Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Novellenschaffen in christlicher tradition

Index
» Novellenschaffen in christlicher tradition
» ,Wir sind Utopia'

,Wir sind Utopia'



In der Novelle ,Am Brunnen der Hera' wird die Härte der Begegnung -die in dem Gespräch Agathas und Gutwangens nicht fehlt - wieder gemildert, indem Möglichkeiten organischer Art in die Auseinandersetzung hineinspielen; nicht zuletzt durch die Fügung, daß das entscheidende Gespräch im Umkreis jenes Elementes stattfindet, das im besonderen Sinn das Element der Verwandlung ist und Leben und Tod in sich einbegreift, das Wasser. Ebenso wenig darf übersehen werden, daß es eine Frau ist, von der die Initiative in dem Dialog ausgeht. Ungleich härter ist jene Begegnung, die den Mittelpunkt der Novelle ,Wir sind Utopia' bildet, die zwischen Paco und dem Leutnant Pedro. Es ist übrigens kein Zufall, daß nicht eine einzige Frauengestalt in die Handlung der Novelle hineinspielt.
      Wenn man bei dem Titel der Novelle einsetzt, muß die Aufmerksamkeit zunächst auf seinen nominalen Teil gerichtet werden. Es erhebt sich die entscheidende Frage nach dem, was Utopia genannt wird. So wie sich die


Vorstellung des Utopischen in dieser Dichtung darbietet, finden sich darin Momente positiver und negativer Art. Positiv ist die Konzeption einer allseitigen Versöhnung: von Gott und Mensch, von Mensch und Natur, des Menschen in sich selbst. Was negativ und unerlaubt erscheint, ist der Geist des Optimismus, der über diesem Glauben die existentielle Situation des Menschen - in der Novelle vor allem die der Schuld - übersieht. So gesehen, eignet der Utopie so etwas wie die Flucht in einen fingierten Raum, in der Novelle im Bild der Insel dargestellt.
      Geträumt wird der Traum von dieser Insel in der Novelle von Padre Consalves. Aus den Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten der Welt und des Klosters träumt er sich hinaus in eine bessere Ordnung der Dinge. So dichtet er, auf der Pritsche der Zelle liegend, in seinen Phantasien und Träumereien einen Wasserflecken auf der Decke der Zelle in jene Märcheninsel Utopia um, auf der die Menschen insgesamt vollkommen gut sind. Gnade und Natur sind dort mühelos in Kontinuität gebracht. Auch der Gegensatz zwischen Christentum und antikem Heidentum existiert dort nicht. Und es gibt nicht die Trennung, in der vor allem das 19. Jahrhundert diesen Gegensatz zusammengesfaßt hat, die Trennung von Christus und Dionysos.
      In dem Augenblick, da die Handlung der Novelle einsetzt, ist Consalves längst nicht mehr Padre, sondern er trägt wieder seinen alten weltlichen Namen Paco. Aus Sehnsucht nach Vollkommenheit und aus tiefem Un-genügen an der Welt war er Jahre zuvor in ein spanisches Karmeliterkloster eingetreten, in der Hoffnung, dort in einer utopisch-vollkommenen Gemeinschaft leben zu können. Indessen auch das Kloster hatte ihm nicht schenken können, was die Welt seiner Sehnsucht schuldig geblieben war. So sah er sich in seiner Hoffnung am Ende betrogen und kehrte in die Welt zurück, auch dort weitergejagt von seinen vergeblichen Hoffnungen. Am Ende resigniert er und sinkt immer tiefer, sittlich und gesellschaftlich. Zuletzt wird er Matrose auf einem Frachter, um dort von den Weißen in Dienst genommen zu werden und damit in den Bürgerkrieg Spaniens hineinzugeraten. Dabei wird er Gefangener der Roten und von ihnen in sein altes Kloster zurückgebracht, dessen Insassen inzwischen ausgerottet sind und dessen Räume als Gefangenenlager der Roten benutzt werden. Diese Ankunft im Kloster ist der erzählerische Einsatz der Novelle. Alles übrige wird in zahlreichen Rückwendungen nachgeholt. Auf Bitten Pacos weist ihm der Leutnant Pedro, Kommandant des Gefangenenlagers und die zweite wichtige Gestalt der Handlung, seine alte Zelleals Stätte der Gefangenschaft an. Der Kreis seines Lebens beginnt sich zu schließen. Schon früher hatte er sich dort als Gefangener gefühlt, gefangen in einer ihm unvollkommen erscheinenden Gemeinschaft. Nun kehrt er als Gefangener im buchstäblichen Sinn des Wortes zurück. Dieses Symbol der Gefangenschaft ist wichtig. Auf das Ganze der Novelle gesehen, ist es das Gegenmotiv zu dem Motiv Utopia. So wie die Utopie die Freiheit von allen Negativitäten der Existenz bedeutet, so wird die Gefangenschaft zum Symbol für die unlösbare Verstrickung in diese Negativitäten.
      Mit dem letzten Hinweis ist die Deutung der Novelle wieder von der äußeren zur inneren Handlung übergegangen. Diese spitzt sich in folgender Weise zu: Paco steht zwischen den zwei erwähnten Möglichkeiten der Entscheidung. Entscheiden kann er sich noch einmal für eine utopisch-schicksallose Freiheit oder für Gebundenheit und Gehorsam. Sein Leben lang ist Paco der Utopie nachgejagt, indem er nicht wahrhaben wollte, daß zur wirklichen Situation des Menschen die Entfremdung von der letzten Vollkommenheit gehört. Nun ist er nach all den Irrfahrten in sein Kloster zurückgekehrt. Da kommt ihm unversehens der Gedanke: Ist diese Rückkehr nicht Mahnung, in letzter Stunde noch die rechte Entscheidung zu fällen? Das aber hieße, dem Spiel mit der bindungslosen Freiheit abzusagen und den Akt jenes Gehorsams zu leisten, der am Eingang seines Lebens hätte stehen müssen. Daß für Paco ein solcher nicht mehr darin bestehen kann, in das Kloster zurückzukehren, ist ihm bewußt. Das Kloster existiert nicht mehr, und auch die innere Verfassung Pacos würde einer solchen Lebensmöglichkeit widersprechen; längst hat er die Beziehung zum priesterlichen Amt verloren.
      Im übrigen denkt er auch nicht daran, sich mit der Tatsache seiner Gefangenschaft abzufinden. Im Gegenteil, seine erste Begegnung in der alten Zelle ist ein Schritt zum Fenster hin. Dort hat er früher einmal die Gitter durchgefeilt, um seinen späteren Weg in die Freiheit zunächst spielerisch vorwegzunehmen. In der Erinnerung daran hat er sich seine alte Klosterzelle nun als Gefängniszelle anweisen lassen. Könnte ihm diese Laune von damals nicht heute die Freiheit verschaffen? Um Pläne dieser Art kreisen die Gedanken Pacos. Er rüttelt an dem nun durchrosteten Gitter, und mühelos geben die Stäbe nach. Nur eines fehlt ihm noch: ein Messer, um damit den Sack auf der Pritsche zu zerschneiden und einen Strick daraus zu binden, der es ihm ermöglichen würde, sich auf die Erde hinabzulassen.

     

Mitten in diesen Ãœberlegungen bricht unerwartet etwas anderes in den Kreis seiner Gedanken ein. Eine neue Etappe in der Handlung beginnt. Um sie zu begreifen, muß man sich noch einmal auf den pragmatischen Zusammenhang besinnen. Pedro, der Kommandant des Gefangenenlagers, war seinem Gefangenen gegenüber überraschend großzügig, indem er bereit war, Paco seine alte Zelle anzuweisen. Er hat ihn selbst dorthin begleitet, und nun sitzt er vor ihm auf der Pritsche, ohne Anstalten zu machen, ihn allein zu lassen. Ja, er überbietet seine Großzügigkeit noch, indem er ihm auf dem Tablett Wein und Käse anbietet; auf dem gleichen Tablett befindet sich auch das Messer, dessen Paco bedarf, wenn er in der folgenden Nacht den Plan seiner Flucht realisieren will. Welches der Grund dieses Entgegenkommens ist, wird Paco bald erfahren: Pedro will bei dem ehemaligen Priester beichten. Einer, der in die abgründige Schuld des totalitären Krieges hineingeraten war, hofft auf diese Weise aus dem Grauen der Erinnerungen herauszukommen. Damit gerät man an den Kern des Werkes: Wie in der ,El-Greco'-Novelle und in den anderen interpretierten Werken steht auch hier die existentielle Konfrontation mit dem 'Ganz-anderen" im Mittelpunkt; hier die Konfrontation mit der Fremdheit des Bösen in seiner furchtbarsten Realität. Daß Paco zunächst auszuweichen versucht, ist begreiflich. Er hört dem vor ihm Sitzenden kaum ernsthaft zu. Abgesehen davon, daß er seinem priesterlichen Amt entfremdet ist, fühlt er sich auch dem Feinde nicht verpflichtet. Nur eines ist ihm wichtig: das unerwartete Entgegenkommen Pedros und die Möglichkeiten, die ihm dadurch in die Hände gespielt werden, Möglichkeiten, die ihm erlauben, sich selbst zu befreien und überdies noch seine Mitgefangenen zu retten, indem er den Gegner beseitigt. All das steht so sehr im Vordergrund, daß er nur an diese Aussicht auf Befreiung denkt. Bis ihn etwas Merkwürdiges, vorerst schwer in Worte zu Fassendes in diesen Ãœberlegungen aufhält. Der Rücken des anderen - darauf fällt unversehens sein Blick - ist auf eine so elende Weise gekrümmt und gedrückt, als ob alle Not der Kreatur sich hier aufgehäuft hätte. Dieser im Anfang noch vage Eindruck bekommt eine solche Gewalt über Paco, daß er nicht davon loskommt. So sehr er sich auch dagegen aufbäumt, längst ist die 'Begegnung" mit Pedro - wieder ist es nötig, dieses Wort in dem Sinn zu bemühen, mit dem es in der Philosphie der Existenz seine Bedeutung gewonnen hat - für ihn zum Schicksal geworden. Aber noch ist Paco unschlüssig, was er tun soll. Da kommt ihm in dieser lähmenden Unentschiedenheit die Erinnerung an einen ehemaligen Konfrater ins Gedächtnis, eine der wesentlichen Ge-stalten des Werkes: Es ist der Padre Damiano, einst Freund und Beichtvater Pacos. Das Verhältnis der beiden läßt sich so bestimmen: Ist Paco in der Handlung der Täter, so erscheint Damiano als jener, bei dem Wissen um Sinn und Richtung des Handelns liegt. Daß Pedro der Mörder dieses Mannes ist, wird Paco kurze Zeit später erfahren, eine Tatsache, die ihm das Entgegenkommen nicht leichter macht.
      Mit diesem Padre Damiano also stand Paco in regem Austausch. So hatte er ihm auch seine Ãœberfahrten auf die Insel Utopia gebeichtet. Die Antwort Damianos lautete damals: 'Wechseln Sie die Zelle oder lassen Sie Ihre Insel zustreichen, oder noch besser: Fahren Sie nicht mehr hinüber. Vergessen Sie nicht: noch keiner hat die Welt zu einem Utopia reformieren können, keiner, selbst Er nicht!" Das Gespräch endet mit folgenden Worten: 'Und nun neigte sich der Alte zu Padre Consalves' Ohr: Gott geht nicht nach Utopia! Aber auf diese tränenfeuchte Erde kommt er - . . . Denn hier ist unendliche Armut, unendlicher Hunger, unendliches Leid! Gott liebt das ihm ganz andere, liebt den Abgrund ... Gott liebt die Welt, weil sie unvollkommen ist. - Wir sind Gottes Utopia, aber eines im Werden!" Von der Deutung des letzten Satzes sei an dieser Stelle noch Abstand genommen. Stattdessen muß die Aufmerksamkeit auf den ersten Teil gerichtet werden. In ihm erscheint das Wort von dem 'ihm ganz anderen". Was Damiano verlangt, ist, wie in anderen Novellen des Dichters, die Bereitschaft, sich rückhaltlos dem zu stellen, was in dem anderen als Widerstand und Fremdheit entgegentritt. Später war Paco noch einmal zu dem Alten gegangen, und zwar am letzten Abend vor seinem Austritt aus dem Kloster. Damiano, der in seinem Leben viele Erfahrungen im Umgang mit Menschen zu sammeln Gelegenheit hatte, ist auch von diesem Entschluß nicht erschüttert. Allerdings gibt er seinem Freund noch einige Worte mit auf den künftigen Weg. Sie schließen mit folgenden Sätzen: 'Nehmen Sie also die Blankovollmacht, die Ihnen Gott ausgestellt hat, ich meine Ihre Freiheit des Handelns, nehmen Sie das himmlische Aktienstück zurück, es gehört Ihnen! Aber vergessen Sie nicht, das Kapital dahinter, das sind Sie selber. Sie verfügen, mit göttlicher Genehmigung, über sich und alles, was Sie sind und haben. Das ist wohl ein dickes und auch drückendes Scheckbuch, was Sie da bei sich tragen. Nur bin ich jetzt gespannt, an wen Sie die einzelnen Blätter ausstellen werden, wo Sie Ihre Freiheit Stück für Stück abgeben. Sie werden sehen, das Buch wird zusehends dünner. Sie sind, Gott sei Dank, nicht geizig! Aber passen Sie auf: den letzten Scheck im Buch - es nimmt ein Ende -, den stellen Sie auf die Liebe aus, in irgend-einer Form auf die Liebe, auf etwas, was nicht Sie sind — sondern das Sie braucht."
Das zu verstehen, was die zuletzt zitierten Sätze mit der Situation zu tun haben, in die Paco geraten ist, ist nicht schwer. Paco weiß, daß in seinem Leben der Augenblick gekommen ist, da er 'den letzten Scheck seines Lebens" auszustellen hat. Der Einblick in die militärische Lage läßt darüber keinen Zweifel aufkommen. Aus den Detonationen der Flak-Artillerie muß er schließen, daß die Truppen der Weißen nahe sind. In Kürze werden sie die nur schwach besetzte Stadt einnehmen. Das aber bedeutet den sicheren Tod für Paco und seine Kameraden. In der Praxis des totalitären Krieges überläßt man dem Feind nicht die Gefangenen. Von gleicher Wichtigkeit ist die andere Stelle: die Weisung Damianos nämlich, den letzten Scheck auf Liebe auszustellen; Liebe hier verstanden als Bereitschaft, sich dort verantwortlich einzusetzen, wo Gott, im Gegensatz zu dem Entwurf der Utopie, am fernsten und verborgensten erscheint. Paco aber war in der Begegnung mit Pedro deshalb so betroffen, weil ihn hier die letzte Gottesferne der Verzweiflung anruft. Offenbar ist an dieser Stelle jene Liebe beansprucht, von der Damiano in der letzten Nacht gesprochen hatte. In der Utopie, so wurde eingangs gesagt, spiegele sich eine Verfassung des Menschen, in der die Trennung von Gott nicht existiert. Paco hat sich in diesem utopischen Traum verloren und darüber ein Leben lang die Wirklichkeit verfehlt. Nun wird er am Ende dieser Wirklichkeit konfrontiert, und damit ist für ihn endlich die Gegenposition zur Utopie gegeben.
      Es ist eine Lage, in der Paco zunächst jede Orientierung verliert; so lange, bis er sich an die Mahnung seines alten Freundes erinnert. Dann erst ist er bereit zu tun, was von ihm gefordert ist. Er ist willens, die Beichte Pedros abzunehmen. Dabei bleibt er sich der Tatsache bewußt, daß auch in dieser Stunde die Verantwortung seinen Kameraden gegenüber auf ihm ruht. Diese aber würde von ihm nicht weniger fordern, als daß er, nachdem Paco gebeichtet hat, den in diesem Augenblick Nichtsahnenden mit Hilfe des ihm in die Hand gespielten Messers niedersticht, um so die Möglichkeit zu haben, seine Mitgefangenen zu befreien. Dieses Dilemma ist ihm furchtbar. Indessen ist er bereit, das eine wie auch das andere zu tun. Natürlich ohne Zynismus und keineswegs in der mechanischen Form des willenlosen Automaten, vielmehr in der Bereitschaft, in dieser Weise auf sich zu nehmen, was sich in der langen Reihe der Generationen an Schuld angesammelt hat; eine Schuld, die moralisch zu
überwinden, der gute Wille und die Tat eines Einzelnen nicht ausreicht. Zu diesem Akt des sühnenden Gehorsams heranzureifen, ist nicht einfach. Darum wehrt sich Paco auch dagegen bis zu dem Augenblick, da er die Stola ergeift, um die Beichte abzunehmen. Dann aber geschieht in der Novelle der Umschlag von der Unsicherheit zur Klarheit, von der radikalsten Form der Gottesferne zu einem unmittelbaren Gegenwärtigwerden Gottes, aber nun eines Gottes völlig unutopischer Art. Das wird an folgender Stelle gesagt: 'Paco fühlte sich wie eine Gestalt einer grausamen Legende, die in unveränderlichen Buchstaben dasteht, nur noch zu lesen: er selber war schon lange gestorben. Der junge Offizier hatte mit einem Gefühl, das ebenso an Rührung wie an Schrecken grenzte, die Verwandlung an dem Dasitzenden wahrgenommen. - Pacos Art, die Hand zum Segen zu erheben, hatte ... etwas Bestürzendes, denn er segnete nicht wie einer, der das von sich aus tut, sondern auf eine ganz unprivate, unpersönliche Weise, sozusagen von ferne, aber voll der Kraft und Autorität." Ein Zufall erspart es Paco, nach der Beichte Pedro zu töten.
      Am Ende der Interpretation angekommen, ist es nötig, noch einmal auf den Titel der Novelle zu verweisen. Im ganzen lautet er: ,Wir sind Uto-pia'. Was dieser Satz meint, läßt sich so zusammenfassen: Die Sehnsucht nach Vollkommenheit wird nicht erfüllt in der Willkür utopischer Träume, sondern durch das uneingeschränkte Ja zu der fragilitas humanae conditionis. Darum der Titel: ,Wir sind Utopia'. Das 'Wir" sind die Menschen, die zu dieser Entäußerung und zu diesem Gehorsam bereit sind. Nur in ihnen wird die Utopie Wirklichkeit.

     

 Tags:
,Wir  sind  Utopia'    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com