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Paul celan und sein umfeld - deutschsprachige literatur der bukowina

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'Flaschenposf'-Literatur



Zur Lyrik Paul Celans

Ein Gedicht, ein bekanntes Gedicht, wird hier unter die Lupe genommen: Beobachtet wird, wie ein poetisches Werk entsteht und wie es wirkt. Diese Entstehungsgeschichte der poetischen Sprache erweitert die Kenntnis über die Lyrik von Paul Celan um einige wesentliche Züge und vermittelt die Faszination, die von dieser Lyrik ausgeht. Das gilt auch für den Kulturkreis, dem ich entstamme, in dem die Lyrik Celans einst regelrecht als 'Flaschenpost" ankam und gelesen wurde. Am Ende meines Beitrages soll deshalb kurz auch von der zwar bescheidenen, aber um so intensiveren Celan-Rezeption in Korea die Rede sein.

      BLUME
Der Stein.
      Der Stein in der Luft, dem ich folgte.
      Dein Aug, so blind wie der Stein.

      Wir waren
Hände,wir schöpften die Finsternis leer, wir fandendas Wort, das den Sommer heraufkam:

Blume.
      Blume - ein Blindenwort. Dein Aug und mein Aug: Sie sorgen für Wasser.

      Wachstum.
      Herzwand um Herzwand

Blättert hinzu.
      Ein Wort noch, wie dies, und die Hämmer schwingen im Freien.
Der schroffe Einsatz 'Blume / Der Stein" - zwei Nomen ohne jegliches Prädikat - zieht unweigerlich die Aufmerksamkeit auf sich. Bezieht sich das Wort nur auf die angedeutete Gewaltszenerie in den zwei darauf folgenden Zeilen - einen möglichen Steinwurf und das Erblinden? Haben die zwei Wörter in einer solchen auffälligen Nähe praktisch keinen Zusammenhang? Dafür wirkt der Eindruck der stark aufeinander prallenden Wörter zu nachhaltig. Handelt es sich hier vielleicht um eine gewagte Gleichsetzung zweier Wörter? Diese Annahme, weil sie so unerhört ist, löst in Gedanken eine Reihe von Kettenreaktionen aus.
      Die Vorstellung von der Blume ist, weil sie häufig in der Lyrik angetroffen wird, genau so alt und facettenreich wie die Geschichte der Lyrik selbst. Zu Celans Vorläufern gehören Baudelaire, Mallarme , Benn -erinnert sei an die Aster, zwischen die Zähne einer Leiche geklemmt -, Bertolt Brecht, mit 'der Begeisterung über den blühenden Apfelbaum und dem Entsetzen von der Rede des Anstreichers". Es waren alle insgesamt provoka-tiv neuartige Vorstellungen. Aber keiner dieser Dichter hat, so weit mir bekannt, die Blume mit dem Stein in Verbindung gebracht. Im Folgenden möchte ich dieser 'poetischen Provokation", der Gleichsetzung von Blume und Stein, nachgehen und untersuchen, was diese erstaunliche, scheinbare Gleichsetzung leistet.
      'Blume / Der Stein". Dieses einmalige, ungewöhnliche Bild übt eine große Wirkung aus, es zieht den Blick des Betrachtenden nachhaltig auf sich, sogar länger als üblich: 'Der Stein in der Luft, dem ich f o 1 g t e". Angezogen wird der Blick auch von einem anderen assoziativen Element: 'Dein Aug", das 'so blind wie der Stein" ist. Die innere Logik der Gleichsetzung Blume = Stein wird dadurch erhellt. Sie mindert jedoch die große Entfernung dieser Aussage zu einer vertrauten, traditionellen Darstellung einer Blume, etwa: 'wie Ã"uglein schön" nicht.
      Hervorgehoben wird eine seltsame Blindheit, die möglicherweise dadurch bedingt ist, dass der Blick dem Stein folgt. Damit im Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach den Bedingungen, die ein Auge so blind wie Stein erscheinen lassen. Ein Medusenanblick etwa oder die Darstellung einer Gewaltausübung lässt sich nicht ohne weiteres mit dem Bild einer Blume verbinden. Wenn es trotzdem geschieht, hat es Gründe, die wohl in der Biographie Celans zu suchen sind. Doch die Kenntnis der besonderen Lebensumstände Celans sind für das Verständnis des Gedichtes nicht unbedingt erforderlich. Wird damit die Faszination, die eine Blume ausübt, derart extrem umschrieben? Mit dieser Frage wird der Leser auf alle Fälle gewaltsam in den Raum gerückt, den das Gedicht eröffnet. Denn er wird unmittelbar aufgefordert, mitten drin zu sein, dazuzugehören, sich dem Betrachtenden, dem seltsamen Akteur, anzuschließen:

Wir waren
Hände,wir schöpften die Finsternis leer, wir fandendas Wort, das den Sommer heraufkam:

Blume.
      Doch muss man als Leser überlegen, ob man selber zu dem dreimal wiederholten 'wir" gehört, denn man fühlt sich eher ausgeschlossen. Unwiderstehlich und zugleich irgendwie abstoßend ist die Aufforderung zur Identifizierung. Egal, ob man dazu kommt oder nicht, findet man sich nun zweifelsohne mitten in jenem Raum, in den das Gedicht einen eingeladen hat: in dem Raum der Sprache. Korrekter: Ein dunkler, stiller, vorsprachlicher Raum, in dem die Sprache erst entstehen soll. Darin soll ein Wort erst gefunden werden. Bemühungen darum haben eben stattgefunden.
      Die Intensität dieser Bemühungen ist in der Gleichsetzung 'Wir - Hände" komprimiert ausgedrückt: Hände, mit denen man 'die Finsternis leer" geschöpft haben soll, sind 'wir". Sie, der arbeitsamste, fürsorglichste Teil des Körpers, veranschaulichen als Pars pro toto eine blinde Konzentration, wohl auch die Blindheit der Suchenden und die kreatürhche Notwendigkeit der Suche. Diese Hände sind keine naive Synekdoche, denn es klingen auch mögliche Beschädigungen an, die dem Leben angetan worden sind. Wie etwa in einem anderen, späteren Gedicht:
AN NIEMAND GESCHMIEGT MIT DER Wange -

An dich, Leben.
      An dich, mit dem Handstumpf

Gefundnes.
Was mit der Hand gesucht wird, wenn es auch nicht gerade mit dem 'Hand-stumpf geschieht, vergegenwärtigt allerdings das Abtasten und die dringende Notwendigkeit. Hier im Gedicht Blume soll ein Wort mit einer solchen Intensität gesucht und auch gefunden werden, eben 'das Wort, das den Sommer heraufkam". Das Entgegenkommen auf der Seite des Gesuchten wird auch sinnlich vermittelt: Das Wort soll den Sommer heraufgekommen sein. Als bestünde der Sommer etwa aus Stufen. Das Wort hat sich also seinerseits - stufenweise - Mühe gegeben. Dieses Entgegenkommen des Gesuchten geschieht in der Zeit und in einer organischen Bewegung: als Wachstum.
      Auf eine solche Weise wird die Sprache aktualisiert. Dadurch wird ein ganz gesicherter, eigenartiger poetischer Raum geschaffen, in dem vor allem Begegnungen stattfinden: die Begegnung des Suchenden mit dem Wort wie die des Lesers mit einer poetischen Sprache.
      Das Wort ist mit der organischen Bewegung versehen. Damit wird zugleich ein Anhaltspunkt für den Ãobergang von einem fiktiven Sprachraum zur gegenständlichen Welt geschaffen: zur Blume.
      'Blume - ein Blindenwort." Die Blume erhält Gegenständlichkeit, aber noch nicht als Pflanze. Sie ist erst 'ein Blindenwort". Die Wirkung dieses Neologismus ist bemerkenswert: Blume ist nicht etwa Blindenschrift, sondern nur noch ein Blindenwort, erst ein bescheidener Bestandteil davon. Sie ist nicht etwa bloß ein Wort, sondern ein Blindenwort, wiederum ein Teil mit Beschränkung. Ein Blindenwort setzt andererseits, wie die Blindenschrift schlechthin, mehr voraus als ein Wort. Es setzt nämlich den kreatürlichen Hunger nach Helligkeit voraus. Die Orientierung an dem Licht, das man zu Unrecht entbehren muss, ist in der Blindenschrift enthalten. Eine solche Schwierigkeit mit dem Sprechen und der Hunger nach der Helligkeit in Verbindung mit gefühltem Dunkel finden sich bei Celan in verschiedenen Metaphern: 'In Mundhöhe, fühlbar: / Finstergewächs" oder 'Hungerkerze im Mund" . In einem bescheidenen 'Blindenwort" ist noch mehr 'Helligkeitshunger" zu finden. Noch mehr Potenzial hat 'ein Blindenwort" als Blindenschrift: Es ist bereits ein Blindenwort, das die Verlautbarung, den Laut, einschließt. Ein schärferer Sinn für den Schall ist bekanntlich als elementarer Ersatz den Blinden eigen.
      So überschreitet ein Wort die Schwelle zur gegenständlichen Welt, die sich nun dem Darstellungswillen zur Verfügung stellt. Eine gewollte Aussage lässt sich nun, wenn auch nicht ganz frei, doch langsam artikulieren. Es kommt nicht gerade zur Rehabilitierung der traditionellen poetischen Narrative; doch will der Vorgang - das Wachstum - nun beschrieben werden, wie sparsam und mühsam dies auch sei. Davon ist im Folgenden die Rede.
      Dein Aug und mein Aug: Sie sorgen für Wasser.

      Wachstum.
      Herzwand um Herzwand

Blättert hinzu.
      Das Lebenswasser wird von den Augen geschaffen, durch Weinen und Mitweinen. Zwei nebeneinander gestellte Augen setzen die Trennung voraus -in allen möglichen Varianten, von einer hart erzwungenen bis zu der Entfremdung in der Nähe; die Augen kommen erst im finden zum Weinen. Bisher konnten sie nicht einmal weinen: Der Grund war eine allgemeine Verhärtung, ja Versteinerung.
'Herzwand um Herzwand / Blättert hinzu" - Ist damit nur das andauernde Abbröckeln der Wände gemeint? Sicherlich auch das Anhäufen von Gefallenem wie Blätter von einem blätternden Baum. Aber auch eine andauernde Suche in einem Buch, in dem man auf eine bestimmte Seite zu immer weiter hinblättert, immer mehr wegblättert. All diese gehäuften Reste -das Abgebröckelte, das Heruntergeblätterte, das Hinweggeblätterte - verwandeln sich, alles in allem, in einem magischen, dunklen Sprachraum, ins Organische. Es kommt zur Bildung der Blätter um ein Wort, für die Blume. Nach der impliziten Aussage des Gedichts, aber auch dank so vieler Konnotationen u. a. des einen Wortes 'blättern", blüht hier eine besondere Blume auf: eine Wort-Blume. Sie blüht sozusagen vom Felsen. Ein kleines Wunder ist hier dargestellt, das das Lebenswasser verursacht: die beim Sich finden erst vergossenen Tränen. Unter Tränen blüht hier eine abstrakte 'Blume". Ein poetisches Wort ist entstanden.
      So hat sich in unserem Gedicht u. a. die Entstehungsgeschichte eines poetischen Wortes vollzogen. Mit einem so schwierig gefundenen Wort lässt sich weiter träumen - die enorme Potenz dieser einmaligen Blume unterstützt es: von einer Utopie.
      Ein Wort noch, wie dies, und die Hämmer schwingen im Freien.
      Die Bedingung ist klar: 'Ein Wort noch, wie dies." Im ganzen Gedicht ist die letzte Strophe die dunkelste. Was für Hämmer sind hier gemeint? Weil es sich um Hämmer handelt, die im Freien schwingen, denkt man unwillkürlich an Glockenhämmer. Ein weit hinreichendes, helles Glockengeläute schwebt einem vor. Man kann aber bei den frei schwingenden Hämmern in der Luft auch an die Staubfäden einer sich bewegenden Blume erinnert werden, was einer Bereicherung des Bildes gleichkommt. Ein Traum vom vollen/prächtigen Aufblühen liegt von dem Glockengeläute nicht sehr weit entfernt. Diese Interpretation unterstützen Celans eigene Handschriften2, auf die ich hier nicht näher eingehe.
      Bei allem klingt aber im metallenen Bild der angegebenen Hämmer ein gewisser Druck bzw. eine gewisse Gefahr unüberhörbar mit. Alles in allem liegt hier ein sehr behutsamer, asketischer Entwurf der utopischen Sprache vor: Eine seltsam prägnante Sprache, die sich am Rand ihrer Existenz behauptet, eine wohl unterm 'Neigungswinkel des Daseins" gesprochene, eine Sprache fast 'in Gestalt des Schweigens". Und dadurch unterscheidet sich Celan nicht wesentlich von den Romantikern: 'Triffst du ein Wort, hebt die Welt an und singt", heißt es beispielsweise in Eichendorffs Wünschelrute. Es gibt womöglich nur noch Hürden im Bewusstsein, die eine naive, euphorische Formulierung nicht mehr gestatten.
      Ein Wort noch, wie dies, und die Hämmer schwingen im Freien.
      Wie der Gedankengang im Gedicht setzt sich auch die Lektüre nur schwerfällig fort. Stückchen um Stückchen, wie bei der Arbeit mit dem Steinmetzhammer. Wie beim Steinschlag bezieht sich der Gedanke des Lesers nicht weniger auf das harte und verschlossene Wesen des abzuschlagenden Gegenstands als auf das zu gewinnende Stückchen Verständnis. Wie am Ort des Steinbruchs selbst richtet sich der Gedanke beim Lesen dieses Gedichts darauf, was die Hämmer angehalten hat, noch anhält, sie nicht läuten lässt: Es sind das Verschwiegene und die psychischen Unterdrückungsmechanismen, die alle solche Versteinerungen hervorgebracht haben. Denn das Verschwiegene, das den Gedankengang schwer belastet, klingt in der Aussage mit: Es ist etwas, was wie die Steinschichten gegenwärtig ist, so wie Celans Augen hier und dort die versteinerten, die nicht geschlossenen Augen oder Wimpern noch erschauen: 'Einwärts gekehrt zum Gestein, / von Ungeweintem verstählt" . Was auf der Glaskugel der wundgesehenen Augen des Ãoberlebenden als unauslöschliche Wunde bleibt: 'Schliere" .1 Von solchen Augen gesehen, ist die Landschaft selbst öde und steinhart. Selbst ein 'Glockenfeld", einen 'nicht beschrittenen Thymianteppich" überkam der Windbruch und hinterließ seine Spur: Selbst die Gräser sind entweder 'Hartgräser" oder 'auseinandergeschrieben" . So allgemein ist die Verhärtung bei Celan, besonders in der Landschaft, wie sie der Band Sprachgitter vermittelt.
      Die Spur des schönen Sommers ist höchstens in der vagen Erinnerung an den rauschenden Brunnen in der Heimat zu finden, wo einmal erst von einem noch möglichen Lied so geträumt wird :
Wir werden das Kinderlied singen, das,hörst du, dasmit den Men, mit den Sehen, mit den Menschen, ja dasmit dem Gestrüpp und mitdem Augenpaar, das dort bereitlag als

Träne-und -
Träne.
Eine Utopie, die der Verfasser hier auf eigenartige Weise äußert, tut dem Leser weh, wegen seiner Bescheidenheit: ein nicht mehr gestückeltes, nicht mehr getrenntes Zusammensein dessen, was eigentlich zusammengehört, was endlich wieder heil sein soll, ob ein Mensch, ob sein Augenpaar. Und die Möglichkeit zum Weinen: 'Träne-und-/ Träne". Ein solch bescheidener Traum wird auch im Gedicht Blume geträumt: 'Blume-und-/ Blume". Statt einer Welt voller Blumen 'für dich". 'Wort-und-/ Wort", statt der Sprache. Wenn man den biographischen Hintergrund berücksichtigt, erscheint diese Bescheidenheit noch prägnanter. Es ist nicht einmal so weit geradeheraus artikuliert; jedoch wird es deswegen nicht weniger vermittelt. - Magie der erwogenen Sprache. Dieser poetischen Sprache wird die Ersatzexistenz eines solchen Sommers anvertraut.

      Wachstum.
      Herzwand um Herzwand

Blättert hinzu.
      Ein Wort noch, wie dies, und die Hämmer schwingen im Freien.
      Der kahle Wortschatz vermittelt, wenn auch nicht gerade eine Sommeridylle, doch etwas, was zum Blühen kommen soll, was durch seine Existenz in den Sommerhimmel Schwingungen bringen kann. Das wieder und wiederum Gesuchte, das daher noch wertvoller Vorkommende: das Leben. Es ist schließlich eine Lebenslandschaft! Es fehlt aber die Zuversicht; es bleibt nämlich offen, ob es ein Wort wie dies gibt oder nicht. Aber auf diese Weise gewinnt eine ,abstrakte' Blume ihre kostbare Einmaligkeit. Der Leser wird zum Zeugen dieses Vorgangs.
      Anschaulich wird hier die Leistung der modernen hermetischen Lyrik mit ihrer berühmten/berüchtigten Dunkelheit vorgestellt. Dunkelheit ist eine Begleiterscheinung der mühsam vollbrachten poetischen Sprache, auch die Voraussetzung, unter der überhaupt erst nach der noch möglichen Sprache gesucht wird. Anhand eines Gedichts, gerade eines hermetischen, dessen Dunkelheit oft kritisiert wurde.
      Wir wissen ja, dass diese Dunkelheit keine künstliche Einrichtung des Sprachlabors eines modernen Dichters ist. Jeder weiß, wenn er Celans Todesfuge gelesen hat, was in jedem Gedicht Paul Celans eingeschrieben bleibt: ein dunkles Datum. 'Ich hatte mich" - bekennt er - 'das eine wie das andere Mal, von einem ,20. Jänner', von meinem ,20. Jänner' hergeschrieben." Wir kennen auch jene schmerzhafte Frage, die praktisch hinter jedem Gedicht Celans steckt:
Und duldest du, Mutter, wie einst, ach daheim, den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim? Nähe der Gräber
Es verbleibt diese eine schmerzhafte Frage, die nicht nur Paul Antschel, aber auch Paul Ancel, Paul Celan, wohl sogar auch Lwowitsch Tselan stellte.
      Paul Celan schuf eine Dichtung, die 'mit und aus dieser Zeit dachte, sie zu Ende dachte"9. Ja, vom 20. Jänner her, auf dem Hintergrund von 'Auschwitz" hat er geschrieben. Aber auch bei weitem darüber hinaus. In dem zeitlichen Zusammenhang der Jahre um 1968 wie im Zusammenhang mit dem besprochenen Gedicht Blume wäre das späte Gedicht Ein Blatt noch kurz zu erwähnen.
      EIN BLATT, baumlos, für Bertolt Brecht:
Was sind das für Zeiten, wo ein Gesprächbeinah ein Verbrechen ist, weil es soviel Gesagtes mit einschließt?
Es verbleibt ein Blatt, baumlos. Die vielen, von Celan geliebten Bäume -'Espenbaum", 'Pappel", 'Silberpappel", immer wieder 'Pappel", 'Mandelbaum", , der 'Maulbeerbaum" - sind schließlich so stark geschrumpft, dass er nur ein einziges Blatt übrig lässt. Dieses kurze, aber ausnahmsweise viel/deutlich mitteilende und referenzklare Gedicht steht auch dafür, wie der gefühlte Pessimismus zur totalen Sprachskepsis führt.
      Aber die Mitteilungsweise eines solchen Gedichts, einer solchen Dichtung wie derjenigen Paul Celans ist einmalig. Bei Celan zeugt sie eher von der geschichtlich bedingten, erlebten existenziellen Fallhöhe. Ebenso bemerkenswert ist aber auch die Sprunghöhe, auf die es diese Lyrik gebracht hat. Ihre Lektüre war z. B. für mich persönlich ein endloses Mitgraben in dem Berg des Leidens, aber auch eine Möglichkeit, den Höhepunkt der zeitgenössischen deutschen Lyrik zu erfahren: Beweis einer noch möglichen Leistung der Literatur, aber auch der Hinweis auf ein Darüberhinaus, jenseits der Literatur. Mir etwa eröffnete Celan, was Literatur sein kann, und wies darauf hin, was darüber hinaus noch existieren kann. Somit war jedes Gedicht für mich ein Text, den man intensiv, aber erst recht 'wörtlich" lesen sollte. Eine solche Dichtung dient als Ort der Begegnung. Solche Gedichte stehen stark im Zeichen der 'Geheimnisse der Begegnung". Ein hermetisches Gedicht ist zugleich ein stark dialogisches." Es behauptet sich. Nicht nur für sich. Und die finstere Zeit kennt leider jede Geschichte auf ihre eigene Weise.
      Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs. [...]
Aber steht das Gedicht nicht gerade dadurch, also schon hier, inder Begegnung -im Geheimnis der Begegnung.
      Der Meridian
Zufällig kam ich zu Paul Celan. Eine fremde Faszination erlebte ich. Paul Celans Gedichte zu lesen, bedeutet aber, dass man einmal die Leiden des Lebens an der Geschichte bis zu jenem Punkt verfolgt, wo dieselben sich verflüchtigen und durchsichtig werden. Während meiner Celan-Lektüre, im Mai 1980, als ich in einer deutschen Bibliothek über seinen Gedichten saß, ereignete sich in einer Provinz bei uns Zuhause durch die Militärjunta ein Massaker an zweitausend Bürgern. Paul Celan zu lesen, bedeutete damals für mich, dass man die Absurdität der Geschichte durch Mark und Bein erfuhr. An seinen Gedichten las ich mich 'wund". Das 'Wundgelesene" setzte auch ich 'über", zuerst für mich. Eins ums andere fast das ganze Werk, soweit es sich übersetzen lässt. In den 1980er Jahren folgten bei uns Diktatur und Unruhe. Angesichts der politischen Umstände hatte ich meinerseits innerlich viel zu bewältigen, fühlte mich aber auch für die Zeit danach einigermaßen verpflichtet. Ich wollte auf ein Beispiel der 'kristallisierten" Leiden aufmerksam machen: auf Celans Lyrik. Veröffentlichung der bloßen Ãobersetzung fand ich im Fall des völlig fremden Dichters wie Paul Celan nicht hinreichend. Ich schrieb daher ein Buch. In dem Buch - Die finstere Zeit und die Sprache des Leidens. Zur Lyrik Paul Celans -ging es um die Vermittlung möglichst vieler Gedichte, nicht nur um den Beweis meiner wissenschaftlichen Fähigkeit.
      Nachdem ich das Buch abgeschlossen hatte, wagte ich es nicht wieder, Celan zu lesen. Mir war zumute, als hätte ich seinen ganzen literarischen Lebenslauf mit zurückgelegt und wäre mit ihm in die Seine gestiegen. Als Celan die Dichtung eine Flaschenpost nannte, muss er selber nicht geahnt haben, dass seine Flasche bis zu einer fernöstlichen Küste schwimmen und so ergiebig gelesen würde. Und die Empfänger jener Flaschenpost beschränkten sich nicht auf mich. Paul Celan lesen nicht viele. Ihn las bei uns aber u. a. ein jung verstorbener Dichter, KI Hyungdo, der beispielsweise seine 'Studienzeit" so resümiert:

Studienzeit
Unter der Holzbank lagen eine Menge Bücher verlassen

Der Wald von Silberbirken war dicht und schön
Da wurden aber selbst Baumblätter zu Waffen
Wenn sie dorthin kamen, schlössen junge Männer, wie auf allesgefaßt,
Die Augen und gingen daran vorbei. Auf der Steinstufe

Las ich Piaton und hörte jedesmal dabei Schüsse.
      Wenn die Jahreszeit der Magnolien wiederkehrte, gingen Freundeauseinander: ins Gefängnis und zum Militärdienst.
      Ein jüngerer Kommilitone, der Gedichte schrieb, vertraute mir an,er sei Spitzel.
      Es gab zwar einen Professor, den ich verehrte, aber er war auchsonst schweigsam.
      Nach einigen Wintern blieb ich allein
Da stand der Studienabschluß bevor, ich hatte Angst vor dem Verlassen der Uni.
      'Birkenallee" heißt die romantische Hauptstraße auf dem Campus seiner U-niversität; sie war in den 1980er Jahren der Marschweg zu Straßenschlachten, die im April, wo weiße Magnolien prächtig aufblühten, besonders heftig waren. Gemischte Gefühle eines jungen Dichters - den Bäumen gegenüber eine Entschuldigung, und sich selber gegenüber eine Spur Mitleid drücken sich in dem einen schlichten Satz doch aufrichtig aus: 'Da wurden aber selbst Baumblätter zu Waffen." Mit solchen Mitteln wurde auch in Südkorea eine Diktatur bekämpft, letzten Endes erfolgreich. Das Gedicht hier zeigt a-ber, wieviel die Kämpfergeneration ihrerseits zu bewältigen hatte. In der fremden Zeit und in dem fremden Raum, wo selbst ein Blatt zur Waffe wurde, dachte noch jemand über den Stellenwert eines Blattes nach; las nämlich , auch Paul Celan. Das verrät ein anderes Gedicht:
Sein Begräbnis glitzerte, vom gewaltigen Gewitter Der Wagen, der ihn trug, ging unerträglich langsam voran Die Leute klammerten sich am Zug des Begräbnisses Und um den weißen Wagen wehten lauter schwarze Blätter Meine Zunge geriet langsam in Erstarrung, sein junger Sohn Ertrug die Umlagerung der Blätter nicht mehr und brach in Weinen aus
In jenem Sommer verschwanden die Leute in Mengen Tauchten manchmal auch auf, urplötzlich dem Schweigen des Erstaunten
Die Straßen überschwemmten die Zungen der Toten Der Taxifahrer dreht sich ab und zu nach hinten um Auf ihn kann ich mich nicht verlassen, von Panik gepackt Stottere ich, er ist ein Toter
Wie viele Begräbnisse mussten, seinetwegen, den Atem anhalten Wer denn ist er, wo bin ich
Ich darf nicht mehr um eine Antwort verlegen sein, wo, Wer weiß, wenn ich nochmals ausbrechen würde, egal wohin, Muss ich gehen, in die nächste Provinz Hier ist es ein fremdes Feld, eine fremde Dämmerung Zu fürchten ist das anklammernde, das schwarze Blatt mir im Mund.
      Hier geht es real um eine persönliche Reise in die Provinz, wo jenes erwähnte Massaker geschehen war. Von einem schwarzen Blatt im Mund ist die Rede. Auch der Titel des Gedichts und des gesamten Bandes lautet: Schwarzes Blatt im Mund. Obwohl der Kontext und der Stil völlig anders sind, klingt hier Paul Celan unüberhörbar mit: 'Ein Blatt, baumlos"; 'in Mundhöhe Finstergewächs"; 'Hungerkerze im Mund"; aber auch 'schwarze Milch der Frühe". Es geht keineswegs um eine Nachdichtung, geschweige denn um eine Nachahmung. An diesem einen Partikelbeweis der Lektüre, 'Schwarzes Blatt im Mund", lese ich doch ab, was bei jener vermutlichen Lektüre passierte: Eine Leidensgenossenschaft trat zutage, wohl auch ein gemeinsamer Hunger nach einer Sprache, der - angesichts all dessen, was passiert war - doch noch möglichen Sprache. Ja, noch einer hat, wie einst ich, an einem Strand eine Flaschenpost aufgehoben. Er mochte wohl mit dem Absender etwas teilen, wohl 'ein Blatt, baumlos". Die sind die Leute, die auf eigene Weise der Gewalt widerstehen, die leider immer wieder irgendwo in der Welt physisch gegenwärtig ist, und in einer poetischen Sprache davon zu zeugen wissen: 'ein Atemkristall, / dein unumstößliches Zeugnis".
Solche Leute wird es auch weiterhin geben, sofern in der Welt die Gewalt nicht aufhört, sofern wir ab und zu an die condition humaine, aber auch an die noch mögliche Leistung der Literatur denken müssen.
     

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