschreibt. 'Der ,Furbes' ist der Prügelknabe der Armee, er gilt [...] als Dummkopf oder Spitzbube" . Der Erzähler fügt freilich hinzu, 'heute" seien die Verhältnisse bei dieser Truppe besser als 'in den Flitterjahren der Reaktion", also etwa im Jahr 1852, in dem diese Teile des Romans spielen .
      Von diesem auktorialen Einschub geht Franzos, erzähltechnisch nicht sehr geschickt, wieder über auf Senders Ãoberlegungen und lässt seine Figur unabsichtlich in die Barnower Schlossruine geraten, mit der sich mancherlei Aberglaube verbindet. Auch Sender glaubt zunächst in der Tat, ein Gespenst zu sehen, erkennt aber in der unheimlichen Figur bei näherem Hinsehen einen 'Furbes", also einen Trainsoldaten, und vermutet, dieser sei wegen eines Liebesabenteuers mit einer Köchin in die Ruine gekommen. Zu seiner Ãoberraschung muss er jedoch entdecken: ,'Der Furbes liest!'" : Franzos lässt den Belauschten eine Stelle aus dem Pfaffen Maurizius rezitieren , die wohl ihrerseits, mit dem Refrain 'Die braven Wiener Studenten!", eine Wiederaufnahme des berühmten Revolutionsgedichts 'Die Universität" von Ludwig August Frankl ist.
      Sowohl die erste Benennung der Figur als 'einsamer Leser" als auch die erste Beschreibung des Trainsoldaten sind geeignet, die Sympathie der Leserin zu erwecken, einmal schon deshalb, weil er liest - und das in einem Kotext, in dem die Sehnsucht der Hauptfigur, Deutsch lesen zu lernen, zentrales Thema ist. Sympathie löst auch das ganz unsoldatische Bild der Figur aus:
In dem schmalen, kränklichen Gesicht glühten die Wangen, die Augen leuchteten, und nun erhob er die Stimme und las in seltsamem, ergreifenden Ton, fast wie man ein Gebet spricht [...].
Dass das ,Gebet' ein Revolutionsgedicht ist, dürfte bei den von Franzos erwarteten Lesern die Sympathie für die rezitierende Figur verstärkt haben.
      Dass Wild nach dieser Lektüre in Schluchzen ausbricht, wird bald durch seinen Bericht über seine Beteiligung an der akademischen Legion verständlich; seine in diesem Ausbruch spürbar werdende starke Emotionalität ist ebenfalls ein Mittel der Sympathielenkung. Dazu gehören ferner die Redeweise Wilds, der den armen jüdischen Jugendlichen mit 'Sie" anspricht , und die Worte, welche die Identifikationsfigur Sender an ihn richtet: 'Ein feines Gesicht haben Sie - ein gutes Gesicht - auf Ehre" . Auktorial ist dann noch einmal vom Gesicht des Trainsoldaten die Rede: 'Trotz aller Düsterkeit und Trauer blickten die blauen Augen hell und offen, wie die eines Kindes."
Dass diese Sympathielenkung durch Beschreibung des Ã"ußeren und durch Reaktionen wie das 'bittere" Lächeln klischeehafte Züge hat, lässt sich nicht leugnen. Die Autorintention ist klar: Das Handeln der Figur, die sofort und anders als andere ,Verbündete' Senders ganz ohne Eigennutz bereit ist, dem bildungswilligen Burschen zu helfen, bestätigt neben der Figurenkonstellation, der Bindung Wilds an die Identifikationsfigur Sender, dass wir in dem ,Furbes' eine durch und durch positive Figur zu sehen haben. Wenn ihn der Erzähler den 'armen Studenten" nennt, spielt er auf einen Hauptbestandteil der Wiener 1848-Mythen an; dadurch und durch den Bericht über Wilds Schicksal - Beteiligung an der Revolution, Todesurteil, Begnadigung durch Verbannung als Gemeiner zu den Trainsoldaten mit Verbot jeder geistigen Beschäftigung - verstärkt Franzos über Gemeinsamkeiten der politischen Haltung zwischen den intendierten Lesern des Romans und Wild die Sympathie für diesen noch weiter.
      Als Wild eines Tages nicht mehr zur vereinbarten Unterrichtsstunde kommt, vermag Sender, nur durch Bestechung, von einem schon durch seine fast karikierte Redeweise als negative Figur gezeichneten tschechischen Kameraden seines Lehrers zu erfahren, dass bei diesem durch Zufall sein einziges Buch entdeckt worden ist, weshalb er möglicherweise sogar erschossen werden soll . Dieser grelle Effekt unterstreicht noch einmal, dass wir in diesem Opfer der Reaktion eine Lichtfigur zu erblicken haben. Der Wild-Handlungsstrang endet insofern offen, als wir das endgültige Schicksal der Figur nicht erfahren; Sender erwähnt seinen Lehrer nur noch einmal in einem eher komisch wirkenden Brief , dann verschwindet die Figur aus dem Roman.
      Nicht nur dadurch dass er Sender mit 'Sie" anspricht, nicht nur durch seine Bereitschaft, Senders Lehrer zu werden, sondern auch explizit durch den Hinweis auf Hartmanns Judentum und auf 'manches gute Wort" über 'deine Glaubensgenossen" in der Reimchronik wird Wild - dessen Namen wir übrigens nur durch den Erzähler erfahren - als Repräsentant religiöser Toleranz vorgestellt - ganz im Gegensatz zu seinem eben erwähnten tschechischen Kameraden, von dem Sender sofort als 'varfluchte Jud" beschimpft wird . Auf die Fragmente aus der Geschichte der Wiener Revolution, die Wild seinem Schüler erzählt, brauche ich nicht näher eingehen. Die Identifikation der Positionen von 1848 mit Gerechtigkeit, Toleranz und Bildung ist so unübersehbar wie umgekehrt die Gleichsetzung der Reaktion mit Inhumanität und Bildungsfeindlichkeit. Hingegen ist ein denkbarer biographischer Hintergrund der Figur Wild hier wohl doch zu erwähnen. In seinem Aufsatz Mein Erstlingswerk: 'Die Juden von Barnow" - entstanden nach dem Abschluss, aber einige Zeit vor der Veröffentlichung des Pojaz -berichtet Franzos, sein Vater habe ihm frühzeitig einen Lehrer gegeben, den 'armen Trainsoldaten Heinrich Wild":
Der Unglückliche war einer jener Studenten von 1848, die dann zur Strafe ins Militär gesteckt worden; von ihm lernte ich in meinem siebenten Jahre nicht bloß Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch die Freiheit lieben, die Reaktion hassen, so gut ich's damals verstand. Wie mich das entflammte! Ich konnte oft Nachts nicht schlafen, wenn ich an die Eroberung Wiens dachte; aber es kam noch einst die Vergeltung und dann war ich Student!
Ob dieser offenbar bald verstorbene Wild Tiroler gewesen ist, wird in dem autobiographischen Aufsatz nicht gesagt. Selbstverständlich ist die Figur im Roman mit dem Lehrer des jungen Franzos - an den wir wohl glauben dürfen - nicht gleich zu setzen; sie mag mit diesem nur den Namen gemeinsam haben. Wichtiger als der autobiographische Hintergrund der Figur ist das mit ihr verbundene politische Motiv: Auch in diesen Erinnerungen kommt das für den Roman bedeutende Jahr 1848 vor. Dass Franzos sich in diesem Artikel schon als Bub ausdrücklich als künftigen Studenten gesehen haben will, wirkt fast wie eine direkte Referenz auf die von Wild im Roman gelesene Passage aus der Reimchronik, ein interessanter Beleg für die häufige Identifikation der Wiener Revolution mit der akademischen Legion. Doch das führt schon fast ab vom Pojaz-
Für die Intention des Autors, die Ideale von 1848, zu denen auch die Emanzipation der Juden gehörte, wo nicht zu verherrlichen, so doch in den Roman einzufügen, wäre es nicht unbedingt erforderlich gewesen, Wilds Herkunftsland ausdrücklich zu nennen. Ja, es ist eher überraschend, dass Franzos einen Tiroler mit der Aufgabe betraut, Sender Glatteis in die europäische Kultur einzuführen, weil das bei allen Liberalen wegen seines Klerikalismus berüchtigte ,heilige Land' nicht gerade als ein Zentrum moderner Intellektuali-tät noch als ein Gebiet besonderer Aufgeklärtheit gegenüber den Juden galt. Dass Wild an der Revolution von 1848 beteiligt gewesen ist, passt ebenso wenig in das Bild des Landes, in dem Kaiser Ferdinand in jenem Jahr Zuflucht vor den Wiener Wirren suchte. Freilich: Der, Franzos bekannte, Tiroler Parade-Literat Adolf Pichler war, als Medizin-Student, an der bürgerlichen Revolution in Wien maßgeblich beteiligt gewesen. Noch auffälliger ist, dass Franzos seine Figur nicht nur aus Tirol kommen lässt, sondern sogar genau die vielen potentiellen Lesern des Romans voraussichtlich gleichgültige und womöglich kaum bekannte Gegend bezeichnet, aus der die Figur stammt: das Unterinntal.
      Dass Sender in seinem Bestreben, Hochdeutsch zu lernen, unfreiwillig den Dialekt Wilds nachahmt, wird von Franzos so beschrieben:

Wild war im Unterinntal geboren und aufgewachsen, und wenn er auch ein Schriftdeutsch sprach, so schlug dabei doch der grobkörnige, tirolische Dialekt sehr vernehmlich durch. Mit dem Richtigen horchte ihm Sender natürlich auch diese eigentümlichen Mängel ab und sprach daher das Deutsche etwa so, als wäre er in Jenbach geboren oder in einer anderen Zwingburg der katholischen Glaubenseinheit. [...] Kurz - Senders Rede hörte sich so an, als wenn der Tiroler den Dialekt der polnischen Juden sprechen würde.
Von der komischen Wirkung, die Franzos durch die Beschreibung und das Zitieren dieser Sprachmischung - mit dem legendären Tiroler gutturalen Reibelaut , der übrigens in der Mundart des Unterinntals gerade nicht vorkommt - erzielt und die für die Wahl der Tiroler Herkunft der Figur mit den Ausschlag gegeben haben mag, kann hier nicht weiter die Rede sein. Gewichtiger scheint mir die ausdrückliche Nennung Jenbachs zu sein, einer um 1900 nicht besonders bedeutenden und wohl kaum besonders bekannten Gemeinde des Kronlands in den Alpen.'' Dass Franzos gerade diesen Ort mit Wild in Verbindung bringt und ihn zudem in die Reihe der 'Zwingburgen der katholischen Glaubenseinheit" einordnet, sind zwei sehr präzise, für die Tendenz des Romans wichtige Anspielungen, die der Erhellung bedürfen. Zunächst zur 'katholischen Glaubenseinheit": Während das Toleranzpatent Kaiser Josephs

II.

von 1781 den bis dahin in den meisten habsburgischen Ländern verfolgten Protestanten die Bildung von Gemeinden gestattete und die liberalen Gesetze der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts die Rechtsstellung der ,Evangelischen' wesentlich verbesserten, stellte sich der Tiroler Landtag auf den Standpunkt, diese Bestimmungen könnten für das ,heilige Land' -als solches verstand sich Tirol - nicht gelten, Tirol könne und müsse rein katholisch bleiben. Das gipfelte 1837 in der Vertreibung von über 400 zum Luthertum tendierenden Bewohnern des Tiroler Zillertals; das führte nach 1867 zu einem heftigen Tiroler Kulturkampf", den die Katholiken unter dem so brillanten wie rabiaten Brixener Bischof Gasser mit bemerkenswerter Härte führten. Die ,Glaubenseinheit' war das Schlagwort der Konservativen, die um jeden Preis die durch gesamtstaatliche Gesetze gewährleistete Gründung einer evangelischen Gemeinde in Tirol verhindern wollten und sie tatsächlich um ein Jahrzehnt verzögerten. Diese alle Liberalen schockierende Auseinandersetzung beobachtete man selbstverständlich auch außerhalb Tirols und selbst Ã-sterreich-Ungarns; über die religiösen Verhältnisse im kulturkämpferischen Tirol kann Franzos beispielsweise in der damals noch polemisch-liberalen Gartenlaube Näheres erfahren haben, etwa in dem anonymen Artikel Die christliche Liehe der römischen Clerisei' aus dem Jahrgang 1876, in dem wenig später ein Beitrag von Franzos " steht. Soviel zur Aktualität der Auseinandersetzung um die ,Glaubenseinheit' in der Entstehungszeit des Pojaz, an dem Franzos seit den siebziger Jahren gearbeitet hat. Vergleichbare Konflikte gab es im Ãobrigen in der Ã"ra des streitbaren Anti-Modernisten Pius IX. in ganz Europa.
      Obwohl der Tiroler Kulturkampf spektakulär genug gewesen ist, war selbstverständlich die einige Jahrzehnte zurück liegende letzte Vertreibung von Menschen aus religiösen Gründen in Europa noch sensationeller. In den siebziger Jahren etwa entstand das monumentale antiklerikale Propagandabild Die Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837. Der letzte Blick in die Heimat von Matthias Schmid15, einem in München tätigen, aus Tirol stammenden Historien- und Genremaler, ein Beweis dafür, dass die erzwungene Aussiedlung der Zillertaler Jnklinanten' im öffentlichen Be-wusstsein noch präsent, also die hier vermutete Anspielung überregional verständlich gewesen ist. Im Ãobrigen war Franzos in den 1870er Jahren mehrfach in Kontakt mit Tiroler Literaten, sowohl brieflich mit dem alten 1848er Adolf Pichler" als auch mit den zeitweise in Czernowitz tätigen Schriftstellern Hans von Vintler und Johann Georg Obrist18, durch die er e-benfalls über Tiroler Verhältnisse informiert gewesen sein könnte. Im Ãobrigen bleibt ja nicht auszuschließen, dass der im autobiographischen Aufsatz genannte wirkliche Heinrich Wild tatsächlich Tiroler gewesen ist. Die ausdrückliche Nennung Jenbachs bei Franzos nun dürfte sich eben auf dieses Ereignis von 1837 beziehen, denn das Dorf liegt am Ausgang des Zillertals und war somit die erste Station der Vertriebenen auf dem Weg nach Deutschland, ins seh lesische Exil. Ein liberaler Gastwirt änderte damals aus Protest gegen die Maßnahme der Regierung den Namen seines Lokals in 'Hotel Toleranz" - ein Name, dessen historischen Hintergrund heute selbst in Tirol die Wenigsten verstehen. Die Nennung von Jenbach - ob Franzos den Ort aus eigener Anschauung gekannt hat, ist ungewiss - erweist sich so in einem Roman als höchst funktional, der als Ganzes, wie viele Erzählungen Franzos' aus dem Osten19, die Forderung nach religiöser Toleranz artikuliert, insbesondere nach mehr Toleranz innerhalb des Judentums: nach Toleranz gegenüber Glaubensgenossen, die sich der westlichen Kultur öffnen, nach Toleranz gegenüber jenen, die vom religiösen Gesetz da und dort abweichen. Die Anspielung auf ein - für das 19. Jahrhundert - extremes Beispiel religiöser Intoleranz im Westen mag für Franzos ein Mittel gewesen sein, sein Plädoyer nicht allzu einseitig, nicht als bloß anti-jüdisch bzw. als bloß antiorthodox erscheinen zu lassen.
      Dass Franzos daran gelegen war, den Eindruck von Einseitigkeit zu vermeiden, lässt sich an einer weiteren Lehrerfigur Senders zeigen. Denn nach dem Verlust Wilds bleibt Sender nur noch ein Ort, um seine Bildung zu erweitern: das Kloster der Dominikaner. Franzos, im Grunde seines Herzens wohl kaum ein Freund der Kirche, windet sich ein wenig, um über den Orden und seine Barnower Niederlassung nicht allzu positiv schreiben zu müssen. Sender kann nicht einfach bei einem der Mönche etwas lernen, sondern er muss durch Bestechung eines Klosterangestellten Zugang zur 'verödeten" Bibliothek des Ordenshauses finden. Die antiklerikal getönten Motive der Kloster-Schauerromantik und der Mönchs-Satire ü-bergehe ich hier; wichtiger sind die positiven Stellen über das Kloster und seine Insassen.
      Die beachtlichen Bestände der Bibliothek führt Franzos nicht auf die eigene Tradition des Ordens in Polen zurück, sondern auf eine Kulturleistung des Josephinismus: Die österreichische Regierung habe in jedes Kloster der neu erworbenen Gebiete Patres aus den 'deutschen Erblanden" gebracht , und ein solcher deutscher ,Einwanderer' habe für die Ausstattung des Klosters mit wichtigen deutschen Büchern gesorgt.
      Wird hier schon eine, historisch vielleicht sogar haltbare, Beziehung zwischen Aufklärung und Klosterbibliothek hergestellt, so beugt Franzos jedem Anschein einer zu großen Dominikanerfreundlichkeit einerseits dadurch vor, dass er von den Patres berichten lässt, sie beträten die Bibliothek nie und selbst die in der Schule unterrichtenden Kleriker hätten nicht mehr als je drei Bücher in ihren Zellen; andererseits durch die Einführung des greisen Pater Marian , der plötzlich in der Bibliothek erscheint und der für Sender wiederum den 'Blick eines guten Menschen" hat; von diesem aus Schlesien kommenden Geistlichen lernt Sender viel über das Lesen von Dramen. Charakteristischer Weise hat dieser Pater mit Wild etwas gemeinsam: Er ist nach Barnow, ein Strafkloster seines Ordens, verbannt worden, offenbar wegen eines theologisch umstrittenen Buches . Dass der Prior des Klosters in einer ein wenig an den Nathan erinnernden versöhnlichen Szene die Fortsetzung der theatralischen Ãobungen von Sender und Pater Marian gestattet, mildert die leicht antiklerikalen Züge des Kloster-Handlungsstrangs ab, zeigt die Möglichkeit großzügiger Toleranz auch in der katholischen Kirche.
      Die Parallelen zwischen Wild und Pater Marian sind ein Beispiel für die genau kalkulierte Figurenkonstellation in dem Roman, die zur Einbettung des Wild-Handlungsstrangs in das Roman-Ganze gehört. Für seinen Aufstieg zur Bildung braucht Sender Lehrer aus dem Westen - auch der Förderer seiner Bühnen-Ambitionen, der assimilierte Jude Nadler, kommt von dort; aber sowohl Wild als auch der alte Dominikaner sind Menschen, die im Westen Opfer von politischer oder religiöser Intoleranz geworden sind. Diese Parallelisierung und Kontrastierung von Wild und Pater Marian zeigt, nicht anders als die Kontrastierung von Pater Marian und dem weisen Prior mit dem starrsinnigen Rabbiner von Barnow, wie Franzos seine Figuren funktional in eine komplexe Roman struktur einzubetten versteht. Im sprachlichen Detail vermag der Erzähler, wie schon angedeutet, nicht immer zu ü-berzeugen; im Gestalten von Bedeutung tragenden Strukturen kommt er dagegen den großen Erzählern seiner Zeit nahe.
      Das sei hier nur kurz im Hinblick auf die Figur Wild beispielhaft gezeigt. Schon das erste Treffen Senders mit seinem künftigen Lehrer erfolgt auf einem Hintergrund, der für die Charakterisierung der Figuren wie für die Entwicklung des Helden bezeichnend ist: Elemente des Aberglaubens bestimmen Senders Wahrnehmung des Schlosses wie, anfänglich, des lesenden Soldaten, der aber dann als Vertreter der Humanität und der Wissenschaft kenntlich gemacht wird, etwa indem Franzos ihn, halb vergeblich, seinen Schüler von der Kugelgestalt der Erde überzeugen lässt . Der die erste Begegnung bestimmende Kontrast zwischen abergläubischer Vorstellung und Wahrnehmung der Wirklichkeit spiegelt also in nuce ein Hauptthema des Pojaz.
      Zur Einbettung der Figur Wild in den den Roman bestimmenden Gegensatz zwischen Bildungsfeindlichkeit und Bildungsstreben20, genauer: zwischen Offenheit für moderne Bildung und ihrer Ablehnung gehört ferner der Gegensatz zwischen Wild und seinen rohen Kameraden wie den Offizieren, denen er unterstellt ist; den unterstreichen sowohl der Erzähler als auch Sender und nicht zuletzt, affirmativ, der karikierte tschechische Trainsoldat. Höhepunkt in der Gestaltung dieses Motivs ist die naive und zugleich kluge Feststellung Senders:
,Sie armer Mensch! [...] Sie sind wirklich weit mehr zu bedauern als ich. Denn ich weiß noch nicht, was in den deutschen Büchern steht, und möchte es nur gerne wissen, Sie aber haben es schon erlernt und müssen es vergessen. Ich kann mir denken - das muß ein großer Schmerz sein! [...]' .
      In Verbindung mit dem Schicksal Wilds ist diese Passage eine scharfe Kritik an den Maßnahmen der österreichischen Reaktion, die an dieser durch die Reziprozität von Senders Plänen und Wilds Bestrafung in die gleiche Kategorie eingeordnet wird wie die Gralshüter der religiösen Strenge aus dem Ghetto.
      Die Vorurteilsfreiheit Wilds, die sich in seinem Verhalten ebenso äußert wie in seiner Hartmann-Lektüre und in seinen Worten über den Dichter der Reimchronik, gehört ebenfalls in die Kontrastierungsstrukturen, die im Pojaz so wichtig sind. Wild, der aus politischen Gründen von den Nicht-Juden so unterdrückt wird wie Sender aus religiösen Gründen von seinen orthodoxen Glaubensgenossen, wird - obwohl er nur auf wenigen Seiten vorkommt -auf diese Weise zu einer wichtigen Figur im Roman, über seine Funktion in der Fabel, als Lehrer des nach deutscher Bildung hungernden jungen Juden, hinaus.
      Wie dieser ist Wild ein Opfer der Intoleranz; seine Bildung ermöglicht es ihm, im Roman als Vertreter der Toleranz zu fungieren. Die Kritik an den Unterdrückungsmechanismen im Judenviertel wird in Verbindung gebracht zu den politischen Repressionsmaßnahmen in Ã-sterreich nach der Revolution und, anspielungsweise, zur Intransigenz der katholischen Kirche, wie sie mit der Verbannung Pater Marians und mit der Anspielung auf die ' Zwingburg der katholischen Glaubenseinheit" .eingeblendet' wird. Dass auch in der Kirche die Möglichkeit zur Toleranz besteht, kommt in den Figuren Pater Marians und des Priors zum Ausdruck. Sie sind sozusagen Gegenbilder zu jenen 'Zwingburgen", an die die Leser durch Wilds Herkunft erinnert werden sollen. Die Konflikte um den Bildungsweg Senders heraus aus dem engstirnig und engherzig orthodoxen Ghetto sind so eingebettet in Spannungen zwischen Modernität und aggressivem Anti-Modernismus, in Spannungen zwischen Religion und säkularem Staat in Mitteleuropa, auch in die Auseinandersetzungen um klerikal-reaktionäre oder staatlichmoderne Schule; es geht nicht nur um jüdisches Beharren auf dem Alten -weshalb an anderer Stelle der Unterschied zwischen zwei Judengemeinden in Galizien verglichen wird mit dem 'Unterschied zwischen einem Herrnhu-terorte und einer protestantischen Industriestadt" , mit offensichtlicher Abwertung des innovationsfeindlichen strengen Pietismus. Die Themen der Ãoberwindung geistiger Enge durch aufgeklärten Bildungswillen und der Forderung nach Toleranz und Offenheit - unterstrichen durch die intertextuellen Verweise vor allem auf Lessings Nathan und auf den Kaufmann von Venedig - werden an der Nebenfigur Heinrich Wild besonders deutlich sichtbar gemacht - eine Funktion der Figur, die klarer wird, wenn man den exakten Hintergrund der scheinbar nur geographischen Angaben kennt.
     

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