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Paul celan und sein umfeld - deutschsprachige literatur der bukowina

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Die Universität Czernowitz/Cernäuti und die Germanistik Rumäniens



I.
      Die heutige respektable und mit kompetenten Studien zu den deutschsprachigen Dichtern aus dem Lande erfolgreiche Germanistik Rumäniens kann man mit Andrei Corbea-Hoisie aus zwei gut unterscheidbaren Traditionssträngen herleiten: Da ist einmal die national-rumänische Tradition aus den alten Universitäten Bukarest und Jassy, die mit ihren Ursprüngen z. T. auf die Zeit vor der Vereinigung der beiden Fürstentümer zurückgeht und relativ spät eine bescheidene Auslands-Germanistik mit Schwerpunkt auf den in Osteuropa im 19. Jahrhundert beliebten Klassikern aufbaute und konsequent weiter führte.
      Daneben aber gibt es seit den 1920er Jahren eine andere Richtung, die auf die Universitäten Klausenburg/Cluj und Czernowitz/Cernäuti zurückgeführt werden kann. Diese im neu gegründeten Großrumänien jungen Hochschulen waren z. T. älter und - zumindest Czernowitz als östlichste deutschsprachige Universität seit 1875 - ungleich differenzierter, ja sie sind nach heutigen Begriffen eher als 'binnengermanistisch" zu bezeichnen. Insbesondere letztere Traditionslinie hatte neben ihrer sonstigen Reputation auf theologischem, volkswirtschaftlichem oder juristischem Gebiet auch ein reichhaltiges und niveauvolles germanistisches Lehrangebot aufgebaut - wie am Beispiel Czernowitz wiederholt bezeugt wurde und auch hier noch gezeigt werden soll.
      Beide Hochschulen aber hatten nach dem Anschluss der ehemaligen österreichischen bzw. österreichisch-ungarischen Provinzen Bukowina und Siebenbürgen an das großrumänische Königreich einen - nicht nur in dem hier interessierenden germanistischen Bereich - schweren Stand: Sie wurden aus dem bisherigen Verband der deutschsprachigen bzw. ungarischen Hochschulen herausgerissen und mussten ihren Platz innerhalb der von Bukarest und Jassy beherrschten rumänischen Hochschullandschaft erst finden.
      Dies war für die darauf unvorbereitete 55 Jahre alte Bukowiner Landesuniversität besonders schwierig und, was die Wissenschaft von deutscher Sprache und Literatur angeht, geradezu 'grundstürzend". War doch Deutsch infolge seiner Geltung als Amtssprache in der Monarchie das Hauptziel der sehr bald von Bukarest aufgenommenen Bemühungen zur vermeintlichen 'ethnischen" Rückgewinnung der unter der liberalen österreichischen Administration seit 1774 internationalisierten 'tara din sus" - wie man zur Vermeidung des von Ã-sterreich erfundenen Namens lieber sagte. Diese heute kaum noch nachvollziehbare, betont nationale Sicht kommt in der Festschrift zur Eröffnung der rumänischen Ferdinands-Universität im Oktober 1920 programmatisch wie folgt zum Ausdruck:
Czernowitz, dieser vorgeschobene Posten des Rumänentums, hat nicht nur als ökonomisches Zentrum eine große Bedeutung, sondern mehr noch als kulturelles. Deshalb war die Beibehaltung der Czernowitzer Universität und ihre Umwandlung in eine rumänische Kulturinstitution eine Notwendigkeit von größter nationaler Bedeutung. Die Eröffnungsfeier dieser rumänischen Universität war zweifellos eine der erhabensten kulturellen Feiern der von der Sklaverei befreiten Bukowina, die größte nach dem Vereinigungsakt dieses Ländchens mit dem rumänischen Königreich. Durch sie wird nicht nur altes historisches Unrecht wieder gutgemacht, sondern es wurde ein Stein zum Fundament unserer Kultur gesetzt.
Ein Problem für den Nationalstaat, das auch später zur Spaltung des Ländchens führte, war die Tatsache, dass in der nach fast 150 Jahren Westbindung wieder heimgekehrten österreichischen Provinz die Rumänen nur die relative Mehrheit bildeten, gegenüber den ebenso vielen Ukrainern oder Ru-thenen sowie den bisher politisch und wirtschaftlich führenden Minderheiten der Deutschen und der sich oft zu diesen rechnenden Juden. Das in dieser multilingualen Situation als lingua franca funktionierende und durch die kluge, auch die anderen Landessprachen in Schule und Ã-ffentlichkeit berücksichtigende zur Amtssprache gemachte Deutsch, das man in den ersten Jahren der rumänischen Herrschaft noch als Amtssprache dulden musste, wurde zum Hauptansatzpunkt der Bukarester Zentralregierung auf ihrem Wege zum Nationalstaat.
      Erstes sichtbares Opfer dieses Umschwungs war bekanntlich das meist deutsch bespielte Stadttheater in Czernowitz, das zum 'Nationaltheater" deklariert wurde, auf dem nur mehr rumänisch gespielt werden durfte. So stürmten rumänische Studenten am 29.Dezember 1921 bei einer Räuber-Aufführung mit dem internationalen Wiener Star Alexander Moissi das Schauspielhaus, erzwangen den Abbruch der Vorstellung und beendeten die über hundertjährige deutsche Tradition. Die Büste des gerade in Osteuropa beliebten Friedrich Schiller vor dem Theater wurde entfernt und in einen Park verbannt. An die Stelle des deutschen Dramatikers wurde ein Standbild des Lyrikers Mihai Eminescu gesetzt, der zwar gegenüber seinem Vorgänger den unbestreitbaren Vorteil hatte, Bukowiner zu sein, aber zur dramatischen Kunst eigentlich keinen Bezug hatte.
      Der Vorfall erfuhr später eine Fortsetzung: Heute steht auf demselben umkämpften Platz vor dem Theater die Statue von Eminescus Bukowiner Landsmännin Lydia Kobylanska, die, wie Eminescu, nach Anfängen in deutscher Sprache, mit ihrer epischen Kleindichtung aus der Bukowina zur ukrainischen Nationaldichterin aufrücken sollte.
      Ein solches national aufgeheiztes Klima konnte der Wissenschaft von deutscher Sprache und Literatur an der zukünftigen Universität Cernäuti nicht günstig sein und ließ natürlich auch für die Zukunft dieses Faches nichts Gutes erhoffen.
      Was sich aber dann in den beiden folgenden Jahrzehnten an Niedergang abspielte, war auch bei einer aus heutiger Perspektive distanzierten Sicht auf diese inzwischen ebenfalls zur Historie gewordenen rumänischen Periode nicht zu erwarten und ist aus rein wissenschaftlicher Betrachtungsweise doppelt bedauerlich, war doch die Francisco Josephina Czernowitz mit ihrer fast eine halbe Million, zu zwei Dritteln deutsche Bände umfassenden Bibliothek damals die am besten ausgestattete in Großrumänien und deshalb für eine Germanistik geradezu prädestiniert.
      Zwar hatte das rasche Aufblühen der nach 100-jähriger Aufbauarbeit gegründeten und von Wien stark geförderten 'Alma mater francisco-jose-phina" nach vier Jahrzehnten ein - zunächst vorläufiges - Ende dadurch gefunden, dass die Bukowiner Hauptstadt bereits im Herbst 1914 von russischen Truppen besetzt wurde. Die Universitätsverwaltung und die Mehrheit der Professoren wurden nach Westen evakuiert. Dieser Exodus wurde zwar nach der Rückeroberung in den folgenden Jahren wieder teilweise rückgängig gemacht und der Universitätsbetrieb wieder aufgenommen. Aber die Mehrzahl der geflohenen Professoren konnte bzw. wollte angesichts der unsicheren Zukunft der nach Abzug der Ã-sterreicher 1918 zunächst von ukrainischen, dann von den rumänischen Truppen besetzten Provinz nicht mehr nach Cernäuti zurück. Die im Vergleich mit den meisten der heutigen Nachkriegs-Unis durchaus als Erfolgsstory anzusprechende Geschichte der Franz-Josephs-Universität ist in dem zu ihrem 100-jährigen Bestehen herausgegebenen Festband Alma mater Francisco Josephina von Rudolf Wagner von Wissenschaftlern der an der ersten 'Nationalitäten-Universität" vertretenen Fächer und Ethnien ausführlich dargestellt und gebührend gewürdigt worden.
      Aus unserem Aufsatz über Die Germanistik an der Universität Czernowitz seien hier nur folgende Fakten kurz referiert:
Die Germanistik war von Anfang an in Czernowitz vertreten, aber im Unterschied zu den meisten der anderen philosophischen Lehrstühle wie Romanistik, Gräzistik oder Latinistik nur mit einem Extraordinariat, das erst 1892 in ein Ordinariat umgewandelt wurde. Diese Tatsache und die Besetzung des Lehrstuhls für Romanistik mit dem Rumänienspezialisten Matthias Friedwagner und darüber hinaus noch die Errichtung einer zweiten Kanzel für rumänische Sprache und Literatur, auf die Ion Sbiera und später Sextil Pus-cariu berufen wurden, sowie die Gründung der Ordinariate für Slawistik und Ukrainistik, die mit dem führenden Vertreter dieser Disziplin Smal-Stocki besetzt wurde, widerlegen den später erhobenen Vorwurf, mit der Universitätsgründung sei eine 'Germanisierung" intendiert gewesen. Die Czernowitzer Germanistik stand gemäß dem romantisch-junggrammatischen Zeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts zunächst im Zeichen der Altgermanistik - auf Joseph Strobel folgte 1892 Oswald Zingerle. Aber bereits 1885 wurde der Lehrstuhl durch Berufung eines Neugermanisten, des Goetheforschers Max von Waldberg, ergänzt. Nach dessen Weggang nach Heidelberg waren seine Nachfolger die Literaturhistoriker Rudolf Wolkan und Wilhelm Kosch. Kosch, der später in Wien und in den Niederlanden tätig war, fand während seiner relativ kurzen Czernowitzer Lehrtätigkeit die Zeit, das Eichendorff-Jahrbuch herauszugeben und sein berühmtes Literaturlexikon zu erarbeiten. Durch seine Vorlesungen, aber auch durch seine gut besuchten Volkshochschulkurse, die der modernen Literatur galten, machte Kosch als einer der ersten die zeitgenössische deutsche Literatur am Pruth bekannt, was sicher mit dazu beitrug, den Boden für die Czernowitzer Literaturszene der dreißiger und vierziger Jahre vorzubereiten. Durch diese und durch weitere Dozenturen gab es in den letzten Semestern der österreichischen Universität ein germanistisches Lehrangebot von 14 bis 16 Semesterwochenstunden, das von der Urgermanischen Grammatik über Altdeutsche Metrik und Literatur des Mittelalters und der Reformationszeit zu den Klassikern und Romantikern bis hin zur zeitgenössischen Literatur reichte. Hierdurch wurde der Grund für die später oft bestaunte Literatur der Czernowitzer Schriftsteller gelegt. Dieses hohe wissenschaftliche Niveau, das jeder anderen österreichischen Universität zur Ehre gereicht hätte, endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Der erreichte bekanntlich die östlichste Provinz der Monarchie sehr bald, und alle Versuche, nach der Rückeroberung der Region den Universitätsbetrieb wieder aufzunehmen, brachten die Studentenzahlen 1918 zwar wieder auf 1040, aber keine Wiederherstellung des vollen Wissenschaftsbetriebes mehr. Dabei hatte die Universität selbst - die Institute, die Bibliothek und die Sammlungen - die drei russischen Invasionen unbeschadet überstanden. Unmittelbar nach Beendigung der Kriegswirren und der Ãobernahme der Provinz durch die rumänische Besatzung wurde der Universitätsbetrieb bald wieder - teils auf Deutsch, teils auf Rumänisch weitergeführt. Die Fortführung des germanistischen Lehrbetriebs sicherte der in Czerno-witz verbliebene Romanist Eugen Herzog.
      Erst im Herbst des darauf folgenden Jahres wurde die rumänische Universität im Beisein des namengebenden Königs Ferdinand feierlich inauguriert und die angekündigte 'Romanisierung" setzte ein. Diese ließ - was ja verständlich, aber doch eine Einengung gegenüber der bisherigen Zweisprachigkeit darstellte - nicht nur in den Vorlesungen, sondern im gesamten Universitätsbetrieb ab nun ausschließlich die Staatssprache zu. Stark wurde auch in die Struktur der Hochschule eingegriffen, wobei, wie im Altreich, das französische Vorbild nachgeahmt wurde. Zu erwarten war auch, dass die ohnedies gut besetzten Fachgebiete der Romanistik, Rumänistik sowie der 'Geschichte der Rumänen" auf Kosten der Ã-sterreichischen Geschichte und auch des zweiten Germanistischen Lehrstuhls aufgestockt wurden.
      Erwartungsgemäß bevorzugte man beim Aufbau die Söhne des Landes, insbesondere, wenn sie wissenschaftlich einigermaßen ausgewiesen waren wie beispielsweise die neuen Ordinarien, der Historiker loan Nistor und der Romanist Ion Sbiera, die schon in der österreichischen Zeit ihre Karriere bzw. ihre Studien an der Landesuniversität begonnen hatten. Das war bei einer ganzen Reihe der Hochschullehrer der Fall und ist ein weiterer Beweis für die Leistung der Francisco Josephina, wenn die einsetzende Förderung der neurumänischen Universität auf qualifizierte junge Bukowi-ner zurückgreifen konnte. Vorab galt dies für die Naturwissenschaften, was auch Nichtrumänen zugute kam wie dem Physiker Herbert Mayer, der seine in Rumänien begonnene Karriere als Rektor der TU Clausthal-Zellerfeld beendete.
      Für die Czernowitzer Germanistik jedoch wirkten sich diese Umstände leider im höchsten Grade negativ aus, wie es die Politik der Wiederbesetzung des einzigen übrig gebliebenen Lehrstuhls beweist. Der erste Inhaber bzw. Vertreter Eugen Herzog war ein in französischer Grammatik und Dialektologie ausgewiesener Romanist, dessen bemerkenswerteste Leistung dieser Zeit die Beschreibung des rumänischen Dialekts der Töpfergemeinde Margina ist. Am kompetentesten dürfte den Lehrstuhl in den ersten rumänischen Jahren, 1921 und 1922, sowie nach Herzogs Tod 1926 bis zur Berufung Victor Mo-rarius 1929/30 noch der Czernowitzer Gymnasiallehrer Franz Lang vertreten haben, der auch unter dem Ordinarius Morariu mit jeweils zwei Seminarstunden die linguistische Germanistik versah.
      Der Unterschied zu der Zeit vor dem Krieg wird am deutlichsten, wenn man die germanistischen Lehrangebote der letzten österreichischen Semester mit denen der nach 15 Jahren voll ausgebauten rumänischen Germanistik um 1935 vergleicht, wie sie in dem Anuarul der nun 'Universitatea regele Carol II" genannten Alma mater dokumentiert sind. Beim Vergleich der Stundenzahlen ist zu beachten, dass es sich im österreichischen Lehrangebot von sechs Stunden um die Veranstaltungen für jeweils ein Halbjahr = Semester handelt, während das rumänische System jeweils für eines der vier Studienjahre gilt. Der Inhalt des Angebotenen lässt sich aus der Liste der Publikationen Mora-rius erschließen, die für ihn nur für 1935 angegeben ist und außer einem Buch über den Pädagogen Jean Paul noch acht Aufsätze von 5 bis 14 Seiten anführt. Von diesen haben etwa die Hälfte vom Titel her mit der deutschen Literatur zu tun: Hölderlin und Eminescu; Jean Paul im zeitgenössischen Urteil; Hartmann von Aue oder Christoph Martin Wieland. Die Germanistik an der Universität Cernäuti ist - wie ersichtlich - im Wesentlichen mit der Person und dem Wirken von Victor Morariu verbunden und dementsprechend auch deren Niedergang, ja deren unverhältnismäßig kümmerliches Dasein nach der österreichischen Zeit. Und das wird nicht nur von dem als Mitbewerber vielleicht befangenen Karl Kurt Klein so gesehen, sondern auch von allen Wissenschaftlern, die sich mit Czernowitz und seiner Universität näher befasst haben.
      Auch wenn das erneute Aufgreifen dieses Problemkreises hier nur mehr Retrospektive sein kann, die ohnedies im Vergleich zu der darauf folgenden Periode der absoluten Auflösung der Germanistik an der russischen Technischen Hochschule 'Tschernowtse" in den 1940-er Jahren noch glimpflich abschneidet, so erfordert doch die aus der Distanz von zwei Generationen leichter mögliche Objektivität eine erneute Sichtung und Einordnung in die größeren Zusammenhänge der buchenländischen Kulturgeschichte. Die kann und soll auch näher differenzieren, inwieweit diese Entwicklung mit der Persönlichkeit und der Kompetenz von Victor Morariu zusammenhängt und inwiefern die politischen und zeitgeschichtlichen 'Verhältnisse" dafür verantwortlich zu machen sind.

     

II.


Horst Fassel hat im Südostdeutschen Archiv den höchst ehrenvollen, aber leider nicht sehr überzeugenden Versuch unternommen, Person und Leistung Morarius als Bukowiner Germanist zu retten, und wir gehen dankbar von seiner faktenreichen Darstellung aus - auch wenn wir seinen darin gezogenen Schlüssen nicht folgen können.
      Schon wie er angesichts der von ihm kritisch angeführten, aber dann allzu wohlwollend beurteilten Fakten nur von 'einem Klischee" sprechen kann, das er ausräumen zu können glaubt, darf nicht unwidersprochen bleiben. Denn der nicht nur von dem unterlegenen Mitbewerber um den Czernowit-zer Katheder noch Jahre später ausgesprochene Verdacht, dass es bei der Berufung nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, liegt nahe, wenn man weiß, dass sein älterer Bruder, Leca Morariu lange vor Victor Morariu bereits ein einflussreicher Ordinarius an der Ferdinands-Uni Verität war. Diese Vermutung erhärtet sich noch, wenn man die unakademische Politik in Betracht zieht, dass der einzige der beiden noch erhaltenen Germanistik-Lehrstühle über zehn Jahre fachfremd oder gar nicht besetzt wurde. Denn die Besetzung mit dem mit keiner germanistischen Publikation ausgewiesenen Romanisten Eugen Herzog kann man selbst unter den wirren Nachkriegsbedingungen kaum als Nachfolge des Altgemanisten Zingerle oder des Literaturhistorikers Wilhelm Kosch gelten lassen, zumal Herzog nicht einmal den Versuch machte, an die Tradition der alten Lehrstühle anzuknüpfen. Seine Leistungen als 'Czemowitzer Germanist" bestanden in einer Sammlung rumänischer Volksmärchen und einer Untersuchung der Mundart der rumänischen Gemeinde Margina. Dabei wäre es für einen Vertreter des Faches Germanistik angebracht gewesen, sich der Erfassung einer der sprachtheoretisch interessanten deutschen Sprachinseln zuzuwenden, wie sie Karl Kurt Klein von Jassy aus anregte.
      So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dieser Lehrstuhl sei für einen bereits vorbestimmten Wunschkandidaten so lange freigehalten worden, bis dieser sich soweit qualifiziert hatte, um in den erst nach einem Jahrzehnt endlich dafür ausgeschriebenen 'Concurs" mit einiger Berechtigung eintreten zu können.
      Tatsächlich erfolgte die Ausschreibung erst, nachdem der vermutete Wunschkandidat mit seiner Dissertation gegen die beiden damals noch am Anfang ihrer Karrieren stehenden, aber erkennbar besseren Konkurrenten Karl Kurt Klein und Oskar Netoliczka wenigstens formal antreten konnte. Denn von dem nach Herzogs Tod folgenden Ordinarius und Nachfolger eines Kosch und der anderen namhaften Fachvertreter hätte man wenigstens soviel erwarten dürfen, dass er Germanist sei.
      Doch blieb auch nach dem Tode von Herzog im Jahre 1926 dieser Lehrstuhl drei Jahre völlig unbesetzt bzw. er wurde nicht durch einen Professor, sondern nur durch den Lektor Franz Lang vertreten. Dieser war wie Morariu Mittelschulprofessor für Deutsch, er war zwar nicht karrieremäßig, aber fachlich durchaus befähigt das Fach zu vertreten, was schon daraus hervorgeht, dass er damals wie auch noch später unter dem Ordinarius Victor Morariu alle Vorlesungen zur deutschen Sprache und zur deutschen Literatur abhielt.
      All das verstärkt den Eindruck, dass man auf diese akademisch fragwürdige Weise die Wiederbesetzung so lange hinaus schob, bis Ende der 1920-er Jahre ein der damaligen nationalen bis nationalistischen Kulturpolitik genehmer Kandidat zur Verfügung stand.
      Einen solchen glaubte man in dem jüngeren Vertreter der durch Schwierigkeiten des Vaters mit den österreichischen Behörden als bewusste Patrioten ausgewiesenen Familie Morariu gefunden zu haben; zumindest aus der Sicht der damaligen Vertreter, wie sie in der Festschrift bei Eröffnung der Ferdinands-Universität 1920 programmatisch verkündet worden war. Denn der - nach den bei Fassel angeführten zeitgenössischen Quellen - als 'rumänischer Patriot" gelobte jüngere Morariu war wegen seiner kulturpolitischen Aktivitäten in der Südbukowina bekannt und beliebt. Dass er aus einer Familie kam, deren Vater wegen Unterzeichnung eines antiösterreichischen Aufrufs mit der Polizei in Konflikt und sogar ins Gefängnis geraten und nach 1918 als Bukowiner Lokalpolitiker bekannt war, passte zusätzlich in das kulturpolitische Konzept.
      Victor Morariu erfüllte auch die wichtigsten formalen Voraussetzungen: Er hatte Germanistik an der Francisco Josephina studiert und Deutsch am Sut-schawaer Gymnasium unterrichtet.
      Vor allem hatte er sich im Kultur-, namentlich Musikleben der Bukowina engagiert, vorab in Vorträgen und Artikeln sowie Aufsätzen - aber ausschließlich in regionalen Zeitungen und nur auf Rumänisch. So hatte er wohl zahlenmäßig mehr, aber weniger substanzielle Publikationen zur wissenschaftlichen oder gar fachliche Qualifikation anzuführen, als er gegen seine Mitbewerber Netolitczka oder gar Klein antrat - wie selbst Fasseis wohlwollende Sichtung des ceuvres von Morariu zeigt. Seine rumänisch geschriebene Dissertation zur Gattungsgeschichte der deutschen Novelle ist offenbar nie ganz gedruckt erschienen, wurde aber - und nicht nur vom Konkurrenten Klein - stark kritisiert. Selbst der wohlwollende Fassel muss einräumen, dass Morariu 'zwar einige klassische Novellentheorien behandelt", aber er 'zeichnet bei seinen Beispielen das Handlungsgefüge pedantisch nach", und 'Schlussfolgerungen gibt es [...] nicht; ebenso wenig eine reichhaltige Bibliographie" . Und selbst 'seine gattungsgeschichtlichen Ansätze sind schon durch die Beschränkung auf den Zeitraum bis 1848 unbefriedigend", muss selbst Fassel zugeben. Und dasselbe Urteil gilt für die meisten der im Universitätsjahrbuch 1934/35, des Jahres nach seiner Berufung, aufgelisteten anderen Publikationen.
      Da er bei seiner Untersuchung zu Hölderlin sich auf einen Bezug zu Emi-nescu beschränkt und ihn an Jean Paul mehr der Pädagoge als der Dichter interessiert, versucht Fassel, ihm Meriten als frühem Vertreter der Komparatis-tik sowie der Regionalliteraturforschung zuzuschreiben. Doch auch da bleiben Morarius Beiträge und Ansätze recht allgemein und auf einen Vergleich deutscher mit rumänischen Autoren und deren Ãobersetzungen ins Deutsche oder solchen aus dem Deutschen ins Rumänische beschränkt.
      Die Ansätze zu einer typologischen oder imagologischen Betrachtung, die ihm seine darin so vielfältige Heimat hätte nahe legen können, werden ihm allerdings erschwert durch seinen auch für Fassel 'überspitzten Patriotismus", der ihn bisweilen zu einer unkritischen Verherrlichung und Verteidigung seiner 'nordmoldauischen" Landsleute führt - nicht nur gegenüber den anderen Ethnien im Land, sondern sogar gegenüber anderen Rumänen und der Bukarester Zentrale. Fassel attestiert ihm sogar ein 'Denken in Feindbildern auf Schritt und Tritt."
So lautet denn auch das abschließende Urteil Fasseis zum Komparatisten Morariu:
Eine theoretische Erörterung der Ziele und Methoden sowie Forschungen hat er nicht vorgelegt. Ebenso wenig hat er einen Ãoberblick über die Ãobersetzungen aus dem Rumänischen oder aus dem Deutschen in einzelnen Gebieten oder in bestimmten historischen Perioden erarbeitet.
Ã"hnlich mager sind die Funde auf dem Gebiet der sich damals gerade herausbildenden rumäniendeutschen oder gar der buchenlanddeutschen Regionalliteraturforschung. Fassel kann zwar eine von Morariu betreute Examensarbeit von Irma Hubich über Marie Eugenie delle Grazie aus dem Jahre 1938 nennen, aber 'eine kontinuierliche Beschäftigung nicht erkennen". Vielmehr glaubt Fassel eher ein 'Desinteresse am mehrsprachigen Kulturleben" der multikulturellen Bukowina feststellen zu können.
      Fasseis Schlussbemerkungen stellen vor allem den 'rumänischen Patrioten" heraus; weniger günstig ist dagegen das Bild des Gelehrten -schon gar nicht das des Germanisten, wenn er schreibt:
Eine zusammenfassende Auswertung seiner Erkenntnisse hat Morariu nicht vorgelegt, weder in der auch in Rumänien beliebten Form einer deutschen Literaturgeschichte noch als Ãoberblick über Rezeptionsvorgänge,denn - so lautet das Bedauern oder schon der Vorwurf seines allzu nachsichtigen Verteidigers - 'die vielfältige regionale Kulturszene hätte ihm dabei eigentlich förderlich sein können".
Dem milden Schlusswort Fasseis jedoch kann man sich - wenn auch nur widerstrebend - nicht verschließen, wenn er meint:
Die Tatsache, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg über Rumänen in der Nordbukowina nicht schreiben konnte, es sei denn sie [die Autoren] waren slawophil, hat dazu beigetragen, dass man sich bis heute, auch nach der Wende nicht auf die Tätigkeit des Wissenschaftlers und Kulturpolitikers Victor Morariu besonnen hat. Dies anzuregen - die Anregung gilt auch für Rumänisten und rumänische Regionalhistoriker - war Ziel dieser Ausführungen.
      Es ist möglich, ja es ist zu hoffen, dass diese zu einem anderen, vielleicht positiveren Urteil kommen, als es der germanistischen Zunft möglich ist.
      Dessen ungeachtet sind Morarius Persönlichkeit und Fasseis noble Würdigung auch noch im Lichte der damaligen rumänischen National- und Minderheitenpolitik zu beurteilen, wie sie in jüngster Zeit von Lucian Boia oder speziell für die Bukowina von Mariana Hausleitner aufgegriffen und neu gesehen wird. Das relativiert sie und macht sie heute eher verständlich. Durch die damals vorherrschende Nationalstaatsideologie ist Morariu in eine Position gelangt, die er nicht ausfüllen konnte, vielleicht auch aus ideologischen Gründen gar nicht wollte.
      Schon gar nicht kann man ihn, wie in einer mir im Manuskript zugänglich gemachten Geschichte der Universität Cernäuti von Mircea Grigorovitza, 'einen der größten rumänischen Germanisten" nennen - schon im Hinblick auf Vorgänger wie Simion Mändrescu oder Nachfolger wie Mihai Isbäsescu ist dies nicht zulässig.
      Vielleicht wird man ihm noch am ehesten gerecht, wenn man ihn als den durch die zeitgenössische Kulturpolitik und/oder seinen großen Bruder verhinderten Rumänisten der Zwischenkriegszeit in der Bukowina betrachtet.
     

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