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Novellenschaffen in christlicher tradition

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Werner Bergengruen



In einer Novellengeschichte des 20. Jahrhunderts ist es nicht möglich, Werner Bergengruen unberücksichtigt zu lassen. Schon allein der Umfang des von ihm vorgelegten Werkes würde eine solche Unterlassung unverständlich machen. Kein Novellist des 20. Jahrhunderts - Paul Ernst ausgenommen - kann auf eine solche Breite des Schaffens verweisen. Allerdings muß man sich darüber klar sein, daß es für den Interpreten schwer ist, zu einer angemessenen Deutung des Dichters zu kommen. Dazu ist das Novellenwerk Bergengruens im Wert zu ungleichmäßig. Neben Dichtungen von gutem Niveau stehen solche, die in sich brüchig und fragwürdig sind. Von den größeren Novellensammlungen seien genannt, ,Das Buch Rodenstein'; dann die seltsam-skurrilen Novellen, die unter dem Titel ,Der Tod von Reval' veröffentlicht wurden; des weiteren die Sammlung ,Die Flamme im Säulenholz', nach einer der darin eingefügten Novellen benannt; schließlich die Sammlung ,Zorn, Zeit und Ewigkeit'. Nicht vergessen werden darf die späte Trilogie ,Der letzte Rittmeister', ,Die Rittmeisterin' und ,Der dritte Kranz'. Dazu kommen zahlreiche Novellen, die isoliert veröffentlicht wurden: ,Die drei Falken', Jungfräulichkeit', ,Der spanische Rosenstock', um nur einige aus dieser Reihe zu nennen. Unter ihnen befindet sich auch ,Der Arzt von Weißenhasel', der am Ende des Kapitels eingehender interpretiert werden soll, um an diesem exemplarischen Beispiel Rang und Grenze Bergengruens deutlich zu machen.
      Um Bergengruens Novellendichtungen verständlich zu machen, ist es notwendig, auf einige wichtige Daten seiner Biographie hinzuweisen. Er wurde 1892 in Riga geboren, das damals zum russischen Kaiserreich gehörte. Zeit seines Lebens konnte Bergengruen diesen Ursprung aus einer der Randzonen Mitteleuropas nicht verleugnen, in denen die Gegensatzbereiche des Lebendigen noch nicht in dem Maße als getrennt begriffen wurden, wie es in den durch die geistige Entwicklung des 17. und 18. Jahrhunderts bestimmten Teilen Europas selbstverständlich war: die Verbindung zwischen den Toten und den Lebendigen; das Spannungsfeld der

Zeit: Gegenwart und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; die gegensätzlichen Dimensionen des Raumes: Nähe und Ferne, Enge und Weite; damit aber auch der Gegensatz zwischen der Dingsphäre und der des Menschen; der von Natur und Mensch, vor allem der Gegensatz zwischen Tier und Mensch. Gerade aus der darauf gegründeten Zone der Magie, des Dingzaubers, des Widergängertums der Toten vermochte Bergengruen Motive seiner Novellen zu schöpfen. Damit setzte er in seiner Weise die europäische Novellentradition von Marguerites ,Heptameron' über die französische Novellistik des 17. und 19. Jahrhunderts, die deutsche Romantik, das russische Novellenschaffen des 19. Jahrhunderts, aber auch die Thematik Storms und Raabes fort.
      In diesem Sinn wird in den Erzählwerken Bergengruens oft genug von der unheimlichen Gegenwart der Toten im Reiche der Lebenden berichtet; meist so, daß diese Gegenwart den Lebenden gefährlich wird, aber auch dergestalt, daß sie Hilfe und Rettung aus der Gefahr bedeutet. Während in der Novelle ,Die weiße und die graue Frau' die Erscheinung des Toten zu Zerstörung und Untergang führt, vermag in anderen Novellen die aus dem Totenreich in das der Lebenden zurückkehrende Mutter den Sohn vor dem sicheren Tod zu bewahren; so in der Novelle, die den Titel trägt ,Der Sohn und die Mutter'2. In zahlreichen Novellen spielt auch das Wiedergängertum der Toten im engeren Sinn eine Rolle. Menschen, deren Leben gewaltsam oder auch unerfüllt beendet wurde, kehren in die Sphäre der Lebenden zurück, damit diese ihnen helfen, die ersehnte Erlösung im Tode zu finden. Von den vielen Novellen dieser Motivwahl sei die Novelle ,Pupsik's aus dem Zyklus ,Der letzte Rittmeister' genannt. Andere Novellen berichten von der magischen Verflochtenheit des Menschen im Bereich der Dinge. Am bekanntesten ist für diese Thematik ,Der spanische Rosenstock'. Der Dingzauber spielt auch in die in ihrer ursprünglichen Konzeption interessante Novelle ,Der Strom' hinein, aber auch in manche anderen Erzählwerke Bergengruens. Oft genug erscheinen in ihnen Gestalten, die sich durch ihre mediale Fähigkeit von der Gebundenheit an Raum und Zeit zu lösen vermögen; besonders eindringlich in der Novelle ,Zorn, Zeit und Ewigkeit' und zwar in einer Gestalt, die dem Erzähler des Werkes durch Jahrzehnte hindurch - im Krieg als Bursche, in der folgenden Friedenszeit als Diener - zur Seite steht. Von der schützenden, aber im letzten doch unheimlich-unberechenbaren Sphäre des Tieres erzählt die Novelle ,Die Bärenbraut' in der Sammlung ,Die Flamme im Säulenholz'7. Die gleiche Thematik ist noch eindringlicher in der Novelle ,Ali Baba' im .Letzten Rittmeister' gestaltet.

     

Eine gewisse Sonderstellung im Schaffen Bergengruens nimmt die 1939 zum ersten Mal veröffentlichte Sammlung ,Der Tod von Reval' ein. Wieder ist es der Motivzusammenhang des Todes und der Toten, der in den verschiedenen Novellen dieses Zyklus entfaltet wird. Auch diese Novellen sind, wie schon der Titel des Werkes sagt, in den Nordosten Europas verlegt; dorthin also, wo die baltischen Länder nach Rußland hin offen sind. Allerdings geht es in den Novellen dieser Sammlung nicht um die magische Gegenwart des Todes im Reich der Lebenden, sondern um eine manchmal bis zur Grenze des Möglichen gehende Scheulosigkeit im Umgang der Lebenden mit den Toten; anders ausgedrückt: um einen Mangel an Distanz, der meist so rücksichtslos gestaltet ist, daß er für das der Totenwelt entfremdete Bewußtsein des neuzeitlichen Menschen seltsam und überraschend ist, besonders wenn man den skurrilen Humor berücksichtigt, der den Erzählstil auszeichnet. Genannt sei etwa die Novelle ,Kaddri in der Wake'10, in der diese Unbekümmertheit dem Tode gegenüber besonders erstaunlich, wenn nicht schockierend ist. Wenn der Zyklus mit der liturgischen Formel: "Requiem aeternam dona eis domine" schließt, muß man sich allerdings fragen, ob sie an dieser Stelle ihr Recht hat und in dem Zyklus angemessen vorbereitet ist. Damit wird ein zweites biographisches Problem angeschnitten, das bei dem Versuch einer Würdigung Bergengruens nicht übersehen werden darf: Seine Konversion zum Katholizismus. Man könnte darüber als über ein privates Ereignis hinweggehen, wenn es nicht Konsequenzen für den Gehalt der Novellen hätte. Ausdrücklich sei daran erinnert, daß es in diesem Kapitel nicht um das Verständnis von Romanen wie ,Der Großtyrann und das Gericht' und ,Am Himmel wie auf Erden' geht, sondern darum, Klarheit darüber zu gewinnen, wie die Bedeutung und die Grenze des Novellendichters zu bestimmen ist; vor allem die Frage zu klären, wie sich die Novellenkunst Bergengruens unter dem Einfluß der Konversion gewandelt hat. Man kann sie mit einem Hinweis auf die erste Novelle aus der Sammlung ,Die Flamme im Säulenholz' beantworten. Sie trägt den Titel ,Der Strom'11. Eine kurze Analyse ergibt folgendes Bild: Das erste Motiv, aus dem sich der Einleitungsteil der Novelle entfaltet, ist eines, das des öfteren in der Novellenkunst begegnet. Ein weibliches Wesen scheut sich, die Lebensphase der Jungfräulichkeit durch den Übertritt in die Daseinsstufe der Frau zu opfern. So will sich Christine Rosencrona der Werbung Christoph Hochgereuths entziehen. Dabei sucht sich Christine in ihrer Abwehr zu sichern, indem sie ihr Interesse einseitig auf die Wissenschaft und die Tätigkeiten des Geistes wirft. Sie kommteines Tages zu Christoph, um ihm Manuskripte abzukaufen, die durch eine Erbschaft in seinen Besitz kamen. Dieser ist bereit, sie ihr abzutreten, wenn er während dreier Nächte ihr Gast sein darf. Sie willigt zwar ein, bedient sich aber eines Zauberamuletts - wie oft in Bergengruens Novellen spielt auch hier der Dingzauber eine entscheidende Rolle -, um sich den Bewerber fernzuhalten. Bis dahin hält sich die Novelle im Rahmen der gewohnten Thematik des Dichters. Zweimal ist Christine der Zauber gelungen. Noch bleibt die dritte Nacht. Bekümmert und unschlüssig geht Christoph während des Tages vor Einbruch dieser Nacht in Riga an der Düna auf und ab. Dabei begegnet ihm eine alte russische Frau, die zu einer Gruppe von Schiffern gehört, die an den Ufern der Stadt Halt gemacht haben, um dort ihre Waren abzusetzen. Christoph zeigt sich der Frau gegenüber mildtätig. Diese, von Anfang an von einer Aura des Ungewöhnlichen umgeben, erweist sich dafür dankbar, indem sie, kaum daß sie von den Nöten ihres Wohltäters weiß, bereit ist, Christoph aus seiner Verlegenheit zu helfen. Auch das geschieht wieder mit Hilfe magischer Praktiken. Bis dahin folgt Bergengruen der gewohnten Tradition seiner Novellistik. Nun schiebt sich aber in der Novelle immer stärker der andere Bereich vor. Das geschieht in der Weise, daß die Gestalt der Russin im Widerspruch zu ihrem magischen Tun zu der geheimnisvollen Botin des christlichen Gottes erhöht wird. Zugleich wird sie in Zusammenhang mit Christophorus gebracht, mit dem Heiligen also, dem der Schutz des Übergangs über die Flüsse anvertraut ist, ein Zusammenhang, der durch den Namen der beiden Hauptgestalten vorbereitet ist. Dieses Hinüberspielen des Geschehens ins Christliche wird weiterhin so ermöglicht, daß der Strom aus dem Gegenständlichen ins Bildhafte stilisiert wird; der Strom, weniger als Symbol für den Übergang im Raum, als für den Übertritt in der Zeit; zunächst als Übergang von der Jugend zur Reife und am Ende als der von der Zeit in die Ewigkeit. Man fragt sich allerdings, ob die Verknüpfung der Sphäre des Zaubers und der Magie mit der des Christlichen so einfach und bruchlos möglich ist. Es scheint, daß der Dichter über diese Schwierigkeiten allzu leicht und glatt hinweggeht. Die Stilmittel, die ihm für eine solche Umdeutung zur Verfügung stehen, sind dem Leser Bergengruens genügend vertraut. Dazu gehören Erzählerkommentare, die direkte Aussprache und die Überlegungen der handelnden Gestalten. Alles Mittel, die die Möglichkeit bieten, das Besondere des Geschehens ins Allgemeine auszuweiten. In den Novellen, die aus dem christlichen Aspekt gestaltet sind, kommt noch ein weiteres Stilmittel hinzu: der zuvor erwähnte Versuch, die Dinge - wie in der zuvor ge-nannten Novelle den Strom - zu entkonkretisieren und ins Symbolische zu heben.
      Aber statt diese mehr allgemeinen Überlegungen weiterzuführen, seien sie noch einmal durch die genauere Interpretation einer Novelle verdeutlicht. Die Fairneß dem Schaffen des Dichters gegenüber legt es nahe, für die Deutung ein Werk herauszugreifen, das künstlerisch besser gelungen ist als die zuvor genannte Novelle, und zwar ,Der Arzt von Weißenhasel'12.
      Bemerkenswert in dem Erzählwerk ist schon die Konsequenz des Aufbaus und zugleich damit die spezifisch novellistische Konzentration. Echt novellistisch ist die Wahl des Motivs: nicht so sehr das des Arztes und des Heilens, als vielmehr das Moment der Überraschung, das sich hier mit dem Heilen verbindet. Von dem "verborgenen Heilmeister im Gemüt" ist die Rede. Mit diesem Wort verbindet sich in der Novelle ein psychologischer Einschlag; allerdings im Sinne einer Psychologie, die nicht als in sich geschlossene Kausalität zu verstehen ist, sondern die für die Initiative einer transzendenten Macht offen bleibt, über die zu verfügen der Mensch nicht in der Lage ist.
      Daß sich im Zusammenhang damit auch der für die Novelle charakteristische Konflikt - der von menschlicher Eigenmächtigkeit und der Krise jener Berechenbarkeit - verbindet, läßt sich in der Novelle von Erzählphase zu Erzählphase verfolgen. So beginnt die Novelle mit jenem Traum des Edelmannes, darin ihm, der seit langen Jahren und, wie es scheint, hoffnungslos, erkrankt ist, seine "Erlösung" angekündigt wird ; der erste Anruf von Seiten jener geheimnisvollen Macht, die ihn zu seiner Heilung hinleitet. Aber statt sich dafür offenzuhalten, sucht er das Geheimnisvolle rational zu durchdringen und aufzulösen. "Er grübelte lange darüber nach, was unter der nahen Erlösung zu verstehen sei, und je nach seiner wechselnden Gemütsverfassung meinte er bald, es werde ihm sein bevorstehender Tod, und bald, es werde ihm seine Heilung angezeigt. Manchmal verschmolzen sich ihm auch diese beiden Möglichkeiten zu einem einzigen Gedankengebilde . . ." . Indessen allen Grübeleien zum Trotz verfehlt der Traum seine Wirkung nicht: "Während er in seinen einsamen Nachtstunden bald mit Hoffnung, bald mit Schauder, bald mit einer schwermütig-friedevollen Ergebenheit der angekündigten Erlösung nachsann, kam es ihm in den Sinn, daß er vielleicht . . . nicht recht tue, seiner Erwahrung untätig entgegenzuharren. Ja, es wurde ihm gewiß, daß er zum Handeln aufgefordert worden war." Und so faßt er den Entschluß, in der kommenden Frühlingszeit nach Marburg zu rei-sen, um sich dort den gelehrten Heilkünstlern zu stellen; immer noch skeptisch und nicht willens, die Initiative des Selbst zu opfern: "Es war nicht so, daß er der ihm im Traum gewordenen Mitteilung einen unbedingten Glauben schenkte, aber indem er entschlossen war . .., fühlte er etwas von der erkräftenden Wirkung eines aufgenommenen Gedankens und vorgesetzten Zieles." So beginnt die Reise, belastet von Mühsal und Schwierigkeiten. Aber eines schenkt sie dem Edelmann: Die Berührung mit der Natur, die in diesen Tagen des beginnenden Frühlings überall um ihn herum etwas von der Lebenskraft und der Regenerationsfähigkeit der Dinge spüren läßt. Sie verfehlt auch ihre Wirkung auf den Kranken nicht. "Er sah den Kiebitzen und Bachstelzen zu, und einmal, als ein hüpfender Frosch mit dem Hinterbein im Sprunge seine offen liegende Hand streifte, da erschütterte ihn eine rätselhafte Freude . . ." .
      Immer noch scheint in Marburg das selbstverständliche Ziel zu liegen. Da wird ihm, wiederum in der Weise eines Traums, eine zweite Kunde zuteil, nicht weniger rätselhaft als die erste: "Er näherte sich bereits der Eder, als er... abermals einen Traum hatte, welcher jenem ersten verwandt zu sein . .. schien. Nämlich es wurde ihm, und wiederum in einer Weise, deren er sich nach dem Erwachen nicht mehr zu entsinnen vermochte, die Mitteilung gemacht, er möge sich nach Weißenhasel begeben; dort sei der Arzt, der ihn heilen könne." Auch danach bleibt seine Reaktion die gleiche wie auf den ersten Traum hin; noch einmal wehrt er die Zumutung ab, sich aus der Hand zu geben. Auf diese Weise beginnt aufs neue der Versuch, durch rationale Argumentation berechenbar zu machen, was unberechenbar ist; und das um so unverständlicher, als man ihm mitteilt, daß ein Dorf mit dem Namen Weißenhasel tatsächlich existiert: "Jetzt meinte der Kranke, es sei ja möglich, daß er den Namen einmal gehört und wieder vergessen, in einer verschwiegenen Kammer seines Inneren aber unwissentlich aufbewahrt habe, aus der er nun auf irgendeine Art . . . emporgetragen worden sei." Noch hält er an Marburg als Ziel seiner Reise unbeirrbar fest, und zur Rechtfertigung seines Entschlusses fällt das für seine Haltung charakteristische Wort: "Wo käme man hin, meinte er, wenn man in den bunten Tollheiten eines jeden Traumes eine Leitschnur für das Handeln des wachen Tages erblicken wolle?"
Dritter Einbruch in das geschlossene Gehäuse der Selbstsicherheit und rationalen Selbstgewißheit: die Begegnung mit der jungen Zigeunerin, die ihm aus der Hand die Zukunft liest und ihm daraufhin die gleiche


Weisung gibt, die ihm schon der Traum vermittelt hatte: "Armer Herr mußt nach Weißenhasel gehen, da ist der Arzt, was armen Herrn gesund machen wird". Aber wieder bleibt der Kranke skeptisch, und statt dem geheimnisvollen Ruf zu folgen, verharrt er auch jetzt im kausal Überschaubaren. "Nach langem Grübeln nahm er endlich an, die Zigeunerin, der er keinesfalls einen Prophetenrang zugestehen wollte, müsse eine Gabe haben, die Gedanken anderer Menschen zu erraten." Dann aber folgt der Satz, der in der Novelle die Wende vorbereitet: die vom Sichverschließen in der rationalen Kalkulation zur Bereitschaft, sich dem Geheimnis zu öffnen; "Nun aber erfaßt ihn plötzlich die Vorstellung, auf keine andere Weise könne er gewinnen, als indem er sich von dem Gewissen lossage und sich dem Ungewissen überlasse." So gibt der Kranke den Dienern den Befehl, statt nach Marburg zu reisen, der Straße zu folgen, die zu jenem Ort führt, dessen Name zweimal aufklang.
      Das Dorf ist erreicht. Es ist unscheinbar genug, und so findet sich darin auch weder Arzt noch Bader, die ihm helfen könnten. Und wieder kommt über den Edelmann - Zeichen, daß sich die letzte Kruste der Verfestigung noch immer nicht gelöst hat - Schwermut und tiefes Verzagen. Da plötzlich, kaum daß man angekommen, wird sichtbar, daß in dem vor den Augen liegenden Dorf ein Brand ausgebrochen ist. Der Kranke gibt seinen Dienern die Weisung, dort zu helfen, wo die Hilfe augenblicklich notwendiger ist als für ihn selbst. Die Fügung der Novellenhandlung wird an dieser Stelle besonders deutlich. So wie dem Edelmann wiederholt durch Zeichen geheimnisvoller Art die Richtung angewiesen wurde, wo ihn Rettung und Heilung erwarten, so fügen sich nun auch die äußeren Geschehnisse in der gleichen geheimnisvollen Weise. Nicht zuletzt der in dem Dorf ausgebrochene Brand gehört dazu. Die Diener haben, wenn auch widerwillig, den Kranken sich selbst überlassen. Während er aber im Grase liegt, der Rückkehr der Diener harrend, geschieht es, daß, unmittelbar bevor die Rettung von außen her in einer nun völlig unberechenbaren Weise kommt, die letzte Wandlung vor sich geht. Die Sätze, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind, lauten so: "Da lag er denn im Grase auf dem Rücken und blickte hinauf in den blauen Himmel. Man weiß ja, was für sonderbare Änderungen des Gemütszustandes .. . ein solcher starr in die Höhe gerichteter Blick erzeugen kann ... Er sah ein paar winzige, flockenhafte Wölkchen, an die haftete er seinen Blick . .. und es kam ihm allmählich so vor, als sei sein eigenes Dasein bereits ausgelöscht und als ziehe er in Wölkchengestalt langsam und ohne Ge-wicht über den blauen Frühjahrshimmel ... Er hatte sich, so meinte er, hingetan und preisgegeben, und ob ihm nun Heilung oder Tod bestimmt sein mochte, es dünkte ihn, als sei zwischen diesen beiden nicht mehr zu unterscheiden." In diesem Augenblick trifft der Messerstich eines Wegelagerers das Geschwür des Kranken, das die Ursache für sein jahrelanges Siechtum gewesen war. So wird das getan, was die Ärzte nicht gewagt hatten: das aufgestochene Geschwür entleert sich, und der Prozeß der Genesung kann beginnen. Wiederum stehen Außen und Innen in geheimnisvoller Korrelation. Was dem Kranken von außen her, wie es scheint, grausam und brutal widerfährt, ist durch die letzte Wandlung in seinem Inneren bereits vorbereitet.
      Das dem Edelmann Widerfahrene bleibt nicht auf dieses eine isolierte Faktum beschränkt, sondern gibt seinem ganzen Leben den entscheidenden Wendepunkt. Eine neue Dimension hat sich ihm geöffnet, die der Transzendenz und des Geheimnisses, vor der jede menschliche Eigenmächtigkeit versagt. "Unterwegs hatte er viel über das ihm Widerfahrene nachgedacht und zuletzt die Meinung gewonnen, es gebe wohl einen verborgenen Heilmeister im Gemüt und Geblüt des Menschen, dem mitunter auch ein Blick in die Zukunft freistehen möge . . . zugleich aber dünkte ihn, er habe nur darum seine Heilung finden können, weil er sich freien Willens des Schutzes und der Sicherheit entblößte . . .; und er fühlte, daß von diesem Gedanken seinem Leben eine neue Richtung angewiesen worden war."
Wenn man die Novelle Bergengruens so übersieht, könnte es scheinen, daß es sich um ein Erzählungswerk von hohem Rang handelt. Bergengruens Novelle ist in einem fast exemplarischen Sinn auf das "Ereignishafte", im Sinne Wolfgang Kaysers13, hin erzählt. Von daher die Bedeutung der Wendepunkte, von daher der spezifisch novellistische Konflikt: der von "Verstand" und "Vernunft", wie Goethe ihn in den Wahlverwandtschaften' im Hinblick auf die Novelle ,Die wunderlichen Nachbarskinder' definiert. Verstand in der Sprache des Idealismus als kalkulierte und rationale Durchdringung der Dinge verstanden, Vernunft als das eigentlich metaphysische Organ. Dieselbe Spannung durchwaltet die Dichtung Bergengruens. Hatte sich der Edelmann bisher zu sehr auf den "Verstand" verlassen, so wird er immer mehr bereit, sich der "Vernunft" anzuvertrauen.
      Aber ist die Novelle tatsächlich ein Meisterwerk, wie Goethes Novellen aus den ,Wanderjahren', Kleists Novellistik und zahlreiche Novellen des


19. Jahrhunderts Meisterwerke sind? Stellt man diese Frage, so gerät man auch hier an die schon zuvor berührte Problematik des Bergengruenschen Schaffens. Eine kurze Vorbemerkung möge sie noch einmal verdeutlichen. Wiederholt ist bei der Analyse des Werkes das Wort "Geheimnis" gefallen; begriffen als jene Sphäre des Seins, zu der der Zugang allein von der menschlichen Existenz her unbezwingbar ist. Wenn die Novelle Bergengruens daraufhin erzählt ist, dann wäre ihr eine Art der Darstellung angemessen, die das Geheimnis wirklich als Geheimnis anspricht. Da die Tradition der novellistischen Gattung immer in irgendeiner Weise auf diese Dimension bezogen ist, gehört es dazu, daß sie von Anfang an den neutralen Typus des Erzählens dem auktorialen vorzog14. Denn allein dieser Typus wird der Undurchdringlichkeit des Geschehens am ehesten gerecht. Cervantes, der in der Tradition der europäischen Novelle eine Sonderstellung beansprucht, sei hier einmal beiseite gelassen. In der Geschichte der deutschen Novelle war es Mörike mit seiner Novelle ,Mozart auf der Reise nach Prag', der zum ersten Mal von dieser Tradition abweicht. Denn dort führt der Dichter einen Erzähler ein, der mit seinen Überlegungen und Reflexionen das Geschehen um den Künstler begleitet; indessen immer in dem Sinn begleitet, daß er zwar das Geheimnis des Schöpfertums umkreist, ihm auch so nahe kommt wie nur möglich, ohne aber jenes Geheimnis der schöpferischen Existenz rational zu verflachen und aufzuheben. Bergengruens Art des Erzählens ist eine andere; nicht nur hier, sondern in zahlreichen anderen Novellen. Auch im ,Arzt von Weißenhasel' ist ein Erzähler gegenwärtig, der das Geschehen mit seinen Gedanken kommentiert, allerdings in einer Weise, die den Takt des Erzählers in der Mörike-Novelle vermissen läßt.
      Schon im ersten Abschnitt der Novelle gerät man an diese Schwierigkeit. "Einem niederhessischen Landedelmanne, der seit langem krank war, träumte . . . seine Erlösung sei nahe. Dies klingt unrichtig, denn es träumen einem ja Bilder und Vorgänge, nicht Ergebnisse. So wird sein Traum auch eine Handlung enthalten haben und von vielerlei Bildern durchwoben gewesen sein . . ."

   Unter den kleinen Stücken Kafkas findet sich eines, das konsequent als Traum konzipiert ist: ,Der Schlag ans Hoftor'10. Darin wird das Geschehen in der spezifischen Gesetzlichkeit des Traumes entfaltet; also so, daß mit keinem Wort eine rationale Deutung eingeführt wird. Bilder gehen in proteischem Wechsel ineinander über; die Kausalität des alltäglichen Geschehens ist aufgehoben. Und auch manches andere bietet sich an, waszur Eigenart des Traumes gehört. In der zitierten Stelle Bergengruens wird nicht nur von einem Traum berichtet, sondern auch eine Definition dessen zugefügt, was das Wesen des Traums ausmacht. So geht die Bewegung immer vom Besonderen zum Allgmeinen, von der Undurchdringlichkeit des Faktischen zur Auflösung in eine rationale Gesetzlichkeit. Ein anderes Beispiel: "Allein allen Behinderungen zum Trotz kam doch ein wenig von jener ahnungsvollen Bereitschaft über ihn, die von jedem Aufbruch aus dem seßhaften und scheinbar unabänderlichen Zustand erzeugt wird." Oft genug geschieht es, daß der Leser auf Sätze stößt, die mehr an Überlegungen zur Psychologie des Unbewußten anklingen, denn als Teile einer Dichtung zu betrachten sind. Nachdem der Kranke im zweiten Traum den Namen des Dorfes erfahren hat, heißt es: "Jetzt meinte der Kranke, es sei ja möglich, daß er den Namen einmal gehört und wieder vergessen, in einer verschwiegenen Kammer seines Inneren aber unwissentlich aufbewahrt habe, aus der er nun auf irgendeine Art emporgestiegen oder emporgetragen worden sei." Stellen dieser Art ließen sich häufen. Auf diese Weise ist all das konsequent durchreflektiert, was einer analytisch-psychologischen Reflexion im letzten nicht zugänglich ist. So geht immer die Richtung vom Rätsel des Konkreten zur Auflösung des Rätsels im Gedanken und der Reflexion. Zuletzt hieß es noch: "Da lag er denn im Grase auf dem Rücken und blickte hinauf in den blauen Himmel. Man weiß ja . . ." . Wendungen wie "man weiß ja", oder solche, die mit dem Pronomen "jener" beginnen - "von jener ahnungsvollen Bereitschaft, die vor jedem Aufbruch erzeugt wird" -, weisen auf die gleiche Intention hin. Offenbar liegt hier die Grenze, die es verbietet, manche Novellen Bergengruens, so konsequent zunächst auch ihre novellistische Gestaltung scheint, den Werken gleichzusetzen, in denen die Novellistik des 20. Jahrhunderts noch einmal einen Höhepunkt in der Geschichte der Novelle erreicht hat. Dafür ist der Widerspruch zwischen Gehalt und Struktur zu offensichtlich.
     

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